«Verdammt, wir sind auf französischem Boden!»

Vor 75 Jahren befreiten die Alliierten Europa von den Nazis. Tausende Geschichten wurden über den D-Day geschrieben. Unser AutorGiles Miltonbeschreibt die Invasion aus einer frischen Perspektive: aus derjenigen der Soldaten in den Schützengräben, Bunkern und Landungsbooten.

Am 6. Juni 1944 kurz nach Mitternacht warf sich ein junger deutscher Offizier namens Helmut Liebeskind, beunruhigt wegen des Lärms alliierter Bombenflugzeuge, die Uniformjacke über und trat hinaus in die feuchte Nachtluft, um nachzusehen, ob irgendetwas Unheilvolles im Gange war.

Was er sah, versetzte ihm einen Mordsschreck. Durch eine Lücke in den Wolken konnte er zweimotorige Flugzeuge ausmachen, die Lastensegler im Schlepp hatten. Dies war kein Bomberverband, die Lastensegler würden feindliche Truppen absetzen.

Liebeskind war vermutlich der erste deutsche Soldat, der Zeuge des Auftakts des D-Days wurde – der Landung einer grossen Zahl von Lastenseglern in der Normandie. Er lief zurück in seinen Befehlsstand und schnappte sich das Telefon. «Herr Major», rief er aufgeregt in den Hörer, «in unserem Abschnitt setzen Lastensegler zur Landung an.»

Bruchlandung

In einem unterirdischen Befehlsbunker in Caen, nur wenige Kilometer entfernt, hatte eine junge deutsche Funkerin namens Eva Eifler gerade ihre Nachtschicht begonnen, als überall in der Normandie von deutschen Posten Meldungen eingingen, die besagten, dass offenbar eine gigantische Invasion alliierter Luftlandetruppen im Gange sei.

Das war korrekt. Zwischen Mitternacht und den frühen Morgenstunden wurden nicht weniger als 13 000 amerikanische Fallschirmjäger und 8500 britische Luftlandetruppen über der Normandie abgesetzt.

Zu den Letztgenannten gehörte auch Wally Parr, dessen Aufgabe es war, zusammen mit seinen 181 Kameraden von der 6. Luftlandedivision zwei strategisch wichtige Brücken einzunehmen, und zwar in Bénouville und Ranville. Wenn die beiden Brücken nicht in dieser Nacht eingenommen wurden, könnten deutsche Panzer in Richtung Küste vorrücken und die alliierten Verbände dort bei ihrer Landung angreifen.

Mit einem Lastensegler zu landen, war schrecklich. Wally Parrs Lastensegler legte eine Bruchlandung hin, so dass praktisch alle Mann an Bord durcheinandergeworfen wurden und das Bewusstsein verloren.

«Charlie, raus mit dir!», rief Wally Parr seinem Kumpel Charles Gardner zu, als der schliesslich wieder zu Bewusstsein kam. Er und Charlie waren ein Zwei-Mann-Team. Sie sprangen aus dem zerstörten Lastensegler und liefen auf die Brücke von Bénouville zu.

«Kommt raus und kämpft, ihr Mistkerle!», brüllte Parr. Er und Gardner warfen Phosphorgranaten in die Unterstände, die die Deutschen rings um die Brücke angelegt hatten.

«Ich schwitzte, mir war schlecht»

«Als wir uns, noch immer Handgranaten schleudernd, dem anderen Ende näherten, rannten die Deutschen um ihr Leben.» Das war das Ende des Gefechts. Der Kampf um die Brücke von Bénouville ging ebenso dramatisch zu Ende, wie er begonnen hatte. Die Alliierten hatten ihren ersten Sieg errungen.

Während die Briten an den beiden Brücken kämpften (und beide schliesslich einnahmen), arbeiteten sich die amerikanischen Fallschirmjäger in die Stadt Sainte-Mère-Eglise vor. Dies war ebenfalls ein strategisch wichtiger Punkt, da die Stadt an der Hauptstrasse nach Cherbourg lag und nur einen Steinwurf von Utah Beach entfernt war, einem der fünf Invasionsabschnitte.

Utah Beach war das Ziel von Leonard Schroeder und seinen 150 Mann der 6. Kompanie des 8. Infanterieregiments. Wenn alles nach Plan lief, würden sie im Morgengrauen landen und als erste alliierte Soldaten Fuss auf französischen Boden setzen. Ihnen würden Hunderte anderer Boote folgen, beladen mit Jeeps, Panzern und gepanzerten Fahrzeugen sowie 21 000 Soldaten der 4. Infanteriedivision.

Schroeders Landungsboot näherte sich Utah Beach und schrammte über den Kiesboden. Schroeder sprang in das hüfthohe Wasser, watete durch die Brandung und duckte sich immer wieder vor feindlichem Feuer. Nur wenige Sekunden später war er der erste alliierte Soldat, der am D-Day vom Meer aus an Land ging.

Er führte seine Jungs über den Strand, und schliesslich erreichten sie den niedrigen Deich. Innerhalb weniger Minuten war Schroeders Einheit an Land, mit nur geringfügigen Verlusten. Wenn es an den anderen vier Abschnitten genauso glattlief, würde der D-Day ein Spaziergang sein.

