Wunderbares Kosovo

Das kleine Balkanland ist zu Unrecht unterschätzt. Es bietet grandiose Landschaften, gastfreundliche Menschen und eine faszinierende Kultur.

Kürzlich kam ich auf einer Party mit einem Unbekannten ins Gespräch. Ich erzählte, dass ich die Ferien im Kosovo verbracht hätte, worauf er mich erstaunt ansah. «Ah ja», sagte er sarkastisch, «und wo verbringen Sie sonst so Ihre Ferien? Afghanistan? Libyen?»

Nun war es an mir, erstaunt zu reagieren. Höflich erklärte ich, dass der Krieg im Kosovo lange her sei, schon bald, am 11. Juni, werde der 20. Jahrestag des Kriegsendes begangen. Ich wies auch darauf hin, dass das Kosovo nicht in Asien oder Afrika liege, sondern in Europa. Viele Touristen besuchen andere Länder in der Region, etwa Montenegro, Kroatien oder Bulgarien. Immer mehr besuchen Albanien. Warum das Kosovo also anders behandeln?

Mir ist klar, dass ich kein normaler Tourist bin. Seit den 1980ern reise ich regelmässig in die Region, und vor 21 Jahren habe ich eine umfangreiche Geschichte des Kosovos veröffentlicht. Vielleicht verstehe ich mich als Anwalt dieses kleinen Landes – und zwar nur deswegen, weil es gute Gründe dafür gibt: Das Kosovo war und ist Objekt ungerechter Vorurteile.

Recht auf Unabhängigkeit

Das hat natürlich einen politischen Hintergrund. Die Unabhängigkeit des Kosovos, die 2008 ausgerufen wurde, war der endgültige, längst überfällige Schritt im Prozess der Auflösung des alten Jugoslawien. Die jugoslawische Verfassung hatte das Kosovo auf widersprüchliche, ambivalente Weise behandelt – einerseits als Teil Serbiens, andererseits als autonome Provinz des Bundesstaats Jugoslawien. Tatsächlich besass das Kosovo alle Schlüsselinstitutionen einer föderalen Einheit, und als Jugoslawien zerfiel, hatte es das gleiche Recht auf Unabhängigkeit wie Kroatien, Slowenien und der Rest.

Mit der Unabhängigkeit wurde auch eklatantes Unrecht wiedergutgemacht. Das Kosovo war 1912 von den Serben erobert worden, gegen den Willen des überwiegenden Teils der Bevölkerung. Es folgte eine Politik, die offiziell als «Kolonisierung» bezeichnet wurde. Unter Tito wurde die Unterdrückung durch Belgrad schrittweise gelockert, unter Milosevic, der faktisch ein Apartheid-Regime errichtete, wurde diese Politik wieder verschärft. Und schon vor dem Krieg von 1999 wurden Häuser von Kosovo-Albanern niedergebrannt, Hunderttausende flohen aus ihrer Heimat. Der Abzug von Milosevics Armee im Juni 1999 war ein grosser Schritt hin zu einer Wiederherstellung von Gerechtigkeit.

Dennoch ist die Haltung des Westens gegenüber dem Kosovo bestenfalls lauwarm, im schlimmsten Fall feindlich. Fünf EU-Staaten verweigern dem Land die Anerkennung, bestehen darauf, dass es nach wie vor zu Serbien gehört. Die Gründe sind in der innenpolitischen Situation der jeweiligen Länder zu suchen (Spanien denkt an Katalonien usw.), aber im Endeffekt hat das Kosovo darunter zu leiden. Und lautstarke serbische Lobbyisten reden ständig von organisierter Kriminalität im Kosovo, als wären Mafiabanden nicht auch in anderen Balkanstaaten aktiv, einschliesslich Serbien, das sich unter Milosevic in eine Art Gangsterstaat verwandelte.

Unternehmungsgeist eines jungen Landes

Natürlich ist es richtig und notwendig, in Sachen Kriminalität und Menschenrechtsverletzungen wachsam zu sein. Das sollte uns aber nicht davon abhalten, anzuerkennen, dass ein Volk, das systematisch unterdrückt wurde, nun die Chance hat, sich selbst zu regieren. Ein Land, das als Ergebnis eines Krieges geboren wurde und keine demokratischen Traditionen hat, muss in mancherlei Hinsicht einen holprigen Start haben. Aber dass es sich auf den Weg gemacht hat, ist positiv.

All diese Überlegungen sollten vernünftigen, vorurteilslosen Westeuropäern eigentlich einleuchten. Doch es sind abstrakte Überlegungen, die sich um Politik und Gerechtigkeit drehen, und deswegen erfassen sie nicht das Vergnügen und den Gewinn, die ein Besuch des jüngsten europäischen Landes bietet. Konkrete menschliche Erfahrung lässt sich nur schwer in einem Wort zusammenfassen, und ohnehin kann man ein ganzes Land nicht in der Weise charakterisieren, wie man etwa einen Bekannten beschreiben würde. Ich möchte aber versuchen, hier einige meiner Eindrücke zu vermitteln.

