Besser als Netflix

Nach über zwanzig Jahren bringt Don Winslow seine 2500 Seiten dicke Trilogie über den Drogenkrieg in Mexiko zu Ende. Ein erschütterndes Meisterwerk.

Er ist der gefürchtetste Drogenfahnder Amerikas, hat während vierzig Jahren Hunderte hochrangige mexikanische Drogenbosse aus dem Verkehr gezogen. Doch jetzt, am Ende seiner Karriere, stellt Art Keller sein ganzes Lebenswerk in Frage. «Nur weil Drogen illegal sind, verdienen brutale Soziopathen an der Spitze der Kartelle jährlich an die sechzig Milliarden an uns [Amerikanern]. Mit dem Geld bestechen sie Polizei und Politiker und finanzieren Waffen, durch die bereits Hunderttausende starben – und ein Ende ist nicht in Sicht», sagt er desillusioniert, quasi als Abschiedsrede gegen Schluss der Trilogie.

Der Krieg gegen die Drogen ist schon seit Jahrzehnten im Gange, die Summe der Opfer ist mittlerweile höher als bei vielen konventionellen Kriegen. Und immer, wenn man das Gefühl hat, es sei ein wichtiger Schlag gegen die Kartelle gelungen, säumen danach noch mehr Tote die Strassen.

Wie es dazu kommen konnte, erzählt Don Winslow in seinem Drogen-Dreiteiler, für den kein Superlativ zu hoch gegriffen ist: Wie Shakespeare in seinen Königsdramen, seziert er die Machtstrukturen von Clans, Kartellen, ja ganzen Ländern; zeigt auf, wie sich die Bosse mit Einschüchterungen, zur Schau gestellter Brutalität und grosszügigen Geldzahlungen die Loyalität ihrer Gefolgschaft sichern. Und das alles in einer weitverzweigten Geschichte mit Hunderten von Akteuren auf insgesamt 2500 Seiten, die von einer kaum zu überbietenden Spannung sind.

Im Zentrum des Epos stehen der Drogenfahnder Art Keller und sein Hauptkontrahent, Drogenboss Adán Barrera. Im ersten Band («Tage der Toten») arbeitet sich Barrera hoch zum Chef des führenden Sinaloa-Kartells. Im zweiten («Das Kartell») vermehrt er Macht und Reichtum ins Unermessliche, bevor er im Urwald Guatemalas erschossen wird. Im neuen dritten Band («Jahre des Jägers») ist Art Keller zurück in den USA, wird Chef der US-Drogenbehörde DEA und stellt fest, dass die Drogenmilliarden mittlerweile auch in den USA höchste Machtkreise korrumpieren. «Seit vierzig Jahren führt er Krieg gegen die mexikanischen Kartelle. Jetzt führt er Krieg gegen die eigene Regierung. Aber eigentlich ist beides dasselbe», heisst es im Buch.

Die Geschichte ist zwar fiktiv, die Ereignisse und die Figuren haben aber reale Vorbilder. Adán Barrera steht unverkennbar für Joaquín «El Chapo» Guzmán, lange Zeit einer der mächtigsten und meistgesuchten Drogenbosse der Welt. Die zum Teil in ihren detaillierten Schilderungen kaum erträglichen Gräueltaten, wie die Massakrierung von Kindern eines Schulbusses und die Entsorgung der Leichen auf einer Mülldeponie, entspringen wahren Begebenheiten.

Wie ein Krebsgeschwür

Dass der Kampf gegen die Drogen über die Jahrzehnte zunehmend ausser Kontrolle gerät, daran haben die Amerikaner im Buch wie in der Realität einen beträchtlichen Anteil. Immer wieder stellt DEA-Agent Art Keller nach Operationen frustriert fest, dass er von einem Kartell instrumentalisiert worden ist, um eine rivalisierende Bande auszuschalten. Auf die Politik ist selten Verlass. Die Iran-Contra-Affäre zeigte, dass die USA den Drogenschmuggel unter gewissen Umständen sogar befördern.

Die Jahre vergehen, Präsidenten wechseln, das Übel bleibt. Die Methoden der Fahnder gleichen sich zunehmend jenen ihrer Gegner an, ebenso deren Brutalität. «Die Schlacht gegen al-Qaida hat die Grenzen des Denkbaren, Erlaubten und Machbaren verschoben», heisst es etwa in «Das Kartell».

Erschütternd ist nicht nur das Meer von Blut, sondern auch wie die Milliarden aus dem Drogenhandel und die dazugehörende Korruption eine ganze Gesellschaft von innen zersetzen. Wie ein Krebsgeschwür breitet sich das Übel aus: Familien werden zerstört, überall hat es junge Menschen, die der Verlockung des Geldes nicht widerstehen können und sich selbst um ihre Zukunft bringen. Sofern sie überhaupt eine Wahl haben. Denn oft heisst es einfach: Entweder du bist dabei oder tot – plata o plomo, wie man auf Spanisch sagt, Silber oder Blei.

Über zwanzig Jahre lang hat Winslow recherchiert, wobei er nie eine Trilogie geplant hatte. Nach Band zwei sollte eigentlich Schluss sein, Winslow liess Drogenboss Barrera sterben. Doch die Realität holte ihn ein: Nachdem Barreras Vorbild, Chapo Guzmán, in die USA ausgeliefert worden war, beruhigte sich die Lage keineswegs, im Gegenteil. Die Gewalt in Mexiko nahm epidemisch zu. Parallel dazu überfluteten immer stärkere Drogen die USA. Beidseits der Grenze häuften sich die Toten, in Mexiko mit einer Kugel im Kopf, in den USA mit einer Spritze im Arm.

