Kniefall der Polizei

Zürcher Hooligans können sich ungestört entfalten, obwohl die Polizei danebensteht. Sicherheit aber ist eine Staatsaufgabe. Der Fall GC ist auch ein Fall Schweiz.

Letzter Sonntag, Muttertag. Es ist halb sechs Uhr abends. In Luzern liegen die Grasshoppers 0:4 hinten. Es ist der Abstieg. Der Untergang.

In der Zürcher Fankurve brodelt es. Irgendwann steigen Hooligans über Abschrankungen. Die Polizei im Stadion schaut zu, kann, will, mag es nicht verhindern. Befehl? Trauen sie sich nicht? Spielabbruch.

In Italien hätte man die Krawallmacher gar nicht erst ins Stadion gelassen. Spätestens jetzt wären sie in Deutschland festgenommen und weggefahren worden.

Die GC-«Fans» sind betrunken, einige haben Drogen intus. Sind frustriert, das kann man verstehen, aber ihr Verhalten ist nicht tolerierbar.

Sie fordern: Die GC-Spieler sollen sich vor ihnen bis auf die Unterhosen ausziehen.

Weigern sie sich, so drohen die Enttäuschten, gehe man mit Eisenstangen auf die Spieler los. Man wisse, wo sie wohnen. Gewalterpressung. Nötigung. Vor den Augen der Polizei. Aber nichts passiert.

Die Schweiz, im Mai 2019.

Irgendwann geht der neue GC-Präsident Stephan Rietiker runter auf den Rasen ins Getümmel. Der Mann ist Arzt und Unternehmer. Er weiss, wie es sich auf einer Intensivstation anfühlt. Auf den TV-Bildern wirkt er ruhig, unbeeindruckt von der Hitze auf dem Platz.

Es wird immer verrückter.

Weil die Polizei nichts tut, nimmt Rietiker, zum Glück Generalstäbler der Armee, Gott sei Dank haben wir ein Milizsystem, eine Lagebeurteilung zur Sicherheit vor. Es knistert. Ein falsches Wort, und es ist Krieg.

Die Polizei schaut zu.

Rietiker muss selber die Situation entschärfen. Da sich der Staat zurückzieht, avanciert der GC-Präsident zum Mediator und Sicherheitsdirektor im fremden Stadion.

Sicherheit ist die wichtigste, die älteste Staatsaufgabe. Das Gewaltmonopol hat der Staat, haben nicht die Hooligans. Theoretisch.

Rietiker entscheidet: Es ist zwar peinlich, aber besser als Eisenstangen oder Tumulte in Luzern, dass GC den Hooligans die Spielerleibchen als Trophäe überlässt. Man bringt die Leibchen. Die Situation beruhigt sich.

Tags darauf muss der Präsident Kritik einstecken. Medien werfen ihm vor, er sei eingeknickt. Man spricht von einem Kniefall. Rietiker wehrt sich. Er hat Recht.

Nicht er, die Behörden knickten ein. Nicht Rietiker, die Schweiz hat ein Problem. Wenn die Polizei zuschaut, zuschauen muss, während Hooligans den Betrieb blockieren und mit Eisenstangen drohen, läuft etwas falsch.

Gewiss: Auch die Klubs müssen aufpassen, welche Fans bei ihnen mitmarschieren. Aber die Sicherheit zu schützen, liegt beim Staat. Dafür gibt es die Armee. Dafür gibt es die Polizei.

Eine Polizei, die nur zuschaut, wenn etwas passiert, ist Ausdruck einer falschen Politik. Deshalb sagte Rietiker an einer Pressekonferenz: «Wir wählen Politiker, die nichts machen. Vielleicht müssen wir andere wählen.»

Der neue GC-Präsident ist ein kluger Mann und ein erfahrener Unternehmer. Viel Zeit hat er in den USA verbracht. Seine Spezialität sind anspruchsvolle Sanierungen.

Zweifellos ist GC so ein Fall. Aber die Vorgänge in Luzern zeigen, dass auch die Schweiz sanierungsbedürftig ist.

Wie man hört, hatten Zürcher Kommunalpolitiker keine Freude an Rietikers kritischen Bemerkungen an die Adresse der Behörden.

Die empfindlichen Magistraten sollten auf den Unternehmer hören.

Nicht nur für illegale Migranten und andere Profiteure ist die Schweiz ein Magnet. Auch die Hooligans dürfen sich hier entfalten. Ungestört vor Polizisten.

Etwas ist faul im Staate Schweiz.

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Kommentare

Alex Schneider

17.05.2019|22:14 Uhr

Profisport soll Infrastruktur, Betrieb und Sicherheitskosten selber finanzieren! Ich sehe nicht ein, warum wir braven Steuerzahlerinnen und Steuerzahler den überbezahlten Profisport via Unterstützung von Stadionbau und –betrieb und Übernahme von Sicherheitskosten subventionieren sollen, vor allem wenn wir sehen, dass sich die Hooligans immer wieder aufs Dach geben. Was soll daran von öffentlichem Interesse sein?

Rainer Selk

17.05.2019|16:31 Uhr

Als erstes müssen solche Sportarenen aus den Städten raus. Dann braucht es klare Regeln und deren Umsetzung. Ob es dann für die Polizei/Vereine einfacher wird, vermag ich nicht zu beurteilen, aber das heutige Theater liesse sich vermutlich besser eingrenzen.

Markus Spycher

17.05.2019|12:20 Uhr

Ach, Herr Köppel, man merkt, dass Sie nie bei der Polizei gearbeitet haben. Man muss eine Suppe erst aufkochen lassen, dann legitimiert sich die Anschaffung einer teuren (bewaffneten) Ausrüstung. Und erst nach einem dramatischen Einsatz erhält man Anerkennung von staatstragenden Kreisen und einer gewissen Presse. Rein literarisch-rhetorisch ist Ihr Artikel aber brillant.

René Sauvain

16.05.2019|13:14 Uhr

Wenn man, wie der GC-Vorstand annimmt, seit Jahren alles nur mit Geld erledigen kann und Drogensüchtige und betrunkene Rowdys im Stadion akzeptiert, hat im Sport nichts zu suchen!! Wer Geld besitzt, garantiert noch lange nicht für einen sportlichen und fairen Wettkampf, also lasst als Laien die Finger davon! Dass dieser Misstand über Jahre sichtbar und bekannt ist, wirft ein blamables Licht auf Politik, Polizei und Stadtrat. Wir bezahlen euch, damit Ihr zum Rechten seht und nicht nur die Rosinen aus dem Kuchen pickt! Nur noch blamabel!!!

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