Rechts reden, links leben

Im Zürcher Quartier, wo ich wohne, gehört es zur Pflicht, sich lautstark für Sozial- und Umweltanliegen auszusprechen. Ich halte dagegen. Und fühle mich gut dabei.

Wenige Tage nach dem grossen Klimastreik vom 15. März verkündete der Flughafen Zürich neue Höchstzahlen. Der Passagierrekord von 2017 sei 2018 noch einmal übertroffen worden. Zwei Wochen später erreichten bei den kantonalen Wahlen die zwei Parteien mit dem Wort «Grün» im Namen einen Erdrutschsieg. Als wollten die Leute angesichts der Klimadebatte mit dem Stimmzettel ihr Gewissen beruhigen, bevor sie für die Ostertage die nächste Städtereise mit dem Billigflieger buchen.

«Links reden, rechts leben» – das ist im linksurbanen Milieu ein gängiges Lebensgefühl. Der Soziologe Armin Nassehi hat das Phänomen im Buch «Die letzte Stunde der Wahrheit» untersucht. «Wir können beobachten, dass gerade in diesen [linken] Milieus sehr darauf geachtet wird, Schulen mit möglichst geringem Migrationsanteil zu wählen, nicht in Wohnvierteln mit sozialen Brennpunkten zu wohnen, Distinktionsgewinn zu machen», so eine seiner Erkenntnisse. Er spricht von der «Lebenslüge dieses Milieus».

Man bleibt gerne unter sich

Ich wohne im Zürcher Kreis 3, gemäss Abstimmungsresultaten eine der linksten Gegenden der Schweiz. Die von Nassehi beschriebene Lebenslüge begegnet einem auf Schritt und Tritt. Im Quartier Friesenberg, wo der Anteil gemeinnütziger Wohnungen am höchsten ist, ist der Ausländeranteil tiefer als in fast jedem anderen Quartier der Stadt. Das gutgebildete linke Milieu bleibt gerne unter sich, besonders in den begehrten «bezahlbaren Wohnungen». Viele meiner linken Freunde arbeiteten früher Teilzeit – man will ja das Leben geniessen. Sobald Kinder da waren, ging das plötzlich nicht mehr. «Der Job lässt es nicht zu», sagten sie, obschon dies früher kein Problem war. In Wahrheit hatten diese Väter einfach keine Lust, die mühsame Familienarbeit zu machen. Das wäre auch nicht zu beanstanden, würden sie sich daneben nicht lautstark für staatlich verordnete Gleichberechtigung hervortun, für Quoten, Vaterschaftsurlaub und alles, was dazugehört.

Nassehi sieht die Ursache für solche Widersprüche darin, «dass man mit universalistischen, linken Argumenten leicht punkten kann», wie er einmal in einem Interview sagte.

Es geht aber auch anders. Ich zum Beispiel habe mich für den gegenteiligen Weg entschieden: rechts reden, links leben.

Nicht nur arbeite ich bei einem konservativen Wochenmagazin, das in meinem Stadtteil ein ähnliches Ansehen geniesst wie ein Sexheft im Kloster. Mir gehen all die Vorschriften, der ständige Ruf nach dem Staat, die ganze Betreuungsmentalität auf den Geist. Ich finde sogar, gesunde Erwachsene als unmündige, hilfsbedürftige Wesen zu betrachten und sie durch eine ganze Reihe einladender Hilfsangebote in die Abhängigkeit des Sozialstaats zu treiben, ist menschenverachtend. Auch erachte ich die weitverbreitete Forderung, Grenzen vollständig abzuschaffen, als weltfremd und unverantwortlich.

Damit gelte ich in dem Milieu als stramm rechts. Wenn es aber um das praktizierte Leben geht, bin ich ein Vorzeigelinker.

Unsere vierköpfige Familie hat kein Auto, dafür bin ich Mitglied bei der Carsharing-Genossenschaft Mobility, wobei ich das Angebot nur selten nutze. Ich habe nicht einmal ein Abonnement für den öffentlichen Verkehr, denn ich fahre zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter mit dem Velo zur Arbeit. Als die Kinder klein waren, habe ich sie natürlich im Veloanhänger herumkutschiert. In der Migros kaufe ich brav Bio-Eier und Fairtrade-Bananen, bei mir landet nie eine Batterie oder eine Metalldose im Abfallkübel, und ich gehe jedes Mal Blut spenden, wenn im nahegelegenen Kirchgemeindehaus das Rote Kreuz dazu einlädt. Nach der Geburt der zweiten Tochter bin ich ein Jahr lang mit den Kindern zu Hause geblieben, meine Frau begann im Gegenzug wieder zu arbeiten. Heute haben wir beide eine Vollzeitstelle, sie verdient sogar etwas mehr als ich – mehr Gleichstellung geht nicht.

