Drachensex und Brombeerwein

«Game of Thrones», die erfolgreichste Fernseh-Serie aller Zeiten, neigt sich ihrem Ende zu. Das Epos hat sich verselbständigt und dreht in den Internet-Foren munter weiter.

Noch eine Folge, dann ist «Game of Thrones» vorbei. Ich bin irrsinnig erleichtert, denn ich war besessen von der Serie. Nach der fünftletzten Episode habe ich sogar deren unumstössliches Ende geträumt und mitten in der Nacht schweissgebadet auf Facebook gepostet: «Natürlich rückt Cersei mit ihren Truppen in Winterfell an, aber erst, nachdem sich die zwei feindlichen Parteien in der Schlacht gegenseitig um 90 Prozent eliminiert haben, und gewinnt diese so spielend. Sie tötet eigenhändig zuerst Jaime und dann Arya (die Letzten, die ihr noch hätten gefährlich werden können). Danach nimmt sie auf dem Thron Platz. Ende.»

Na ja – als hundertprozentig korrekt hat sich mein Traum dann ja nicht herausgestellt, wie man inzwischen weiss.

Auf alle Fälle bin ich ab nächster Woche wieder ein freier Mensch. Das Verrückte am Ganzen ist, dass ich die Serie gar nie wirklich gemocht habe. Von Staffel zu Staffel weniger. Vor allem die vielgelobten Dialoge habe ich gehasst. Stets nach demselben Schema aufgebaut, haben sie mich zunehmend zur Weissglut getrieben: Figur X sagt, dass irgendetwas soundso ist, worauf Figur Y (vorzugsweise der zwergwüchsige Tyrion Lannister) spitzfindig verbessert, mit diesem irgendetwas verhalte es sich mitnichten soundso, sondern vielmehr soundso.

Trotzdem habe ich keine der bislang gesendeten 72 Folgen verpasst (die letzte wird am kommenden Sonntag ausgestrahlt). Warum? Weil mich die wild wuchernden Theorien masslos fasziniert haben, die die Zuschauer unermüdlich zu allem entwickelt haben, was in der Serie kreucht und fleucht, und ich diesbezüglich einfach auf dem Laufenden bleiben musste.

Das tönt dann so: Jon Snow hat einen Zwilling (Lyanna Stark hat zwei Kinder geboren)! Ned Stark ist am Leben (an seiner Stelle wurde ein Gesichtsloser geköpft, und Ned tarnt sich seither als Jaqen H’ghar)! Varys hat seine Hoden noch, und das aus einem ganz bestimmten Grund! Varys ist eine Mischung aus Mann und Meerjungfrau! Jorah Mormont ist Azor Ahai und tötet Daenerys! Die Drachen hatten heimlich Sex miteinander, und bald wird der letzte Überlebende Nachwuchs gebären! Bran versetzt sich in Cersei hinein und macht irgendwas! Am Schluss sterben alle! Am Schluss ist alles nur im Kopf von Bran!

Sofort-Feedback macht süchtig

Wobei sich die spannendsten Spekulationen um den Night King (auf Deutsch: Nachtkönig) gedreht haben, den vermeintlichen Oberbösewicht. «‹Game of Thrones›: Diese Theorie zum Nachtkönig würde alles ändern» oder «Neue Theorie um den Nachtkönig löst Fan-Beben aus», titelten deutsche Online-Portale dann auch hysterisch. Und jede Neuigkeit über den Night King war viel aufregender zu lesen als das, was zum Beispiel Donald Trump gerade wieder angestellt hat.

Der Night King ist Bran (und muss sich selber vernichten, damit er gar nicht entstehen kann)! Jon Snow wird erst zum Night King! Rhaegar Targaryen ist der Night King! Der Night King ist Vladimir «Furdo» Furdik (wie jemand in einem Youtube-Video-Kommentar schrieb)! Der Night King ist der good guy (ein «warmherziger Samariter»)! Der Night King ist die erste Inkarnation des dreiäugigen Raben! Der Night King versteckt sich im Starbucks-Becher von Daenerys, der in S08 E04 für den Bruchteil einer Sekunde im Bild zu sehen war!

Nun: Alle diese Theorien wurden in S08 E03 in einer Sekunde zunichtegemacht, als ihm die kleine Arya nämlich mir nichts dir nichts mit einem einzigen Dolchstoss den Garaus machte und dem Zuschauer schlagartig klar wurde: Der Night King ist nichts anderes als der erbärmlichste Loser der Fernsehgeschichte.

Tja. Einmal mehr hat sich das, was sich die Rezipienten eines Werks dazu überlegt haben, als wesentlich vielschichtiger/tiefsinniger/origineller entpuppt, als es das Werk tatsächlich ist. Solcher Werke gibt es leider allzu viele. Spontan fallen mir ein: das Alte Testament (was da nicht schon alles hineininterpretiert wurde, ha, ha!). Oder das Neue Testament. Oder die kreuzbanalen Bücher von Pete . . . hoppla, langsam muss ich ein bisschen aufpassen.

Gibt es keine Rettung aus dieser Misere? Doch, vielleicht! Eine Freundin macht mich nämlich auf das boomende Phänomen der Fan-Fiction aufmerksam.

Die am schnellsten wachsende Online-Plattform dafür ist archiveofourown.org (soeben für den renommierten Hugo-Science-Fiction-Award nominiert). Jedermann kann dort seine eigenen, sich in seinen Lieblings-TV-Serien-/-Filme-/-Animes-/-Videospiele-et-cetera-Universen abspielenden Geschichten publizieren.

