Angriff auf die Knollennasen

Mit Comics wie «Der bewegte Mann» begeistert Ralf König ein Millionenpublikum. Nun steht der Zeichner und Schwulenaktivist unter Beschuss: Seine Figuren seien diskriminierend. Ein Witz? Leider nein.

In Ralf Königs bekanntestem Comic, «Der bewegte Mann», fragt ein heterosexueller Mann einen Schwulen: «Warum bist du als Frau verkleidet?» Dieser antwortet: «Also, das ist eine schwierige Frage . . . Jetzt könnte ich dir ’n ganzen Vortrag halten . . . Aber ich fass es mal in einem Satz zusammen . . . Weil’s Spass macht!!!»

Aus dem Spass ist Ernst geworden. Als Frauen verkleidete Männer zu karikieren, sei diskriminierend, findet das Rainbow House, eine Organisation, die sich einsetzt für Lesben, Schwule, Bisexuelle und alle anderen, die sich bei dem stetig wachsenden Kürzel LGBTQI mit gemeint fühlen. Die Organisation kündete an, Ralf Königs acht mal vier Meter grosses Wandbild an der Lollepotstraat in Brüssel zu übermalen, sollte er zwei Figuren darin nicht abändern.

Als erfolgreichster Comic-Künstler des deutschsprachigen Raums war König vor vier Jahren eingeladen worden, in der Comic-Hauptstadt Europas eine Wand zu gestalten. Dies hat in Brüssel Tradition. König entwarf ein fröhlich-schrilles Motiv, auf dem die ganze Bandbreite seiner Figuren abgebildet ist: von der Nonne bis zum Transvestiten; Schwule, Lesben, Heteros; Schwarze und Weisse. Bei der Einweihung im Mai 2015 waren noch alle begeistert, kein einziges negatives Votum war zu vernehmen.

Letztes Jahr allerdings wurde das Bild plötzlich von Sprayern verunstaltet. Über einzelne Figuren waren die Worte «transphobia» (beim Transvestiten) und «racism» (bei der schwarzen Frau) geschmiert worden. Bei den Vandalen handelte es sich nicht um Schwulenfeinde, sondern um LGBTQI-Aktivisten. Damals schrieb König auf Facebook: «Ich kapiere die Verbitterung und Humorlosigkeit der politisch allzu Korrekten ja schon eine Weile nicht mehr, vor allem ihre hemmungslose Selbstgerechtigkeit.» Er war sichtlich entrüstet: «Jede Ironie, jede satirische Übertreibung, jeder selbstironische Blick auf die Szene ist gleich ein Angriff auf wen auch immer. Mich schaudert bei dem Gedanken, in so einer Gesellschaft zu leben: verbissen, aggressiv, immer einen Grund suchend, sich selbst und sein Weltbild zum Alleingültigen zu erklären.»

Das Rainbow House, das das Bild in Auftrag gegeben hatte, solidarisiert sich nicht etwa mit dem Künstler, im Gegenteil: Es stellt sich auf die Seite der Vandalen. Kürzlich forderte es den Comic-Zeichner schriftlich dazu auf, die zwei beanstandeten Figuren nachzubessern und «in einer würdevollen und stolzen Art und Weise» darzustellen. Den Brief kann man durchaus als Drohung verstehen. «Sollten Sie aus persönlichen oder zeitlichen Gründen keine Möglichkeit dazu haben, haben wir keine andere Wahl, als einen anderen Künstler zu bitten, ein Ersatzbild zu entwerfen.»

Natürlich weigert sich Ralf König, sein Bild abzuändern, wie er gegenüber der Weltwoche beteuert. «Ich habe den Verantwortlichen geantwortet: ‹Das ist eure Wand, ihr könnt damit tun, was ihr wollt, aber ich beginne sicher nicht, meine Figuren zu verschönern. Die Vorwürfe negieren alles, wofür ich seit vierzig Jahren stehe.›»

Zweiter «Fall Gomringer»

Im Brief des Rainbow House ist minutiös ausgeführt, was an Königs Figuren diskriminierend sein soll. Man kann die Erläuterungen als Warnung davor verstehen, was in Sachen politischer Korrektheit noch alles auf uns zukommt. «Die Darstellung der Frau im rosafarbenen Kleid [. . .] erinnert an gängige Stereotype, die in unserer Gesellschaft nach wie vor verankert sind. Sie unterstützt die fälschliche Vorstellung, dass Transfrauen unglückliche, haarige ‹Männer in Kleidern› sind, welche zu stark aufgetragenes Make-up tragen.» Und: «Das Problem ist nicht, dass sie dick oder sichtbar transsexuell ist. Sie wird jedoch als einzige traurige Person unter sonst glücklichen und stolzen Queer-Menschen dargestellt. Sie steht isoliert von der Gruppe und ist die einzige Person mit einer deprimierten Haltung, herunterhängenden Armen sowie einem leeren und stumpfen Blick. Dazu ist die gewählte Darstellung des Bartschattens, der Brusthaare sowie der Haare an Armen und Beinen problematisch. Diese Darstellung kann als wenig rücksichtsvoll oder bösartig interpretiert werden.»

