Öko-Paradies Schweiz

Der Umweltschutz war ein urbürgerliches Anliegen, lange bevor die Linke das Thema besetzte. Zur Schweiz gehört indes auch, dass man diese Erfolge nicht an die grosse Glocke hängt.

Eigentlich ist es uns fast peinlich, über dieses Klischee zu reden, doch fast jeder, der etwas in der Welt herumgekommen ist, wird bestätigen: Die Schweizer haben es gerne sauber und ordentlich, nicht nur in den eigenen vier Wänden. Ausser vielleicht in Japan oder in Skandinavien ist die Hygiene im öffentlichen Raum nirgends so selbstverständlich wie in der Schweiz. Die Frage lautet: Wie schaut es hinter den Kulissen aus? Ist die herausgeputzte Oberfläche etwa nur da, um vom dreckigen Inhalt abzulenken?

Durchforstet man die Websites des Bundesamtes für Umwelt (Bafu), erhält man den Eindruck, dass vieles im Argen liegt. Der motorisierte Verkehr wächst und wächst seit Jahren. Die Überdüngung der Böden setzt unseren Wäldern zu. Rund ein Viertel der Wasserkraftwerke erfüllt die gesetzlichen Umweltauflagen nicht; Fische leiden an künstlichen Barrieren und abrupt wechselnden Wasserständen. Mit jährlich 716 Kilo Kehricht pro Einwohner und Jahr liegt die Schweiz weit über dem weltweiten Schnitt. Die Grenzwerte für Ozon, Feinstaub und Stickstoffe sind streng, aber sie werden immer wieder überschritten.

Schaut man sich die Bafu-Berichte allerdings etwas genauer an, stellt man fest: Der Schweizer Umwelt geht es besser denn je.

Wald und Biosphäre: Ein Drittel der Fläche der Schweiz ist bewaldet, wobei diese Fläche ständig wächst. Im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern wird der Wald sanft bewirtschaftet, also fast ohne Flächenrodungen, mit natürlichem Nachwuchs. Der Wald wird eher zu wenig genutzt, was zu einer Überalterung führt. Das grösste Problem bilden die Wildschäden, was wiederum darauf hinweist, dass sich so viele freie Tiere in den Wäldern herumtreiben wie schon lange nicht mehr. Sogar Bären und Wölfe kehren zurück.

Wasser: Während der Trinkwasserverbrauch pro Person in den letzten vierzig Jahren von rund 500 auf 300 Liter pro Tag zurückgegangen ist, wurde das Wasser immer sauberer. Praktisch 100 Prozent des Abwassers werden so gereinigt, dass es gefahrlos getrunken werden könnte. Der Phosphorgehalt in den Gewässern ging so dramatisch zurück, dass man sich überlegt, gewisse Seen künstlich zu düngen. Zahlreiche einst zubetonierte Fliessgewässer und Uferpartien wurden renaturiert.

Kehricht: 53 Prozent der Siedlungsabfälle werden wiederverwendet; mit einer Sammelquote von 96 Prozent beim Glas, 90 Prozent beim Aluminium und 82 Prozent beim PET dürfte die Schweiz den Weltrekord halten. Der verbleibende Kehricht verbrennt in der Regel nicht nutzlos, er wird zur Gewinnung von Strom und Fernwärme genutzt. Die Wiederverwertung von Rohstoffen aus der Schlacke («Urban Mining») ist bereits heute Realität.

Luft: Obwohl munter gebaut wird, ist der Jahresverbrauch von Heizöl in den letzten 25 Jahren praktisch halbiert worden. Der Ausstoss von Schwefeldioxid ging im gleichen Zeitraum um über 80 Prozent zurück. Die Feinstaub-Emissionen wurden in den letzten zehn Jahren um 12 Prozent reduziert, jene von Stickoxid sogar um 27 Prozent. Auch dank dem praktisch CO2-freien Strommix (36 Prozent Atom-, 60 Prozent Wasserkraft) verursacht die Schweiz nur gerade 4,5 Tonnen CO2 pro Kopf und Jahr; gemessen an Deutschland (9,7 Tonnen), China (7,4 Tonnen) oder den USA (16,4 Tonnen) steht sie damit vorbildlich da.

Dabei hat die Schweiz nicht immer die strengsten Gesetze – doch diese werden in der Regel umgesetzt. Föderalismus und direkte Demokratie bringen es mit sich, dass viele Prozesse etwas länger dauern. Das zeigt sich etwa bei der Kehrichtsackgebühr, deren Einführung sich über viele Jahre hinzog. Doch als sich das Verursacherprinzip mit der Zustimmung der Stimmbevölkerung einmal durchgesetzt hatte, genoss es eine grosse Akzeptanz.

