Der Lebenskünstler unter den Weinen

Er galt lange als Wein zweiter Klasse, als ein Verbrechen an der Traube auch. Nach Jahren im Schatten tritt der Rosé dieses Jahr so richtig ans Licht und tränkt die Schweiz.

Was hatten wir Dünnschiss in diesen Sommern, als die 1980er Jahre zu Ende gingen und wir erst begannen, den Gärungsprozess des Seins zu erahnen. Noch träumten wir uns bigger than life, wir waren zu alt für Interrail und zu jung für Luxusreisen, und wir stiegen in unsere Opel oder Toyotas und fuhren nach Südfrankreich und lebten von Rosé. Das funktionierte prima in der Provence, aber dann mussten wir wieder zurück in die Schweiz und wollten doch bleiben wie Südfranzosen, und so kitteten wir unsere Zerrissenheit mit Rosé aus dem Supermarkt, jeden Abend fast, vom Anbeginn der Dämmerung bis in die Mitte der Nacht. Die Morgen danach verbrachten wir auf der Toilette.

Wir tranken Rosé d’Anjou aus dem Coop, den damals noch alle «Konsum» nannten, die Flasche für ein paar Franken, es war der einzige, der erhältlich war, ausser dem Œil de Perdrix, aber der war zu teuer und kam aus der Schweiz. Die älteren professionellen Trinker in meinem Umfeld, hauptsächlich mein Onkel, nannten den Anjou ein «Etwas aus roten Gummibärchen» oder, vor allem, eine «Pfütze», was er wohl auch war, aber es spielte keine Rolle. Weisswein tranken die Spiesser, Rotwein die Bourgeois, so einfach machten wir uns das damals. Wir tranken Rosé im Sommer, wegen der Sehnsucht, wegen des Geldes und weil es nicht viele gab, die damals Rosé tranken. Im Winter tranken wir zwar auch Rotwein, jedoch den Chianti in der Korbflasche, ein scheusslicher Wein, aber er unterstützte ein Gefühl, das noch nicht vergoren war; jenes, Lebenskünstler zu sein.

Planschbecken statt Swimmingpool

Ein paar Jahre später wurden wir dann irgendwas und etwas weniger Lebenskünstler. Wir tranken jetzt auch Weisswein und Rotwein, Prosecco kam gerade auf, und Südfrankreich war etwas weiter weg. Wir hatten unsere Rosé-Jahre hinter uns. Rosé, das war eine jugendliche Schwärmerei und eine Jugendsünde. Das einzige Rosé-Ding, das noch ging, war Rosé-Champagner. Wer jetzt noch Rosé ausserhalb der Provence trank, fanden wir, hatte das Prinzip des Genusses nicht begriffen und sowieso keine Ahnung vom Savoir-vivre. Rosé war zu einem Wein für Idioten geworden, für all die Ahnungslosen aus den Welten des schlechten Geschmacks, die ein aufblasbares Planschbecken für einen Swimmingpool hielten.

Wer dieser Tage am Limmatquai flaniert oder auch schnell vorbeiläuft, um ihm zu entkommen, sieht an den Tischen der Cafés auch all die Hipster mit ihren spriessenden Bärten und eingewachsenen Gedanken, die wannabe successfuls mit ihren teuren Schuhen und den kleinen Schritten, all die Männer, die Kinder mit dem Velo in die Kita bringen, und all die Frauen, die keine Gurken kaufen, die in Plastik verpackt sind. Sie sitzen da und trinken keinen Hugo oder Apérol Spritz mehr, sondern sie trinken Rosé. Da draussen im Sommer dieses Jahres ist «Drink Pink».

Zwischen Damenrausch und Herrensuff

Zwanzig Jahre lang mindestens war der Rosé der Wein der Kompromisse, etwas für Unentschlossene, ein Wein für Frauen, Mädchen oder testosteronverlassene Männer oder Rentner in Schrebergartenkolonien oder für Kids, die noch nicht sechzehn sind. Rosé war zwar nie ein Abfallprodukt, und dass er ein Produkt aus zusammengeschüttetem Rot- und Weisswein sei, glaubten nur Teetrinker. Was er immer gewesen sein mag in seiner Schattenzeit, für die Winzer war er der Wein des schnellen Geldes. Er war auch der Wein der Unkultur und der Verlegenheit. Ausser in der Provence, wie gesagt, konnte man ihn nicht trinken, wenn man nicht entweder Alkoholiker auf Entzug, ein önologischer Banause oder einfach jung war.

