CO2 verringern, Wohlstand sichern

Die Weltwoche geisselt die Klimastrategie der FDP. Zu Unrecht. Die Schweiz sollte ihren CO2-Ausstoss bis 2050 auf Netto null senken. Das ist möglich. Damit bremsen wir nicht nur den Klimawandel. Durch die erforderlichen Innovationen werden wir langfristig auch unseren Wohlstand wahren.

Um die Klimakrise zu begrenzen, müssen die Emissionen menschengemachter Treibhausgase bis spätestens 2050 auf netto null sinken. Das wissen wir aus dem jüngsten Bericht des Weltklimarats. Auch das Pariser Klimaübereinkommen schreibt in Artikel 4 klar vor, dass nach 2050 die Emissionen auf netto null sinken müssen, um den Anstieg der durchschnittlichen Erdtemperatur deutlich unter 2 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau zu halten. Dieses Ziel hat auch die Schweiz ratifiziert. Netto null bedeutet: Treibhausgase so weit wie möglich vermeiden, und wo Rest-Emissionen bleiben, diese binden. Dafür kommen natürliche Methoden in Frage, wie zum Beispiel Aufforstung, oder technische, wie die Einlagerung von CO2. Für mich gibt es drei Gründe, warum netto null bis 2050 eine Chance für die Schweizer Wirtschaft ist: Wir haben die Technologien, die finanziellen Mittel, und der Zeitpunkt stimmt.

Die Technologien sind da

Es gibt bereits heute Technologien und Produkte, die fossile Energieträger vollständig ersetzen. Beispielsweise im Verkehr oder im Bau, wo wir heute schon energieautonome Gebäude realisieren können. Warum also sollen wir noch anders bauen? Zwei eingereichte Vorstösse von FDP-Exponenten fordern entsprechend, dass alle Bauten des Bundes innerhalb von zwölf Jahren energieautonom werden. Aber nicht überall können wir derzeit auf Alternativen zu einer erdölbasierten Energieversorgung zurückgreifen. Die Luftfahrt ist zweifellos ein Knackpunkt in der Klimapolitik. Noch steht die Forschung am Anfang.

Technisch ist es zwar heute schon möglich, Flugbenzin synthetisch und CO2-neutral zu produzieren. Die ETH Zürich hat eine Pilotraffinerie vorgestellt, die flüssige Treibstoffe mit Hilfe von Sonnenenergie und CO2 aus der Luft gewinnt. Der synthetische Treibstoff ist allerdings noch rund viermal teurer als herkömmliches Kerosin, und bis zur industriellen Reife, die den Preis senken würde, bräuchte es substanzielle Investitionen und die Bereitschaft, Risiken einzugehen.

Einfach nicht mehr zu fliegen, ist für mich keine Lösung: Reisen trägt in einer globalen Welt zum gegenseitigen Verständnis bei, und die arbeitsteilige Weltwirtschaft fördert den globalen Wohlstand. Doch wer heute fliegt, soll einen Beitrag zu einer CO2-reduzierten Luftfahrt in der Zukunft leisten. Das ist die Idee hinter der von den FDP-Delegierten am 22. Juni beschlossenen Lenkungsabgabe auf Flugtickets. Diese Abgabe muss wirtschaftsverträglich sein, den Transitverkehr ausnehmen und zu einem grossen Teil an die Bevölkerung zurückverteilt werden. Der Rest fliesst in einen Klimafonds, der Fördergelder in einem wettbewerblichen Verfahren vergibt, um Technologien zur CO2-Reduktion zu erforschen und zur Marktreife zu bringen. Die Flugticketabgabe erzielt erstens eine Lenkungswirkung in Europa, zweitens hilft sie der Schweiz, netto null zu erreichen, und drittens können wir Technologien entwickeln, die im Weltmarkt bestehen und rund um den Globus eingesetzt werden. Mit solchen Innovationen leisten wir einen Beitrag an die Senkung des weltweiten CO2-Ausstosses und schaffen gleichzeitig in der Schweiz exportorientierte Arbeitsplätze in einer attraktiven Zukunftsindustrie.

Heute gibt die Schweiz rund zehn Milliarden Franken pro Jahr für Erdöl und Erdgas aus – Geld, das aus der Schweiz ins Ausland abfliesst und das stattdessen langfristig ins Inland umgelenkt werden könnte. Wenn wir in ähnlichem Umfang in den Aufbau einer Schweizer Infrastruktur für erneuerbare Energien investieren, generieren wir hierzulande Wertschöpfung und schaffen Arbeitsplätze mit Zukunft.

Netto null ist also nicht nur finanzierbar, es ist auch die Basis für unseren zukünftigen Wohlstand. Die vorhandenen Mittel, gepaart mit unserer Forschungs- und Innovationskraft, eröffnen uns die Chance, Produkte zu entwickeln, die weltweit dazu beitragen, den Bedarf an Energiedienstleistungen einfacher und günstiger decken zu können.

