Wahrheit als Ware

Die erfolgreiche Netflix-Serie «Chernobyl» mag toll inszeniert sein. Doch der vermeintliche Dokumentarfilm zementiert historische Unwahrheiten.

Das deutsche Magazin Stern titelte in heller Begeisterung: «‹Chernobyl› ist die beste Serie aller Zeiten – sie zeigt den Schrecken der Reaktorkatastrophe». Die via Netflix und Sky verbreitete Serie von HBO übertreffe sogar Topseller wie «Breaking Bad» oder «Game of Thrones». «Ein Beweis, dass sich im Bereich Serien echte Qualität durchsetzt», frohlockt der Rezensent. Und wenn Kreml-freundliche Medien das Werk als fehlerhaft kritisierten, sei das nur ein Beleg, dass Putin und seine Genossen nichts gelernt hätten.

Der Stern jubiliert damit im Chor mit den deutschsprachigen Medien, Weltwoche inklusive, welche die angeblich «noch nicht erzählte wahre Geschichte» über die Reaktorkatastrophe in der Ukraine von 1986 unisono für bare Münze nehmen. Im angelsächsischen Raum finden sich dagegen kritische Stimmen, und das nicht etwa in irgendwelchen dubiosen Foren, sondern in renommierten Blättern wie der New York Times, Forbes oder dem Economist. Dass «Chernobyl» ein professionell inszenierter Thriller ist, bezweifelt keiner. Doch im Verdrehen der Wahrheit kann es die Serie locker mit der damaligen Prawda aufnehmen.

Zum Teil sind es lässliche Fehler. Etwa, wenn russische Soldaten das Gewehr nach amerikanischer Manier präsentieren oder sich Angestellte mit «Genosse» ansprechen, was in der späten Sowjetunion kaum noch üblich war. Unter dem Titel künstlerische Freiheit mag auch noch durchgehen, dass ein Helikopter direkt von Moskau nach Minsk fliegt, was von der Distanz her unmöglich ist, und über der brennenden Reaktorruine abstürzt (einen solchen Unfall gab es erst ein halbes Jahr später, mit der Kernschmelze hatte er nichts zu tun).

Definitiv zum Ärgernis wird die Katastrophen-Serie, wenn die schwangere Lyudmilla ein totes Baby zur Welt bringt, weil sie ihren nuklearverseuchten Mann im Sterbebett umarmte. Erstens ist Verstrahlung nicht ansteckend, und zweitens sind die atomgeschädigten Föten ein Hoax, der durch die Tschernobyl-Kommission widerlegt wurde. Es gab wegen der Strahlung weder Missgeburten noch Missbildungen, sehr wohl aber geschätzte hundert- bis zweihunderttausend völlig unnötige Abtreibungen, die durch ebendiesen falschen Mythos ausgelöst wurden.

Ins Reich der urbanen Legenden gehört auch das Drama um die Schaulustigen, welche die Katastrophe von der sogenannten Todesbrücke aus beobachteten und darauf angeblich allesamt qualvoll starben. Tatsache ist: Gemäss Langzeituntersuchungen der Tschernobyl-Kommission – eine internationale Forschergruppe von hundert Medizinern unter dem Schirm der Uno – sind als direkte Folge der Strahlung 36 Menschen (zumeist Feuerwehrleute) gestorben; gegen 5000 Kinder erkrankten an einem (zumeist heilbaren) Schilddrüsenkrebs, der lediglich in fünfzehn Fällen zum Tod führte. Für die Anwohner stieg die theoretische Wahrscheinlichkeit, irgendwann im Leben an Krebs zu erkranken, um 0,4 Prozent, was aber in einem Streubereich liegt, der sich in keiner Statistik ausweisen lässt.

Blutige Strahlen-Zombies

Gemäss Tschernobyl-Kommission erfolgte die Evakuation der Anwohner zu einem Zeitpunkt, als sie kaum noch Sinn machte; sie richtete mehr Leid an, als von der Strahlung zu befürchten gewesen wäre. Der Schilddrüsenkrebs wäre durch Jodtabletten und den Verzicht auf lokale Milchprodukte zu verhindern gewesen. Das ist – neben der bekannten Schlamperei der Sowjet-Funktionäre – die echte Tragödie von Tschernobyl. Doch davon ist im Film nirgends die Rede. Gegen die Hollywood-Ware Thriller hat die Wahrheit keine Chance. Blutende Strahlen-Zombies verkaufen sich besser. Wer weiss schon, dass äussere Blutungen nicht zu den Symptomen der Strahlenkrankheit gehören.

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Kommentare

Michael Hartmann

18.06.2019|13:37 Uhr

Darum hat der Strahlemann Baur auch ein Ferienhäuschen im Wald vor tCHernobyl? Da war es im kalten Krieg noch einfacher! Heute muss dem Hass auf die EU in jedem Bereich Opfer gebracht werden. Fehlt nur noch DAS Opfer der heutigen Zeit - Beda S. - mit einer Stellungnahme, dass im Tessin mehr gestrahlt wird als in tCHernobyl. Genügend Zeitzeugen hat es ja noch, Baur, wo ist ein Interview? All die Menschen, die seit dreissig Jahren versteckt leben müssen, weil sie ja 'offiziell' tot sind. Wäre doch eine Recherche wert.

Urs Obrist

14.06.2019|13:37 Uhr

Lieber Alex, das ist keine NETFLIX-Serie, sondern eine Koproduktion von HBO und Sky. Ist nur wegen dem Faktencheck ;-). Grussurs

Juerg von Burg

14.06.2019|11:13 Uhr

Die Wahrheit im ideologischen Würgegriff. Auch Fukushima scheint recht problemlos verlaufen zu sein (0 Reaktor-Tote), aber das darf nicht sein, wiewohl es den gebliebenen Haustieren bestens ergangen ist, so völlig ungestört vom Mensch. Wenn man dann noch weiss (ich meine naturwissenschaftliche Erkenntnis), dass CO2 kein Treibhausgas sein kann fragt man sich kopfschüttelnd, was die Energiewende in D und CH soll. Tipp: es geht nur um Geld!

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