Einbürgerung trotz Mehrehe

Mit ihrer kommunikativen Inkompetenz stiften Politiker Aufruhrin der Bevölkerung. Das könnte sich einfach vermeiden lassen mit etwas mehr Gespür für die Basis.

Vergangene Woche herrschte an deutschen Stammtischen und in sozialen Medien Fassungslosigkeit. Anlass war die Welt.de-Schlagzeile: «Polygamie: Einbürgerung bleibt trotz Mehrehe möglich.» Weil es nicht im Koalitionsvertrag stehe, habe Justizministerin Katarina Barley (SPD) dem geplanten Einbürgerungsverbot für Ausländer, die in Mehrehe leben, nicht zugestimmt. Einbürgerungen sollen also für polygam lebende Ausländer möglich sein, hiess es am Montag. Polygamie nicht nur gebilligt, sondern mit dem deutschen Pass belohnt? Man dachte, man habe sich verlesen.

In den meisten islamischen Ländern werden Vielehen toleriert. Der Koran spricht von Ehen mit bis zu vier Frauen – unter der Bedingung, dass Männer diese gleich behandeln, finanziell, körperlich und emotional. Stellen wir uns das einen Moment vor: ein Mann, vier Frauen und ein Zusammenleben mit den vier Damen. Selbst wenn das Poly-Konstrukt finanziell durchführbar wäre: Man muss kein Don Juan sein für die Erkenntnis, dass mehreren Frauen gleichzeitig dieselbe emotionale und sexuelle Aufmerksamkeit zuteilwerden zu lassen, ein Ding der Unmöglichkeit ist – wo die Zufriedenstellung einer einzigen Frau einen Mann ja schon überfordert.

Und was geschieht, wenn ein Mann seinen Harem finanziell nicht versorgen kann? Wie Welt.de schreibt, sind mit der Politik der offenen Grenzen 2015 viele Mehrehen aus Syrien, dem Irak oder Pakistan nach Deutschland eingewandert. Es wurden Fälle bekannt, in denen Familien erlaubt wurde, ihr vieleheliches Leben hier weiterzuführen; sie beziehen jetzt Hartz IV.

Zum finanziellen gesellt sich der Gleichstellungsaspekt. Die Vielehe unterstützt ein patriarchalisches System, das Männern zu unbeschränkter Dominanz verhilft und ihnen ungleich mehr Rechte hinsichtlich Treue, Sexualität, Ehe und Familie einräumt. Frauen in islamischen Ländern empfinden grundsätzlich nicht anders für ihre Ehemänner als Frauen im Westen. Eifersucht, Zweifel, Ehefrust – sie durchleben diese Gefühle genauso. Nur weil wenige Berichte über Frauen in polygamen Ehen zu uns durchdringen, heisst das noch lange nicht, dass sie nicht darunter leiden. Saïda Keller-Messahli vom Forum für einen fortschrittlichen Islam sagt auf Anfrage: «Hinter polygamen Beziehungen stehen selten Liebesgeschichten, sondern solche voller Leid.» Laut der Islamkritikerin betrifft Polygamie nur einige Fundamentalisten und gewisse Konvertiten. «Wenn man polygame Beziehungen anerkennen würde, leistete man nur einer frauenfeindlichen und fundamentalistischen Haltung Vorschub.»

Zu den Werten der westlichen Gesellschaft gehört die Institution der monogamen Ehe. Und auch wenn ich sie hier nicht überideologisieren will und Monogamie von vielen als unrealistisch gesehen wird, so herrscht doch Konsens darüber, dass es diese Lebensform vor dem Gesetz zu schützen gilt. Mehrere Ehepartner gleichzeitig sind in der Schweiz und Deutschland verboten. Eheliche Polygamie würde wohl auch bei Sozialhilfe oder Ehegattensplitting unlösbare Probleme mit sich bringen; ein Vorteil der monogamen Ehe ist auch, dass sie den schwächeren Partner bis zu einem gewissen Grad absichert.

