Showdown am Sonnenberg

Der suspendierte Fifa-Präsident Joseph Blatter will juristisch gegen seinen Nachfolger Gianni Infantino und den Weltfussballverband vorgehen. Es geht um Ehre und Millionen – und ein menschliches Drama.

Es ist eine kleine Bombe, die Joseph «Sepp» Blatter platzen lässt. «Ich werde rechtliche Schritte gegen Gianni Infantino und die Fifa einleiten», sagt er gegenüber der Weltwoche. «Ich habe genug. Jetzt reicht’s.» Dass ein ehemaliger Präsident seinen Nachfolger vor Gericht zieht – das gab es noch nie in der Geschichte des Weltfussballverbands. Der schwelende Titanenkampf der Walliser Alphatiere an der Spitze des wohl mächtigsten Vereins der Erde erreicht damit eine neue Stufe der Eskalation.

Begonnen hat das Drama mit shakespeareschen Zügen am 25. September 2015. Im Anschluss an eine Sitzung des Fifa-Exekutivkomitees schlug die Bundesanwaltschaft (BA) unter ihrem draufgängerischen Chef Michael Lauber (vulgo «Quetsch») zu. Sie führte Blatter in einen separaten Raum am Fifa-Hauptsitz in Zürich und erklärte, dass sie ein Verfahren gegen ihn eröffne. Zur Erinnerung: Dabei ging es um eine nachträgliche Lohnzahlung von 2 Millionen Franken, welche die Fifa an Michel Platini überwiesen hatte. Der Uefa-Präsident und ehemalige Weltfussballer war von 1998 bis 2002 Blatters Assistent bei der Fifa gewesen. Blatter betont, dass alles rechtens abgelaufen sei: «Die Finanzinstanzen der Fifa haben diesen Betrag begutachtet und als korrekt befunden, und der Fifa-Kongress hat im Mai 2011 die Rechnung abgenommen.» Kurz nach der Verfahrenseröffnung kam es jedoch zum Eklat: Die Fifa-Ethikkommission suspendierte Blatter und Platini, der auch Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees war. Die Begründung lautete nicht etwa auf Korruption oder Vorteilnahme, sondern schlechte Geschäftsführung. Diesen Vorwurf lässt Blatter nicht auf sich sitzen. Der mit Platini ausgemachte Lohn sei für einen Weltstar angemessen gewesen. Zudem verweist er auf seine wirtschaftlichen Erfolge. Als er 1998 Präsident des Weltfussballverbands wurde, schrieb der privatrechtlich organisierte Verein rote Zahlen. 2015 verfügte er über eine Reserve von 1,4 Milliarden US-Dollar, und er konnte auf Cash von einer Milliarde Dollar zugreifen.