Zu den Eigenheiten der Schweiz gehört allerdings auch, dass man diese Erfolge nicht an die grosse Glocke hängt. Man mag sich nicht an jenen messen, die es schlechter machen, sondern setzt seine eigenen Massstäbe. Diese Haltung zeigt, dass man es ernst meint. Unglaubwürdig wird sie erst, wenn wir uns selber schlechter darstellen, als wir wirklich sind.

So rechnet die Schweiz etwa ihre hervorragende CO2-Bilanz schlecht, indem sie zu den eigenen Emissionen auch jene addiert, die bei der Herstellung von importierten Produkten anfielen. Mit diesem Rechentrick schafft die Schweiz eine Verdreifachung der CO2-Emissionen, die sie dann doch noch auf das Niveau eines Sünders erhebt. Das theoretische Rechenmodell ist schon deshalb unsinnig, weil die Schweiz damit Busse für Emissionen offeriert, die andere zu verantworten haben und die sie schwerlich beeinflussen kann.

Es ist auch nicht so, dass es die linken Bewegungen waren, welche den Schweizern ein ökologisches Gewissen beigebracht hätten. Die Grüne Partei formierte sich erst in den 1980er Jahren nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus aus den Restbeständen marxistischer Gruppierungen wie Poch und SAP (Sozialistische Arbeiterpartei). Ihr Hauptthema war der Kampf gegen die Kernenergie, der wiederum auf die Friedensbewegung der 1970er Jahre zurückgeht. Bis dahin war der Natur- und Umweltschutz ein ziemlich unideologisches Anliegen. Allerdings änderten sich die Forderungen und Prioritäten über die Jahrzehnte stark.

Ganz am Anfang stand der Tierschutz in Zentrum. Es ging dabei vor allem um Nutztierhaltung und Vivisektion. 1849, ein Jahr nach der Gründung des Bundesstaates, konstituierte sich in Basel der erste Tierschutzverein. 1861 wurde der «Schweizerische Centralverein zum Schutz der Thiere» gegründet, einer der ersten gesamtschweizerischen Verbände überhaupt. Diese Kreise lancierten wenige Jahre später die erste nationale Volksinitiative, die das «Schlachten ohne vorherige Betäubung» verbietet (was fälschlicherweise oft als «Schächtverbot» bezeichnet wird; siehe Weltwoche Nr. 51/09, «Streit ums Vieh»).

Bereits im 19. Jahrhundert war auch der Schutz des Waldes ein grosses Thema. 1876 wurde das erste nationale Forstgesetz erlassen. Es ging dabei vor allem um den Erhalt von Schutzwäldern in den Alpen und die Verhinderung von Erosion. Der Natur- und Umweltschutz, wie wir ihn heute verstehen, wurde allerdings erst am Anfang des 20. Jahrhunderts zum grossen Thema.

Den Anfang machte der Heimatschutz. Nachdem 1905 der Grosse Rat in Solothurn die historischen Stadtmauern niederreissen wollte, kam es landesweit zu Protesten. Dies gab den Anstoss zur Gründung des Schweizer Heimatschutzes unter der Federführung des freisinnigen Albert Burckhardt-Finsler. Bemerkenswert war auch die starke Präsenz von Frauen. Der Heimatschutz beschränkte sich nicht auf historische Bauten, er opponierte insbesondere auch gegen geplante Bergbahnen und Stauseen.

Ein Jahr danach, 1906, wurde die Schweizerische Naturschutzkommission gegründet, die später in den Schweizerischen Bund für Naturschutz (SBN, heute Pro Natura) überging. Ein erster Meilenstein wurde mit dem Schweizerischen Nationalpark (1914) im Engadin gesetzt, das erste Schutzgebiet dieser Art in Mitteleuropa. 1913 begrüsste Bundesrat Ludwig Forrer (FDP) Vertreter aus siebzehn Ländern zur ersten «Internationalen Konferenz für Weltnaturschutz» in Bern. Auch hier spielte die Schweiz eine Pionierrolle. Vertreten waren in erster Linie die damaligen Kolonialmächte; sie sollten den Umweltschutzgedanken in die Welt hinaustragen.

Im 20. Jahrhundert konnte in der Schweiz kein grösseres Bauwerk mehr verwirklicht werden, ohne dass Heimat- und Naturschützer ein Wörtchen mitredeten. Zahllose Eingriffe in Natur und Landschaft – von der Bahn aufs Matterhorn bis zum Stausee auf der Greina-Ebene – wurden verhindert. Politisch-ideologisch waren die Umweltschützer kaum einzuordnen, sie hatten Anhänger und Gegner in allen Parteien. Das änderte sich erst in den 1980er Jahren, als die gescheiterten Marxisten das Öko-Thema kaperten.

