Lügen ist Kunst

Nun hat auch die Kultur ihren Fake-News-Skandal. Der vielfach preisgekrönte Autor Robert Menasse hat Zitate und eine Auschwitz-Rede erfunden. Die Szene gibt sich schockiert. Dabei kommt der Fall alles andere als überraschend.

Die Ausrede, nachdem er überführt worden war, ist klassisch: Was er gemacht habe (dem verstorbenen Politiker Walter Hallstein falsche Zitate zu unterstellen), sei «nicht zulässig – ausser man ist Dichter und eben nicht Wissenschaftler oder Journalist». Mit anderen Worten: Ein Künstler darf Dinge erfinden, auch ausserhalb der Kunst, für ihn gelten andere Regeln.

Robert Menasse, der gefeierte österreichische Schriftsteller, letztes Jahr mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, hatte in verschiedenen Reden behauptet, Walter Hallstein (1901–1982), der erste Kommissionspräsident des EU-Vorläufers Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), habe Sätze gesagt wie «Das Ziel des europäischen Einigungsprozesses ist die Überwindung der Nationalstaaten» oder «Die Abschaffung der Nation ist die europäische Idee». Und er habe seine Antrittsrede als erster Kommissionspräsident 1958 auf dem Gelände des Konzentrationslager Auschwitz gehalten, um deutlich zu machen, zu was ein Nationalstaat letztendlich führen könne.

Menasse betont seit Jahren, die europäische Einigung sei eine «Antwort auf Auschwitz». Der Bezug auf Walter Hallstein ist ein tragender Pfeiler seiner Argumentation. Im Grunde genommen lautet Menasses Botschaft, dass wir nur die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten hätten: Einigung oder Holocaust.

Die Zeitungen Die Welt und FAZ haben Menasse in den letzten Tagen allerdings gravierende Falschaussagen nachgewiesen. So habe Hallstein zum Beispiel gar keine Antrittsrede in Auschwitz gehalten, das sei eine Erfindung. Der prominente deutsche Historiker Heinrich August Winkler erklärte in der Welt, Hallstein habe zwar tatsächlich der Idee «der nationalstaatlichen Souveränität alten Stils» eine Absage erteilt, gleichzeitig aber gefordert, die «Kraftquellen der europäischen Nationen zu erhalten, ja sie zu noch lebendigerer Wirkung zu bringen». Von einer Forderung nach einer «Überwindung der Nationalstaaten» könne daher keine Rede sein.

Robert Menasse hat die Entstehungsgeschichte der Europäischen Kommission seinem Wunschdenken, seiner Ideologie angepasst – und lange Zeit hat dies niemand wahrnehmen wollen. Umso grösser ist nun die Aufregung. Europa-Freunde zeigen sich bestürzt. «Das hilft der europäischen Idee nicht», twitterte zum Beispiel die deutsche Fernseh-Talkerin Anne Will. Seine Gegner überziehen ihn mit Häme. Er selber rechtfertigt sich damit, Künstler zu sein. Er habe Hallstein «nicht wörtlich», sehr wohl aber «sinngemäss» wiedergegeben.

Auf einer Mission

Wenn ein Dichter sich seine eigene Wahrheit zusammenspinnt, so ist dies normalerweise tatsächlich kein Problem: Die Kunst zeichnet sich dadurch aus, dass sie Fiktion und Realität nach Belieben vermischen kann, dass sie manchmal mit lauter Unwahrheiten der Wahrheit näher kommt als ein vermeintlich nüchterner Tatsachenbericht.

Der Niederländer Leon de Winter veröffentlichte zum Beispiel 2017 in seinem fulminanten Roman «Geronimo» eine alternative Variante zum Tod von Al-Qaida-Chef Osama Bin Laden. Auf den Hinweis der Weltwoche, er sei damit unter die Verschwörungstheoretiker gegangen, antwortete er: «Fast alle Romane sind Verschwörungstheorien! Was machen wir Schriftsteller? Variationen der Wirklichkeit.»

