Digitalisierung

Die digitale Welt ist eine gute Welt.

Noch steckt die Schweiz nach der grossen Weihnachtsparty in der Ausnüchterungszelle. Man erholt sich gut gelaunt bei dichtem Schneefall bis in die Niederungen, mit Sicherheit eine Folge der Klimaerwärmung, von den substanzzehrenden Feiertagen im Kreis der Familie.

Hinter uns liegen zehn Jahre Hochkonjunktur und erbauliche Diskussionen über Windenergie, Ökosteuern, Frauenquoten, Hornkühe und andere lustige Themen, die sich zwingend immer dann auf die Agenda schieben, wenn es einem reichen Land zu gut geht.

Langsam, langsam kriecht die Realität zurück.

In Deutschland plünderte eben ein 19-jähriger Hacker Hunderte Privatdateien der linksmittigen Polit- und Medienprominenz. Als Motiv gab er an, «aus Verärgerung über öffentliche Aussagen» dieser Leute gehandelt zu haben.

Die Entrüstung hält sich in Grenzen. Irgendwie kommt heimlich sogar Freude auf. Es ist doch grossartig, dass selbst mächtige Staaten von einem Teenager, der sich über verlogene Prominente ärgert, so mühelos überlistet werden können. Digitalisierung ist die Waffe der Kleinen gegen die Grossen.

Worauf müssen wir uns einstellen?

Nichts gegen Digitalisierung. Die neuen Technologien schaffen Transparenz und erweitern den internationalen Wettbewerb. Alles, was sich nicht durch Leistung rechtfertigt, kommt unter Druck. Pfründen, Privilegien, Vorteile in der geschützten Werkstatt fallen dahin, schmelzen weg.

Für die reichen Industriestaaten steht einiger Wohlstand auf dem Spiel. Weltweit betrachtet, wird die Digitalisierung Umverteilung durch Leistung, eine Demokratisierung des Wohlstands bringen. Ganze Kontinente, die bis jetzt abseits waren, können ihr Potenzial auf die Marktplätze tragen.

Ist das so ungerecht?

Protektionismus, der Aufstand gegen die Wirklichkeit, ist der falsche Weg. Der Versuch, Wohlstand zu konservieren, anstatt ihn unter veränderten Bedingungen zu erarbeiten, wird den Wohlstand vernichten.

Digitalisierung heisst konkret, dass die Inder oder die Vietnamesen ihre Kreativität und ihre Arbeitskraft viel leichter und vielleicht billiger, also kundenfreundlicher, anbieten können.

Digitalisierung heisst auch, dass der Kunde mehr weiss, dass der Bürger besser informiert ist.

Digitalisierung bedeutet schliesslich, dass sich Unternehmen und Regierungen mehr anstrengen müssen.

Digitalisierung wird unendlich mehr für die wirtschaftliche Entwicklung Afrikas tun als sechzig Jahre fruchtlose staatliche Entwicklungshilfe.

Kürzlich hatte ich eine Diskussion mit einem Unternehmer, der mir sagte, die digitale Revolution werde den Staat mit unvorstellbaren Machtmitteln ausstatten. Wir seien ausgeliefert. Niemand könne sich mehr verstecken.

Mag sein. Aber die digitalen Informationstechnologien machen gleichzeitig auch die Menschen mächtiger, indem sie ihnen mehr Wissen und mehr Auswahl geben.

Transparenz, Informationsfluss, grenzübergreifende Vernetzung: Die Staaten werden es schwerer haben, ihre Bürger zu beherrschen, sie zu steuern, sie zu manipulieren und zu belügen. Die alten Meinungs- und Herrschaftsmonopole bröckeln längst.

Am besten aufgestellt sind Staaten, die bereits heute die Bürger ins Zentrum stellen, Macht möglichst weit unten ansetzen. Die Schweiz ist so ein Staat. Die direkte Demokratie ist die Staatsform der digitalen Zukunft. Unabhängig, aber weltoffen, föderalistisch vielfältig, freundlich nach allen Seiten, ohne irgendwo anzudocken: Die Schweiz ist die Verwirklichung dessen, was die Bürger anderer Staaten im Gefolge der Digitalisierung erst fordern werden.

Schlecht positioniert ist die Europäische Union in ihrer heutigen Form. Ihr Demokratiedefizit drückt in transparenten digitalen Zeiten immer krasser durch.

Dunkle Entscheide von oben, kaum überblickbare Zuständigkeiten, Belehrungen einer wankenden Elite: Kein Wunder, ist die EU-Skepsis europaweit so gross. Man sieht und weiss inzwischen zu viel.

Früher war es leichter, unerwünschte, kritische Meinungen wegzudrücken, Dissidenten und Andersdenkende zu isolieren; die wenigen etablierten Medien durch Machtzugang gefügig, zahm zu machen. Die neue digitale Öffentlichkeit ist freier, extremer, ehrlicher.

