Helden der Gegenwart

Die Doppelbürger geben zu reden. Der Bund liefert brisante Zahlen und feiert die Schweizer mit fremden Pässen zugleich als Vorboten einer «transnationalen Politik».

Die Diskussion um Doppelbürger und Doppeladler brachte Schwung in das Politjahr 2018. Kaum ein anderes Thema ist in der Öffentlichkeit so emotional und kontrovers besprochen worden. Dass es sich dabei nicht um eine Alibidebatte handelte, zeigen neue, hochinteressante Zahlen. Xhaka, Shaqiri und Co. verkörpern demnach ein Massenphänomen. Der Anteil der Doppelbürger an der Gesamtbevölkerung nahm in den letzten Jahrzehnten rasant zu. Jeder vierte Schweizer verfügt heute über mindestens eine weitere Staatsbürgerschaft. Dabei ist zwischen Ausland- und Inlandschweizern zu unterscheiden. Zu Beginn der Datenerhebung im Jahr 1926 gaben beinahe alle der 200 000 Auslandschweizer an, nur die hiesige Staatsbürgerschaft zu besitzen. 2016 zeigte sich ein komplett anders Bild: Von den 775 000 Schweizern, die im Ausland lebten, hatten 570 000 einen oder mehrere andere Pässe. Das entspricht einem Anteil von rund drei Vierteln. Ähnlich steil verlief der Anstieg im Inland, hier ging es sogar besonders schnell. 1996 zählte die Schweiz gut 236 000 Doppelbürger, zwanzig Jahre später waren es über 900 000. Damit machen die Doppelbürger den am stärksten wachsenden Bevölkerungsanteil aus.

Die Zusammensetzung der in der Schweiz wohnhaften Menschen wird also regelrecht umgepflügt, und dies umso mehr, wenn man das gleichzeitige Wachstum beim Ausländeranteil betrachtet. 1950 gab es 285 000 Ausländer in der Schweiz, 2016 waren es über 2,1 Millionen. Die absolute Zahl hat sich seit der Nachkriegszeit mehr als versiebenfacht. Der Anteil der Ausländer an der Schweizer Wohnbevölkerung stieg von 5 auf 25 Prozent. Rechnet man Ausländer und Doppelbürger (ebenfalls 25 Prozent) zusammen, wird deutlich, dass die Schweizer mit einfacher Staatsbürgerschaft nur noch die Hälfte der Bevölkerung stellen.

Nur-Schweizer bald eine Minderheit

Es sei zu erwarten, dass sich dieser Trend fortsetze, «so dass bereits mittelfristig die Schweizer Einfachbürgerinnen und Einfachbürger auch innerhalb der Schweiz eine Minderheit darstellen werden», schreiben die Autoren der Studie «Bürgerschaft und Demokratie in Zeiten transnationaler Migration». Die im Auftrag des Bundes verfasste Erhebung präsentiert erstmals detaillierte Zahlen zum Phänomen der Doppelbürgerschaft und beleuchtet «Chancen und Risiken». Allerdings gewichtet sie die Vorteile erheblich stärker. Sie feiert den Doppelbürger als einen Phänotyp der Stunde, als Helden der Gegenwart, der munter mithelfe, die Bedeutung des traditionellen, bürgerlich-liberalen Nationalstaats zu relativieren. Die Doppelbürger seien «Vorreiter transnationaler und supranationaler Formen von politischer Steuerung, Demokratie und Bürgerschaft», heisst es fast euphorisch in der Studie. Dies sei umso wichtiger, als die Schweiz «einerseits aufgrund ihrer grossen ökonomischen Bedeutung und aufgrund ihrer sehr stark wettbewerblich ausgerichteten Politik enorme externe Effekte» produziere – und weil sie sich anderseits «einem Beitritt zu ebensolchen supranationalen Institutionen wie der Europäischen Union» verweigere.

Das Stimmverhalten verändert sich

Anders ausgedrückt: Weil die alteingesessenen Schweizer – die Autoren nennen sie «autochthone» – ihr Heil nicht in der EU und anderen Grossgebilden sehen, sondern in einer selbstbestimmten, unabhängigen Eidgenossenschaft, setzt die Studie ihre kaum verhehlte Hoffnung auf die zunehmende Zahl von Doppelbürgern. Sie deutet damit an, dass deren politische Präferenzen anders liegen. Zwar gebe es nur wenige Untersuchungen dazu, doch die kämen zum Ergebnis, «dass in der Schweiz eingebürgerte Personen eher Parteien im linken Spektrum wählen». Sie hätten eine «liberalere Position in Bezug auf die Immigrations- und Bürgerrechtspolitik» und setzten sich auch stärker dafür ein, «dass die Interessen anderer Nationen und der gesamten Menschheit in der nationalen Politik Berücksichtigung finden». Man muss kein Migrationsforscher sein, um es als plausibel zu erachten, dass beispielsweise eingebürgerte Deutsche im Normalfall ein positiveres Verhältnis zur EU haben; oder dass eingebürgerte Südeuropäer, die aus stark gewerkschaftlich geprägten Milieus stammen, eher zu einer gewerkschaftsfreundlichen Politik neigen.

