Modern Times

Ein neuer Porsche 911 ist wie ein neues Album von Bob Dylan. Ein ewiger Klassiker, der zu reden gibt.

Im vergangenen Spätherbst wurde der neue Porsche 911 in Los Angeles mit Pomp und grosser Party vorgestellt (Weltwoche Nr. 49/18), ein halbes Jahr später darf ich ihn endlich fahren. Der Himmel ist leicht bewölkt, die Strasse aber trocken und die vorgesehene Strecke wie gemacht für diese Ikone unter den Sportwagen. Im Chianti-Gebiet bei Florenz führen kurvenreiche Landstrassen durch pittoreske Weinberge, Wälder und durch Ortschaften, die so ursprünglich aussehen, als würde demnächst eine Kohorte römischer Soldaten um die Ecke biegen.

Ich fahre den 911 Carrera S als Cabrio mit Heckantrieb – für strukturkonservative Elfer-Fahrer immer noch die einzig wahre Antriebsart. Der Porsche-Klassiker wird zwar immer noch etwas grösser, 20 Millimeter mehr Länge und 50 Millimeter mehr vordere Breite sind es diesmal. Trotz dem Wachstum lässt sich das Auto aber noch flinker, noch schneller, noch präziser durch die Kurven treiben. Und als Cabrio wirkt der Wagen so unverwindbar und steif, dass nur hochsensible Fahrer einen Unterschied zur Coupé-Version feststellen können.

«Timeless Machine» nennt Porsche den 911er, seit 1963 wird er mit einem guten Gespür für ewige Werte gebaut: Tank vorn, Motor hinten, Zündschloss links. Und wenn ein neuer 911er auf den Markt kommt, ist dies für seine Fans ein Ereignis, vergleichbar mit einem neuen Album von Bob Dylan: immer unverkennbar, aber ab und an verstörend anders. Entwicklungsschritte, bei denen etwa von Luft- auf Wasserkühlung oder von Saug- auf Turbomotoren gewechselt wurde, gaben unter Elfer-Fans so viel zu reden wie der Moment, als Bob Dylan 1965 mit elektrischer statt mit akustischer Gitarre auftrat und so viele seiner Anhänger schockierte.

Beim neuen Elfer gibt es keine radikalen Änderungen, dafür ein paar eher dezente, wirkungsvolle Eingriffe: Die erstmals versenkbaren Türgriffe oder die vertikal stehenden dritten Bremsleuchten, die in den Heckspoiler integriert sind, erscheinen als wirkungsvolle Design-Elemente. Neu sind das 8-Gang-Doppelkupplungsgetriebe sowie die Cockpit-Architektur, die wohl auch im Elektrosportwagen Taycan so oder so ähnlich eingesetzt wird. Der neue 911er ist komplett vernetzt, das Navigationssystem etwa arbeitet mit Schwarmdaten anderer Verkehrsteilnehmer und kann einem so helfen, Staus schnell zu erkennen und zu umfahren. Neu ist auch ein «Wet»-Modus: Akustische Sensoren in den Radhäusern erkennen Wasser auf der Fahrbahn und passen verschiedene Fahrzeugparameter den nassen Verhältnissen an. Das ist eine nette Spielerei, die echte Sportwagenfahrer aber so dringend brauchen wie Bob Dylan eine Trompete.

Im Chianti bleibt es trocken, und ich höre «Modern Times», mein Dylan-Lieblingsalbum, weil es auch für Dylan-Laien ziemlich einfach zugänglich ist. «Thunder on the Mountain, Rolling like a Drum», eine Zeile aus dem ersten Song, passt perfekt zu einem offenen Sportwagen, der mit dem Sound grollenden Donners durch die atemberaubende Landschaft zieht.

 

Porsche 911 Carrera S Cabrio
Leistung: 450 PS/331 kW;
Hubraum: 2981 ccm max. Drehmoment: 530 Nm bei 2300 – 5000 U/min
Höchstgeschwindigkeit: 306 km/h;
Beschleunigung 0–100 km/h: 3,9 s;
Verbrauch (NEFZ): 9,1 l/100 km
Preis: Fr. 175 600.–, Testwagen: Fr. 207 320.–

Lesen Sie auch

Ikonen der Schweizer Frauenbewegung

Am Anfang der Emanzipation der Schweizer Frauen standen mutige Kämpfer...

Von Beatrice Schlag
Jetzt anmelden & lesen

Wenn uns Männer nachpfeifen

Frauenstreik? Das klingt altbacken. Geht das uns 20-Jährige überh...

Von Yaël Meier
Jetzt anmelden & lesen

Kommentare

Die News des Tages aus anderer Sicht.

Montag bis Donnerstag
ab 16 Uhr 30

Ihr Light-Login-Zugang ist abgelaufen. Bitte machen Sie das Abonnement hier