«Krieg gegen die Kreuzfahrer»

Der Sicherheitsexperte und Regierungsberater Rohan Gunaratna über die Terrorziele des islamischen Staats, die Rolle der Schweiz in Sri Lanka– und die Mitschuld Europas am Blutbad vom 22. April.

Kurz nach dem Massaker in Sri Lanka erhielt Rohan Gunaratna in Singapur einen Anruf aus Colombo. Der ausgewiesene Anti-Terror-Experte wurde aufgefordert, sofort in seine Heimat zu kommen, um die Regierung in der Krise zu beraten.

 

Herr Gunaratna, der sri-lankischen Regierung wird vorgeworfen, konkrete Warnungen aus Indien über bevorstehende Attentate ignoriert zu haben. Weshalb reagierten die Sicherheitskräfte nicht?

Sri Lankas Sicherheitskräfte waren vor zehn Jahren sehr stark. Aber dann wies die Regierung das Militär und die internen Geheimdienste zum Rückzug in die Kasernen an. Alle Checkpoints wurden beseitigt, und den Geheimdiensten wurde befohlen, ihre Tätigkeit zu reduzieren.

Auch nach und trotz den Warnungen aus Indien?

Ja. Der Sicherheitsapparat war ja empfindlich geschwächt worden.

Weshalb?

Westliche Regierungen hatten Sri Lanka unter Druck gesetzt, die Sicherheits- und internen Spionagedienste aufzulösen, nachdem Sri Lanka den Krieg gegen die Terrororganisation Tamil Tigers gewonnen hatte. Wären unser Militär und unsere Nachrichtendienste nicht zurückgebunden worden, hätten sie die Angriffe auf sri-lankische Kirchen und Hotels verhindern können.

Sie machen den Westen im Ernst dafür verantwortlich, dass Sri Lanka die Terroranschläge nicht verhindert hat?

Nach dem Sieg über die Tamil Tigers im Jahre 2009 verlangte die EU einen Abbau des Sicherheitsapparates. Sie drohte Sri Lanka mit Sanktionen für den Fall, dass Colombo nicht auf Brüssel höre. Doch Politiker in der EU verstehen Sri Lanka nicht. Leider folgten die Politiker in Colombo den Vorgaben Europas, indem sie die Sicherheitsdienste schwächten, um der EU zu gefallen. Das war ein riesiger Fehler.

Erwarten Sie weitere Anschläge?

Der Islamische Staat wird aktiv bleiben und mit seinen Attacken fortfahren.

Der Islamische Staat ist nicht besiegt?

Ganz und gar nicht. Er befindet sich in einer Phase der Expansion. So hat er Teile Afrikas, Asiens oder des Kaukasus infiltriert und verstärkt seinen Terror im Mittleren Osten.

Wie ist das möglich, wo der IS doch kein Territorium mehr kontrolliert, weder im Irak noch in Syrien?

Die Anführer des IS haben sich unter die Bevölkerung gemischt, so dass sie sozusagen anonym operieren können. Ihr Hauptquartier ist vor allem im Grenzgebiet zwischen dem Irak und Syrien, im Euphrat-Tal. Von dort führen sie einen Krieg gegen die «Kreuzfahrer». Deshalb attackieren sie Kirchen und Ziele, die von Touristen aus dem Westen frequentiert werden.

Wie lange haben die Terroristen für die Vorbereitung ihrer Attacken gegen Sri Lanka gebraucht?

Die Planungs- und Vorbereitungsphase hat mindestens ein Jahr gedauert.

Was gehörte dazu?

Leute mussten rekrutiert und radikalisiert werden, es mussten Explosionsstoffe gekauft und versteckt werden. Die Attentäter wurden trainiert, und die Ziele wurden überwacht, um in Erfahrung zu bringen, wann ein Anschlag besonders blutige Folgen haben würde.

In Colombo hiess es nach dem Attentat, es habe sich bei den Terroristen überwiegend um lokale Leute gehandelt.

