Traum vom Frieden

Eigentlich war es unmöglich, dass sich Deutschland und Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg verständigten. Aber dank dem «Hitler von Nil», dem gescheiterten Plan einer europäischen Armee und weiterer Unwägbarkeiten kamen sie sich näher.

Paris wird im August 1944 befreit. An der Spitze seiner Truppen kehrt General Charles de Gaulle in die Hauptstadt zurück. Erst zwei Tage vor der Landung in der Normandie im Juni hatten ihn die Alliierten informiert; sein Verhältnis zu Roosevelt und Churchill blieb zerrüttet, der militärische Beitrag der «France libre» für die «libération» war eher symbolischer Art. Eine Million Pariser jubelten de Gaulle auf den Champs-Elysées zu – die gleichen, die noch im Frühjahr Marschall Pétain genauso frenetisch gefeiert hatten.

An de Gaulles Seite, ein paar gemessene Zentimeter hinter ihm, ging Georges Bidault. Ihn hatte der General von London nach Frankreich entsandt, um den von Klaus Barbie zu Tode gefolterten Jean Moulin zu ersetzen. Innerhalb der Résistance gab es zahlreiche Konflikte, ideologische und strategische, nicht nur zwischen Gaullisten und Kommunisten. Moulin war von den eigenen Reihen verraten worden. Bidault, der mit dem Dichter Albert Camus die Zeitung Combat begründete, hatte den Auftrag, die unterschiedlichen Organisationen des Conseil national de la Résistance (CNR) zu koordinieren. Als er, von einem Zuschauer geschubst, zu de Gaulle aufschloss, schnauzte der General: «Nehmen Sie Haltung an, Bidault!» Von dieser Szene existieren Fotos.

«Von der Résistance zur Revolution» lautete das Programm des antifaschistischen Widerstands. De Gaulle kam zahlreichen Forderungen entgegen, noch 1944 wurde das Frauenstimmrecht eingeführt. Er nahm weitgehende Verstaatlichungen vor. Im Nachkrieg wurde der legendäre französische Sozialstaat begründet. Nach einer Phase der «Säuberungen» – mit mehreren tausend Toten – ging man zur Tagesordnung über: als ob es die Niederlage – die schlimmste der französischen Geschichte – und die Kollaboration mit Hitler – auf Regierungsebene – nicht gegeben hätte. Die Résistance wurde zum Mythos verklärt, die Vichy-Vergangenheit ausgeblendet. Doch dem CNR verweigerte de Gaulle jegliche politische Rolle.

Aussenpolitisch verfolgte de Gaulle das Ziel, Frankreichs nationale Grösse wiederherzustellen. Sein Umgang mit den Alliierten war genauso undankbar und arrogant wie jener mit dem Widerstand. Frankreichs Truppen beteiligten sich an der Schlussoffensive, doch noch bei der Friedenskonferenz von Jalta im Februar 1945 war das Land nicht vertreten. Doch es gelang Charles de Gaulle tatsächlich, Frankreich als Siegermacht zu profilieren. Es besetzte wie die Sowjetunion, die Vereinigten Staaten und Grossbritannien einen Teil Deutschlands.

Unvorstellbare Brutalität

Am 8. Mai feierte die Welt die Befreiung von den Nazis – auch in Algerien, einem «französischen Département», wo de Gaulle nach London sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte. In den Geschichtsbüchern wird der Befreiungs- oder «Algerienkrieg» auf die Jahre zwischen 1954 und 1962 terminiert. In Tat und Wahrheit begann er am 8. Mai 1945: Bei den Siegesfeiern in Sétif forderten die Einheimischen mehr Rechte und Freiheit. Mit unvorstellbarer Brutalität wurden die Demonstrationen niedergeschlagen, die Armee schoss in die Menge, 10 000 bis 30 000 Menschen starben. Jahrzehntelang blieb das Massaker von Sétif ein Tabu, verdrängt wie Vichy und die Kollaboration. Frankreich wollte vergessen und sehnte sich nach seiner Auferstehung als «Grande Nation», es kultivierte seine Lebenslügen und hielt an seinem kolonialen Imperium fest.