Bei Robert Menasse wäre die Entrüstung wohl ausgeblieben, wenn seine Falschdarstellungen bloss in seinem preisgekrönten EU-Roman «Die Hauptstadt» (2017) vorgekommen wären. Doch Menasse entwickelte sich in den letzten Jahren zu einem der aktivsten Missionare für ein vereintes Europa. Mit seiner Idee der «nach-nationalen Demokratie» begeisterte er die Intelligenzija auf dem ganzen Kontinent: Er reiste von einem Vortrag zum nächsten, wurde gefeiert, mit Preisen überhäuft.

Die Nationalstaaten, diese Wurzeln des Bösen, sollen durch ein föderales «Europa der Regionen» ersetzt werden, so seine Idee, die er stets mit leidenschaftlicher Vehemenz vertritt. Mit ihm über seine Vision zu diskutieren, ist ein Erlebnis, wie der Autor dieser Zeilen Anfang letzten Jahres selbst erfahren durfte: Wir trafen uns am Vormittag in einem Café, Menasse bestellte für sich zwei Gläser Prosecco und setzte sich sofort mit Verve und Humor für sein Anliegen ein. Keiner Frage wich er aus, im Gegenteil, Widerspruch beflügelte ihn. Menasse erwies sich als Mann, der die Debatte und die Auseinandersetzung liebt – eine wahre Freude.

Gefühlsduselige Unwahrheit

Sein Eifer ist ihm nun zum Verhängnis geworden. Seine Rolle als Schriftsteller hat er längst verlassen, deshalb greift auch sein Argument nicht, ein Dichter dürfe Dinge erfinden. Polit-Aktivismus und Kunst gehen bei ihm – wie bei vielen anderen Künstlern – ineinander über. Zusammen mit der Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot und dem Theatermacher Milo Rau hat Robert Menasse vor wenigen Wochen in einer lange vorbereiteten Aktion die «Europäische Republik» ausgerufen. Das Projekt, das vor allem in der Kulturszene regen Anklang fand, ist nun diskreditiert, Menasse steht als Lügner da, als einer, der sich seine Wahrheit zurechtbiegt.

Was heisst das für den gefeierten Schweizer Regisseur Milo Rau, der bei der Aktion beteiligt war? Rau ist bekannt für das Nachinszenieren historischer Ereignisse (Reenactment); sein «Theater der Wirklichkeit» hat, wie der Name sagt, einen grossen Wirklichkeitsanspruch. So stellte er in Moskau und im Kongo politische Gerichtsprozesse nach. Kann man ihm noch trauen? Sind seine Akteure tatsächlich wahre Betroffene? Und ist es auch Kunst, wenn Milo Rau in einer seiner Kolumnen in der Sonntagszeitung zu schrillen Nazi-Vergleichen greift («Die Gewinne, die unsere Grosseltern in den vierziger Jahren mit dem Zahngold der vergasten Juden machten, nehmen sich, verglichen mit unserer aktuellen Wirtschaftspolitik, wie ein Sommerpicknick aus»)? Milo Rau weilt zurzeit in den Skiferien und möchte sich nicht zur Sache äussern, da er den Fall um die falschen Zitate Menasses nicht mitverfolgt habe.