Das Stimmverhalten des Souveräns wird sich entsprechend verändern. Das ist einer der brisanten Befunde der Studie, auch wenn ihn die Autoren nicht an die grosse Glocke hängen. Immerhin machen sie deutlich, dass sie die Doppelbürger als Verstärker einer übernationalen Politik sehen («Inklusion externer Interessen»).

Bei aller empirischen Evidenz: Vielleicht drückt hier auch ein bisschen der Wunsch der Verfasser durch. Jedenfalls dürften längst nicht alle Eingebürgerten diesem internationalistischen Muster entsprechen. Gerade Secondos aus Ex-Jugoslawien sagt man nach, dass sie gerne entschieden für Schweizer Werte einträten. Das mag ein Grund dafür sein, dass die Autoren die hohen Einbürgerungsquoten der Schweiz als immer noch nicht hoch genug erachten. Sie hätten noch längst nicht das Niveau erreicht, das nötig wäre, «um den in die Schweiz Zugewanderten auch einen entsprechenden Zugang zum Schweizer Staatsvolk folgen zu lassen». Die Studie fordert – mehr oder weniger unverblümt – das Ausländerstimmrecht. Dass ein Viertel der Bevölkerung in der Schweiz nicht abstimmen und wählen könne, sei «eines der grössten Demokratiedefizite». Ob dies auch dem Willen des Souveräns entspricht, ist eine andere Frage. Aber wenn dessen Zusammensetzung sich immer mehr in die gewünschte Richtung verschiebt, wird sich dies vielleicht ja irgendwann ändern. Das ist die heimliche Pointe solcher Forderungen.

Milizsystem unter Druck

Blendet man die politisch korrekten Wertungen der Studie aus, enthält sie eine Fülle weiterer aufschlussreicher Daten, die freilich auch kritischere Schlüsse zulassen. Beispielsweise zu den «sozioökonomischen» und «soziokulturellen» Eigenschaften. Hierzu zählt der Ausbildungsstand. Während 25 Prozent der Ausländer über nicht mehr als den obligatorischen Schulabschluss verfügen, sind es bei den Schweizern mit 13 Prozent deutlich weniger. Die Doppelbürger liegen zwischen diesen Polen, nämlich bei 16,7 Prozent. Ähnlich ist es beim Kriterium der Erwerbslosigkeit. Einfachbürger weisen eine Quote von 1,7 Prozent auf, Doppelbürger eine solche von von 4 und Ausländer eine von 5,8 Prozent.

Sieht man noch etwas genauer hin, differenziert sich das Spektrum weiter. Doppelbürger sind nämlich nicht gleich Doppelbürger. Die «geografische Verortung der zweiten Staatsbürgerschaft» habe einen grossen Einfluss darauf, inwieweit sich die Eingebürgerten von den Schweizern mit nur einem Pass unterschieden, berichtet die Studie. Afrikaner hätten deutlich mehr Mühe als Nordamerikaner, den Anschluss zu finden. Das relativiert den allgemeinen Lobgesang etwas. «Trau, schau, wem»: Das gilt auch beim Verteilen des Schweizer Passes. So weit aber lehnen sich die Verfasser nicht aus dem Fenster.

Deutliche Unterschiede zwischen Schweizern, Ausländern und Eingebürgerten zeigen sich auch bei der freiwilligen oder ehrenamtlichen Tätigkeit, die im Schweizer Milizsystem eine wichtige Rolle spielt. 28 Prozent der gebürtigen Schweizer engagieren sich auf diese Weise, aber nur 9,6 Prozent der Ausländer. Der Rest liegt schön dazwischen: Auf die Doppelbürger bei Geburt (21,4 Prozent) folgen Einfachbürger durch Einbürgerung (17,8) und ebensolche Doppelbürger. Auch dies ist ein Indiz dafür, dass sich Gesellschaft und Politik in der Schweiz durch die massenhafte Aufnahme von Neubürgern spürbar verändern.

Ausbürgerung von Terroristen verboten

Dabei sollte man sich bewusst sein, dass einmal vergebene Pässe kaum mehr zurückzufordern sind. Das kann zu Problemen führen, wie die Studienautoren nicht verschweigen. Nach den Terroranschlägen von Paris im November 2015 diskutierten verschiedene europäische Länder, darunter die Schweiz, ob es möglich sei, islamistischen Terroristen die Staatsbürgerschaft und damit den garantierten Aufenthaltsstatus wieder zu entziehen. Damit gerieten sie in Konflikt mit dem Völkerrecht. Die Völkerrechtskommission der Uno kritisiert den Entzug des Bürgerrechts als «potenzielle Strafe», und die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK) hält fest, eine Aberkennung aufgrund der «politischen oder sonstigen Anschauung» sei diskriminierend und somit nicht zulässig.