Bundesanwalt auf Abwegen

Für Blatter ist der Fall Platini nach allen Regeln der Vereinskunst abgeschlossen worden. Es stellten sich deshalb Fragen, sagt er. In einer Aktennotiz formuliert er es so: «Wie kommt ein Fall, der von der Fifa 2011 erledigt wurde, in das Netz der Bundesanwaltschaft 2015? Das kann nur durch Denunziation erfolgt sein, denn nach schweizerischem Vereinsrecht kann nur ein Mitglied des Vereins (Fifa) über einen Entscheid der Generalversammlung (Fifa-Kongress) Rechenschaft verlangen – und das ist in diesem Fall nicht geschehen.» Er könne doch erwarten, dass die Bundesanwaltschaft jetzt endlich seinen Fall löse. Tatsächlich ermittelt die BA seit mehr als dreieinhalb Jahren in der Causa Blatter; bislang ohne Resultat. Seit dem 25. September 2015 ist Blatter auch nie mehr von der Bundesanwaltschaft befragt worden, obwohl er im Zusammenhang mit anderen hängigen Fifa-Verfahren schon mehrfach als Auskunftsperson ausgesagt hat. Der Druck auf Bundesanwalt Lauber hat deshalb massiv zugenommen. Und er ist umso grösser geworden, als jüngst ausserhalb jedes Protokolls drei Geheimtreffen Laubers mit Infantino bekanntwurden. Eines dieser Treffen haben sämtliche Beteiligte so lange abgestritten, bis der ausserordentliche Staatsanwalt Damian K. Graf den Nachweis erbrachte, dass es doch stattgefunden hatte. Die Vermutung liegt nahe, dass Lauber und Infantino bei diesem ominösen Treffen am 16. Juni 2017 in Bern auch über den Fall Fifa/Blatter gesprochen haben («Komplott gegen Blatter?», Weltwoche Nr. 18/19). Der ehemalige Fifa-Präsident kann sich jedenfalls schwerlich vorstellen, «dass es dabei nicht auch um mich gegangen ist». Der Ausgang des Ermittlungsverfahrens ist für Blatter auch darum von entscheidender Bedeutung, weil der Suspendierungssentscheid der Fifa-Ethikkommission einzig und allein auf der Verfahrenseröffnung durch die Bundesanwaltschaft basierte. Würde Blatter juristisch entlastet, könnte er die Suspendierung anfechten. Es liege auf der Hand, wer zuletzt ein Interesse hätte daran: sein Nachfolger Infantino.

Diese Zusammenhänge seien mit ein Grund dafür, dass er nun in die Offensive gehe, erklärt Blatter. Worum es beim Streit zwischen dem ehemaligen und dem derzeitigen Fifa-Präsidenten genau geht, zeigen verschiedene Memoranden und Briefe, die der Weltwoche vorliegen.

 

«Falschmeldung» der Fifa über angebliche Bereicherungen – Nach seiner Wahl zum Fifa-Präsidenten im Februar 2016 versprach Infantino Blatter, die ungelösten Probleme zwischen dem Verband und seinem langjährigen Präsidenten zügig zu lösen. «Gib mir eine Liste der offenen Punkte, und ich werde nach dem Kongress vom 12. Mai in Mexico City darauf zurückkommen», sagte Infantino gemäss einer Aktennotiz Blatters. Doch nichts sei in der Folge geschehen, während beinahe dreier Jahre. Am 30. Januar 2019 schrieb Blatter Infantino deshalb einen Brief, in dem er ihn an das Versprechen von 2016 und an die offenen Punkte erinnerte. Der wichtigste davon sei der «moralische Schaden», den er durch das Vorgehen der Fifa erlitten habe. Konkret ging es dabei um offizielle Verlautbarungen des Verbands zu angeblichen Zahlungen an Blatter. «Die Informationen und die verschiedenen Communiqués der Fifa betreffend meine Einkünfte entsprechen nicht der Wahrheit und sind demnach rufschädigend», schrieb Blatter. «Noch schlimmer, diese Informationen waren verbunden mit Einkünften von anderen Personen, und so entstand eine lügenhafte Darstellung.»

Der Hintergrund dieses schweren Vorwurfs: Am 3. Juni 2016 veröffentlichte die Fifa eine Liste mit «wichtigen Provisionen» der Spitzenkader Blatter, Jérôme Valcke (Generalsekretär) und Markus Kattner (Finanzchef). Zu Blatter stand unter anderem, er habe 2015 einen «leistungsbasierten Bonus» von 12 Millionen Franken «im Fall eines erfolgreichen Vierjahresmandats» erhalten. Dieses endete mit der aus Sicht des Veranstalters tatsächlich sehr erfolgreichen Fussballweltmeisterschaft 2014 in Brasilien. «Die Aussage, ich hätte diesen Bonus erhalten, ist falsch», sagt Blatter. Doch es gehe ihm nicht ums Geld, sondern um den Reputationsschaden, der ihm durch die – wie er es ausdrückt – «Falschmeldung» der Fifa entstanden sei. Durch diese und andere Meldungen habe die Fifa gezielt den Anschein erweckt, die drei genannten Spitzenkader hätten sich gegenseitig begünstigt. Dies entspreche nicht den Tatsachen und stelle eine Verleumdung dar. Er habe von Infantino eine öffentliche Klarstellung der Fakten verlangt – vergeblich. Den ihm entstandenen Ansehensverlust bemisst Blatter auch am weltweiten (negativen) Presse-Echo, welches die zitierte Mitteilung der Fifa fand. Die Medien berichteten von der New York Times über Le Monde bis zur NZZ («Fifa-Spitze um Sepp Blatter soll sich bereichert haben»).