1946 begann in Indochina unter Ho Chi Minh der erste Befreiungskrieg gegen das «Mutterland». Er wird erst 1954 mit der französischen Niederlage in Dien Bien Phu zu Ende gehen: Die Amerikaner mussten übernehmen. Ein Aufstand in Madagaskar wurde brutal niedergeschlagen. In Algerien kam es zu ersten Attentaten. De Gaulle, dem die Alliierten im Krieg nicht ganz zu Unrecht einen Hang zur Diktatur unterstellten, schwebte ein Präsidialregime vor, das den Parteien und dem Parlament eine untergeordnete Rolle einräumte. Schmollend trat er zurück und gründete eine eigene Bewegung, das Rassemblement du peuple français. Eine seiner letzten Amtshandlungen war neben der Begnadigung von Robert Schuman die Ernennung Jean Monnets, mit dem er sich versöhnt hatte, zum Kommissar für den Wiederaufbau (Weltwoche Nr. 1/19).

Die neue – Vierte – Republik zeichnete sich durch ihre Instabilität mit permanenten Regierungswechseln aus. Doch man raufte sich auch zu Kompromissen zusammen, bildete Mehrheiten, änderte sie. Der Monnet-Plan brachte Wirtschaftswachstum, das Land wurde modernisiert. Gegen den Marshallplan rief die kommunistische Gewerkschaft den Generalstreik aus. Der linke Antiamerikanismus rührte von der Sympathie für die Sowjetunion, jener der Gaullisten war Ausdruck der Vergangenheitsverdrängung: Die Einsicht, dass das Land von den Alliierten befreit worden war, blieb schwer erträglich.

«Nie wieder!»

Europa träumte vom Frieden. Der Nationalismus und der Nationalsozialismus hatten den Kontinent in die tiefsten Abgründe seiner Geschichte gestürzt: «Nie wieder!», hiess es nun. Die frühen Nachkriegsjahre waren von den idealistischen Initiativen der Föderalisten geprägt, politisch und finanziell unterstützt von den Vereinigten Staaten.

Der euphorischste Befürworter eines föderalistischen Europa – ohne Grossbritannien – war Winston Churchill, der nach der Niederlage bei den Parlamentswahlen das Amt des Premierministers verloren hatte. Am 19. September 1946 hielt er seine berühmte Rede an der Universität von Zürich: «Let Europe arise!» Es gebe eine Möglichkeit, die Gräuel der Vergangenheit zu vermeiden: Wenn sich die Länder zu «Vereinigten Staaten von Europa» zusammenschlössen, würde innert weniger Jahre «Europa ebenso frei und glücklich leben, wie es die Schweizer heute tun». Das war auch Jean Monnets Überzeugung und Utopie.

Die Schweiz, in der Churchill den Sommer verbracht hatte, war das Modell der europäischen Föderalisten, und viele Schweizer waren an ihren Initiativen beteiligt. Einen ersten Kongress gab es in den Tagen von Churchills Rede in Hertenstein LU am Vierwaldstättersee. Zwölf Thesen wurden erlassen. Sie postulierten ein «ausgeweitetes patriotisches Gefühl» und eine Art «gemeinsamer Nationalität». Eine weitere Tagung fand in Montreux statt. Der 1944 aus dem Bundesrat zurückgetretene, wegen seiner Neutralitätsrede verfemte Marcel Pilet-Golaz (FDP) entwarf am Genfersee die Vision einer «fédération européenne», in der «Deutschland wie die anderen Nationen zugunsten der gemeinsamen künftigen Organisation auf einen Teil seiner Souveränität verzichten wird».