Erstens: Das Kosovo hat die Energie und den Unternehmungsgeist eines jungen Landes. Zwei Drittel der Bevölkerung sind unter dreissig. (Kinderreiche Familien sind seit alters üblich, aber diese Praxis stirbt zusehends aus.) Die Bars und Cafés in der Hauptstadt Pristina sind an Sommerabenden überfüllt, junge Leute stehen grüppchenweise auf der Strasse und plaudern, es herrscht eine gelöste und lebendige Atmosphäre.

Zweitens: Im Kosovo gelten noch immer jene alten Traditionen, die wir schätzen: Gastfreundschaft, nicht nur gegenüber eingeladenen Gästen, sondern auch gegenüber Fremden, grosse Loyalität unter Freunden und ausgeprägte Familienwerte – Alten wird mit Ehrerbietung begegnet, Müttern mit Respekt, Kindern mit Fürsorglichkeit. Im Vergleich zu dem Willkommen, mit dem man beim Betreten eines kosovarischen Hauses empfangen wird, ist westeuropäische Gastfreundschaft hohl. Und wenn man das Glück hat, einen Kosovaren als Freund gewonnen zu haben, dann weiss man, dass man ihm sein Leben anvertrauen kann.

Diese Traditionen mögen in den Dörfern stärker sein, aber sie sind das Fundament der gesamten Gesellschaft, selbst in den grossen Städten. Das urbane Leben ist in gewisser Weise moderner und säkularer, was nach einem halben Jahrhundert kommunistischer Herrschaft nicht verwundert. Für die meisten Leute, und fast alle Jungen, ist der Islam Teil ihrer Kultur, aber er wird nicht streng befolgt. Und der traditionelle Islam des Kosovos, geprägt vom toleranten Sufismus, koexistiert seit langem ausgesprochen gut mit der katholischen Kirche, die seit dem Mittelalter in der Geschichte des Kosovos ununterbrochen präsent ist.

Mythisches Amselfeld

Drittens: Das Kosovo ist ein Land voller Naturschönheiten. Die Gebirgszüge im Süden und Westen sind spektakulär. Ich erinnere mich besonders gern an eine lange Bergwanderung im Süden, von Mazedonien ins Kosovo, die ich 1989 unternahm: die dunklen Wälder, die Forstarbeiter mit ihren Äxten und Maultieren, die Schäfer mit ihren Herden auf den hochgelegenen Weiden, und noch weiter oben, unter den schneebedeckten Gipfeln, die grünen Wiesen, auf denen Wildpferde umhertollten.

Und viertens: Für jeden geschichtlich Interessierten ist das Kosovo ungeheuer faszinierend. Die schönste Stadt, Prizren, vermittelt mit ihren Moscheen, Kirchen, Brücken und Brunnen einen authentischen Eindruck vom einstigen Osmanischen Reich in Europa. Es gibt wunderschöne orthodoxe Klöster, etwa in Decani und Gracanica, die im Mittelalter von serbischen Herrschern errichtet wurden. Und es gibt das Amselfeld, wo 1389 die berühmte Schlacht um das Kosovo stattfand, und in dem nahegelegenen osmanischen Grabmal wird das Herz von Sultan Murad aufbewahrt.

Teilung ist keine Lösung

Die orthodoxen Klöster sind integraler Bestandteil des kosovarischen Kulturerbes, so wie auch die Serben, die im Kosovo leben, gleichberechtigte Bürger des Landes sind. Politische Propaganda aus Belgrad hat viele Serben radikalisiert, die im Nordzipfel des Kosovos leben. Aber mindestens die Hälfte der Serben lebt im Süden, weshalb alles Gerede von einer Teilung als «Lösung» des Problems der serbischen Minderheit in die Irre führt. Die beste Zukunft für alle Serben des Kosovos ist die, normale Bürger eines normalen Landes zu sein. Und am ehesten können wir diese Entwicklung fördern, indem wir das Kosovo so normal wie möglich behandeln. Nicht indem wir bei jeder Erwähnung des Namens mit eingeübter Feindseligkeit reagieren, sondern indem wir das Kosovo als unabhängigen Staat respektieren – und vielleicht sogar in unsere Liste von Urlaubszielen aufnehmen.

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Kommentare

Hans Georg Lips

03.06.2019|20:34 Uhr

Weshalb gehen die 10% der Bevölkerung, die hier sind, nicht in ihr schönes Land zurück? Eben!

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