Das schlimmste Kompliment

Das falsche Lob an eine Frau kann Lebenskrisen provozieren. Damit das nicht passiert, gilt es etwas zu beachten.

«Du siehst gut aus für dein Alter.» Manchmal kommt es ohne Vorwarnung. Ein guter Bekannter wollte neulich etwas Nettes sagen, und der Schluck Kaffee im Mund schmeckte plötzlich ganz bitter. Für mein Alter? Man kann sich selbstverständlich weigern, den drei Wörtern eine grössere Bedeutung beizumessen. Kann sie ignorieren und Format zeigen: «Danke, du auch. Aber es dünkt mich, dein Haar lichtet sich etwas.»

Komplimente sind wunderbar. Worte, die wie eine flauschige Feder über den verspannten Nacken des Selbstwertgefühls streichen. Jedes Kompliment zaubert ein Lächeln aufs Gesicht. Nur eines garantiert nicht, und schon gar nicht bei einer Frau: «Du siehst gut aus für dein Alter.» Wer nicht möchte, dass eine gute Stimmung sich rascher in Luft auflöst als das frühmorgens aufgetragene Parfum, sollte die Worte besser bleibenlassen. Denn das Problem ist: das Alter. Wenn man etwas über die erste Frische hinaus ist und die Zeichen einer Ü-40-Jährigen nicht mehr aus dem Gesicht wegconcealern kann, taugen Komplimente mit Altersbezug für unsere Seelenverfassung etwa so gut wie ein kleines Sonnenbad auf dem Planeten Merkur für die Haut. Es ist genauso schlimm, wie als gestandene Frau bezeichnet zu werden – gestandene Dinge gehören in eine Vitrine im Antikenmuseum.

Älter werden als Frau ist manchmal furchtbar. Gleich nach dem Aufstehen sieht das Gesicht aus wie etwas, das gerade ausgiebiges Auswringen hinter sich hat. Bis sich die zerknitterten Hautschichten wieder in gutmütiger Glättung präsentieren, dauert es bis nach dem ersten Kaffee. Man denkt plötzlich über dimmbare Badbeleuchtung nach, auch über die Anschaffung eines Surrogates, und kauft nur noch Sonnencreme mit Schutzfaktor 3000. Vor dem Gang unter die Menschen missbraucht man seine wertvolle Lebenszeit, um das Gesicht mit einer Puderdecke zu überziehen, die solide genug ist, eine Pistolenkugel abzufangen. Nur ist das Fiese an Make-up ja: Es macht einen zwar attraktiver, aber auch mindestens fünf Jahre älter.

Dabei ist gerade der Wunsch nach einem jüngeren Aussehen weit verbreitet. Vor ein paar Jahren ermittelte eine britische Studie, dass 60 Prozent der Britinnen ab 35 es als allergrösstes Kompliment auffassen, wenn man ihr junges Aussehen lobt – und nicht etwa ihre schlanke Figur (Britinnen kann man als Beauty-Massstab für alle Frauen nehmen). Das Kompliment stärke das Selbstvertrauen am meisten. Im Alter von 39,5 Jahren beschäftigen sich Frauen am häufigsten mit dem Aussehen – täglich. Laut Daily Mail gelten für uns Frauen als Hauptindikator fürs Älterwerden Falten, noch vor dem Verlieren unserer Zähne und dem Vergessen von Namen. Krähenfüsschen schlimmer als Greisengebiss? Wir sind bemitleidenswert.

«Für dein Alter». Damit schmiert man uns nicht nur unsere Unvollkommenheit ins Gesicht, es ist auch auf der Metaebene problematisch, weil es uns daran erinnert, dass es nie mehr so sein wird wie vorher. Dass zwischen dem, was man ist, und dem, was man sich in jungen Jahren vorgenommen hat, ein Graben klafft, so gross wie das Drama, das man um die ersten weissen Haare macht. Es drängen sich Fragen auf: Bin ich eigentlich die Person, die ich immer sein wollte? Habe ich genug gelesen? Bin ich genug gereist? War ich freundlich genug zu den Menschen? Habe ich mein Lebenspotenzial voll ausgeschöpft? Irgendwann wird man das rückblickend in aller Ernsthaftigkeit beurteilen müssen, und es dauert nicht mehr so lange wie auch schon. Und ab wann sind tiefe Décolletés nicht mehr angemessen?

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass sich 55-Jährige heute wie Anfang vierzig fühlten. Wenn das stimmt, würde man sich als Ü-40-Jährige wie Ende zwanzig fühlen. Dann würde man sich Gedanken über Aufreisser machen und nicht über Besenreiser. Man würde nachts um die Häuser ziehen, statt nach dem Essen wie eine gesättigte Kuh auf dem Sofa zu liegen und die Häuslichkeit als Teil seiner Selbstverwirklichung zu sehen. Würde sein Smartphone in erster Linie für Whatsapp benützen statt für Einträge in die Einkaufsliste. Ist man jung, denkt man doch, man könne alles schaffen. Man wird von der Welt empfangen, stürzt sich begeisterungstrunken in ihre Arme. Kann unüberwindbare Schranken überwinden. Das Versprechen steht im Raum, dass sich irgendwann schon alles wunschgemäss fügen wird. Dreissig Jahre später ist irgendwann, und viele Dinge haben sich nicht gefügt. Einige schon, aber das zählt an diesen schlimmen Tagen nicht. Vielleicht morgen wieder. Das Gefühl der Überlegenheit zerbröckelt, weicht einer neuentdeckten Bescheidenheit.

Ich möchte mit dem selbstmitleidigen Gejammer jetzt nicht die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass ich ein Verfallsdatum habe. Ich habe eigentlich keines und gebe mir immer furchtbare Mühe, es auch so aussehen zu lassen. «Ich kann von einem guten Kompliment zwei Monate lang leben», hat Mark Twain einmal gesagt. Gute Komplimente für eine Frau gibt es viele, etwa «Ich mag es, wie du denkst», «Deine Arbeit ist brillant», «Du bist wunderschön» oder «Ich wäre gerne ein bisschen so wie du». Damit kommt man nicht nur sicher durchs nächste Gespräch, sie sind, sofern ernst gemeint, gleichzeitig eine Frischzellenkur für die gebeutelte mittelalte weibliche Seele. Auch wenn das Kompliment nach zwei Tagen, bitte schön, erneuert werden muss.

Tamara Wernli, Video-Bloggerin, lebt bei Basel.
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