Fukushima im Faktencheck

Mit der Bergung der geschmolzenen Brennstäbe hat der Rückbau der Reaktorruinen von Fukushima das kritische Stadium erreicht. Zeit für eine Schadensbilanz.

In den drei havarierten Meilern des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi haben in diesen Tagen Spezialisten mit der Bergung der Brennstäbe begonnen. Der Rückbau der Reaktorruinen in Japan tritt damit in eine entscheidende Phase. Immerhin ist inzwischen einigermassen absehbar, welcher Schaden beim bislang einzigen «grössten anzunehmenden Unfall» (GAU) in einem Kernreaktor westlicher Bauart zu erwarten ist – und wovor wir uns nicht zu fürchten brauchen.

 

Naturkatastrophe – Am 11. März 2011 tötet ein Tsunami an der Ostküste Japans gegen 20 000 Menschen; 130 000 Häuser und rund 470 Quadratkilometer Kulturland werden zerstört. Die Überflutung verursacht bei drei Atommeilern von Fukushima Daiichi (es sind die ältesten im Land) eine Kernschmelze; alle Reaktoren neuerer Bauart in der Gegend (Tokai, Onagawa, Fukushima Daini) überstehen die zum Teil noch höhere Flutwelle unbeschädigt. Nach dem Austritt radioaktiver Stoffe werden auf einem Gebiet von 60 Quadratkilometern rund 165 000 Einwohner evakuiert. Akute Verstrahlungen werden keine registriert.

 

Evakuation – Der Radius der Sperrzone beträgt heute, acht Jahre nach dem GAU, noch fünf Kilometer; rund 30 000 Evakuierte dürfen bis heute nur tagsüber in ihre Häuser zurückkehren. Ausserhalb dieser Kernzone wurden 95 Prozent des Geländes so gereinigt, dass die Grenzwerte eingehalten werden. Von den 46 758 Mitarbeitern, die sich in den ersten fünf Jahren auf dem Gelände der zerstörten Reaktoren aufhielten, haben 173 eine Strahlendosis von über 100 Millisievert (Grenzwert im Katastropheneinsatz) erhalten. Gemäss den Untersuchungen von Uno-Gremien (UNSCEAR, WHO, IAEA) wurde durch die Strahlung aber niemand getötet oder ernsthaft verletzt. Die Autobahn, die quer durch die Sperrzone an den zerstörten Meilern vorbeiführt, ist wieder frei befahrbar. Eine Verseuchung des Trinkwassers wurde nirgends festgestellt.

 

Langzeitfolgen – Ein erhöhtes Krebsrisiko muss gemäss den Uno-Untersuchungen niemand befürchten. Es wurde auch keine Zunahme von Missbildungen bei Neugeborenen registriert (dies deckt sich, entgegen einem hartnäckigen Mythos, mit den Erkenntnissen aus Langzeituntersuchungen in Tschernobyl, Hiroshima und Nagasaki). Wie schon in Tschernobyl kamen die Uno-Experten zum Schluss, dass die Evakuation mehr gesundheitliche Schäden (Depressionen, Suchtverhalten, Suizide etc.) verursacht hat, als von der Strahlung zu erwarten gewesen wären.

 

Finanzen – Die japanische Regierung schätzt den gesamten Schaden inzwischen auf 187 Milliarden Dollar. Der Rückbau und die Entschädigungen an die Anwohner schlagen mit je rund 70 Milliarden zu Buche, der Rest wird für die Entsorgung der verseuchten Böden veranschlagt. Ein Atomausstieg käme die Volkswirtschaft allerdings teurer zu stehen. Nach dem GAU wurden alle 42 japanischen Kernkraftwerke zur Prüfung heruntergefahren, die meisten stehen still bis heute. Die Ausgaben für Öl-, Gas- und Kohleimporte stiegen in der Folge um jährlich 30 bis 50 Milliarden Dollar.

 

Versicherung – Formell haftet der staatliche Stromriese Tepco für den Schaden, doch über Stromgebühren und Steuern wird am Ende die Allgemeinheit zahlen. Die extrem geringe Wahrscheinlichkeit eines extrem hohen Schadens führt dazu, dass Kernkraftwerke als nicht versicherbar gelten. Noch schlechter versichert sind die Staudämme in den Alpen, die ein noch grösseres Zerstörungspotenzial in sich bergen. Da alle etwa gleichermassen vom Strom profitieren, wird das Risiko sinnvollerweise auf die Allgemeinheit verteilt.

 

Lehren für die Schweiz – Auslöser der Kernschmelze in Fukushima war ein Totalausfall des Kühlsystems, es wurde vom Tsunami weggeschwemmt. Obwohl ein Dammbruch in den Alpen zu einer vergleichbaren Überflutung führen könnte, wäre das gleiche Szenario in der Schweiz nicht möglich. Die Kühlsysteme sind durch Bunker geschützt, und selbst wenn es zur Kernschmelze käme, würden so genannt passive Sicherungen und die Schutzhülle (containment) den Austritt von radioaktivem Material verhindern. Gemäss einer Studie des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz (Babs) aus dem Jahr 2015 birgt eine mehrmonatige «Strommangellage» im Winter die grösste Bedrohung für die Schweiz in sich; die Folgen eines längeren Blackouts wären ähnlich verheerend wie die eines nuklearen GAUs, aber zehntausendmal wahrscheinlicher.

 

Globale Trends – Wenige Wochen nach dem GAU von Fukushima erklärten die Regierungen in der Schweiz und in Deutschland den Atomausstieg. Die panische Wende lässt sich in beiden Ländern nur mit den anstehenden Wahlen erklären. Weltweit liegt die Kernenergie aber nach wie vor im Trend. Fünfzig neue Kernkraftwerke befinden sich zurzeit im Bau, allein in China wurden im letzten Jahr sieben neue Atommeiler in Betrieb genommen.

"Abonnieren Sie die Weltwoche und bilden Sie sich weiter"

Alex Baur, Redaktor

Kommentare

Franz-J. Schulte

21.04.2019|15:36 Uhr

In der nordöstlichen Ecke des deutschen Ruhrgebiets wurde am 12.07.1913 die Möhnetalsperre als damals grösste Stauanlage Europas (!!), eingeweiht. Ihr mussten insgesamt 700 Menschen weichen. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Möhnetalsperre am 17.05.1943 durch einen britischen Luftangriff so stark beschädigt, dass eine Flutwelle weite Teile des Ruhrtals überflutete, wobei etwa 1500 (!) Menschen im Abstand bis zu 100 km (!) jenseits der Staumauer ums Leben kamen. Der Wiederaufbau der Staumauer konnte schon am 3. 10.1943 mit dem Auftragen der Fahrbahndecke auf der Dammkrone abgeschlossen werden.

Die News des Tages aus anderer Sicht.

Montag bis Freitag
ab 6 Uhr 30.

Ihr Light-Login-Zugang ist abgelaufen. Bitte machen Sie das Abonnement hier