Seinen Höhepunkt erreichte der Enthusiasmus der Föderalisten mit dem Haager Kongress vom 7. bis 10. Mai 1948. Dessen Präsident war Winston Churchill, der längst vor dem sowjetischen Totalitarismus gewarnt hatte. Inzwischen war die Teilung des Kontinents durch den Eisernen Vorhang Tatsache geworden. Die Kommunisten – in Frankreich die stärkste Partei – und Grossbritanniens Labour-Politiker blieben wegen der antisowjetischen Stossrichtung zu Hause.

Unter den 800 Teilnehmern in Den Haag (vierzig kamen aus der Schweiz) befanden sich wichtige Vertreter der späteren europäischen Elite. Sie wurden nachhaltig von der Aufbruchstimmung geprägt.

Konrad Adenauer, damals noch Stadtpräsident von Köln, traf auf François Mitterrand, der wenige Jahre später in die französische Regierung eintreten und als Justizminister die Folterungen in Algerien nicht verhindern sollte. Die Thesen zur Kultur hatte der Schweizer Denis de Rougemont verfasst. Im Jahr danach begründeten zehn nord- und westeuropäische Staaten in London den Europarat. Es war – wie die Gründung der Nato – ein wichtiger Schritt in der Geschichte der europäischen Integration. Auch die Erklärung der Menschenrechte 1948 in Paris entsprach dem Zeitgeist und zeugte vom Bedürfnis, nach der apokalyptischen Katastrophe die individuellen Freiheiten und Rechte neu zu begründen. Es waren die «europäischen Werte».

Anlässlich der Conférence européenne de la culture in Lausanne lancierte Louis de Broglie, französischer Nobelpreisträger für Physik, die Idee eines europäischen Rats für Nuklearforschung. 1952 beteiligen sich zwölf Staaten an der Begründung des Cern bei Genf, auf dessen Gelände zwischen der Schweiz und Frankreich kein nationales Recht gilt. Seine Forscher werden das Internet erfinden.

Frankreich bremst

Im April 1948 reiste Jean Monnet in die Vereinigten Staaten, die er seit zwei Jahren nicht mehr besucht hatte: Frankreich brauchte mehr Getreide. Während er sich in Washington befand, wurde in der Alten Welt die OEEC – die Organisation für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit – gegründet (die Vorgängerin der OECD). Zu ihren Aufgaben gehörte die Verteilung der Mittel aus dem Marshallplan. Voller Skepsis verfolgte Monnet die Bemühungen und erkannte die «Geburtsfehler» des Abkommens. Er meinte die zwischenstaatliche Zusammenarbeit, an deren Erfolg Monnet nicht glaubte: «Eine einzige Zeile in Artikel 14 verunmöglichte jegliche gemeinsame Aktion», kommentierte er in seinen Erinnerungen.

Monnet schrieb einen Brief an Premierminister Georges Bidault: «Die Vorstellung, dass sechzehn souveräne Staaten gut zusammenarbeiten, ist eine Illusion. Ich bin der Überzeugung, dass nur eine westeuropäische Föderation – mit Grossbritannien – die Lösung unserer Probleme bringen und letztlich den Krieg verhindern kann.» Ein zweiter Brief aus Amerika geht an Robert Schuman: «Dieses Land ist weiterhin von einer unglaublichen Dynamik beseelt, deren Kraft aus jedem Individuum kommt. Amerika schreitet voran, aber es ist weder reaktionär noch imperialistisch. Es will keinen Krieg, aber wird ihn, wenn es sein muss, führen. Hier hat eine Veränderung stattgefunden: von der Vorbereitung des Krieges zur Vorbereitung seiner Verhinderung.»

«Während ich meine Briefe an Bidault und Schuman schrieb», so blickt Monnet in seinen «Erinnerungen eines Europäers» zurück, «arbeiteten die europäischen Föderalisten an der Vorbereitung eines grossen Kongresses in Den Haag.» Viele seiner Freunde sollten daran teilnehmen, sie «glaubten aufrichtig an eine Union des guten Willens»: «In der grossen Verwirrung der Ideen, die solche Versammlungen kennzeichnen, konnte man zweifellos einige gute, mit viel Träumerei vermischte Ansätze ausmachen. Aber ich muss gestehen, ich beschäftigte mich kaum damit. Die Erlahmung der enthusiastischen Resolutionen bestärkte mich in meiner Überzeugung, dass dieser Weg in eine Sackgasse führen würde.»

