Der kleine Diktator

Plötzlich geht die Tür auf. Ein Männlein kommt ans Tageslicht. Ein Männlein, grau wie eine Kellerassel. Es trägt einen weissen Zauselbart und Handschellen aus Eisen. Trotzig spreizt es zwei Finger – «V for Victory» –, während es in der Tiefe eines Londoner Polizeiwagens verschwindet.

Was wird hier gespielt?

«Julian Assange ist ein Botschafter der Wahrheit. Trotz seiner unmenschlichen Behandlung hat er grossartige Arbeit für die Menschheit geleistet», erklärt Regisseur Oliver Stone auf Anfrage der Weltwoche per E-Mail. Der Hollywood-Rebell, der mit «Snowden» (2016) dem Phänomen der Whistleblower ein Denkmal setzte, schlägt epische Töne an. «Dieser Fall ist entscheidend für das Überleben unseres Rechts auf Wissen und unserer grundlegenden Freiheit gegen die Unterdrückung durch die USA und Grossbritannien – und jetzt auch noch Tyrannei!»

Julian Assange, 47, der sich sieben Jahre lang in der ecuadorianischen Botschaft in London verstecken musste und jetzt in ein Gefängnis gezerrt wurde – ein zeitgenössischer Heiland auf der via crucis nach Golgatha?

«Gründersyndrom»

Nüchterner äussern sich jene, die den Kopf der Enthüllungsplattform Wikileaks aus nächster Nähe kennen. «Ein Pionier» sei er, gewiss, einer der Ersten, die an diese Art von gesellschaftlicher Veränderung geglaubt hätten, aber «auch derjenige, der das Ganze an die Wand gefahren» habe, sagt Daniel Domscheit-Berg. Assange leide unter dem «Gründersyndrom», habe alles selbst kontrollieren wollen. Wer alles an sich reisse, stehe irgendwann mit dem Rücken zur Wand.

Domscheit-Berg hat mit Assange Wikileaks aufgebaut, amtierte als dessen Sprecher und erlebte 2010 den Durchbruch hautnah mit. Dieser erfolgte durch ein Video mit dem Titel «Collateral Murder», das US-Helikopterpiloten im Irak bei der Tötung von Menschen zeigt.

Kaum habe sich der erste Erfolg eingestellt, habe Assange tyrannische Züge entwickelt. Wie ein «Diktator» und «Guru» habe er sich aufgeführt. Domscheit-Berg stellte Fragen, wagte zu widersprechen. Und fiel in Ungnade. 2011 kehrte er Wikileaks den Rücken.

«Mir wird schlecht, wenn ich feststelle, dass Assange eigentlich ein Dealer ist», sagte der Deutsche nach dem Bruch mit Assange der Weltwoche (Nr. 9/11). Um die Dokumente sei ein veritabler «Schwarzmarkt» entstanden. Kaum habe Assange erkannt, auf welcher Schatztruhe er mit den amerikanischen Dokumenten (sie stammten von Bradley – nach einer Geschlechtsumwandlung Chelsea – Manning) sass, habe er zu rechnen begonnen. Er habe verschiedenen Medien den Zugriff zu Dokumenten verkauft, Al-Dschasira und Channel 4 zum Beispiel. Es sei um «Pfund-Summen im mittleren fünfstelligen Bereich und höher» gegangen.

Giftpfeile im Köcher?

«Assanges grösster Fehler war es, dass er keinen Fehler zugestehen konnte», sagt Domscheit-Berg heute nach dessen Verhaftung. So habe er sich jeglicher Lernfähigkeit verschlossen. Da waren zum Beispiel die afghanischen war logs. Sie enthielten Namen von lokalen Informanten. Mit der Publikation wurden diese und deren Familien zum Abschuss freigegeben. «Die Schwärzung der Namen, das hat Assange gar nie interessiert. Klare Absprachen, die mit dem Team getroffen wurden, wurden ignoriert.»

Je intensiver er sich mit den Dokumenten des US-Militärs befasst habe, «desto mehr fand er Gefallen an dieser extrem zackigen, seelenlosen Fachsprache mit ihren absurden Akronymen und Codes». Nachdem er Assanges Führungsstil kritisierte, habe dieser ihm gedroht, er würde ihn «jagen und töten», schrieb Domscheit-Berg in «Inside Wikileaks» (2011). Das Buch gab erstmals detaillierten Einblick in die skrupellosen Machtallüren des Australiers.

Was diesen antreibe und wer er genau sei, sei ihm während all der Jahre an Assanges Seite verborgen geblieben: «Julian kreierte sich jeden Tag neu, wie eine Festplatte, die immer wieder neu formatiert wurde.» Er habe ein regelrechtes Mysterium um seine Person gestrickt, seine Vergangenheit mit immer neuen Details ausgekleidet und sich dann gefreut, wenn ein Journalist das so aufschrieb.

Landet der einst «gefürchtetste Mann», da sich die Schlinge um seinen Hals zuzieht, einen letzten grossen Coup? Als man ihn 2011 wegen Verdachts auf Vergewaltigung an Schweden auszuliefern drohte, warnte Assange geheimnisvoll vor einer «thermonuklearen Option» – einem angeblich verschlüsselten Dokument, das man auf Befehl aktivieren könne.

In den letzten Jahren hat Wikileaks lediglich einige sehr grosse Dokumente publiziert. «Das ist sicher längst nicht alles, was bei der Plattform eingereicht wurde», so Domscheit-Berg. Dass sich in ihrem Köcher noch Giftpfeile befänden, sei allerdings «reine Spekulation».

Kommentare

Nannos Fischer

22.04.2019|15:16 Uhr

Der britische Aussenminister fasste die Sache schlicht und abschliessend zusammen: «Julian Assange is no hero, and no one is above the law.»

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