Die Schlachten sind gewonnen

Die Frauenemanzipation ist die grösste Freiheitsbewegung der Geschichte, sie hat die Männerherrschaft hierzulande unblutig beseitigt. Doch statt frei will man heute Opfer sein.

Die Liste der Klagen ist lang: «Wir wollen eine Reduktion der Arbeitszeit, weil wir bis zur Erschöpfung arbeiten», heisst es im offiziellen Manifest zum Frauenstreik, der am 14. Juni in der Schweiz über die Bühne gehen wird. Das Manifest, erarbeitet vom welschen Streikkomitee, hämmert in neunzehn Thesen fest, warum die Frauen nächste Woche die Arbeit niederlegen und in violetten Kleidern die Strassen und Plätze stürmen sollen. Die Forderungen reichen von der Teilung der Haus- und Erziehungsarbeit über höhere Frauenlöhne und Altersrenten, Kampagnen gegen Sexismus, eine gender-inklusive Sprache bis hin zu einer feministischen Sexualerziehung. Wer das Streikmanifest liest, muss zwangsläufig den Eindruck erhalten, dass die in der Schweiz lebenden Frauen heute konstant diskriminiert, massiv überlastet und mit ihrem Schicksal ausgesprochen unzufrieden sind – Opfer einer Männergesellschaft.

«Frau oder Fräulein?»

Das ist natürlich Unsinn. Und ein Ärgernis, weil dadurch der Feminismus insgesamt als überspannt und abgedriftet erscheint. Dabei ist die Frauenemanzipation die wichtigste gesellschaftliche Basisbewegung der jüngeren Geschichte. Sie hat ebenso hartnäckig wie konsequent die Freiheit der weiblichen Hälfte der Menschheit vorangebracht wie nichts sonst. In der westlichen Welt haben sich Frauen ihre Rechte und Chancen in langen Kämpfen erstritten, angefangen mit der französischen Schriftstellerin Olympe de Gouges, die sich mit ihrer «Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin» von 1791 gegen die damalige Tyrannei der Männer stellte und für die volle Gleichberechtigung des «an Schönheit wie auch an Mut» überlegenen Geschlechts eintrat – zwei Jahre später starb sie auf dem Schafott. Die Nachfahrinnen der französischen Urfeministin steigen heute in Pakistan, in Saudi-Arabien oder in anderen frauenfeindlichen Ländern auf die Barrikaden und riskieren dabei allzu oft ihr Leben.

In der Schweiz forderte die Frauenemanzipation soweit bekannt keine Toten. Doch auch hier verlief die politische, rechtliche und soziale Öffnung ausgesprochen zähe. Die Frauen waren im patriarchalen Bevormundungsstaat lange Bittstellerinnen, ihr Universum war der Haushalt, während die Männer dafür sorgten, dass die bedeutenden Dinge ihnen vorbehalten blieben – die eidgenössische Politik war gar bis 1971 eine rein männliche Domäne, was zum Schämen ist. Auch gesellschaftlich waren die Zeiten bleiern. Eine verheiratete Frau stand bis Ende der 1980er Jahre unter der Knute des Angetrauten, die Frage, ob man «Frau oder Fräulein» sei, war Standard, dass eine «gute» Mutter nicht arbeitete, galt als ungeschriebenes Gesetz, und selbstredend waren es immer die Frauen, die in den Sitzungen den Kaffee servierten. Der Feminismus hat mit all dem aufgeräumt. Er hat klassische liberale Prinzipien durchgesetzt, die Frauen unabhängig und selbstbestimmt gemacht und die Männer langsam, aber sicher vom Sockel gedrängt, von dem herab sie so bequem auf die Frauen hatten schauen können.

In der Schweiz sind Frauen jetzt ebenso gleich und frei wie Männer. Die Gleichheit vor dem Gesetz wurde umgesetzt, die Gleichheit der Lebenschancen ist Realität, die entscheidenden Pflöcke sind fest eingeschlagen. Reaktionäre Entwicklungen wie in den USA, wo das Recht der Frauen auf Abtreibung zunehmend unter Beschuss gerät und der freie Entscheid über die Kinderfrage ernsthaft gefährdet scheint, sind bei uns nicht auszumachen. Gleichzeitig leben wir in der Schweiz nicht in einer idealen Welt, und Gründe, sich zu beklagen, findet man immer. Wenn Männer Macho-Attitüden an den Tag legen, die weibliche Konkurrenz im Beruf ausgrenzen oder Frauen generell neben sich kleinhalten wollen, ist das nervig und selbstverständlich ein Grund, sich zu wehren. Doch lange nicht alle Männer sind frauenfeindliche Chauvinisten, und die Streik-Aktivistinnen machen es sich definitiv zu einfach, wenn sie aus dem Umstand, dass das Leben nun mal widrig sein kann, ein allgemeines Problem von struktureller Benachteiligung und Gewalt gemäss Gender-Studies-Lehrbuch konstruieren. Diese Sicht hat mit dem wirklichen Leben der weiblichen Bevölkerung nichts zu tun.

Weibliche Opferfantasien

Es ist so wahr wie banal: Dank des Feminismus können die Frauen heutzutage ein freies und vielfältiges Leben führen, allein, zu zweit, mit oder ohne Kinder, mit oder ohne Karriere. Das ist häufig toll, mitunter aber auch mühsam und arbeitsreich. Sicher läuft nicht bei jeder Frau alles optimal, und sicher gibt es auch in der Schweiz noch Luft nach oben. In diesem Sinn ist zu hoffen, dass die Frauenbewegung wieder mehr realitätsbezogene Debatten führt und sich nicht von extremen Ideologien und weiblichen Opferfantasien kapern lässt – verglichen mit den früheren Frauenkämpfen ist das gar schwächlich.

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Kommentare

Meinrad Odermatt

09.06.2019|14:06 Uhr

"Doch lange nicht alle Männer sind frauenfeindliche Chauvinisten". Eine verunglückte Formulierung, die genau dem Unterstellungsschema der Linken entspricht. Etwas unterstellen, was sehr einfach ist, weil man weiss, dass die Widerlegung der Unterstellung fast nicht gelingen kann. Und schon ist der Weg frei um das Unterstellte zu bekämpfen um seine eigenen Ziele durchzusetzen. Es gibt keinen Gott. Widerlegen Sie es! Umgekehrt genau so. Nur die grünen Marxisten kennen die Antwort. Meine Alternative zum Satz oben wäre: "Nur die wenigsten Männer sind oder waren frauenfeindliche Chauvinisten".

Juerg von Burg

08.06.2019|10:24 Uhr

Hoffe ja, das ist die letzte Sondernummer, denn die rechtliche Gleichstellung ist erreicht, der Rest ist im Prinzip Privatsache. Frauen- oder Männerbewegungen sind nicht mehr notwendig, schaden nur noch den existierenden Beziehungen. Es ist auch interessant, dass Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern z. B. in den Primarschulen meines Wissens seit 2012 etwa nicht mehr diskutiert werden. Hier bestünde Handlungsbedarf und gerade Mütter von Knaben müssten die Ungleichheit zu Lasten der Knaben sehen! Google: "Geschlechtertrennung vor Pubertät in Schulen".

Inge Vetsch

07.06.2019|18:12 Uhr

Super Text! Als Frau, die in jugendlichen Jahren (70er/80er) dafür "gekämpft" hat, dass man ihr "Frau" statt "Fräulein" sagt, und für noch vieles mehr, kann ich jeden Satz hier unterschreiben.

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