Dieser Wandel lässt sich am Beispiel der Kernenergie illustrieren. Mit dem rasanten Wachstum in der Nachkriegszeit wuchs der Bedarf an Strom. Da das Potenzial für neue Wasserkraftwerke weitgehend ausgeschöpft war, setzte die Wirtschaft auf Öl. Doch mit Ausnahme von Chavalon im Wallis scheiterten alle Projekte am Widerstand der Bevölkerung. So kam es, dass die Schweiz unter Federführung der SP-Bundesräte Willy Spühler, Hans-Peter Tschudi und Willi Ritschard und mit Unterstützung des mächtigen Bundes für Naturschutz auf Kernenergie setzte.

Alle Atomprojekte in der Schweiz wurden von den Anrainern in irgendeiner Form an der Urne gutgeheissen (sogar das heissumstrittene Projekt in Kaiseraugst). Ein halbes Dutzend Atomausstiegs-Initiativen wurden dagegen vom Souverän abgelehnt, die letzte im November 2016 mit 54,2 Prozent Nein-Stimmen. Ein halbes Jahr später segneten allerdings 58 Prozent des Stimmvolkes auch die Energiestrategie 2050 (Energiewende) ab, die einen langfristigen Ersatz der Kernenergie durch alternative Stromlieferanten wie Wind, Sonne und Biomasse sowie eine Drosselung des Energiekonsums durch einschneidende Lenkungsabgaben postuliert.

Rotgrüne Planspielereien und Labels sind das eine. Real ist nur, was umgesetzt wird. Neue Stromleitungen, welche die Energiewender für Importe brauchen, und insbesondere die geplanten Windanlagen, stossen im Öko-Land Schweiz landauf, landab auf erbitterten Widerstand. Tier-, Vogel-, Heimat- und Landschaftsschützer aus allen politischen Himmelsrichtungen laufen Sturm gegen die grünen Monster im Grünen. Der Schutz der Natur sitzt tief in den Seelen; er ist in diesem Land mehr als ideologisch-modischer Lifestyle.

Lesen Sie auch

Verrückte Wissenschaft

ETH-Professor Knutti will den Klimawandel «vermeiden»....

Von Roger Köppel

Science folle

Le professeur Knutti de l’EPF veut «éviter» le cha...

De Roger Köppel

Kommentare

Rainer Selk

12.05.2019|08:22 Uhr

@Baiker. Mit Ausnahme einer Parteizugehörigkeit ist das bei uns auch so. Grüne sind nach wie vor intolerant, linkssozialistisch, rückwärts gerichtet. Sie wechselten nur die Tunnelblickröhre samt Farbe in Richtung braun. Passt zu den roten Schwätzern, die tiefrot und ebenfalls Richtung braun mutieren.'Ideologie' ist nicht mehr, dafür CO2 Glaube, sollte, könnte, würde, religiös geschmiert + inquisitorisch gedröhnt, kurz: Schlechter Essig ist vergammelten Schläuchen, mit steuerlichen Schnäppchen Verkaufsanpreisungen. Also Geldklau -> mehr nicht.

Alex Schneider

12.05.2019|06:54 Uhr

Sorry, aber die erste Partei, die Umweltschutzthemen aufgriff, war die Nationale Aktion NA. Aus dem ersten Parteiprogramm von 1963: "Verschärfung der Bestimmungen über Lärmbekämpfung, Gewässerschutz und Luftverunreinigung". "Die Überfremdung als Ursache riesiger Überbauung lässt ganze Landschaften verschwinden."

Hans Baiker

10.05.2019|18:29 Uhr

Meine Frau und ich (CVP/SVP) waren 1981 unter den ersten Energiesparhausbauern. Damals, wie im Artikel erwähnt, waren die Grünen auf die Sowjetunion, China etc. fokussierte Linksextremisten. Lange vor der Energiewende stellten wir auf CO2-neutrale Heizung um. Die Einsparung wird durch neue Gas- und Kohlekraftwerke zu Nichte gemacht. Grüner Tunnelblick, der jeden Fortschritt ins Gegenteil umkehrt.

Hans Georg Lips

10.05.2019|15:26 Uhr

Ich gratuliere Ihnen Herr Baur für Ihre Haltung und Ihre Beiträge. Seien Sie trotzdem alert wie die Schlange und schützen Sie sich und Ihre Familie. Die Faschisten sind klar links und in den Verwaltungen, vorwiegend bei der Polizei. Die sind heute alle korrupt und sind auch durch die linke Denkschule gegangen (Niall Ferguson).

Die News des Tages aus anderer Sicht.

Montag bis Donnerstag
ab 16 Uhr 30

Ihr Light-Login-Zugang ist abgelaufen. Bitte machen Sie das Abonnement hier