«Die Welt ist gegen uns Frauen»

Unsere Benachteiligung ist allgegenwärtig. Wenn Produkte von Männern designt sind, können die Folgen für Frauen sogar tödlich sein. Hätte ich doch vor 200 Jahren gelebt.

Man stösst ja immer wieder auf Kurioses. Mein neustes Fundstück ist ein Blick.ch-Artikel mit dem Titel «Frausein ist ein Risiko» von vergangener Woche. Er kann in einer Epoche, da die Welt ständig besser wird und Chancengleichheit im Wesentlichen erreicht ist, nicht unwidersprochen bleiben.

Die Autorin beklagt, dass Frauen viel zu oft aussen vor bleiben. Unter anderem setzt ihr zu, dass Regale zu weit oben hängen und Verschlüsse so fest sind, dass Frau sie kaum aufbringt. Möglicherweise nutzen Geschäfte einfach ihre Raumhöhe aus? Diskriminierung wäre es nur, wenn die Wimperntusche unerreichbar wäre. Was die Verschlüsse angeht, es gibt tolle Tricks auf Youtube: «Gurkenglas überlisten».

Wie sie weiter schreibt, sind Konstrukteure und Entwickler meist männlich. An Produkten wie Werkzeug sei darum «nervig», dass sie «konsequent auf Männerhände ausgerichtet sind». Das ist wirklich ein Problem. Jedes Wochenende, wenn ich eine Wand ausspitze, denke ich: «Warum haben die bloss keinen leichteren Bohrer erfunden?» Dasselbe beim Hammer. Optimal wären fünfzig bis sechzig Gramm, damit liessen sich Nägel besser einschlagen. Als Linkshänderin und Frau bin ich zudem gleich doppelt benachteiligt.

Auch Smartphones sind problematisch. Die «coolsten» Geräte gebe es ab einer Breite von sieben bis acht Zentimetern, bei der Grösse aber sei die Kamerabedienung mit einer Hand für Frauen unmöglich. In Notsituationen könne man so nicht «schnell ein Bild schiessen». Ist es eine Verschwörung der Handyhersteller? Laut dem Forschungsinstitut TNS Emnid bevorzugen 70 Prozent der Damen ein Smartphone mit mindestens fünf-Zoll-Display (Breite: 7,33 cm). Grund: Über die Hälfte benützt ihr Handy zum Videogucken und legt offenbar – anders als die Autorin – weniger Wert auf einhändiges Fotografieren.

Alexa ist «gefährlich». Der Home Assistant reagiere vor allem auf männliche Stimmen – bei einem Notfall verheerend. Also, da weiss ich jetzt auch nicht weiter. Aber glücklicherweise besitzen neun von zehn Schweizerinnen ein «cooles» Handy, mit dem sie es hoffentlich trotz grossem Display schaffen, die Ambulanz zu rufen.

Ihr Blutdruck steigt im Medizinbereich besonders hoch, der sei «parteiisch», findet sie und verweist auf unbequeme Brustpumpen. Das wirft tatsächlich ein schlechtes Licht auf die Entwickler. Und auf Gott höchstpersönlich. Warum müssen eigentlich Frauen Kinder kriegen? Aber noch wichtiger: Was hindert sie daran, Brustpumpen zu entwickeln? Des Weiteren würden Pharmafirmen die Medikamente oft nicht auf geschlechtsspezifische Unterschiede testen. Dass Medikamente lange nur an Männern getestet wurden, stimmt. Und auch heute sind diese als Versuchspersonen noch übervertreten. Das gilt aber vor allem für die erste Testphase; Tests mit Frauen sind viel aufwendiger. Der Arzneimittelhersteller-Verband VFA betont laut Welt.de: «Medikamente, die für Männer und Frauen zugelassen werden sollen, müssen auch an beiden Geschlechtern erprobt werden.» Ein Problem sei, dass Frauen gar nicht Probandin sein wollen. Die Knacknuss könnte man doch bequem lösen, indem man Kritiker wie die Blick-Redaktorin per Quote zwingt, an Tests teilzunehmen.

Das schlimmste überhaupt ist das Autofahren. Laut einer Studie von 2013 sei das Risiko, bei einem Autounfall zu sterben, bei Frauen um 17 Prozent höher. Das liege an Autositzen und Kopfstützen, die für «Männer konstruiert», sowie an Crashtest-Dummys, die auf «Männerproportionen eingestellt» seien. Angesichts solch prekärer Zustände fragt man sich, warum es überhaupt noch unversehrte Autofahrerinnen gibt. Die Antwort ist einfach: Die Behauptungen sind unzutreffend. Gemäss einer Statistik der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) ist bei Personenwageninsassen die Wahrscheinlichkeit, getötet zu werden, bei Männern zirka dreimal so hoch wie bei Frauen. Die Anzahl Todesfälle auf 10 000 Personenschäden betrug letztes Jahr bei Männern 120, bei Frauen 42. Auch beim fahrleistungsbezogenen Risiko haben Männer laut BfU im Personenwagen ein dreimal höheres Risiko, tödlich zu verunfallen.

Autositze und Kopfstützen sind geschlechtsneutral konstruiert. «Gurten, Sitze und Kopfstützen sind auf eine Körpergrösse von 1,50 bis etwa 2 Meter ausgelegt. Sie müssen aufeinander abgestimmt und einstellbar sein», erklärt Jürg Reinhard, Projektleiter Test beim TCS. Ein viel grösseres Problem sei, dass Autos für Menschen bis etwa vierzig Jahre konstruiert werden. «Viele ältere Menschen erleiden bei Unfällen Knochenbrüche und innere Verletzungen.» Auch Dummys seien unisex und entsprächen einem Durchschnittsmenschen. Um die Extreme zu testen, gibt es Kinderdummys und solche, die kleinere Menschen repräsentieren. Das Wesentliche bei einem Autounfall seien die Kräfte, die wirkten, so Reinhard. So gesehen, müsste man also die Physik als sexistisch bezeichnen.

Man kann der Autorin keinen Vorwurf machen. Diskriminierungsdetektive sind so davon in Anspruch genommen, kleinste Unpässlichkeiten aufzuspüren, dass sie Fortschritte kaum mehr sehen. Sie sprechen von nervigem Werkzeug und zu grossen Handys wie unsereins von Naturkatastrophen und Weltkriegen. Gewiss gibt es Bereiche, in denen nicht alles perfekt ist. Nur geschieht vieles halt nicht aus diskriminierenden, sondern aus pragmatischen Gründen. Es ist nicht mehr a man’s world.

 

Tamara Wernli, Video-Bloggerin, lebt bei Basel.

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Alex Baur, Redaktor

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