Wie um alles in der Welt kann also die Idee, Fundamentalisten die Staatsbürgerschaft zu ermöglichen, überhaupt aufkommen? Besonders irritierend ist ja, dass sich mit der SPD-Politikerin ausgerechnet eine Frau dem Verbot offenbar nicht anschliessen wollte. Erhofft man sich damit eine vorteilhaftere Statistik? Oder fügen sich diese Menschen dann besser in die Gesellschaft ein? Sind Vielehen aus Sicht der feministischen Linken ein Fortschritt, von dem ich bisher nichts wusste? Wäre es bei einer rückständigen, die Frauen degradierenden Gepflogenheit, die sogar die meisten hier lebenden Muslime ablehnen, nicht wichtig, eine harte Grenze zu ziehen und das vom ersten Moment an klar zu kommunizieren? Die Kommentare in den sozialen Medien überschlugen sich, waren gehässig. Kritik hagelte es auch von fast allen Parteien.

Am nächsten Tag kam dann die Wende. Nachdem der Streit eskaliert war, habe sich Horst Seehofer durchsetzen können, wie Bild.de berichtete: «Doch keine Einbürgerung bei Scharia-Ehe.» Ein Regierungssprecher sagte, Barley sei nicht dagegen, ein entsprechendes Verbot ins Staatsangehörigkeitsrecht aufzunehmen, wenn Seehofer «eine neue Regelung, die genau das bewirkt, vorlegt». Der Rückfall ins Mittelalter war abgewendet – kollektives Aufatmen.

Die Geschichte hat kein Potenzial für einen Skandal. Frau Barley hat wohl nicht böswillig Unruhe gestiftet, hat nicht beabsichtigt, den überlasteten kulturellen Diskurs noch mehr aufzuheizen, wollte kein Bild in die Köpfe der Menschen einpflanzen, in dem fundamentalistische Neubürger trotz der Ablehnung von bestehenden Gesetzen und zivilisatorischen Werten vom Staat profitieren können.

Nur ist das Gemurkse von Politikern und ihre widersprüchliche Kommunikation, die dann meist erst auf massiven Druck der Öffentlichkeit angepasst wird, halt kein Highlight sozialer Kompetenz. Überhaupt erst eine Debatte anzustossen über die Vielehe nach Regeln der Scharia, etwas, das von der grossen Mehrheit der Leute offenkundig zurückgewiesen wird, offenbart doch auch, dass ihre vielbeschworene Volksnähe eben nur ein abstraktes Wort im deutschen Duden ist.

 

Tamara Wernli, Video-Bloggerin, lebt bei Basel.

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Kommentare

Meinrad Odermatt

22.05.2019|17:03 Uhr

Katarina Barley, 21. November 2018: "Auch bei uns in Europa gerät die offene Gesellschaft immer stärker unter Druck. Mit George Soros habe ich heute über die Bedeutung einer lebendigen Zivilgesellschaft für die Zukunft unserer Demokratie gesprochen. Es steht viel auf dem Spiel!" Das stolze Foto dieser Sitzung der deutschen Justizministerin, die Handlungsanweisungen direkt von Soros bekommt, findet sich auf ihrer Facebook-Seite. Fotogalerie. Unsere Schweiz ist ihr Europa. Im grenzenlosen Demokratie Blabla gibt es kein Mein und Dein. Wozu und worüber abstimmen? Die Elite hat freie Hand!

Juerg von Burg

18.05.2019|10:30 Uhr

Biologisch ist Vielweiberei ein interessantes Phänomen in der menschlichen Geschichte, weil "normale" Ehe einen nicht unbeträchtlichen Anteil für Frieden in einer Gesellschaft beiträgt. Als eher Biologe freut es mich, dass es Vielweiberei in dieser Welt immer noch gibt (aus Gründen der Kulturevolution und Konkurrenz zwischen Gesellschaftsformen), aber bitte nicht hier in Europa importieren, denn es ist ein nur störender Fremdkörper.

Brigitte Miller

16.05.2019|08:44 Uhr

"Frau Barley hat wohl nicht böswillig Unruhe gestiftet"Das denke ich auch, aber es passt zur seltsamen Akzeptanz der die " Frauen degradierenden Gepflogenheiten" und sonstigen Eigenarten dieser importierten Kultur. Frau Barley und andere Linke und Grüne sich Feministinnen nennende Frauen , die sonst für Freiheit, Vielfalt und Buntheit stehen, befördern eine Kultur, die das pure Gegenteil davon bedeutet .Das ist bizarr.

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