Die digitale Welt ist heller. Das ist eine gute Nachricht für echte Leistungsträger, aber eine Hiobsbotschaft für Scheineliten, die werden künftig noch schneller entlarvt.

Eine Vermutung: Wir werden bald mehr direkte Demokratie in Europa haben. Die Unzufriedenheit ist enorm. Sie hat neue Parteien hochgespült, die mehr Demokratie nach Schweizer Vorbild wollen.

Natürlich sind da unter den Neuen immer auch ein paar schummrige Figuren, aber mehr richtige Demokratie ist eine Forderung der Stunde, wohin man sieht.

Ob es gelingt? Schwer zu sagen. Die alten Monarchien und Obrigkeitsstaaten Kontinentaleuropas haben ihre eigenen, anderen Traditionen, aber es gibt faszinierende Parallelen.

Nehmen wir die gilets jaunes in Frankreich. Sie protestieren seit Wochen gegen Zentralismus und städtische Arroganz. Sie fordern, unter anderem, direkte Demokratie.

Vor exakt 180 Jahren marschierten eine Art Gelbwesten auch in der Schweiz, am «Züriputsch» von 1839. Die Motive waren ähnlich. Von Pfäffikon aus marschierten die Unzufriedenen in die Hauptstadt, um die urbanen Zentralisten zu stürzen.

Es kam zu Scharmützeln auf dem Paradeplatz, wo heute die Banken stehen. Die Gelbwesten, Hillary Clinton hätte sie «deplorables» genannt, siegten. Aus ihrem Aufstand gingen die demokratische Bewegung und die direkte Demokratie hervor.

Die digitale Welt ist eine gute Welt.

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Von Kirsten Haglund
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Kommentare

Rainer Selk

13.01.2019|08:09 Uhr

Es kommt darauf an, in welchem Land + Branche von Digitalisierung gesprochen wird. Die Verarbeitutng + Beherrschung von digitalen Informationen ist eine Frage der Computer Kapazität. Verselbständigen sich digit. Infos. durch kalte Intelligenz, könnte es gefährlich werden. Das gilt auch für die Fähigkeit, digit.-Daten zu beherrschen, um damit Völker allenalls zu unterdrücken. Leider geht es aber in diese Richtung. Auch die Übernahme weiterer Arbeitsprozesse durch Maschinen könnte problematsich werden, wenn es sich um Schlüsseltätigkeiten handelt.

Markus Dancer

12.01.2019|11:01 Uhr

Ich bin nicht sicher ob Digitalisierung wirkl. fuer mehr Transparenz sorgt. Erfahrungsgemaess lassen sich neue Technologien in alle Richtungen nutzen, fuer medizinische Ferndiagnosen, Raketen, Drohnen usw. wie "Deepstate", "Darknet" u. tausende andere geheime, verschluesselte u. kaum der gesamten Menschheit dienenden Interessen. Nun gut, das gab es schon immer moegen einige denken - richtig - aber das Tempo der Verbreitung von Infomation u. Desinformation nimmt schon unglaubliche Formen an! Meist bleibt kaum Zeit den Wahrheitsgehalt zu ueberpruefen. Es wird nicht einfacher, das ist bedenklich.

Rainer Selk

10.01.2019|13:44 Uhr

Michael Hartmann. Sie versurachen eine Lachanfall. WAS, guter Herr Hartmann, funktioniert denn bei 'denen, die dort lebenden' (gemeint sind die 80 BKM Millionen) überhaupt noch? Frage, guter Herr Hartmann, wenn man Ihren Beiträge so liesst, geben Sie was 'zugebend' von sich? Haarsträubend 'dickschädlerisch'!

Markus Spycher

10.01.2019|09:43 Uhr

Es wäre einfach nur nett, wenn die 'Weltwoche' darauf hinweisen würde, dass die Leserkommentare vom 6. bis 9. Jan. 2019 in den Foren der ersten Ausgabe des Jahres erst heute, am 10.1., freigeschaltet wurden. Ein Normalleser blättert nämlich nicht - Sie wissen schon: Es gibt nichts Aelteres als eine Zeitung vom Vortag.

Michael Hartmann

10.01.2019|08:08 Uhr

tut mir leid, aber ich glaube nicht, dass hillary die gilets jaunes, die für sich etwas erkämpfen wollen, als deplorables tituliert hätte. fremdenhasser und dumme leute, die negativ politik machen sind deplorables. das ist eine seltsame bemerkung aus dem nichts. aber auch köppel ist ein dickschädel und kann keine fehler zugeben!aber bemerkenswert ist schon, dass die weltwoche meint, dass die afd - einmal an der macht - direkte Demokratie einführen würde. ich denke auch nicht, dass direkte demokratie bei 80 millionen bürgern funtionieren würde.

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