Der Zeitpunkt stimmt

Die Zukunft ist unsicher. Mit dieser Tatsache kann man unterschiedlich umgehen: Entweder man tut gar nichts, oder aber man unternimmt das heute Mögliche. Ich stehe für aktives Handeln, denn mit fortschreitender Zeit werden die Optionen weniger und teurer. Selbst wenn man das Zwei-Grad-Ziel in Frage stellt, ist nicht von der Hand zu weisen, dass eine wachsende Weltbevölkerung ihren wachsenden Energiebedarf nicht nachhaltig über endliche fossile Energieträger decken kann.

Wer frühzeitig in Zukunftstechnologien investiert, ist im Vorteil, denn die Transformation des Energieverbrauches und der Aufbau neuer Infrastrukturen benötigen Zeit. Wenn wir jetzt handeln, können wir nicht nur das CO2 in der Schweiz reduzieren, sondern exportfähige Lösungen für den Weltmarkt entwickeln. Liberalismus heisst, dass die Welt nicht gottgegeben ist, sondern gestaltet werden kann. Meine Generation hat die Welt von unseren Eltern übernommen, und wir konnten sie in Freiheit gestalten. Sorgen wir dafür, dass wir die Welt so weitergeben, dass auch die kommende Generation diese Freiheit hat.

 

Ruedi Noser ist FDP-Ständerat des Kantons Zürich.

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Kommentare

Michael Scheck

10.07.2019|07:55 Uhr

Wenn ich Ruedi Nosers "Gegenrede" lese, fallen mir die "Wunderdoktoren" aus den alten Hollywood-Western ein, die mit ihrem Planwagen von Ort zu Ort ziehen und marktschreierisch ihre "Allheil-Medizin" an den Mann zu bringen versuchen ("hilft gegen Haarausfall, Impotenz, Zahnschmerzen - und putzen kann man damit auch!"). Ich weiss nicht, ob Noser tatsächlich an die Wirkungskraft seiner Rezepte glaubt, oder ob er, wie die Wildwest-Scharlatane, genau weiss, dass er die Leute hereinlegt ...

Franz-J. Schulte

09.07.2019|16:39 Uhr

@ Romer: Die von Moser als innovative Technologie gepriesene Pilotraffinerie der ETH besteht aus einer Abfolge altbekannter endothermer Reaktionen, welche nur bei extrem hohen Temperaturen und Einsatz von Katalysatoren funktionieren. Die einzige Innovation dieser Anlage besteht darin, dass konzentriertes Sonnenlicht direkt als Prozesswärme verwendet wird. Der Platzbedarf der hierzu benötigten Parabolspiegel ist enorm: Eine solche Anlage von einem Quadratkilometer in Fläche in Äquatornähe könnte pro Tag 20‘000 Liter Kerosin produzieren. Pro Stunde verbraucht ein Jumbo 12`500 Liter Kerosin.

Arturo Romer

07.07.2019|16:06 Uhr

Der FDP-Politiker Ruedi Noser ist Opportunist. Es geht ihm nicht um den Klimawandel, sondern um seine Wiederwahl. Zudem ist seine ideologische Klimapolitik (Gletscherinitiative, kurzfristige totale Dekarbonisierung, usw.) fanatisch, unglaublich teuer, unrealistisch und ineffizient. Herr Noser betrachtet den ETH- Reaktor als Wunder-Lösung zur CO2-Entsorgung. Der ETH-Reaktor ist nicht nur sehr teuer, er wird auch sehr ineffizient sein. Die FDP muss eine glaubwürdige, machbare, tragbare und nachhaltige Umweltpolitik vertreten. Ja zu seriöser Forschung! Auch Klimawandel-Anpassung!

Richard Fischer

06.07.2019|22:30 Uhr

Bekäme ich den Auftrag, Anlagen zu bauen, um synthetischen Treibstoff herzustellen, so sicher nicht in der Schweiz, sondern mit Solar-Energie betrieben z. B. in der Sahara, Arabien, Kalahari-Wüste oder Australien. Wo soll denn in der Schweiz vor allem im Winter die dazu notwendige Energie herkommen? Aus abgeschalteten Atomkraftwerken oder soll sie noch besser aus abgeschalteten Kohlekraftwerken importiert werden? Als Ingenieur bin ich von Nosers Gegenrede sehr enttäuscht! Für ihn gilt wohl, wie viele andere Profilierungspolitiker, nach mir die Sintflut!

Richard Müller

06.07.2019|13:08 Uhr

Das von Menschen verursachte CO2 hat auf das Klima keinen signifikanten Einfluss. Es dient nur den Politikern als Totschlagargument zur Durchsetzung des grossen Wahnsinns. Herr Noser hat in grosser Harmonie mit dem tonangebenden Rest der Politik den Verstand an Greta abgegeben. Dort ist er allerdings ganz schlecht aufgehoben. Wir werden die Klimapolitiker entweder abwählen oder in kurzer Zeit verarmen. Wer uns CO2-neutralen Wohlstand verspricht, lügt schamlos oder ist einfach verblödet. Auf jeden Fall sind solche Leute nicht wählbar.

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