 

Offene Pensionskassenrechnungen – Zu diesem Streitpunkt muss man wissen: Der Verband hat eine spezielle Pensionskasse für Exekutivkomitee-Mitglieder geschaffen. Blatter, 83, hat nach eigenem Bekunden nichts aus dieser Kasse erhalten, dies im Gegensatz zu anderen ehemaligen Mitgliedern des Exekutivkomitees. Da er seit 1998 in dieser Exekutive gewesen sei, habe er «volles Anrecht» auf die Pension, schrieb er Infantino in dem Brief vom 30. Januar 2019. «Das ist ein fundamentales Recht, das mit meiner persönlichen Situation, der Suspendierung durch die Ethikkommission, nichts zu tun hat.»

 

Persönliche Gegenstände – Im Oktober 2015 musste Blatter seinen Posten Knall auf Fall räumen. Dabei sei es ihm nicht möglich gewesen, seine persönlichen Gegenstände mitzunehmen, berichtet er. Dazu schrieb er an Infantino: «Nach 41 loyalen Dienstjahren in der Fifa habe ich sicherlich das Anrecht auf alle meine persönlichen Effekten, die immer noch im Archiv der Fifa liegen. Darunter strikt persönliche Dokumente, Souvenirs und die berühmte Uhrensammlung.» Diese Gegenstände seien «per Definition persönlich». Dass die Fifa sie jahrelang zurückbehalte, sei «inakzeptabel». Von besonderem materiellem und emotionalem Wert ist für Blatter die umfangreiche Sammlung von «Haute Technologie»-Uhren, die der ehemalige Manager in der Schweizer Uhrenindustrie im Lauf der Jahre angelegt hat. Es handle sich um etwa achtzig Stück, von so berühmten Marken wie Ulysse Nardin, Patek Philippe, Audemars Piguet, Breitling, IWC, Jaeger LeCoultre, Chopard, Cartier, Louis Erard oder Baume & Mercier.

 

Neben diesen drei Hauptstreitpunkten macht Blatter noch einige weitere geltend. So warte er immer noch auf die Lohnausweise von 2015/16. Auch die an ihn gerichtete Post werde von der Fifa, wenn überhaupt, dann nur spärlich und mit grosser Verspätung an seine Privatadresse umgeleitet. Dies sei erbärmlich, man müsse es aber trotzdem erwähnen. Die Beispiele zeigten, wie respektlos bis schikanös die Fifa mit ihm umgehe, so Blatter. Hinzu komme, dass die Finanzkommission sich im Mai 2015 verpflichtet habe, der Sepp Blatter Foundation einen Betrag von 200 000 Franken für wohltätige Zwecke zu überweisen. Dieses Geld sei nie überwiesen worden.