Als Fazit gegen den Strich liesse sich festhalten: Doppelbürger mögen zwar für sich persönlich manche Vorteile aus ihrem Status ziehen, aber ob es auch für die Schweiz in jedem Fall eine Chance ist, wenn sie weiter wahllos so viele Leute einbürgert, darf ernsthaft bezweifelt werden.

Lesen Sie auch

Pressescheue Milliardäre

Neujahrs-Apéro in St. Moritz; zehn Jahre MagazinSnowtimes; Hollywood...

Von Hildegard Schwaninger
Jetzt anmelden & lesen

Nivellierung nach unten

Das Schweizer Bildungssystem sei sozial ungerecht, kritisiert der Schweizer...

Von Katharina Fontana
Jetzt anmelden & lesen

Kommentare

Hans Georg Lips

13.01.2019|08:12 Uhr

Es gibt schon Kategorien von Doppelbürgern, denen man keine Opportunität vorwerfen kann. Ich denke da insbesondere an die gewaltigen Auswanderungsströme des 17. und 18. Jahrhundert aus einer sehr armen Schweiz (Hunger). Viele dieser"Hungerleider", die meinen Respekt haben gingen nach Frankreich. Ihr manchmal berechtigtes Misstrauen gegenüber dem neuen Staat war ein starkes Motiv, im Falle eines Falles wieder zurückwandern zu können. Was in vielen Fällen und bis heute, wo man nun einer "reichen" Schweiz redet, geschieht (Rechtssicherheit). Der Pass ist zu billig!

Markus Dancer

12.01.2019|11:55 Uhr

Ich bin Doppelbuerger u. ich vertrete die Meinung, dass ich die Pflichten als jeweiliger Buerger 100% zu erfuellen habe. Das koennen aber NICHT ALLE! Insbesondere Muslime, die klar u. ausnahmslos gezwungen sind, jegliche Autoritaet ausser einer islamischen abzulehnen! Solche Gruppen (Krebse), die niemals weder integriert noch assimliert werden koennen, zerstoeren ganze Staaten wie wir heute 1:1 verfolgen koennen! Daher muss gehandelt werden. Doppelbuergerschaft ist angenehm aber nicht lebensnotwendig u. koennte durch z.B. d. unbeschraenktes Aufenthaltrecht (ohne Stimmrecht) ersetzt werden.

Felix Grendelmeier

12.01.2019|11:51 Uhr

Im sogenannten „Ernstfall“: Wer verteidigt in der Schweiz dann wohl wen? Die paar verbleibenden „Autochthonen“ an der Grenze etwa die Mehrzahl der Ausländer, nichtdienstpflichtigen Doppel- und Mehrfachpässler etc., die sich hierzulande aufhalten?

Hans Georg Lips

11.01.2019|07:49 Uhr

Für mich ist die Million kürzlich Eingebürgerter die allergrösste Gefahr für die Schweiz. Es mag darunter ja solche geben, die die Schweiz und ihr Wesen wirklich verstanden haben.Für den Grossteil stimmt das nicht, nach meiner Beobachtung über 80 Jahre (schon in der Schule) stelle ich fest, dass ein Einwanderer drei Generationen braucht, bevor er Schweizer wird. Ich erinnere mich gut an eingebürgerte Deutsche, deren Sohn (unser Freund) sofort an die Front ging, als Hitler rief. So ist das eben wenn die Herkunft ruft! Neue Doppelbürger sind Conveniencebürger, pragmatische Profiteure.

Hans Georg Lips

11.01.2019|07:11 Uhr

Das Spiel mit dem Feuer. Was der Staat und seine Gutmenschenclique hier veranstaltet, ist was man in Deutschland Umvolkung nannte.Nur wird das hier viel raffinierter veranstaltet.Jeder kriegt den Pass und da vorwiegend Unterschichten als Büezer in die Schweiz gelockt wurden, sinkt das kulturelle und intellektuelle Niveau. Die paar tausend Expats zählen nicht, die teuren deutschen Professoren schon, denn sie bringen roten Rotz zu uns. In andern Ländern wären diese Veränderungen längst Anlass für Krieg. Nur mit gesetzestreuen Schweizern kann man das machen. Eine Riesensauerei der Linken.

Die News des Tages aus anderer Sicht.

Montag bis Donnerstag
ab 16 Uhr 30

Besten Dank für Ihr Interesse an der Weltwoche. Ihr kostenloser Zugang ist leider abgelaufen.

Wir freuen uns, wenn Sie weiterhin unsere Webseite besuchen oder sogar ein Abonnement lösen.

Profitieren Sie hier von einem einmaligen Angebot.