Egotrip in der Trainerhose

Auch wenn wir über viele persönliche Freiheiten verfügen, heisst das noch lange nicht, dass wir sie immer und überall ausleben müssen.

Eine Realschule im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen verbietet seit kurzem Trainerhosen im Unterricht. Dieser «Couch-Potato-Look» gehöre nicht in die Schule, meinte die Schulleiterin, da diese auf das Berufsleben vorbereite und Werte vermittle. Die Zeitung WAZ berichtete. Auch in der Schweiz wird über das textile Beinkleid im Klassenzimmer diskutiert; ein Basler Gymnasium hat 2017 ein Trainerhosen-Verbot vorgeschlagen – und grossen Protest von Schülern geerntet.

Da möchte man grundsätzlich erst einmal sagen: Kleidervorschriften sind Quark. Das äussere Erscheinungsbild gehört zur persönlichen Freiheit. Trainerhosen sind ein kulturelles Allgemeingut, und wenn sie im Trend sind, sollte man sich nicht querstellen, zumal Schulen ja auch Umschlagplatz für gesellschaftliche Entwicklungen sind. Als Fürsprecherin von Trainerhosen – ich besitze deren vierzehn Stück, von stylish bis trashig, von Camouflage bis Glitzerlook – hier meine Wahrheit: Es gibt kein Kleidungsstück, in dem man sich zu Hause, auf dem Hundespaziergang oder beim Einkaufen im Coop wohler fühlt. Zum Argument, dass Trainerhosen in der Schule eine Null-Bock-Einstellung fördern: Auch Jeans oder Hosenanzüge halten uns von dieser Attitüde nicht ab. In Trainerhosen lernt man nicht besser oder schlechter; für gute Leistung braucht es keine kultivierte Kleidung.

 

Die Welt wäre schön, wenn alles so einfach wäre. Leider muss ich enttäuschen, denn die Sache ist die: Kleidung ist nicht nur Funktionalität, sie ist fast immer auch ein Statement. Wie der Farbwechsel beim Chamäleon, der zur Verständigung unter Artgenossen dient, ist auch Kleidung ein Stück weit Kommunikation. Kleidung passiert nicht einfach so.

Das Statement von Trainerhosen? Na ja, es ist halt dieses: Ich mach, worauf ich gerade Bock habe. Trainerhosen stehen für Behaglichkeit, Sofa, Freizeit, Sport, Fläzen, Chillen. Und auch wenn sie manchmal modisch aussehen, Taylor Swift in dem Teil (in Luxusversion) Interviews gibt und Stars ihre eigenen Trainingsanzug-Kollektionen haben, es ändert daran nichts. Jogginghosen sind Ausdruck eines zwanglosen, legeren Lebensgefühls, das das eigene Ego ins Zentrum rückt.

Theoretisch spricht zwar nichts dagegen, der Welt seine momentane Haltung mitzuteilen oder zu demonstrieren, dass man auf Konformität pfeift. Gerade als Teenager kommt einem das grandios vor – in meiner Jugend drückten wir das mit Tattoos aus, heute läuft man eben als Eminem-Verschnitt herum. Da aber die Schule ein Ort der Bildung, Ordnung und Disziplin ist, halte ich es nicht für die schlechteste Idee, wenn man im Klassenzimmer nicht wie ein Penner daherkommt (auch Badelatschen etc. fallen in die Schlabberkategorie). Ordentlich gekleidet zu erscheinen, ist auch eine Form von Wertschätzung und Respekt dem Lehrpersonal und den Mitschülern gegenüber. Die eigene Behaglichkeit zurückstellen und Rücksicht nehmen auf andere Befindlichkeiten taugt als Vorbereitung auf die Berufsrealität besser als das beharrliche Ausleben seiner persönlichen Freiheiten.

 

Es gibt genügend Zeitgenossen, die tun, worauf sie gerade Lust haben, obwohl sie damit das Befinden ihrer Mitmenschen beeinträchtigen oder diese mit ihrem Verhalten gar einschränken, und viele Jugendliche schliesst das leider mit ein: nach ausgiebigem Feiern samstagabends im Park ungeniert den Müll liegen lassen (gehen Sie mal an einem Sonntag in gewisse Parks, da bekommen Sie Brechreiz). Im ÖV die Duftnote eines Döners verbreiten. Das komplette Tramabteil mit seinem Telefonat unterhalten. Auf der Strasse Leute mit Musik aus Bluetooth-Boxen zudröhnen. Bei alldem denken sie keine Sekunde lang darüber nach, wie es bei anderen ankommt. Manchmal hat man überhaupt das Gefühl, Gedanken wie «Störe ich mit meinem Verhalten andere?» kommen vielen Leuten gar nicht mehr in den Sinn. Nennen Sie es von mir aus die antiquierte Einstellung einer Ü-40-Jährigen, aber diese kollektive Selbstbesessenheit nervt.