Im Buch ist eindrücklich geschildert, wie das Chaos ausbricht, nachdem der Hydra der Kopf abgeschnitten worden ist. So grassiert zum Beispiel plötzlich die Kinderprostitution, die früher verpönt war: «Zu Barreras Zeiten hätten sie einem Mann, der Kinder verkauft, Stacheldraht um den Schwanz gewickelt und ihn daran aufgehängt. Jetzt ist das anders. Jetzt wird alles toleriert, Hauptsache, es bringt Geld für die Finanzierung der eigenen Leute.» Die Situation gerät gänzlich ausser Kontrolle. «Es gibt keine Regeln mehr. Alles ist möglich.»

Das Machtvakuum führt zu einem Zustand der Anarchie, wie man ihn nach dem Sturz von Diktatoren immer wieder erlebt, zum Beispiel in Libyen nach Gaddafi. Don Winslow hat sich dabei tatsächlich an Shakespeare orientiert, wie er in einem Interview sagte: «Sie wissen, Shakespeares ‹Heinrich IV.› und ‹Heinrich V.› sind grossartige Dramen über einen mächtigen König. Aber ‹Heinrich VI.›, in dem es darum geht, was nach dessen Tod passiert, ist komplexer und in gewisser Weise auch interessanter.»

Nicht nur in Mexiko hat sich die Situation verändert, sondern auch in den USA: Plötzlich ist ein grossmäuliger Präsident an der Macht, der das Drogen- und Migrationsproblem mit einer Mauer und noch mehr Repression lösen will. Für Winslow ein Graus.

Trumps Wahl motivierte ihn erst recht, Teil drei in Angriff zu nehmen, den mit 992 Seiten umfangreichsten Band der Trilogie. Der Schriftsteller wurde zudem zu einem prominenten Anti-Trump-Aktivisten. 2017 kaufte er eine ganze Anzeigenseite in der New York Times, um gegen die Drogenpolitik des Präsidenten zu protestieren, die zu «mehr Leid, mehr Kosten und mehr Toten» führe.

Erst kürzlich rief er Trump öffentlich zu einem Streitgespräch über die Mauer auf. «Wir können das sogar auf Ihrem Sender tun, Fox News. Egal, in welcher Sendung, mit welchem Moderator, zu welcher Zeit.» Begeistert von der Idee, bot Stephen King, der König des Horrorromans und ein grosser Anhänger Winslows, seine Unterstützung an: «Ich wäre bereit, 10 000 Dollar zu bezahlen, um das zu sehen.» Trump allerdings stieg nicht darauf ein.

Der Aktivist drückt durch

Dass seine Aktivistenrolle manchmal spürbar ist, ist der grösste Makel in «Jahre des Jägers»: Winslows Stärke ist es gerade, die Ambivalenz der einzelnen Figuren herauszustreichen, so dass man zuweilen auch für einen Mörder Sympathie empfindet, dass der Held Art Keller zum Teil selber von Hass und Rachegefühlen getrieben ist. Der Mensch, so die Botschaft, ist grundsätzlich ein grausames Wesen, sofern die Situation und das System es zulassen. Doch jetzt, vom Ekel vor dem Präsidenten getrieben, wird Winslow an gewissen Stellen leider zum Moralisten, verliert die kühle Distanz zum Geschehen.

Dennoch gelingt es dem Meisterautor erneut, ein atemberaubendes Panoptikum des Drogenelends zu zeichnen, ohne dass dies die Spannung des Thrillers beeinträchtigte. Diesmal auch mit dem Fokus auf die USA: die Gang-Kriminalität, die durch Migration aus den lateinamerikanischen Slums in die US-Vorstädte importiert wird; die weisse Unterschicht, die sich selber ins Elend spritzt; die hilflosen Streifenpolizisten, die immer nur an die unterste Hierarchiestufe herankommen. Und natürlich auf die grosse Politik. Niemand hat ein Interesse, an der Situation etwas zu ändern, zu viele Leute verdienen daran: die DEA, die privatisierten Gefängnisse, die Immobilienbranche, wo ein Teil des Drogengelds hinfliesst, und so fort.

Die Trilogie ist bedeutend vielschichtiger und tiefgründiger als die beliebten Netflix-Serien «Narcos» (Kolumbien) und vor allem «El Chapo» (Mexiko), die in einem ähnlichen, wenn nicht gar im selben Umfeld spielen. Man ist zuweilen froh um das Personenverzeichnis am Ende, um die Übersicht über die vielen Figuren nicht zu verlieren. Winslow hatte 2015 die Filmrechte für die ersten zwei Teile für sechs Millionen Dollar verkauft, Ridley Scott hätte Regie führen sollen. Das Vorhaben scheiterte an der für einen Kinofilm zu komplexen Story.

Kürzlich wurde bekannt, dass der zu Disney gehörende Sender FX einen neuen Anlauf nimmt und aus der Trilogie nun eine ganze Fernsehserie machen möchte, was bestimmt das geeignetere Format für die Verfilmung dieses monumentalen Werks ist. Obschon für jemanden, der die Bücher tage- und nächtelang kaum mehr weglegen konnte, ist es schwer vorstellbar, dass eine Steigerung des Leseerlebnisses noch möglich ist.

 

Don Winslows Drogen-Trilogie
Tage der Toten (Original: The Power of the Dog, 2005). Suhrkamp. 689 S., Fr. 21.90.
Das Kartell (The Cartell, 2015).Droemer. 832 S., Fr. 23.90.
Jahre des Jägers (The Border, 2019). Droemer. 992 S., Fr. 39.90.

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