Man könnte sagen, es spiele keine Rolle, ob bei einem Kunstprojekt die Fakten stimmen, die Wirkung sei entscheidend. Da heute viele Projekte, vor allem die politisch aufgeladenen, einen dokumentarischen Anspruch erheben, greift das Argument nicht mehr. Am Zürcher Schauspielhaus wurde zum Beispiel vor einigen Monaten mit «Sweatshop» ein Stück über die Modeindustrie gezeigt. Im Anschluss an die Vorstellung wurden die Besucher auf die Bühne gebeten, um die Konzernverantwortungsinitiative zu unterschreiben und Informationsmaterial von Hilfswerken entgegenzunehmen. Dass viele Besucher der Aufforderung nachkamen, hatte wohl auch damit zu tun, dass zuvor eine junge Vietnamesin, die als Kleinkind von Schweizern adoptiert worden war, von ihrer herzerwärmenden Begegnung mit ihrer leiblichen Schwester in Vietnam erzählt hatte: einer Näherin, die, seit sie zwölf ist, unter furchtbaren Bedingungen unsere Kleider herstellt. Ihr Erlebnisbericht tönte dermassen authentisch, war dermassen berührend, dass niemand auf die Idee kam, dass es sich bei der jungen Frau mit asiatischen Gesichtszügen bloss um eine Schauspielerin handeln könnte, die hier irgendetwas vorspielte. Doch genau so war es, wie die Theatermacher später einräumten: Man hatte die Zuschauer getäuscht, sich deren Mitgefühl zu politischen Zwecken erschlichen.

Methoden wie die Stasi

Wenn unter dem Deckmantel der Kunst Polit-Aktionen durchgeführt werden, erscheint daneben jede Juso-Kampagne wie ein Kindertheater. Selbst Mordaufrufe sind kein Tabu. Der Schweizer Aktionskünstler Philipp Ruch lancierte 2015 im Strassenmagazin Surprise den Aufruf «Tötet Roger Köppel!». Er meinte die Sache durchaus ernst, wie er dem Blick sagte: «Als Schlingensief ‹Tötet Möllemann!› ausgerufen hatte, fiel dieser ein halbes Jahr später wie ein Stein vom Himmel. Kunst ist für die Politik stets lebensgefährlich.»

Ruch gehört wie der deutsche Fernsehkomiker Jan Böhmermann zu jenen Künstlern, die in ihrer Arbeit ihre totalitären Fantasien ausleben – im Namen des Guten natürlich. Ruch ging kürzlich auf die Jagd nach Rechtsextremisten, denunzierte sie bei deren Arbeitgebern, die diese entlassen sollten. Böhmermann erstellte schwarze Listen mit Personen, die angeblich im Internet «rechte Hetze» verbreiten. Schwarze Listen, Aufrufe zur Denunzierung, Täuschung des Publikums – Methoden, die der Stasi alle Ehre machen, werden im Kunstkontext zu legitimen Mitteln.

Simples Weltbild

Der Fall Menasse und die Aktionen eines Philipp Ruch oder Jan Böhmermann haben vieles gemeinsam: Stets herrscht die Meinung vor, alles sei erlaubt, wenn man auf der richtigen Seite stehe. Und wenn dann doch etwas aus dem Ruder läuft, so kann man sich immer noch damit herausreden, es handle sich um Kunst. Oder, bei strafrechtlich relevanten Fällen, sich auf die Kunstfreiheit beziehen.

Ärgerlicher als die Lügen und Ausfälligkeiten ist allerdings das simple Weltbild, dem diese Art der Polit-Kunst in der Regel zugrunde liegt. Die grossen Werke der Kunstgeschichte zeichnen sich durch ihre Ambivalenz aus, durch die Grautöne und dass sie Abgründe aufzeigen, wo man sie nicht erwarten würde. Davon gibt es hier nichts. Immer ist von vornherein klar, wer die Guten und wer die Bösen sind, es gibt nur Schwarz oder Weiss. Dies ist wohl mit ein Grund, weshalb der Fall Menasse in der Kulturszene dermassen viel Wirbel ausgelöst hat: Fake News und Lügen, so war man überzeugt, verbreiten nur die anderen, die Bösen, die Trumps.

Lesen Sie auch

Pressescheue Milliardäre

Neujahrs-Apéro in St. Moritz; zehn Jahre MagazinSnowtimes; Hollywood...

Von Hildegard Schwaninger
Jetzt anmelden & lesen

Kommentare

Die News des Tages aus anderer Sicht.

Montag bis Donnerstag
ab 16 Uhr 30

Ihr Light-Login-Zugang ist abgelaufen. Bitte machen Sie das Abonnement hier