Jean Monnet blieb Pragmatiker und hielt sich an seine guten Erfahrungen mit der supranationalen Zusammenarbeit im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Angesichts «der Untätigkeit von Paris» war er um neue Initiativen bemüht. Das Projekt einer Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl hatte er in groben Zügen bereits in seinem Brief an Schuman skizziert, es «keimte» (Monnet) mehr als zwei Jahre lang in den Köpfen und Schubladen. Eine Agrarunion, Fritalux, scheiterte an der Rivalität der beiden exportierenden Länder Italien und Frankreich. Ihre Konkurrenz wog schwerer als die Komplementarität: «Für jene, welche die Lehren aus den Misserfolgen zu ziehen verstanden, waren diese Experimente gleichwohl nicht umsonst.» Der Grund des Scheiterns war stets der gleiche: Er bestand in den nicht immer offen ausgesprochenen Vorbehalten Frankreichs gegen die mögliche spätere Einbindung Deutschlands.

Alte Vichy-Seilschaften

Die Notwendigkeit der Geheimhaltung selbst in den engsten Kreisen und die Überrumpelung der Öffentlichkeit waren die taktischen Lehren, die Monnet und Schuman gezogen hatten, als sie am 9. Mai 1950 ihren Plan für die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl präsentierten. An Widerstand fehlte es nicht. Der nach wie vor einflussreiche de Gaulle lehnte jeglichen Verzicht auf die nationale Souveränität ab und spottete über den «Mischmasch aus Kohle und Stahl». Die kommunistische Parteizeitung L’Humanité bezeichnete den Vorschlag als «neuen Verrat und weiteren Schritt in Richtung Krieg». Die Briten bekämpften den Schuman-Plan, weil sie ihre Isolierung in einem vereinten Europa befürchteten. Adenauers Wirtschaftsminister Ludwig Erhard machte ordnungspolitische Bedenken gegen die Vergemeinschaftung, ja «Verstaatlichung», geltend. Die SPD liebäugelte mit der Wiedervereinigung eines «neutralen Deutschland», mit der Stalin zu Beginn der fünfziger Jahre lockte, um die Westbindung Deutschlands zu verhindern.

Die Zuspitzung des Kalten Kriegs war der Durchsetzung förderlich. Der amerikanische Präsident Harry S. Truman begrüsste und unterstützte den Schuman-Plan. Im Monat nach dessen Ankündigung im Salon de l’Horloge brach der Koreakrieg aus. Die Vereinigten Staaten erhöhten innerhalb eines Jahres ihre Militärausgaben von 13,5 auf 48,2 Milliarden Dollar. Die 1949 begründete Nato wurde zur schlagkräftigen Militärallianz unter einem amerikanischen Kommandanten und wurde mit amerikanischen Truppen in Europa aufgerüstet. «Die politische Vereinigung des nicht von der Sowjetunion besetzten Teils Europas wird zu einer Priorität der amerikanischen Aussenpolitik und bleibt es bis zum 8. November 2016, der Wahl Trumps», befand Jean Quatremer, Brüssel-Korrespondent der Libération, in «Les Salauds de l’Europe».

Noch im Oktober 1949 liess Schuman 20 000 Franc aus dem Geheimfonds seines Aussenministeriums an die Frau von Xavier Vallat auszahlen. Vallat hatte als Kommissar für die Judenfrage die Deportationen organisiert und sass nun im Gefängnis. Solche Geschichten gehörten in der Nachkriegszeit zum französischen Alltag mit all seinen Lügen. Mitterrand war mit René Bousquet, dem Polizeichef von Vichy, befreundet und hatte als Innenminister zahlreiche von dessen erfahrenen Mitarbeitern beschäftigt – die am besten über die Vergangenheit von Gegnern und Genossen Bescheid wussten.