Rücksicht nehmen scheint heute uncool. Und für dieses Ich-Theater steht die Trainerhose im Schulzimmer: Mimimi. Die Yolo-Mentalität (you only live once) als Synonym für eine Teenagerkultur, die sich selbst ins Zentrum des Universums whatsappt, klickt und likt, mit freundlicher Unterstützung der Erziehungsberechtigten, die das entweder als Teil der ach so wertvollen persönlichen Entfaltung sehen oder aber wegschauen.

 

Junge Menschen wegen ihrer Einstellung zu verteufeln, wäre aber verkehrt, denn Eltern sind die prägende Generation, Kinder kopieren ja oft nur deren Verhalten. Darum halte ich auch ein Verbot von Trainerhosen an Schulen für falsch. Stattdessen wäre es sinnvoller, wenn Lehrer mit Schülern darüber debattierten. Eltern würde ich empfehlen, dem Nachwuchs einmal die Frage zu stellen, was er oder sie mit der abgeranzten alten Trainerhose denn ausdrücken möchte. Auch würde ich raten, die Jugendlichen auf ihre Rolle in der Gesellschaft aufmerksam zu machen und darauf, dass nicht immer alles nur um sie selbst rotiert, ergo, dass man mit seiner Kleidung Mitmenschen zu sehr ablenken oder irritieren könnte. Es ist wohl grundsätzlich nicht das Dümmste, wenn Eltern ihren Kids statt des «Benimm dich so, wie du Bock hast»-Mantras ein «Benimm dich nicht wie ein egoistisches, egozentrisches kleines Arschloch» mit auf den Weg geben.

 

Tamara Wernli, Video-Bloggerin, lebt bei Basel.

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Kommentare

Markus Spycher

23.04.2019|10:37 Uhr

@N.Fischer. Das Uebel liegt natürlich nicht - wie Sie selbst sagen - bei den Stofffetzen. Aber mit den straffen Zügel der Schulleitung ist es so eine Sache: Druck erzeugt bekanntlich Gegendruck. Vielleicht kennen Sie den Kultfilm "If" (aus den 70er-Jahren). Dort wird der Rädelsführer eines Aufstandes in einem englischen Internat (hervorgerufen durch sexuelle Uebergriffe), Sohn eines hohen Polizeioffiziers, vom eigenen Vater während des Polizeieinsatzes vom Dach des Internatsgebäudes geschossen.

Nannos Fischer

22.04.2019|14:57 Uhr

Übrigens sind auch Schuluniformen nichts das A und O. Man kann z.B. das Hemd nicht in die Hose stecken oder es nicht runterknöpfen, die Krawatte lausig binden, das dicke Ende viel kürzer als das dünne, den Jackettkragen hochschlagen, die Manschetten nicht zuknöpfen, oder einen oder mehrere Jackettknöpfe abschneiden, oder sich alles mögliche in die Haare flechten, wenn die Schulleitung die Zügel schleifen lässt – wie auf britischen Sendern bei Aufnahmen an Schulen zu sehen. Auf den Willen zur Disziplin kommt es also an, sogar bei Schuluniformen, sogar bei Mädchen – halt bei jeder Erziehung…

Nannos Fischer

21.04.2019|13:00 Uhr

Zwei meiner Söhne waren in Internaten, einer davon in GB. Das Ziel war, ihnen eine möglichst gute Bildung zukommen zu lassen. Beide Internate gingen davon aus, dass ordentliche, einheitliche Kleidung bei ordentlichem Denken eher fördernd wirke, und deshalb war eine Art Uniform vorgeschrieben: einheitlicher Pullover, einheitliches Hemd, graue Hose, dunkle Schuhe. Das hat keinen meiner Söhne – beides ausgeprägte Individualisten –, noch offenbar ihre Kollegen im geringsten gestört, und sie sind deswegen trotzdem nicht verklemmt herausgekommen. Kleider waren für sie nie ein Statement…

Peter Müller

18.04.2019|00:53 Uhr

Satz 1: Kleider machen Leute. Satz 2: Nur der Schein trügt nie! Im Berufsleben heisst das: nur mit einem Wurm an der Angel fange ich einen Fisch, trotzdem ich Würmer nicht mag.

Markus Spycher

17.04.2019|22:40 Uhr

Es spricht eigentlich alles für die gute alte Schuluniform. Gerade auch für Mädchen. Und ja, wer im Lebensmittelladen in Trainerhosen erscheint, kauft meist eine kommune Fertigpizza oder Büchsenravioli. Früher waren Bluejeans ein No-Go an Schulen, heute tragen ehrwürdige Grossmütter dieses Kleidungsstück bei jeder Gelegenheit, sogar zusammen mit Stöckelschuhen. Träger von Trainingsanzügen begehen zumindest keinen Stilbruch und tragen Sneakers.

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