Lizenz zum Fliegen

Bin ich deshalb ein besserer Mensch? Nein. Es ist ziemlich einfach, kein Auto zu haben, wenn man wenige Schritte von einer Tramstation entfernt wohnt und Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe hat. Dass meine Frau und ich ähnlich viel zum Familieneinkommen und zur Hausarbeit beitragen – wobei sie den zweiten Punkt wohl bestreiten würde –, ist weder eine besondere Leistung noch etwas, was besonders hervorgehoben werden muss. Bei uns passt das, andere Leute organisieren sich anders, das ist genauso in Ordnung. Ehrlich gesagt, ich weiss nicht, ob ich das mit dem Zuhausebleiben mit zwei Kleinkindern wieder wollen würde.

Jedes Elternpaar soll selber ausmarchen, welches Lebensmodell für seine Situation am zweckmässigsten ist. Niemand hat da mitzureden, kein Modell ist besser als das andere und muss besonders «gefördert» werden.

In Zürichs Wohnvierteln ist vielerorts zu beobachten, dass die Förderobsession die sonst so hochgehaltene Solidarität mehr behindert als begünstigt. Wo die staatliche Kinderbetreuung schwer zugänglich ist, tun sich Eltern zusammen, organisieren Mittagstische, bei denen abwechselnd jemand anders für alle Kinder kocht. Für das Zusammenleben sind solche freiwilligen Nachbarschaftshilfen wertvoll. Jene Eltern, die einen subventionierten Betreuungsplatz ergattert haben und fast nichts dafür bezahlen müssen, machen in der Regel nicht mit. Weshalb sollten sie?

Möglichst viel Verantwortung an den Staat wegzudelegieren, ist der kleinste gemeinsame Nenner des Milieus. Solidarität wird mit dem Wahlzettel ausgeübt, so dass man sich ansonsten guten Gewissens darum foutieren kann. Auch dieses Phänomen ist gut untersucht, es gibt sogar einen psychologischen Fachbegriff dafür: self-licensing, auf Deutsch: «moralische Lizenzierung». Eine frühere gute Tat, zum Beispiel grün zu wählen oder Bioprodukte zu kaufen, wird als moralische Rechtfertigung («Lizenz») erachtet für Handlungen, die man sonst eher vermeiden würde.

In den USA ergab eine Studie, dass linke Wähler 30 Prozent weniger für wohltätige Zwecke spenden als konservative, obschon sie im Durchschnitt 6 Prozent mehr verdienen. Nicht nur beim Geld sind Linke nachweislich knausriger, auch in anderen Bereichen wie etwa beim Blutspenden. 2014 sorgte eine Umfrage in Deutschland für Aufsehen: Sie ergab, dass Wähler der grünen Partei mit Abstand am meisten fliegen. Dies ist wohl auch damit zu erklären, dass die Anhänger der Grünen überdurchschnittlich gut gebildet sind und gut verdienen, aber nicht nur: Das Resultat entspricht genau der Erkenntnis der Psychologie.

Unter dem Stichwort «self-licensing» stösst man in Wissenschaftsmagazinen auf unzählige Studien mit zuweilen erstaunlichen Resultaten. 2009 erschien zum Beispiel im angesehenen Journal of Experimental Social Psychology ein Bericht, laut dem weisse Unterstützer des dunkelhäutigen Präsidenten Barack Obama eher dazu neigen, im Alltag Weisse zu bevorzugen. Obama gewählt zu haben, erachteten die Testpersonen unbewusst als Lizenz, Schwarze überkritisch zu beurteilen, zum Beispiel am Arbeitsplatz. Gemäss den Psychologen der Stanford University, die die aufwendige Studie durchgeführt hatten, argumentieren diese Leute sich selbst gegenüber: «Ich bin kein Rassist, ich habe ja Obama gewählt.» Ähnlich wie die fliegenden Grünen-Wähler: «Ich bin kein Umweltverschmutzer, ich wähle ja grün.» Die Studie findet man im Internet unter dem Titel «Endorsing Obama licenses favoring Whites».

