Chinas Greta

Das Klima-Fieber hat auf die Volksrepublik China übergegriffen. Die 16-jährige Schülerin Howey Ou streikt einsam für tiefere Temperaturen und bessere Luft. Fernsehstationen und internationale Zeitungen berichten, dieWeltwoche hat das erste Interview. Was treibt das mutige Mädchen an?

Howey Ou steht vor dem Regierungsgebäude in Guilin, einer Stadt im Süden Chinas. In ihren Händen hält sie ein Poster mit chinesischen Schriftzeichen. Ihre Botschaft lautet: «Die Klimakrise ist die grösste Krise, von der die Menschen je betroffen sein werden.» Howey ruft ihre Klassenkameraden zum Klimastreik auf. Am 26. Mai, so lief es über TV-Sender und News-Kanäle, ging sie als Erste in China aus Protest nicht mehr zur Schule.

Doch beim Startschuss ihrer China-KlimaDemo ist sie allein. Die Jungaktivistin postet Bilder auf Twitter, die von ihrem Vater aufgenommen wurden. Dazu schreibt sie: «Das ist der erste Klimastreik in China.» Greta Thunberg, ihr schwedisches Pendant, nennt sie per Tweet «eine Heldin». Aber auch sechs Tage später ist Howey allein mit ihrem Streikschild. Und jetzt ist sie Ziel der chinesischen Regierung geworden.

Auf WeChat (dem chinesischen Facebook) wird ihr Konto gesperrt. Seit Anfang Juni wurden keine Streikbilder mehr auf Twitter hochgeladen. Sie retweetet nur noch sporadisch Beiträge. Ist Howey verschwunden? Alles deutet auf eine Unterdrückung durch die Regierung hin. Ihr Klimakreuzzug scheint beendet.

Es ist Freitag, 21.57 Uhr, Schweizer Ortszeit. Auf meinem Smartphone erscheint eine private Twitter-Nachricht. Die Absenderin schreibt mir als Antwort auf meine Anfrage, dass sie zu jung sei, um als «Mrs. Howey Ou» angesprochen zu werden. Sie ist bereit, ein Telefoninterview zu führen. Sie schlägt Samstagnachmittag vor und dass wir die App «Signal» verwenden. «Vielleicht ist es sicherer.»

 

Hi Ou, wie geht es dir?

Gut.

Wo bist du jetzt gerade? Streikst du vor dem Regierungsgebäude?

Nein. Ich spaziere draussen in der Nähe meines Wohnorts. Hast du meine Beiträge auf Twitter gesehen?

Ja.

Ich musste meinen Streik letzten Freitag abbrechen. Die Polizei hat mir den Streik vor dem Regierungsgebäude verboten.

Die Aktion war also nicht erlaubt?

Ja. Ich habe die Demonstrationen ohne Erlaubnis durchgeführt. In China ist das illegal. Solange ich keine Bewilligung habe, werde ich nun Materialien für das Forum zusammenstellen, das vom 14. bis 16. Juni in Guilin stattfindet. Ich versuche immer noch, Zugang zur Veranstaltung zu erhalten.

Worum geht es bei diesem Forum?

Es geht um das Klima, ja. Der chinesische Umweltbeauftragte und auch einige chinesische Politiker werden daran teilnehmen.

Wirst du eine Rede wie Greta halten dürfen?

Ich bin nicht sicher. Ich habe noch keinen Zugang erhalten. Im Moment versuche ich nur, an dem Treffen teilzunehmen, um mit ihnen zu sprechen und ihnen meine Geschichte zu erzählen.

Dein Streik wurde verboten. Ist das der Grund, warum du keine Bilder mehr postest?

Ja. Das ist so.

Gehst du wieder in die Schule?

Ja.

Was sagen deine Klassenkameraden, wenn sie dich sehen?

Sie sind an dieser Sache in gewisser Hinsicht interessiert. Aber sie können es trotzdem nicht verstehen. Ich denke, das liegt daran, dass ihnen die Bildung im Bereich Umwelt fehlt. Und es fehlt ihnen an Mut. Sie denken immer noch, dass ich aufhören und wieder normal zur Schule gehen sollte.

Warum findest du es wichtig, für das Klima zu kämpfen?

Letztes Jahr, im Juni 2018, hatte ich eine einschneidendes Erlebnis, als ich die Zeitschrift National Geographic las. Im Heft ging es um die Verschmutzung der Natur durch Plastik. Ich habe das Heft immer und immer wieder durchgelesen. Seitdem fordere ich alle dazu auf, den Einsatz von Plastik zu reduzieren. Aus diesem Erlebnis heraus verstärkte sich mein Interesse an Umweltfragen. Mein Mitgefühl für das Leiden von Tieren und Umwelt wurde intensiv. Ungefähr ein halbes Jahr lang konnte ich nicht mehr normal leben und lernen.

Wurdest du in der Schule in Klimafragen unterrichtet?

In Geografie wurde das Klima ein wenig behandelt, es waren ein paar Seiten, mit wenig Details. Greta sagte, sie habe bereits mit acht Jahren gewusst, dass die Klimakrise existiere, und sie hat es auch im Schulunterricht erfahren. Ich musste alles selber lernen. Ich habe einige Bücher darüber gelesen, mit denen ich mein Wissen vertiefe. Aber eigentlich kenne ich erst seit letztem Dezember die Wahrheit über die Klimakrise.

Du hast Greta erwähnt. War sie es, die dich ermunterte, auf die Strasse zu gehen und für das Klima zu streiken?