Bereits im Brief an Infantino vom 30. Januar 2019 hatte Blatter damit gedroht, «den Weg der Justiz» zu beschreiten, sollten die strittigen Punkte nicht wie versprochen gelöst werden. Er setzte Infantino damals eine Frist bis Ende Februar. Nun schien Bewegung in die Sache zu kommen. Generalsekretärin Fatma Samoura setzte sich dafür ein, dass die Differenzen im direkten Kontakt zwischen dem alten und dem neuen Fifa-Chef geklärt würden. Am 5. März wurden dann endlich Blatters persönliche Gegenstände zurückgegeben. Nicht dabei waren allerdings die wertvollen «Haute Technologie»-Uhren. Blatter wandte sich darum am 25. März erneut schriftlich an Infantino und bat um die Zustellung der Uhren sowie um eine Stellungnahme zu den «anderen offenen Punkten» bis Ende März. Doch Infantino habe auch danach und bis heute nie von sich hören lassen. Nun sei der Moment gekommen, um die angedrohten rechtlichen Schritte in die Wege zu leiten. Dabei wird Blatter von einem der besten Schweizer Strafverteidiger vertreten. Kenner des Falls gehen davon aus, dass vor allem zivilrechtliche Ansprüche – wie die Zahlung der ausstehenden Pension, die Herausgabe der Uhren und allenfalls Persönlichkeitsverletzung – vor Gericht Erfolg haben könnten.

«Amitiés! Gianni»

Neben der juristischen hat das Drama an der Fifa-Spitze auch eine menschliche Dimension. «Es bleibt für mich unverständlich, wie mein Nachfolger mit mir umspringt, nachdem er einen hochrentablen Betrieb hat übernehmen können», sagt Blatter der Weltwoche. Auch auf der Ebene der persönlichen Beziehungen zeigt er sich von Infantino enttäuscht. Noch am 10. März 2016, der neue Präsident war eben frisch im Amt, gratulierte er Blatter «von ganzem Herzen» zu dessen 80. Geburtstag. Auf dem Briefpapier, das noch von Blatter stammte – oben links mit dem französischen Absender «Le Président» –, lobte Infantino seinen Vorgänger für den Stempel, den er, Blatter, «der Welt des Sports» aufgedrückt habe. Er versicherte ihn tiefer Gefühle voller Respekt («sentiments les plus profonds et respectueux») und unterschrieb von Hand mit «Amitiés! Gianni». Warum dieser Respekt und diese Freundschaft – Werte, die sich auch die Fifa auf die Fahnen schreibt – plötzlich nicht mehr gelten sollten, ist für Blatter ein Rätsel. Mag sein, dass Infantino seinen Vorgänger als toxische Altlast begreift, mit der er am liebsten gar nichts mehr zu tun haben möchte. Nun werden sie sich möglicherweise vor Gericht wiedersehen. Dabei hätte Blatter weniger zu verlieren als Infantino und die Fifa. Für sie könnte die Sache – vorausgesetzt, Blatter kommt damit durch – gefährlich werden.

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Kommentare

Juerg von Burg

14.05.2019|15:17 Uhr

Sehr sachlicher Artikel, danke (bin Neuleser). Irgendwie ging da der Anstand von Infantino flöten, so reagiert jemand Gebildeter nur mit viel Angst. Dass der Lauber (Name tönt extrem Wallis) da offensichtlich Partei nimmt, ist bedenklich und ja Roger Köppel, primär ist das ein strukturelles Problem! Leider braucht die Bundesanwaltschaft einen Neuanfang oder kann gleich beerdigt werden. Wenn da nichts passiert, dann sind wir Bananen-Republik! ;-)

Michael Hartmann

14.05.2019|08:32 Uhr

couvertpolitik! hochrentable zeiten. das waren noch zeiten, liebe leute. da fehlen doch lohnausweise? was hat der herr denn versteuert? etwa auch die uhren, die ihm gehören?

Markus Dancer

09.05.2019|02:41 Uhr

Man kann Blatter mögen oder nicht, aber was sich da die Bundesanwaltschaft u. die FIFA erlauben geht zu weit! Für mich ein weiterer BEWEIS, dass die Korruption in der CH bereits US-Formen angenommen haben. Der Deepstate hat zugeschlagen! Zudem - die FIFA - ein Verein? Das muss neu geregelt werden. Ev. durch die Schaffung einer Firmenstruktur für grosse internationale Organisationen! Aber keine Steuern bezahlen, geht nicht. Ansonsten müsste man dieses Sumpfloch aus der CH verabschieden.

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