Zurück nach Zürich. Kürzlich beschrieb Tages-Anzeiger-Journalistin Michèle Binswanger in einem lesenswerten Blog-Beitrag die wachsende Intoleranz im urbanen linken Milieu, die sich vor allem in sozialen Medien äussert. «Man sucht nach Feinden, an denen man sich abarbeiten kann: Rassisten, alte weisse Männer, SVPler – und wenn solche nicht verfügbar sind, sucht man sich welche, notfalls auch in den eigenen Reihen», schrieb sie. Und weiter: «Als George W. Bush mit den Worten ‹You are either with us or against us› den Irakkrieg anzettelte, sorgte das bei den Linken für heftigsten Aufruhr. Heute verhält sich der Linkskult in den sozialen Medien genau so: Entweder du unterstützt unsere Doktrin – oder du gehörst nicht dazu, bist eine Rechte, ein Nazi.»

«Heilige Abwehrschlacht»

Vielen moderaten Linken ist die rabiate Haltung gegen alles, was nicht explizit links ist, selbst nicht mehr geheuer. SP-Urgestein Rudolf Strahm schrieb kürzlich: «Bildungseliten und Regierungsestablishments haben sich zur heiligen Abwehrschlacht aufgemacht.» Sinnbildlich für diesen Furor sind die Reaktionen, als vor einigen Wochen das hippe Online-Magazin Republik eine Beizentour mit SVP-Nationalrat Alfred Heer machte und beschrieb, wie der Politiker aus einem Lokal im Kreis 4 von SVP-Hassern brüsk rausgeschmissen wurde. Linke Anhänger des Magazins meinten ernsthaft, so etwas hätte nicht publiziert werden dürfen, das wecke Sympathien für die Rechten, trage zu deren «Normalisierung» bei.

Wenn links sein bedeutet, gewisse Dinge nicht mehr auszusprechen, bloss weil dies der anderen Seite helfen könnte, oder Andersdenkenden das Gespräch zu verweigern, wie das prominente Exponenten aus Wissenschaft und Kultur postulieren, so muss ich sagen: Da gelte ich gerne als rechts. Sogar als Velofahrer im Zürcher Kreis 3.

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Kommentare

Michael Hartmann

15.04.2019|08:04 Uhr

Uh, da hat sich aber einer lange mit Menschen herumgeschlagen, die ihn so ärgern, dass er sogar noch grüner wird als die von ihm kritisierten. Sind Sie sicher, dass Sie SVP gewählt haben, dieses Jahr? Der Stolz ist ja geradezu durch die Zeilen messbar.Aber ich erkenne schon, dass die grosse rechte Toleranz schon zum zweiten Mal auf die Probe gestellt wird.Und der arme Freddy, der muss sich ja fühlen, wie jeder Militärverweigerer und Linker in den 80ern. So kurz vor der Ausschaffung nach Russland. Aber das ist halt so, er kann sich ja anpassen, oder etwa nicht? ich: intolerantes LACH.

Jan Favre

13.04.2019|12:56 Uhr

Typisch linke Hypokrisie. Nach Rousseau der Mensch ist gut, die Gesellschaft macht ihm schlecht. Sozialisten verweigern ethische Eigenverantwortung und erlauben sich jeder Sünde als ihr Recht.

Walter Moser

13.04.2019|02:58 Uhr

Das Gewissen ist nicht obligatorisch. Das Gewissen ist nicht obligatorisch. Die Einen haben es wirklich und Andere nicht. wirklich und Andere nicht.

Yvonne Flückiger

10.04.2019|21:56 Uhr

Genau diese versnobten Wohlstands-Grünen Gutmenschen-Schwaflis untergraben zurzeit nebst der Wahrheit auch die Wirtschaft in Deutschland. Bald auch bei uns. Wenn man sie auf ihre Lebenslüge aufmerksam macht, oder gar vorschlägt, doch ein Zimmer an einen Asylbewerber zu vermieten, statt dies nur von andern zu fordern, erntet man verständnislose bis böse Blicke. Da ich solche Links-Schwafler und Rechts-bürgerlich-Agirende in der eigenen Familie habe, weiss ich sehr gut ,von was ich spreche. Kein Familienfest ohne diesbezügliche Auseinandersetzungen mehr.

Jürg Brechbühl

10.04.2019|19:11 Uhr

Der Sache nach beschreiben Sie hier, was man vor über 100 Jahren als "Salonsozialismus" belächelte. In der Stadt Bern wohnt diese Sorte Leute im Obstberg und im Kirchenfeldquartier. Sie schicken die Kinder in Privatschulen, um das Hintergrundrauschen der Migranten fernzuhalten und den Kindern den Schulerfolg zu sichern.

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