Doch an Omaha Beach, einige Kilometer östlich von Utah Beach, sah die Sache ganz anders aus. Hier hockte der neunzehnjährige deutsche Schütze Karl Wegner in dem Betonbunker WN 72. Er erschrak beim Anblick der Alliierten an der Küste. «Plötzlich kamen die ganzen Landungsboote direkt auf den Strand zu. Ich schwitzte, und mir war ganz schlecht.»

«Feuer, Wegner, Feuer!», brüllte sein Vorgesetzter. Wegner drückte ab und sah, wie Männer zu Boden fielen. «Mein Verstand sagte mir: Das ist Krieg. Aber trotzdem hatte ich einen üblen Geschmack im Mund.»

Für die Amerikaner war es die Hölle. Hal Baumgarten sprang ins Wasser, und im selben Moment geriet sein Landungsboot unter MG-Beschuss. «Männern hingen die Gedärme aus dem Leib, und überall am Strand lagen Körperteile.»

Dann ein ohrenbetäubender Knall, und Baumgarten war, als habe ihn ein Baseballschläger getroffen. «Mein Oberkiefer war zertrümmert, die linke Wange zerschossen. Der Gaumen war zerfetzt, Zähne und Zahnfleisch flogen im Mund herum.»

Sommernacht in flachen Erdgruben

Baumgarten schaute sich um und sah, wie es seine Freunde und Kameraden erwischte. Omaha Beach war ein einziges Massaker, dem niemand entkommen konnte.

Der ersten Welle, die an Sword Beach landete, 45 Kilometer weiter östlich, war ein ähnliches Schicksal bestimmt. Als Cliff Morris, ein junger Soldat des 6. Kommandos, um 8.40 Uhr an Land ging, war der Strand mit Leichen übersät.

Unter denen, die mit ihm landeten, war Stanley «Scotty» Scott, ein unerschrockener Haudegen, dessen platte Nase von vielen Kneipenschlägereien zeugte. Er war immer in vor-derster Reihe dabei und sah keinen Grund, warum seine mit Klappfahrrädern ausgerüstete Abteilung nicht auch als erste die Brücke von Bénouville erreichen sollte, die von Wally Parr und seinen Männern gehalten wurde.

Kurz vor der Brücke stiessen sie auf einen verwundeten britischen Fallschirmjäger, der auf der Erde lag. Er musterte Scotty und sagte: «Verdammte Scheisse, wo wart ihr?»

Die letzten hundert Meter waren äusserst gefährlich. Scott fuhr mit Karacho über die Brücke und suchte hinter einem ausgebrannten deutschen Fahrzeug Deckung. Seine Männer hatten bemerkenswerte Fortschritte gemacht, aber der Tag war noch nicht vorbei. Sie mussten nun den etwas höher gelegenen Küstenstreifen erobern, um zu verhindern, dass die Deutschen im Schutze der Dunkelheit einen Gegenangriff unternahmen.

Die Männer stiessen nach dem Dorf Le Plein vor, wo sie die Nacht verbrachten. Noch eine Überraschung erwartete sie an diesem langen und strapaziösen Tag. «Kurz nachdem wir den Ort erreicht hatten, entstand plötzlich grosse Aufregung.» Die Bewohner von Le Plein kamen aus ihren Häusern gelaufen und zeigten erregt in den Himmel.

«Avions! Avions boches!»

Von der Luftwaffe war an diesem Tag kaum etwas zu sehen gewesen, doch nun waren die Deutschen offenbar im Begriff, aus niedriger Höhe anzugreifen. «Der Himmel war schwarz von Flugzeugen», sagte einer aus dem Kommando.

Aber die Franzosen hatten sich getäuscht. Es waren keine feindlichen Flugzeuge, sondern Briten und Kanadier, die eine neue Welle der Luftlandedivision brachten.

«Fallschirme schwebten vom Himmel, kamen immer näher, und dann landeten sie.» Cliff Morris kämpfte mit den Tränen. «Diesen Anblick werde ich nie vergessen!»

Viele alliierte Soldaten verbrachten diese kurze Sommernacht in flachen Erdgruben. Der grosse Vollmond hätte in der Dunkelheit vielleicht Trost spenden können, aber er leuchtete wie ein Scheinwerfer. Viele Soldaten waren halbverhungert, weil sie seit dem Frühstück, das sie während der unruhigen Überfahrt ausgespuckt hatten, nichts mehr zu essen bekommen hatten.

Brückenkopf in der Normandie

In der Nacht, die auf die Landung folgte, gab es viele merkwürdige Szenen. Besonders merkwürdig war eine, die sich in einiger Entfernung von Gold Beach abspielte. Major Peter Martin war am Morgen mit dem Aufziehgrammofon seiner Schwester an Land gegangen. Nun, gegen Mitternacht, öffnete er den Kasten und legte «Paper Doll» auf – einen Song der Mills Brothers, der die Lebensgeister der Männer wecken sollte.

Anderswo versteckten sich alliierte Soldaten, die um ihr Leben fürchteten. Aber hier, an diesem Ort im Hinterland, weit ausserhalb der Hörweite von Deutschen, erklang im Mondschein das Lied der Mills Brothers.

Es war das fröhliche Ende eines siegreichen Tages. Ungefähr 11 200 Soldaten waren gefallen oder schwer verwundet worden, aber die Alliierten hatten nun einen Brückenkopf in der Normandie. Es war ein Brückenkopf, der zum Sieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg führen sollte.

Giles Milton: D-Day. The Soldiers’ Story. Hodder & Stoughton. 512 S., Fr. 46.90

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