Bei der schwarzen Frau seien die grossen Lippen das Problem: «Diese Darstellung hat ihren Ursprung in rassistischen und kolonialistischen Bildern, in denen die Körpermerkmale schwarzer Menschen oft auf wenige, oberflächliche Merkmale reduziert wurden. Zudem wirkt ihr gesamter Gesichtsausdruck unintelligent und abwesend.»

Der Fall erinnert an jenen des Schweizer Künstlers Eugen Gomringer, dessen Gedicht «avenidas» 67 Jahre nach der Entstehung von der Fassade eines Berliner Gebäudes entfernt wurde, weil es sexistisch sei. Jahrzehntelang hatte niemand Anstoss genommen an dem Frühlingsgedicht über eine Allee mit Blumen, Frauen und einem Bewunderer. Bis einige Feministinnen sich dadurch gestört fühlten. Gomringer verstand die Welt nicht mehr.

Ralf König geht es ähnlich. «Ich habe bei der Figur im rosa Kleid nie an eine Transfrau gedacht. Für mich ist das eine ‹Trümmertunte›, wie wir das in den Neunzigern genannt haben. Solche Figuren gibt es auf Hunderten von Travestiebühnen und in Schwulenklubs.» Es gehe dabei um den Spass am Absurden. «Und plötzlich ist das dickenfeindlich, rassistisch und transphob?» Zur schwarzen Frau sagt er: «Die trägt ihre Lippen mit Stolz und Lippenstift. Nichts anderes hab ich mir dabei gedacht.»

«Wo ist der Humor geblieben?»

Besonders absurd sind die Vorwürfe angesichts der Tatsache, dass wohl niemand in den letzten vierzig Jahren mehr für die Anerkennung der Schwulen getan hat als Ralf König. Seine Comics begeistern auch ausserhalb der schwul-lesbischen Szene, die Verfilmung von «Der bewegte Mann» mit Til Schweiger gehört zu den grössten deutschen Kinoerfolgen überhaupt. Seine Bücher brachten einem breiten Publikum das Schwulenmilieu auf sympathische und witzige Art näher. Dennoch ist er zurückhaltend, wenn er über seine Kritiker spricht. «Die Jüngeren sehen Dinge, die wir Älteren entweder nicht gesehen haben oder nicht wichtig fanden.» Das sei der Gang der Dinge, und vielleicht sei ja etwas dran an der Kritik. «Ich kann es nur nicht erkennen.» Er frage sich einfach: «Hey, wo ist der Humor geblieben? Weshalb fühlen sich alle sofort angegriffen?»

Ob das Rainbow House seine Ankündigung wahr macht und das Bild tatsächlich ersetzt, ist fraglich. Zu gross wäre die Aufregung. Man wolle das Bild vorläufig als Gegenstand der Diskussion stehenlassen, sagt eine Vertreterin der Organisation, nachdem sich die Weltwoche nach dem weiteren Vorgehen erkundigt hat.

Der Fall zeigt den Wandel auf, den die Gesellschaft in den letzten Jahren gemacht hat: Einst wurde Ralf König von konservativen und religiösen Kreisen angefeindet, weil seine Comics pornografisch seien. In den neunziger Jahren gab es Bemühungen, einige seiner Titel auf den Index zu setzen. Der Zeichner reagierte jeweils mit Humor: «Wenn die Nase grösser ist als der Pimmel, kann es so pornografisch nicht sein.» Heute kommen die Angriffe aus den eigenen Reihen, was für ihn bedeutend schwieriger ist. «Das macht mich etwas sprachlos.»

David tötet Gott statt Goliath

Dass Ralf König seinen Prinzipien treu bleibt, hat er in der Vergangenheit mehrfach gezeigt. Nach dem Streit um die Mohammed-Karikaturen veröffentlichte er islamkritische Cartoons. Und fand klare Worte: «Wenn der Westen da nicht gegenhält und seine demokratischen Werte ohne Wenn und Aber und Entschuldigungen verteidigt, ist’s bald vorbei mit der Presse- und Meinungsfreiheit.»

Auch das Christentum verschont er nicht. In der genialen Bibel-Trilogie «Prototyp» (über die Genesis), «Archetyp» (über die Arche Noah) und «Antityp» (über Paulus) nimmt er die biblischen Geschichten aufs Korn. Bei ihm trifft Davids tödlicher Schuss mit der Steinschleuder versehentlich Gott statt Goliath, was zu einer ungeahnten Liaison führt: Der schmächtige David hatte schon vorher ein Auge auf seinen gutgebauten Gegner geworfen.

So funktioniert Königs Humor fast immer: Der Mensch hat grosse Ideen, möchte fortschrittlich sein, doch stets kommt ihm der archaische Sexualtrieb in die Quere. Dabei muss es nicht immer um Schwule gehen. «Ich finde das Ding zwischen Mann und Frau sogar spannender, weil mehr Unterschiede und Konflikte bestehen.»

