Frauenfeindliche Feministinnen

Der Knatsch zwischen älteren und jüngeren Feministinnen ist erstaunlich. Er offenbart eine heute selbstgefällige und überhebliche Frauenbewegung.

Eine Facette der modernen Feministinnen ist ja der Drang, den gesellschaftlichen Diskurs zu bestimmen. Dass man sich dafür auch nicht zu schade ist, Leute aus den eigenen Reihen zu diffamieren, zeigt der Fall Alice Schwarzer. Die bekannteste Frauenrechtlerin von Deutschland und Herausgeberin des Magazins Emma setzt sich seit zirka fünfzig Jahren für die Rechte der Frau ein. Seit sie aber gewisse Aspekte am Islam kritisiert, wird sie vor allem von der jüngeren Feministengeneration als Rassistin, Anti-Muslimin, Anti-Feministin und Übergriffige beschimpft. Ich bin jetzt nicht unbedingt ein Schwarzer-Fan, aber ich halte das für erbärmlich. Und nicht nur das, mit diesen Labels zerstört man die Debatte, mit der Rassismuskeule ist kein vernünftiges Gespräch mehr möglich. Vermutlich ist das aber Ziel der ganzen Übung.

Schwarzer war neulich auf einer Konferenz in Frankfurt zum Thema Kopftuch. Sie spricht sich für ein Kopftuchverbot für Kinder aus, in Schulen und im öffentlichen Dienst. Für sie ist das Kopftuch die «Flagge des politischen Islam». Sie ist nicht die Einzige, die so denkt, auch die Frauenorganisation Terre des Femmes (TDF) schrieb jüngst auf Twitter: «TDF begrüsst Kopftuch-Verbot an Grundschulen in Österreich als wichtigen Schritt für den Mädchenschutz. Das Gesetz sollte jedoch ausgeweitet werden und öffentliche Bildungseinrichtungen solltem frei von allen religiösen und weltanschaulichen Symbolen sein.»

Wie Tagesspiegel.de berichtete, kam es am Rande des Events zu einer Auseinandersetzung; ein Video zeigt, wie die 76-Jährige eine junge Muslima leicht am Arm berührt. Es folgt ein hitziges Wortgefecht – die Demonstrantin droht Schwarzer mit einer Anzeige, die aber kontert ironisch: «Oh, ich dachte, nur ein Mann darf Sie nicht anfassen!» Ja, für die Übersensiblen die Beleidigung schlechthin. Namhafte deutsche Publizistinnen warfen Schwarzer Arroganz und Überheblichkeit vor, Übergriffigkeit auch; wenn das Feminismus sei, schäme man sich, Feministin zu sein. Du meine Güte. Man muss sich fragen: Wurde Schwarzer schon festgenommen wegen ihres Übergriffs? Sie hat doch tatsächlich den Arm einer Frau gestreift!

Wenn Schwarzer (oder andere) patriarchale Verhältnisse unter Migranten kritisiert, ist das legitim. Wenn sie in ihrem Buch vor Kulturrelativismus warnt oder die Political Correctness nach besagter Silvesternacht in Köln kritisiert, ist das legitim. Wenn sie schreibt, dass es mit «spezifischen Menschengruppen spezifische Probleme» geben kann – ist auch das ihr gutes Recht. Kritik ist nicht gleich Hetze, ist nicht Rassismus. Vor allem aber denkt sich Schwarzer ihre Thesen ja nicht am Schreibtisch aus, sie kennt die muslimische Kultur durch zahlreiche Reisen in diese Länder – anders als viele der neuen jungen Aktivisten, die ihre Informationen meist nur aus ihren Studenten-WG zu haben scheinen.

Man muss Schwarzers Thesen nicht zustimmen, kann sie mit Argumenten widerlegen. Dass man offen über eine Religion spricht, ist etwas Gutes. Eine ehrliche Debatte über Aspekte, die viele Menschen beschäftigen, sollte in einer fortschrittlichen Gesellschaft möglich sein. Ausserdem können Ereignisse oder religiöse Texte unterschiedlich interpretiert werden – genauso wie Statistiken, gemäss denen Frauen 7,7 Prozent weniger Lohn erhalten; dass der Pay Gap auf Diskriminierung zurückzuführen ist, ist nur eine Sichtweise von mehreren.

