Woran Frauen beim Sex denken

Aufgrund mehrfachen Wunsches der männlichen Leserschaft geht es heute um eine fortpflanzungsrelevante Frage. Für Nebenwirkungen wird keine Haftung übernommen.

Ehrlichkeit steht weit oben auf der Liste der Eigenschaften, die wir uns bei unserem Partner wünschen. Aber wenn wir Ehrlichkeit fordern, meinen wir eigentlich nicht Aufrichtigkeit, sondern eine Wahrheit, die uns behagt. «Schatz, wie steht mir das Kleid?» Frauen wollen nicht hören, dass ihr Becken in dem Teil ausser Kontrolle geraten ist. «Findest du, mein Koffeinshampoo zahlt sich aus?» Jeder Mann kennt die Antwort. Aber mit dieser will er nicht wirklich konfrontiert werden, denn sie kann die Würde nachhaltig schädigen. Und weil die Beurteilung, welche Taktik – Lüge oder Wahrheit – in einer Situation die bessere ist, von etwa hundert Variablen abhängt, ist es der Harmonie im Paarkosmos zuweilen dienlicher, gewisse Fragen unerwähnt zu lassen: «Mit wie vielen warst du schon im Bett?», «Hattest du jemals den Wunsch, mit einer anderen Frau zu schlafen?» oder «Woran denkst du beim Sex?» – sie gehören zu den Erkundigungen, die, wenn es blöd läuft, einige Zeit später auf die Couch eines Paartherapeuten führen.

Weil aber gerade die letzte Frage einen reizvollen Einblick in das Geistesleben der Frau erlaubt und damit Sie, liebe Leser, sie selbst nie stellen und dennoch nicht in völliger Ahnungslosigkeit weiterleben müssen, habe ich geforscht und – mangels empirischer Erhebung – per Umfrage ein paar der gängigsten Gedanken zusammengetragen. Sie sind verstörend. Sagen Sie also nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.

Bei den Männern habe ich auf eine Befragung verzichtet. Mit grosser Wahrscheinlichkeit kommt ihr Hirn auch während des Liebesakts seinem guten Ruf als unkompliziertes Denkorgan nach und produziert Geistesblitze wie «Wie lange braucht sie denn noch?», «Oje, wenn ich die Socken ausziehe, riecht es hier nach Emmentaler» oder «Sie ist gekommen, ich bin ein geiler Siech!». Beim Vollzug des ersten Koitus mit der neuen Eroberung führt man sich vielleicht noch die Steuererklärung vor Augen – im Widerstand gegen den zu raschen Höhepunkt.

Bei den Damen ist es komplizierter. Meine nicht repräsentative Umfrage mit Frauen zwischen 23 und 51 Jahren ergab, dass sich die gedanklichen Abschweifungen beim Geschlechtsverkehr teilweise in unverhältnismässiger Entfernung zur Materie aufhalten: «Ich muss den Babysitter anrufen» oder «Hab ich das Müsli eingekauft?» – beliebt scheint das Abarbeiten der To-do-Liste. Andere überdenken das Abendessen: «Hätte ich doch den Fisch vorher aufgetaut» – eine hochgradig unschickliche Eingebung, die mich, zugegeben, selbst schon während eines kritischen Moments in Anspruch nahm. Weitere sind besorgt über ihren Körpergeruch: «Dass er jetzt direkt nach der Arbeit andockt, ist ungünstig. Oral ist heute nicht drin.» Und ärgern sich, weil sie sich zuletzt für den Sex vor drei Monaten rasiert haben. Einige befürchten eine unvorteilhafte Zurschaustellung von Problemzonen während einer bestimmten Stellung. Oder finden, dass er zu zügig voranschreitet: «Wofür habe ich die neue Unterwäsche gekauft?!» Andere hoffen, dass es bald vorbei ist: «Die Position schmerzt, aber ich will ihm nicht den Spass verderben.» Bei einem Orgasmusdilemma erwägen sie das Vortäuschen; auch fragen sich viele, ob er den Sex gut findet.

Sie dürfen hier natürlich einige Gedankenflüge als Klischees abtun, an der Wirklichkeit ändert das aber nichts: Viele Frauen offenbaren, dass es für sie nur schwer möglich ist, während der ganzen Vorstellung an rein gar nichts zu denken.

Eine Thematik hat das Mitteilungsbedürfnis der Ladys beinahe trockengelegt, zumindest reagierten sie mit diskreter Vertuschung: sexuelle Fantasien. Folgende Sachlage ist darum auf professionelle Ermittlungen gestützt. «46 Prozent der Frauen denken während des Sex mit dem Partner an einen anderen», das ergab eine Studie des grössten britischen Sexspielzeug-Herstellers Lovehoney von 2015, die das amerikanische Online-Frauenmagazin Bustle publizierte.

Das Kopfkino. Viele Frauen kapern eine Szene, die sie anturnt; die Fantasie hilft ihnen, einen Orgasmus zu bekommen. Laut der Umfrage, die Lovehoney mit 1300 Personen durchgeführt hat, denken viele Frauen beim Sex an einen engen Freund oder Arbeitskollegen. 60 Prozent der Damen haben schon von verflossenen Liebhabern fantasiert, während sie mit dem gegenwärtigen Partner zusammen waren. «Das ist absolut harmlos, solange man diese Fantasie nicht ausleben möchte, wenn man mit jemand anders zusammen ist», sagt ein Sprecher von Lovehoney. Auch Männer denken beim Sex an andere Frauen, aber seltener als umgekehrt. Gemäss einer Studie des Journal of Sex Research haben Männer eher Dominanzfantasien, während die sexuellen Bilder bei Frauen mehr emotional und Romantik-gefärbt sind. Unter Sexualforschern ist man sich einig, dass Fantasien gesund sind – hat man es im Bett gut miteinander, funktioniert auch die Partnerschaft.

Wer jetzt rätselt, was wohl seine Partnerin beim Sex denkt, soll sich einfach aus den Antworten jene heraussuchen, die ihm am besten gefällt. Übrigens: Zwecks Eindämmung der weiblichen Gedankenflut eignet sich hervorragend eine romantische Einstimmung, inklusive Vegi-Risotto (Low Fat), korrekten Einräumens der Geschirrspülmaschine, Duftkerzen, Kopfmassage, Komplimenten, humoristischer Bemerkungen und «No Ordinary Love» von Sade. Viel Vergnügen!

 

Tamara Wernli, Video-Bloggerin, lebt bei Basel.Aktuelles Video auf www.weltwoche.ch

Lesen Sie auch

«Ladys, wir machen das zusammen»

Als junge Feministin bekam Anita Fetz von SP-Präsident Helmut Hubacher...

Von Erik Ebneter
Jetzt anmelden & lesen

Kampf um Glanz und Gloria

Statt zu regieren, zelebriert der Bundesrat das Regierungschaos. «Jed...

Von Hubert Mooser
Jetzt anmelden & lesen

Kommentare

Markus Spycher

05.06.2019|21:40 Uhr

Und was sagt eine spröde Engländerin zu ihrem Ehemann während des Akts? - "Georg, Du solltest wieder mal die Decke streichen."

Die News des Tages aus anderer Sicht.

Montag bis Donnerstag
ab 16 Uhr 30

Ihr Light-Login-Zugang ist abgelaufen. Bitte machen Sie das Abonnement hier