Typologie des männlichen Feministen

Es gibt Männer, die Wert darauf legen, zugleich als fortschrittlich und selbstlos zu gelten. Sie setzen sich für Frauen ein und glauben, die Frauen würden es ihnen danken. Welch ein Irrtum!

Schauen wir uns mal das tragische Schicksal des Feministen Kuno an (wahre Geschichte): Kuno arbeitete 2012 bei einer Entwicklungshilfeorganisation in Bern. Als in der Geschäftsleitung ein Posten vakant wurde, hätte eigentlich Kuno ihn bekommen müssen. Denn es handelte sich um das Ressort «Entwicklungszusammenarbeit», und Kunos exzellentes Fachwissen auf diesem Gebiet war unumstritten. Aber Kuno, so gern er das Ressort auch geleitet hätte, setzte sich persönlich für seine Konkurrentin Carmen ein. Warum? Weil Kuno es an der Zeit fand, dass in der Geschäftsleitung endlich mehr Frauen als Männer sassen. Er sagte, das sei ein wichtiges Zeichen gegen die Benachteiligung der Frauen. Also rückte Carmen in die Geschäftsleitung auf, wogegen im Grunde nichts einzuwenden ist. Nur verringerte sich dadurch die Benachteiligung der Frauen in keiner Weise.

Denn Carmen war keine rechtlose afghanische Bäuerin, die in einer patriarchalen Gesellschaft unter Androhung von Gewalt ein Leben als Mensch zweiter Klasse führte. Carmen war die einzige Tochter eines grünliberalen Juristen, sie war im Bewusstsein aufgewachsen, dass sie etwas ganz Besonderes ist. Die Gesellschaft, in der sie lebte, trug sie auf Händen und ermunterte sie täglich, sich nur ja von einem Mann nichts gefallen zu lassen. Die Männer, denen sie begegnete, versuchten, ihr die Wünsche von den Augen abzulesen, denn sie wussten, dass sie am kürzeren Hebel sassen.

Schönes, nachvollziehbares Motiv

Carmen war in ihrem Leben bisher nur ein einziges Mal diskriminiert worden, in Tunesien, als ihr der Zugang zu einem Teehaus verboten wurde. Sie hat diese Unterdrückung aber überlebt. Schon nach nur zwei Jahren in der Geschäftsleitung kündigte Carmen, um eine Gesangsausbildung bei einer Privatlehrerin in London zu absolvieren; Carmen war nämlich überzeugt, dass in ihr eine Opernsängerin steckte. Mit anderen Worten: Kunos Selbstaufopferung war für die Katz gewesen. Es war, als habe er einem Milliardär einen Hunderter geschenkt.

Aber so ist der Feminist: Er setzt sich für Leute ein, die es nicht nötig haben. Niemand wird zurzeit von der Gesellschaft so leidenschaftlich bevorzugt wie die Frauen. Aber der Feminist macht sich trotzdem an jeder Party lächerlich, indem er über die Lohnungleichheit in manchen Branchen spricht wie über Umerziehungslager, in denen Frauen bei Wasser und Brot Steine schleppen müssen. Ist es nicht furchtbar, dass in Ruderbooten immer noch hauptsächlich die Männer rudern? Frauen an die Ruder! Wenn nötig, muss der Gesetzgeber eine Frauenruderquote einführen! Über das skandalöse Fehlen solcher Gesetze (die Nazis verhindern sie!) kann der Feminist sich ausufernd aufregen.