Ja, ich habe vorher nie daran gedacht, zu demonstrieren. Es gibt einige historische Ereignisse in China, die einem das austreiben. Wir haben gelernt, dass wir die sofortige Veränderung nicht erreichen können, dass wir das nicht selbst tun können. In China wissen wir, dass wir auf andere warten, also darauf, dass die Regierung etwas tut.

Ist Twitter deine Hauptplattform, auf der du zum Streik aufrufst?

Ja, ich benutze Twitter.

Und auf Twitter bist du nicht gesperrt?

Nein.

Könntest du in China die Plattform WeChat nutzen, um für den Streik zu mobilisieren?

Ich habe es nicht versucht.

Du bist auf WeChat noch nicht blockiert worden?

Ich wurde mehrmals blockiert. Aber nicht wegen des Streiks – es war nur, weil ich zu viel «Hallo» zu jemandem gesagt habe. Die Leute haben sich vielleicht über mich genervt.

Aber dann kannst du deinen Streik gar nicht verbreiten. Ich habe in China studiert, und meine chinesischen Freunde haben mir gesagt, dass sie von dir noch nie gehört haben.

Ja, das weiss ich.

Glaubst du, du kannst irgendwann und irgendwie jemanden erreichen?

Nein. Es sind nur meine Freunde und meine Familie.

Auf Google findet man dich aber sofort.

Das ist wegen der Journalisten unserer lokalen Medien. Sie kamen sogar vorbei, während ich am Streiken war. Die Leute hier wissen, dass chinesische Mainstream-Medien nicht über solche Dinge berichten werden.

Die Medien haben also kein Interesse an dir.

Sie wollen es vertuschen. Sie wollen nicht, dass andere davon erfahren.

Und wie reagieren die Leute, wenn sie vorbeigehen und dich streiken sehen?

Einige von ihnen beachten mich. Aber nicht viele. Ich habe an den sieben Streiktagen mit ein paar Leuten gesprochen. Einige haben mich kritisiert. Sie sagten, dass mit meinem Kopf etwas nicht stimme.

Was haben sie genau gesagt?

Sie sagten, dass man mich einer Gehirnwäsche unterzogen habe.

Sagen dir das deine Freunde auch?

Auch sie waren zuerst schockiert. Später sagten sie mir, dass mein Streik gefährlich sei und ich versuchen sollte, auf eine andere Art und Weise zu protestieren. Ich sagte, dass diese Form das Einzige ist, was ich im Moment tun könne. Sie warnten mich, dass sich dieser Protest negativ auf meine Entwicklung und meine Familie auswirken könnte.

Wurdest du denn von chinesischen oder ausländischen Organisationen kontaktiert?

Nur von ein paar wenigen. Es gibt in China nicht so viele Umweltorganisationen wie in Europa. Fast alle sind von ihrer Ausrichtung her für mich nicht wirklich geeignet. Meine Vorstellungen stimmen nicht mit ihren überein. Sie zeigen zu wenig Aktivismus. Die meisten von ihnen machen irgendwelche Programme oder Projekte. Ich finde das ungeeignet für die Klimakrise, die wir haben.

Du wirst also von keiner Organisation oder Person unterstützt bei deinen Klimastreiks?

Es gibt nur einen losen Kontakt mit Organisationen im Ausland. Sie haben bis jetzt keine konkrete Unterstützung angeboten.

Und bei Medienanfragen erledigst du alles selbst?

Ja, vorerst mache ich alles allein.

Was halten deine Eltern von deinem Streik? Ich habe gelesen, dass dein Vater die Fotos von dir gemacht hat, als du vor dem Regierungsgebäude gestanden bist.

Mein Vater brachte mich anfänglich dorthin. Später, am sechsten Tag, ging ich allein. Auch die Fotos habe ich selbst gemacht, oder ich habe Passanten, die vorbeikamen, gefragt, ob sie mich aufnehmen könnten.

Aber was halten deine Eltern vom Streik?

Sie waren zuerst schockiert. Später stimmten sie einfach nicht mit meiner Meinung überein. Sie wollen nicht, dass ich das Risiko eingehe, zu demonstrieren. Als die Polizei mit mir gesprochen hatte, wurden sie wütend.

Auf wen waren sie wütend?

Auf mich. Weil ich streike.

Von ihnen hast du also keine Unterstützung.

Ja, sie sind komplett anderer Meinung als ich.

Wohin soll dein Klimastreik führen?

Ich verlange von der Regierung, dass sie Massnahmen zur Bewältigung der Klimakrise veranlasst – wie sie es versprochen hat.

Wie wird deine Zukunft aussehen?

Ich werde weiterhin versuchen, die Menschen in die Bewegung mit einzubeziehen. Ich denke, dafür bin ich auf der Welt.

Was erträumst du dir für später?

Ich würde gern für eine NGO oder die Uno arbeiten.

Im Klimasektor?

Für den Umwelt- oder Tierschutz.

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Von Katharina Fontana
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Kommentare

Richard Müller

17.06.2019|17:13 Uhr

e chinesische Regierung ist noch nicht ausreichend verblödet, um sich von einem Kind in den Klimawahnsinn treiben zu lassen. Natürlich wird Howey Ou von der Bildfläche verschwinden, wenn sie lästig wird. Das letzte, was China brauchen kann, sind Volksaufstände. Das weiss die Regierung genau so wie das Volk. Wer die Staatsmacht zu offensiv herausfordert, kennt die Risiken. Demokratie ist den Chinesen fremd. Unsere Massstäbe gelten für dieses Land nicht und das sollten wir respektieren.

Jürg Brechbühl

14.06.2019|08:24 Uhr

Ich hoffe einfach, die Weltwoche bringt das Kind nicht bei den chinesischen Behörden zusätzlich in Schwierigkeiten. Solche Situationen sind unberechenbar.

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