Frauenstreik: Es nervt langsam

Bei derWeltwoche herrscht das knallharte köppelsche Patriarchat. Da wird nicht gemeutert, da müssen Kolumnen raus! Der Frauenstreiktag muss ohne mich auskommen.

Das ist natürlich ein Witz. Ich habe einen anderen Grund, warum ich da nicht hingehe. Ein Frauenstreik setzt ja gravierende Missstände voraus, solche, die explizit die weibliche Bevölkerung betreffen. Ich sehe in der Schweiz keine Missstände, die einen Streik rechtfertigen. Im Gegenteil: Wir sind privilegiert, in einem Land zu leben, wo absolute Chancengleichheit herrscht. Wir Frauen können alles erreichen – wenn wir es nur wollen.

Hier eine Frage mit Schnappatmungs-Potenzial: Hätten Männer nicht Anlass für einen Männerstreik? Sie müssen länger arbeiten, obwohl sie früher sterben, sind zum Militärdienst gezwungen und dazu verdonnert, praktisch jeden gefährlichen Job der Welt auszuüben – eine geschlechtliche Unausgewogenheit, die von den Protest-affinen Zeitgenossinnen gerne inbrünstig übersehen wird. Die Schweiz eine frauenfeindliche Bastion, ist stattdessen das Bild, das man vermittelt: Die Gesellschaft verwehrt Frauen ihre Chancen, hält sie in ihrer Selbstverwirklichung zurück. Männer sind die Verhinderer, Frauen die Opfer. Man spricht von «systematischer» Diskriminierung – während im Bundesrat drei Ladys sitzen, die Mehrheit der Hochschulabsolventen weiblich ist und Frauen praktisch in jedem Sektor in den Genuss von Förderprogrammen kommen, von Technik und Informatik bis Wirtschaft, Forschung, Wissenschaft und Luftfahrt.

Zu den zentralen Beschwerden gehört der Lohnunterschied. Der Pay Gap steht für Demütigung, ja für die vorsätzliche Ausbeutung der weiblichen Spezies. Weil es aber inzwischen längst belegt ist, dass Lohnunterschiede in den meisten Fällen nicht aufgrund von Diskriminierung zustande kommen, sondern beeinflusst sind durch Faktoren wie Leistung, Qualifikation, Position oder Arbeitspensum, ist das Pay-Gap-Argument mittlerweile so stabil wie ein Jenga-Turm kurz vor dem Einsturz.

«Gender Pay Gap: Diskriminierungsthese steht auf tönernen Füssen», schrieb jüngst Economiesuisse auf ihrer Website. Dass die Autoren Männer sind, macht sie natürlich anfällig für den Vorwurf der Verschwörung – vielleicht sollte man solche die Frauendiskriminierung entmystifizierenden Beiträge besser von Damen schreiben lassen. Nur ändert ein Penis nichts an den Fakten: Laut dem Bundesamt für Statistik (BfS) liegt der unerklärte Lohnunterschied in der Privatwirtschaft bei 8,1 Prozent, jener im öffentlichen Sektor bei 5,9 Prozent. Bei staatlichen Institutionen aber machen fixe Lohntabellen die Diskriminierung eines Geschlechtes unmöglich. Darauf beziehen sich die Ökonomen von Economiesuisse und schreiben: «Geht man davon aus, dass es keine Diskriminierung im öffentlichen Sektor gibt, schrumpft die unerklärte Differenz im Privatsektor auf zwei Prozent. Die Resultate stützen also vielmehr die ökonomisch plausible These, dass die Unternehmen eben nicht nach dem Geschlecht diskriminieren.» Zwei Prozent? Solche Unterschiede gibt’s auch bei Löhnen unter Männern.

 

Persönlich habe ich in den letzten zwanzig Jahren (als Selbständige) von jedem Auftraggeber das Honorar erhalten, das ich für angemessen halte. Im Jobumfeld wird mir eine gewisse Arroganz nachgesagt – das nehme ich gerne in Kauf, wenn ich mich dafür nicht ständig über meinen Lohn beklagen muss. Ich habe auch noch nie Diskriminierung erlebt, weil ich eine Frau bin – vielmehr waren es meist Frauen, die mich auf unprofessionelle Weise ausgebremst haben.