Als männlicher Zeuge seiner Empörung fragt man sich dann immer, was er sich von seinem Einsatz für die Frauen eigentlich erhofft. Denkt er, dass die Frauen, denen er erzählt, wie übel ihnen mitgespielt wird, in ihm einen verständnisvollen Sexualpartner sehen? Wenn es so ist, hat er sich getäuscht: Keine Frau will mit einem Mann ins Bett, der für ihre Rechte kämpft. Der Feminist ist überflüssig: Die Frauen kämpfen, wenn schon, dann selbst für ihre Rechte, und wenn sie erschöpft von diesem Kampf sich der erotischen Entspannung hingeben, wollen sie einen Typ, der sie auf den Bauch dreht und die Dinge in die Hand nimmt, und zwar ohne Diskussion. Der Feminist ist schon zu oft von einer Party allein nach Hause gegangen, als dass er in seinem Feminismus einen Paarungsvorteil sehen könnte: Warum also gibt er sein Feministentum nicht auf? Ist das Befriedigende an der Sache für ihn vielleicht das Gefühl, ein fortschrittlicher und gleichzeitig selbstloser Mensch zu sein, der bereit ist, um der Gerechtigkeit willen gegen seine eigenen Interessen zu handeln? Oder ist er ganz einfach ein Dummkopf, der tatsächlich glaubt, dass sich endlich jemand um die Rechte der westlichen Frau kümmern muss, vor allem an den Universitäten, wo männliche Physikprofessoren Frauen gezielt vom Physikstudium abhalten? (Anders ist die niedrige Frauenquote im Fach Physik nicht zu erklären!)

Vermutlich treffen alle drei Punkte zu: 1. Der Feminist hofft unbeirrt auf einen sexuellen Vorteil. 2. Der Feminist liebt das Gefühl seiner moralischen Überlegenheit. 3. Der Feminist ist ein Dummkopf. Und er ist ein verfluchter Verräter. Er hat nicht begriffen (siehe Punkt 3), dass beim Machtkampf zwischen Männern und Frauen beide Seiten recht haben und dass es folglich nur noch um die Treue zur eigenen Seite gehen kann. Er fällt seinen Geschlechtsbrüdern in den Rücken, weil er sich (siehe erneut Punkt 3) nicht vorstellen kann, dass die Frauen, falls sie die Macht erringen, die Männer genauso systematisch unterdrücken werden wie früher die Männer sie. Wenn man böse sein will, kann man sagen, dass der Feminist die Frauen sträflich unterschätzt: Er traut ihnen Machtgeilheit und Rachelust nicht zu. Er sieht sie als liebenswerte Geschöpfe, die es zu retten gilt wie ein kleines Kätzchen, das in die Regentonne gefallen ist.

Fassen wir zusammen: Der Feminist ist ein dummer, verräterischer, moralisch blasierter und sexuell unterversorgter Knilch, der allerdings – und das ist ermutigend – immer seltener anzutreffen ist. Er ist inzwischen zur bedrohten Knilch-Art geworden, denn den allermeisten westlichen Männern ist in den vergangenen Jahren klargeworden, dass ihre Stunde geschlagen hat. Selbst diejenigen, die durchaus für Gleichberechtigung sind, erkennen erste Ansätze des berühmten Ausschlags des Pendels ins Extreme (ein Phänomen, das bei jeder historischen Umwälzung vorkommt). In einem so empfindlich, ja ängstlich gewordenen männlichen Umfeld hat es der Feminist schwer, seine Ansichten über die Unterdrückung der Frau zu verbreiten, ohne massive Sympathieverluste seiner Geschlechtsbrüder zu erleiden. Mag sein, dass das einem Hardcore-Feministen egal ist. Aber wenigstens von den Frauen möchte er für seine Ansichten geliebt werden, zumindest platonisch – doch auch dazu kommt es immer seltener. Denn immer mehr Frauen geht das Gerede von ihrer Unterdrückung auf den Wecker, es macht sie ja letztlich klein und verletzlich, und sie wollen unabhängig und stark sein.

Im Grunde steht der Feminist also ziemlich allein da. Bald wird ihm nur noch seine Mutter zuhören. Möglicherweise war ihm schon immer vor allem wichtig, dass ihm diese eine Frau zuhört. Das wäre dann immerhin ein schönes, nachvollziehbares Motiv für den männlichen Feminismus.

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Von Claudia Wirz
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Kommentare

Michael Wäckerlin

12.06.2019|16:07 Uhr

Das Hauptursache des Elends liegt in einer unterlassenen Aufklärung junger Männer über die weibliche Sexualpsychologie.

Inge Vetsch

09.06.2019|16:23 Uhr

Herrlich !

Richard Müller

06.06.2019|16:57 Uhr

Vielen, vielen Dank für diesen Beitrag über männlichen Feminismus. Toll geschrieben und von Linus Reichlin perfekt auf den Punkt gebracht.

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