Eine Frauenikone als Anti-Feministin zu beschimpfen, ist etwa so sinnreich, wie Greenpeace für den Klimawandel verantwortlich zu machen. Es zeigt die Hysterie, mit der die Debatte geführt wird. Gerade jüngere Feministinnen machen keinen Hehl daraus, dass sie Schwarzer als Rassistin sehen. Als Schwarzer neulich in einer Debatte mit Spiegel-online-Kolumnistin und Vorzeigefeministin Margarete Stokowski diese darauf ansprach, dass sie von ihr permanent als «Rassistin» beschimpft werde, meinte die 33-jährige Stokowski: «Finden Sie das arg beleidigend?» Eine reichlich drollige Frage für jemanden, der ansonsten an jeder Ecke beleidigendes Verhalten gegenüber Frauen ausmacht.

Feministinnen betonen zwar stets den Zusammenhalt unter Frauen – der gilt aber nur für jene, die ihre Ideologie zu 100 Prozent teilen. Äussert eine Kritik, nimmt die Entrüstung das Mass öffentlicher Verbalhinrichtung an. Das offenbart nicht nur eine beschämende Intoleranz, sondern auch, dass aus dem Emanzipationskampf von früher eine anmassende und selbstzerstörerische Bewegung geworden ist. Vielleicht liegt es ja daran, dass es heute – im Gegensatz zur ersten und zweiten Welle des Feminismus in den 1870er und 1960er Jahren – weder Selbstopfer noch Courage, nicht mal Risiko braucht; die Frauenversteherinnen der dritten Welle wettern hauptsächlich von ihren Schreibtischen aus. Und von dort aus nehmen sie für sich in Anspruch, für alle Frauen zu sprechen. Fun fact: Gerade erst hat eine Studie von Yougov-Cambridge herausgefunden, dass sich in Deutschland nur eine von sieben Frauen als Feministin bezeichnet.

Viele Frauen wollen gar nicht vom Feminismus gerettet werden. Was wir aber wollen: Debatten führen können über Dinge, die uns beschäftigen, ohne dass wir dafür an den öffentlichen Ismus-Pranger gestellt werden. Liebe Feministinnen, kontert uns mit den besseren Argumenten und nicht mit Ver-leumdung.

 

Tamara Wernli, Video-Bloggerin, lebt bei Basel.Aktuelles Video auf www.weltwoche.ch

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Kommentare

Richard Müller

26.05.2019|11:04 Uhr

@Tino Fisch: Wenn ich mir Charles Bukowsky, wie der in den 1970 Jahren unterwegs war, in die heutige Welt hinein vorstelle, vermute ich, dass er spätestens 2017 von den Feministinnen, Moralisten, Schwulen, Lesben und wer sonst noch alles die unumstösslichen Massstäbe von heute definiert, hinter sieben Metern dicken Mauern so eingekerkert worden wäre, dass nie wieder ein Ton von ihm nach aussen dringen kann. Für Bukowsky war es eine Gnade, dieser Welt 1994 zu entkommen.

Tino Fisch

25.05.2019|21:47 Uhr

Hier eine kürzlich gelesene Definition des Feminismus von Charles Bukowsky, Schriftsteller 1920–1994: «Feminismus existiert nur, um hässliche Frauen in die Gesellschaft zu integrieren.»

Richard Müller

25.05.2019|14:19 Uhr

Der Feminismus ist das Gefäss, in welchem die Frauen sich ungeniert austoben dürfen. Die Männer bleiben aussen vor und beobachten mit Staunen und Entsetzen, was abgeht, wenn die Damen unter sich sind. Hass und der Wille zur öffentlichen moralischen Hinrichtung kritischer Stimmen prägen das Bild. Leider manifestieren sich diese für die Feministinnen so typischen Verhaltensweisen auch überall dort deutlich, wo der Frauenanteil schnell wächst: In der Politik und Wirtschaft. Für mich ist Gleichberechtigung seit jeher selbstverständlich. Anständiges Benehmen fordere ich trotzdem ein.

Richard Fischer

24.05.2019|15:29 Uhr

Wer die Rassismuskeule schwingt, hat doch keine echten Argumente und verweigert daher vernünftige Gespräche. Natürlich wird versucht, Argumente zu erzeugen, indem Gewalt gegen Frauen provoziert wird und mit zunehmender Überlastung der Frauenhäuser. Dazu sind Männer aus patriarchalen Gesellschaften sehr willkommen. Die Liebe braucht nun mal die Kooperation mit gegenseitigem, ehrlichem Wohlwollen und keinen Widerstand, wie z. B. konsequentes Neinsagen, wo der Vernünftige sich respektvoll trennt und der andere zum Gewalttäter wird. Neidmotto: Wenn ich keine Liebe habe, sollst Du auch keine haben!

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