Neulich erzählte mir ein Unternehmer frustriert, dass er einem Mitarbeiter einen überdurchschnittlichen Lohn bezahlen müsse. «Warum lässt du ihn nicht einfach gehen?», wollte ich wissen. «Ich kann nicht auf seine grossartige Arbeit verzichten. Das hat er beim Verhandeln gewusst.» Eine Entscheidung hängt eben häufig auch davon ab, wie wertvoll jemand für ein Unternehmen ist oder welches Preisschild man an sich selbst heftet.

 

Viele Frauen verkaufen sich unter ihrem Wert, weil sie sich von Selbstzweifeln aufhalten lassen. In einem Essay in The Atlantic von 2014 mit dem Titel «The Confidence Gap» haben zwei US-Journalistinnen über das Selbstvertrauen von Frauen geschrieben. Ihr Fazit: Selbstvertrauen im Job ist genauso wichtig wie Kompetenz, und der «akute Mangel an Selbstvertrauen» hält Frauen oft zurück, die gläserne Decke zu durchbrechen – oder höhere Löhne zu verlangen. Studien zeigen, dass Frauen bei Lohnverhandlungen 30 Prozent weniger Geld fordern als Männer. Verantwortlich für das verminderte Selbstvertrauen sind laut den Autorinnen Faktoren wie Erziehung und Biologie.

Selbstverständlich treffen diese Befunde nicht auf alle Frauen zu, auch gibt es Lebensumstände, in denen man nicht einfach sagen kann: Verhandle du mal besser, dann klappt’s auch mit dem Lohn. Aber es sind realistische Erklärungen, wie Lohndifferenzen zustande kommen.

Wir Frauen sind vielleicht nicht mit einem exorbitanten Selbstbewusstsein geboren, das heisst aber nicht, dass wir das nicht ändern können. Ein selbstbewusstes Auftreten kann man sich antrainieren, ein besseres Verhandeln auch. Das Arbeitspflaster wird immer ein hartes sein. Aber statt sich auf vermeintliche Diskriminierung zu fixieren, scheint es sinnvoller, den Fokus vermehrt auf Lösungsansätze für frauenspezifische Problemzonen zu legen. Ich wage zu behaupten, dass Frauen, die wissen, was sie wert sind, nicht weniger verdienen als Männer.

 

Tamara Wernli, Video-Bloggerin, lebt bei Basel.Aktuelles Video auf www.weltwoche.ch

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Von Hubert Mooser
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Kommentare

Konstantin Nikiteas

15.06.2019|09:49 Uhr

Die angesprochenen Themen sind politische geprägte Klassenkampfthemen. Man hat das Gefühl eine linke Demonstration hat stattgefunden. Die Lohngleichheit (dort wo angebracht) muss separat mit den Branchenverbänden angesprochen werden. Solche Manifestationen wie gestern schaden eher den wirklichen Ansprüchen und Anliegen der Frauen.

Philipp Zimmermann

14.06.2019|18:07 Uhr

Chancengleichheit ist in der Schweiz längst erreicht bzw. hat inzwischen sogar ins Gegenteil umgeschlagen (Stichwort Quoten und Bevorzugung von weiblichen Kandidaturen). Mit ihren Forderungen vertreten die Feministinnen aber gar nicht die Meinung aller Frauen, so wie sie es gerne suggerieren. Ansonsten hätten sie es rein zahlenmässig in der Hand, Wahlen und Abstimmungen zu ihren Gunsten zu entscheiden (Frauenanteil über 50%). Zum Glück sind die meisten Frauen klug genug, dieser Form des Populismus nicht auf den Leim zu gehen.

Ignaz Schmucki

14.06.2019|08:53 Uhr

Ich mag die gescheiten Kommentare der Frau Wernli.Für den heutigen Beitrag: von mir 100 Punkte.

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