41 Sri Lanker wurden in Syrien und im Irak trainiert. Einige wurden getötet, andere kamen zurück.

Mehrere Länder, darunter auch die Schweiz, haben jetzt Polizisten nach Colombo entsandt, damit sie Sri Lanka bestehen. Wie nützlich ist diese Hilfe?

Sie ist sehr wichtig. Sri Lanka muss mit möglichst vielen Ländern zusammenarbeiten, vor allem mit den Europäern. Denn die EU hat nicht begriffen, dass Sri Lanka bis 2009 einen Krieg gegen die brutale Terrororganisation Tamil Tigers geführt hat.

Und was erwarten Sie von der Schweiz?

Die Schweiz war früher ein wichtiger Hub für die Finanzierung der Tamil Tigers. Die Kooperation mit der Schweiz ist jetzt aber auch deshalb wichtig für die sri-lankische Regierung, weil Bern dann verstehen wird, mit welchen Gefahren Sri Lanka konfrontiert ist und wie dringend es jetzt ist, den Sicherheitsapparat wieder auf Vordermann zu bringen.

Wie lautet Ihr wichtigster Rat an die Regierung in Colombo?

Sie sollte einen nationalen Sicherheitsplan ausarbeiten, der Hassreden und Anstiftung zur Gewalt kriminalisiert.

Und welche Lehren haben Politiker im Westen aus den Attentaten in Sri Lanka zu ziehen?

Sie sollten Sicherheitsmassnahmen von Regierungen, die gegen den Terror kämpfen, unterstützen. Es darf keine Einmischung mehr von aussen geben, mit der eine Reduktion des Sicherheitsapparates gefordert wird, sonst kommt es wieder zu Terrorattacken.

 

Rohan Gunaratna, 58, aufgewachsen in Colombo, ist Professor für Sicherheitsstudien an der Nanyang Technological University in Singapur und Co-Autor des Buchs «The Three Pillars of Radicalization: Needs, Narratives, and Networks», das in den nächsten Wochen erscheint.

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Kommentare

Hans Georg Lips

06.05.2019|16:50 Uhr

Tamilen sind Einwanderer und Singhalesen die Urbevölkerung. Eines Tages werden die Neubürger der Schweiz aus Mazedonien, Syrien, Marokko, Ghana und Somalia die Altschweizer aus dem Land treiben. Die Antiwaffenlobby arbeitet mit der EU daran. In 35 bis 40 Jahren sind wir soweit bei einer weiteren Einbürgerungsquote von 40'000 p. a.. Das sind dann geschätzt ca. 2,0 bis 3,0 Millionen Neuschweizer mit hoher Fertilität. Der Rückgang bei Altschweizern ist programmiert. Dann noch das Wahlrecht an alle EU-Ausländer (Bürgerrichtlinie) und wir haben gar nichts mehr zu sagen. Ich bin dann nicht mehr da.

Werner Widmer

03.05.2019|16:53 Uhr

Und die DDR hat mit dem Schleusen von Tamilen via Ostberlin das westliche System angegriffen. Heute sind die alle schuldunfähig. Keiner schreit nach einem Richter.

Markus Dancer

02.05.2019|04:17 Uhr

Westlichem Druck und westlichen (EU und USA) Forderungen nachzugeben, führen in JEDEM Fall zum Chaos! Einmal mehr bewiesen in Sri Lanka! Ich hoffe, dass Myanmar nicht denselben Fehler macht!

Hans Georg Lips

01.05.2019|22:27 Uhr

Der Mann bestätigt, was ich als die Tamilenlüge bezeichne. Wir haben IMMER die Terroristen unterstützt und 52'000 sind noch hier, die abfahren sollten. Erstaunlich, dass die recherchierende WW diese Grosssauerei noch nicht analysiert hat. Die ganze Schweiz wurde jahrzehntelang betrogen, mithilfe der Scheissmedien.

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