Die alten Vichy-Seilschaften leisteten auch beim Aufbau Europas ihren Beitrag. Ignorierten oder tolerierten der begnadigte Kollaborateur Schuman und sein Mitarbeiter Jean Monnet die Vergangenheit des «furchtbaren Juristen» Maurice Lagrange, als sie ihn mit der Ausarbeitung des Vertrags für die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) beauftragten? Lagrange hatte sich 1940 für Pétain und dessen faschistische «nationale Revolution» starkgemacht und das Regime in mehreren Artikeln für die renommierte Zeitschrift Revue des Deux Mondes gelobt. Ab 1940 war er in die Entfernung jüdischer Beamter aus den Ministerien involviert gewesen. Lagrange verfasste Verordnungen zur Schaffung des Kommissariats für die Judenfrage, das die Deportationen organisierte. Er wird als erster Generalanwalt am Europäischen Gerichtshof fungieren. In den offiziellen Porträts wird Lagranges trübe Vergangenheit genauso übergangen wie in den Memoiren von Monnet, der dessen Leistung als «unschätzbar» einstufte.

Der Pleven-Plan scheitert

Der Vertrag von Paris zur Begründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, die von einem üblen Antisemiten verfasste Gründungsakte der europäischen Einigung, wurde am 18. April 1951 unterzeichnet. Neben der – von Monnet präsidierten – Hohen Behörde umfasste die EGKS eine Gemeinsame Versammlung, die nur beratenden Charakter hatte und deren Mitglieder von den nationalen Parlamenten bestimmt wurden. Aus ihr entstand in mehreren Etappen 1958 das Europaparlament mit Robert Schuman als erstem Präsidenten.

Europa war auf den Schienen, aber die Rückschläge kamen schnell. Initiativen für eine Integration im Bereich der Transporte, der Gesundheit und der Landwirtschaft wurden im Keim erstickt. Neben Schuman war René Pleven, einst Mitarbeiter von Jean Monnet in London, eine der starken Figuren der Vierten Republik und zweimal Regierungschef. Er lancierte den Vorschlag einer Verteidigungsunion: Communauté européenne de défense (CED).

Sein «Pleven-Plan» bestand aus der Ausweitung der Montanunion (EGKS) zu einer europäischen Armee (als Teil der Nato) und sah einen gemeinsamen Verteidigungsminister der Mitgliedstaaten vor. Der Vertrag wurde 1952 auf Regierungsebene unterzeichnet und vom Deutschen Bundestag ratifiziert. In Frankreich bekämpften ihn die Gaullisten, die nicht nur jeglichen Abstrich an der nationalen Souveränität, sondern weiterhin auch die deutsche Wiederbewaffnung ablehnten, und die Kommunisten. Mit der Schlacht von Dien Bien Phu verlor Frankreich im Frühling 1954 seinen Vietnamkrieg. Am 30. August lehnte die französische Nationalversammlung die Europäische Verteidigungsgemeinschaft mit 319 gegen 264 Stimmen ab.

Als Reaktion auf die Niederlage organisierten die EGKS-Mitgliedstaaten die Konferenz von Messina (Juni 1955). Wieder einmal mussten die Lektionen aus einem Misserfolg gezogen werden. Die Aussenminister gelangten zur Einsicht, dass eine engere Zusammenarbeit im Bereich der Wirtschaft auf weniger Widerstand stossen würde als eine gemeinsame Armee. Der militärische Aspekt blieb gleichwohl nicht völlig ausgeklammert: Am Krisengipfel auf Sizilien wurden gleichzeitig die Grundzüge für die Schaffung der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom) und eines gemeinsamen Markts, der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), entworfen.