Jetzt leben wir offenbar in Rosé-Tagen. Kann sein, dass die Geburtsstunde seiner gesellschaftlichen Akzeptanz darin liegt, dass der Wein es geschafft hat, kein verdrückter bisexueller Tropfen mehr zu sein, sondern ein erstklassig schwuler Wein, der edel daherkommt, der frisch ist, knackig, gut gebaut, sanft und sensibel. Ich meine das als Kompliment, als Lob auch vor allem vor dem Hintergrund, dass den traditionellen heterosexuellen Weinen langsam der Saft ausgeht.

Mag auch sein, dass der in das Gefühl passt, das wir von unserer Zeit haben. Weisswein ist uns zu aggressiv, zu speedy. Rotwein zu wuchtig, zu schwer möglicherweise, zu schläfrig. Ausserdem fördert Weisswein die Gicht, und Rotwein färbt die teuer gebleachten Zähne braun. Aber nüchtern möchten wir auch nicht durch diese Tage fliessen, in denen die Welt gerade beginnt, zusehends unkontrolliert auszuufern. Also Rosé, weil er am ehesten jenem Sonderfrieden entspricht, jenem Kompromiss, den wir alle mit der Welt geschlossen haben, um ein wenig Dämpfung zu haben. Und weil er im Hirn ein grossartiges Irgendetwas macht zwischen Damenrausch und Herrensuff.

Nubisches Kupfer

Ein Schweizer trinkt 37 Liter Wein pro Jahr, also rund fünfzig Flaschen, das ist Platz vier in der weltweiten Trinkerrangliste und wahrscheinlich nur wegen all der Durstigen und Dionysischen im Wallis erreicht worden. Wie viel Rosé durch Schweizer Kehlen fliesst, ist noch nicht statistisch festgehalten worden. Europaweit ist der Rosé auf dem Vormarsch, in Frankreich sind inzwischen 25 Prozent des getrunkenen Weins Rosé-Weine, in Deutschland 15 Prozent. Schweizer Weinverkäufer würden zwar noch nicht von Rosé-Zeiten sprechen, aber immerhin davon, dass die Schweiz gerade dabei ist, diesen Wein, dessen rote Trauben, die Beeren, nur einige Sekunden Kontakt mit der Maische haben und dessen Reifezeit nicht wie beim Rotwein zwischen 12 und 24 Monaten im Holzfass liegt, sondern bei ein paar Monaten im Edelstahltank, in grösserem Stil zu entdecken.

Wahrscheinlich liegt der kleine Siegeszug des Rosé durch den Schweizer Sommer nicht nur daran, dass sein auch etwas ausgeprägterer Konsum keine darmtechnischen Komplikationen mehr hervorruft, was an den Winzern liegt, die begriffen haben, dass der Roséwein gerade von seinem Status als Abfallverwerter zum modischen Umsatzträger avanciert. Und an seiner Farbe. Diese Farbe. Dieses Spektrum zwischen Rotgold und nubischem Kupfer, dieses im Rosé schlummernde Licht eines Sonnenuntergangs, der sich gerade entschliesst, so schön unterzugehen, wie es ihm noch nie gelungen ist. Diese lebenserfrischende Kühle, die sich im zarten Spiel mit seiner Wärme trollt. Wie er vom Mund zuerst Besitz nimmt, die Zunge umspielt, den Gaumen stimuliert und das Hirn betört, bevor er durch die Speiseröhre fliesst, so zaghaft und doch bestimmt wie die Quelle eines Flusses, der Grosses vorhat. Wie er einem die Hitze nimmt und dann die Seele wärmt und die Sorgen kühlt. Ein guter Rosé ist ein Moment der Einkehr, eine fruchtbare Kontemplation, ein Jacuzzi für die Seele.

Felsen, denen man zuprosten kann

Dennoch weine ich ein ganz klein wenig der Zeit nach, als der Rosé noch eine Pfütze war und zu Recht den Ruf hatte, das Wischiwaschi unter den Weinen zu sein. Weil man damals in die Provence fahren musste, um den Prinzen unter den Weinen zu bekommen, den Rosé de Provence, der das flüssige Abbild dieser Landschaft ist, trinkbare Erde, wenn man so will. Man sass dann dort, vielleicht in Roussillon auf der Terrasse des «Clos de la Glycine», mit diesem Blick auf die Ocres, die die Farbe von Rosé haben und mit ihm verschmelzen, diese Felsen, denen man zuprosten kann und die irgendwann alles zu verstehen und zu wissen scheinen vom Leben und dem flüssigen Nektar der Götter.

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Kommentare

Brigitte Miller

18.06.2019|20:09 Uhr

Wunderschön und einfach wahr, aber schon länger, selbst die Italiener machen sehr guten Rosé.

Brigitt Eckardt

13.06.2019|10:32 Uhr

toll! " Man " fühlt sich sehr angesprochen.

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