Der reine Wahnsinn, was sich da alles finden lässt. Nur schon quantitativ. 200 976 Weiterspinnungen sind bis dato allein zu «Harry Potter» hochgeladen worden (und laufend werden es mehr). Zu der TV-Serie «Sherlock» mit Benedict Cumberbatch in der Hauptrolle lassen sich 120 591 Fan-Geschichten finden. 351 106 spielen im Marvel-Universum.

Unter dem pen name kakashi verfasst meine Freundin selbst Fan-Fiction (zu obskuren chinesischen TV-Serien wie «The Rise of Phoenixes» oder «Three Lives, Three Worlds, Ten Miles of Peach Blossoms»).

Was motiviert sie dazu?

«Das Sofort-Feedback von Lesern weltweit macht süchtig», antwortet sie auf meine Frage. «Die Hunderte von Kommentaren und Diskussionen über die Charaktere sind ein Vergnügen. Bis jetzt habe ich schon zwei Fan-Fiction-Bücher verfasst und kapitelweise hochgeladen, eins mit 386 915 Wörtern und eins mit 314 879 Wörtern. An zwei weiteren sitze ich gerade. Ich habe regelmässige Leser auf den Philippinen, in Malaysia und in Nigeria. Welcher Schweizer Autor kann das schon von sich behaupten?»

«Und du machst das . . . gratis?», frage ich zögernd.

«Klar. Ruhm und Ehre ist alles, was ich will. Und natürlich gäbe es rechtliche Beschwerden der Urheber, wenn man Geld damit verdienen wollte.»

Mit 30 104 Werken auf archiveofourown.org vertreten: die «Game of Thrones»-Welt von George R. R. Martin.

Am meisten kudos (= Likes) hat momentan eine Geschichte mit dem Titel «If you try to break me, you will bleed» eines oder einer Dialux (nämlich 8464).

«Pokémon meets Game of Thrones»

Die Story «Love on the Brain» von ashleyfanfic kommt auf sage und schreibe 392 348 Hits.

Ich schaue mal, ob sich auch in deutscher Sprache verfasste Werke finden lassen – ja, tatsächlich: 61 Titel gibt es, davon springen mir etwa ins Auge:

– «Erleuchte die Dunkelheit» von marmalademouse (Inhaltsangabe: «Jorahs Betrug hat Daenerys tief getroffen. Doch nie hätte sie geahnt, welche Auswirkungen seine Abwesenheit haben würde»; Länge: 277 371 Wörter, kudos: 39, Zugriffe: 2123, Kommentare: 28).

– «Robb Stark: Was wäre, wenn ich eine Frey geheiratet hätte?» von RoseAkaShi.

– «Cersei Lennister: Was wäre, wenn meine Hochzeitsnacht nicht enttäuschend gewesen wäre?», ebenfalls von RoseAkaShi.

Klingen interessant, diese «Was wäre, wenn»-Szenarien. Die werde ich mir später definitiv vorknöpfen.

Ich lese hinein in die Geschichte «Vom Zauber des zweiten Blicks» von Serpentina1: «Shireen Baratheon hatte das Meer schon immer geliebt, die atemberaubende Schönheit blauschimmernder, flaschengrüner und sturmgrauer Wellen, welche sich von weisser Gischt gekrönt an den felsigen Ständen und schroffen Klippen unterhalb der Burg brachen.»

Gar nicht schlecht, wenn auch ein bisschen adjektivlastig . . . werde ich bestimmt weiterlesen.

Grosser Beliebtheit erfreuen sich offenbar Crossovers – Exempel dafür sind die Story «Gondor hilft Westeros – Band 1: Ein anderer Krieg der fünf Könige» von Bookfaramir («ein Tolkien/Martin-Crossover») und IlargiZuris «A Game of Monster» («Pokémon meets Game of Thrones»). Kreativ! Muss ich mir genauer ansehen.

«Winterferien» von Lalelilolu glänzt mit folgender Stelle: «‹Du hast was getan?!›, quietschte Jeyne voller Aufregung. Woraufhin Sansa gequält zusammenzuckte, es war schon schlimm genug, dass sie zu dritt wichtelten, jetzt hatte sie auch noch ein leises Klingeln in den Ohren. ‹Ich habe Pizza bestellt, und als Sonderwunsch habe ich angegeben, dass sie den süssesten Pizzaboten vorbeischicken sollen und er eine Weihnachtsmütze tragen soll.› Margaery nahm einen Schluck von ihrer Limonade und grinste: ‹Ich glaube, sie werden Bronn schicken› . . .»

Bei «Brombeerwein & Ziegenmilch» von Winterdream komme ich ins Stutzen: «Die Kammer war nicht schmuckvoll oder sonderlich gross, aber das Bett, das den Mittelpunkt des Raumes bildete, wirkte bequem und warm. Tormund drückte sie [Dahlia Lannister] auf das Bett und fing an, die Schnürung ihres Oberteils zu lösen, und zog es ihr über den Kopf. ‹Haben alle Lannisters so grosse, schöne T. . .?›» Wie bitte?

Auf jeden Fall werde ich mir die letzte TV-Folge von «Game of Thrones» schenken. Es ist mir herzlich egal, was darin passiert. Ich muss den Rest meiner Lebenszeit so sinnvoll wie möglich nutzen, schliesslich gilt es, 30 104 – nein, Moment: Mittlerweile sind es schon 30 132 «GoT»-Fan-Geschichten zu bewältigen. Valar morghulis!

 

Gion Mathias Cavelty lebt als Schriftsteller und Satiriker in Schwamendingen

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