«Hitler vom Nil»

Bis zur Ablehnung der von ihm vorgeschlagenen Verteidigungsunion war Frankreich die treibende Kraft der europäischen Vereinigung – nicht immer nur aus hehren Motiven. Seine allerletzte Illusion, eine Weltmacht zu sein, verlor es anlässlich der Suezkrise. Der zum «Hitler vom Nil» stilisierte Nasser unterstützte die algerische Nationale Befreiungsfront (FLN) und verstaatlichte den Suezkanal. Im Verbund mit Israel griffen Frankreich und Grossbritannien am 29. Oktober 1956 Ägypten an. Für einmal waren sich die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion, die fünf Tage später ihre Panzer nach Ungarn schickte, einig: Die französische und die britische Armee wurden von den Vereinten Nationen zurückgepfiffen.

Die Blamage am Suezkanal war für Frankreich ein gewaltiger Schock und schwächte den Widerstand gegen die vertiefte europäische Integration. Deutschland ging in die Offensive: Auf dem Höhepunkt der Suezkrise reiste Konrad Adenauer nach Paris, um die Zustimmung zu den in Messina aufgelisteten Projekten zu bekommen. Nach der demütigenden Schlappe brauchte das Land einen diplomatischen Erfolg. Der Ausbruch der Schlacht von Algier stand unmittelbar bevor, Frankreich würde nach Indochina auch die nordafrikanischen Kolonien verlieren und kompensierte die Verluste wieder einmal mit der Möglichkeit, in Europa eine Rolle zu spielen. Schon im März 1957 unterzeichneten die EGKS-Mitgliedstaaten die Römischen Verträge zur Begründung von EWG und Euratom.

Ein Dutzend Jahre musste sich de Gaulle in der Opposition gedulden: Seine handstreichartige Rückkehr an die Macht 1958 in den Turbulenzen der Kolonialkriege erfolgte mit dem Versprechen, Algerien für Frankreich zu erhalten. De Gaulle machte das Gegenteil und entliess das Land in die Unabhängigkeit. Wegen seines «Verrats» schloss sich Georges Bidault der Organisation de l’armée secrète (OAS) an, die mehrere Attentatsversuche auf de Gaulle unternahm. Der Ex-Regierungschef, der sich später an der Gründung des Front national durch Jean-Marie Le Pen beteiligen sollte, flüchtete. Aus den offiziellen Fotos, die ihn beim Siegesdefilee neben Charles de Gaulle zeigen, wurde er wegretuschiert.

Lesen Sie nächste Woche: Deutschland und Frankreich – aus Feinden werden Freunde.

 


Serie: Heldenhafte Gründung der EU

Die Europäische Union steckt in der tiefsten Krise ihrer Geschichte. Im März verlässt mit Grossbritannien erstmals ein Mitgliedstaat die EU, und der Euro, der eigentlich den geeinten Kontinent symbolisieren soll, hat die südeuropäischen Volkswirtschaften von den Wohlstandsregionen nördlich der Alpen eher abgekoppelt. Die Franzosen demonstrieren gegen ihren europhilen Präsidenten, während sich die Osteuropäer gegen jeden weiteren Souveränitätstransfer nach Brüssel wehren. Die Kritik an der EU ist so allgegenwärtig, weil deren Mängel wie Bürgerferne und Demokratiedefizit so offen-kundig geworden sind.

Ungeachtet dessen ist die Europäische Union das Resultat einer faszinierenden Geschichte. Vor allem der Gründungsperiode nach dem Zweiten Weltkrieg haftet etwas Heroisches an. Mutige, idealistische Politiker rauften sich gegen alle Wahrscheinlichkeit zusammen.

In einer fünfteiligen Serie erinnert die Weltwoche an diese bewunderungswürdige Gründungsphase, erzählt von Jürg Altwegg, der seit Jahrzehnten in Genf für deutschsprachige Medien über Frankreich schreibt, also ein durch und durch europäisches Leben lebt, der die EU kennt und ihre Geschichte. (WW)

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Von Katharina Fontana
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Kommentare

Markus Dancer

10.01.2019|16:11 Uhr

... und heute sind alle 3 Kriegstreiber: UK, D und F! Ist nur eine Frage der Zeit bis sie sich wieder in die Haare kriegen!

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