Erster Frauenaufstand der Menschheit

In seinem neuesten Comic-Band, «Stehaufmännchen», der nächste Woche in den Verkauf kommt, erzählt Ralf König die Evolution des Menschen, vom Affen auf dem Baum bis zum heutigen Homo sapiens. Bei ihm vollzieht sich diese Entwicklung innerhalb von nur einer Generation. Die Geschichte ist gespickt mit gesellschaftspolitischen Anspielungen. Die Frauen zum Beispiel verstecken ihren Eisprung aus Protest dagegen, dass die Männer ihnen anfangs den neuen aufrechten Gang verbieten wollen. Es ist der erste Frauenaufstand der Menschheitsgeschichte. Schon die Einleitung ist dermassen komisch und treffend, dass König den Leser sofort für sich gewinnt: «Der Werdegang vom vielversprechend blöden zum hoffnungslos blöden Homo ist zweifellos das grösste Geheimnis der Evolution.»

Wer sich so etwas ausdenken kann, muss ein äusserst lustiger Zeitgenosse sein. Denkt man sich. Beim Gespräch in seiner Wohnung in Köln erweist sich der Künstler aber als nachdenklicher, besorgter, ja kulturpessimistischer Mensch. Er schaue keine Nachrichten mehr, das deprimiere ihn nur. «Ich muss nicht wissen, was Trump wieder gesagt hat, wo wieder ein Rechtspopulist an die Macht gekommen ist, was das Internet mit uns anstellt», sagt er.

Den Menschen hält er nicht nur im Buch für einen Fehler der Evolution. «Ich glaube, gerade beginnt dies die Menschheit zu merken. Das Insektensterben, die Urwaldrodungen und so fort, das kennen wir schon lange. Jetzt aber begreifen wir: Es wird langsam brenzlig.»

Er lebe jedoch unpolitisch, halte sich von den hitzigen Diskussionen fern. Ausser, wenn es um die Rechte von Homosexuellen geht. «Dass Schwule heiraten dürfen, tut niemandem weh, ausser den Schwulen selber, die sich nun auch den Scheidungsschlamassel antun können.»

Ralf König führt den Besucher aus der Schweiz in den zweiten Stock seiner Wohnung, wo er das Atelier eingerichtet hat. Unten ist der Wohnraum, «die knollennasenfreie Zone», oben arbeitet und schläft er. Der Künstler erstellt seine Comic-Romane nach alter Technik: Alles wird von Hand gezeichnet. Wenn etwas nicht so ist, wie es sein sollte, wird es überklebt. Im neuen Band zum Beispiel fand er die Hauptfigur Flop zu gross, zu wenig niedlich, also hat er alle Flops auf den knapp 200 Seiten neu gezeichnet, mit einer Nagelschere ausgeschnitten und über die alten geklebt. Bei einer anderen Figur hat er nur die Zähne nachträglich neu gemacht. Die vielfach überklebten Blätter kommen dann in den Fotokopierer, danach erst beginnt er mit der Kolorierung. Seine Arbeitsweise gleicht derjenigen alter Schriftsteller, die noch mit Schreibmaschine schreiben und Korrekturen mit Tipp-Ex anbringen müssen.

Im neuen Buch geht es um Fortschritt und Fortschrittsverweigerung. Flop stellt sich der Evolution entgegen. «Ich kann mich mit ihm wirklich identifizieren», sagt König. Dass Flop der Schwule in der Herde ist, erstaunt nicht. Er verlässt seine zivilisierten Artgenossen und zieht mit einem Australopithecus robustus zurück auf den Baum, wo er einst als Affe herkam. Mit dem Liebhaber an seiner Seite stirbt Flop zufrieden aus.

Dass Robustus «nicht die hellste Kerze auf der Torte ist», dass dieser nicht einmal reden kann, ist Flop egal. Gilt das auch für Ralf König? Lieber dumm und lieb als intelligent und zerstörerisch? Er lacht: «Ich stelle es mir mit einem muskulösen, behaarten, grunzenden und etwas unterbelichteten Typen auf dem Baum ziemlich gut vor!»

Vielleicht sollte er mit einer solchen Aussagen vorsichtig sein: Es könnte sich jemand angegriffen fühlen.

 

Ralf König: Stehaufmännchen. Rowohlt. 192 S., Fr. 36.90

Lesungen in der Schweiz: 5. Juni, Buchhandlung Stauffacher, Bern; 8. Oktober, Kosmos, Zürich

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Kommentare

Richard Müller

20.05.2019|16:48 Uhr

Die Armee der strengen Gesinnungspolizisten wächst täglich und sie schiesst mit immer grösserem Kaliber und höherer Kadenz auf alles, was sich bewegt. Eigentlich ist es schon wieder egal, was man sagt. Irgendwer ist immer schwer beleidigt, hochgradig empört, zutiefst betroffen oder sonstwie fürchterlich leidend. Doch jetzt mal ganz ehrlich: Wer bei einem Bild von Ralf König derart in Rage gerät, sollte zurück auf Anfang, denn ab dort muss einfach alles völlig schief gelaufen sein.

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