Autonomie und Wohlstand

In den vergangenen sechzig Jahren hat Tibet einen gewaltigen Wandel erlebt. Die von China durchgeführte Reform hat die Leibeigenschaft beseitigt und den Weg in den Wohlstand ermöglicht.

Im Südwesten Chinas befindet sich ein Hochplateau, das sich auf einer durchschnittlichen Höhe von 4800 Metern über eine Fläche von 1,2 Millionen Quadratkilometern erstreckt und etwa drei Millionen Einwohner hat. In diesem Gebiet gibt es mehr als fünfzig Berge mit einer Gipfelhöhe von über 7000 Metern, elf ragen sogar über 8000 Meter hinaus. Daher wird dieses Hochland oft als «Dach der Welt» oder «Dritter Pol der Welt» bezeichnet. Das ist Tibet, das von der Aussenwelt als geheimnisvoll wahrgenommene, schneebedeckte Hochplateau.

Vor 1959 herrschte in Tibet ein feudales Leibeigenschaftssystem, das eine Mischung aus Theokratie und Aristokratie darstellte. Die Leibeigenen und Sklaven, die mehr als 95 Prozent der tibetischen Bevölkerung ausmachten, besassen weder Grundstücke noch persönliche Freiheiten. Sie litten Not und Mangel an unentbehrlichen Nahrungsmitteln und an Kleidung. Sie lebten im Elend, während die Oberschicht – Beamte, Adlige und hochrangige Mönche –, die 5 Prozent der Bevölkerung ausmachte, den grössten Teil der Produktionsmittel für sich beanspruchte.

Bezüglich Finsternis und Grausamkeit stand die aristokratisch-theokratische Herrschaft in Tibet den Verhältnissen im mittelalterlichen Europa in nichts nach. Bestritten wurde der Lebensunterhalt zu jener Zeit hauptsächlich durch Landwirtschaft und Tierzucht, und im Verkehrswesen war man auf Lasttiere angewiesen. Der Aufbau von Infrastruktur, etwa der Strassenbau, blieb aufgrund der rauen klimatischen und schwierigen landschaftlichen Bedingungen immer rückständig. Dies wiederum schränkte die Entwicklung der lokalen Wirtschaft massiv ein, so dass Tibet vor den fünfziger Jahren einen der niedrigsten Lebensstandards der Welt aufwies.

Im Jahr 1959 führte die Zentralregierung Chinas in Tibet die demokratische Reform ein und schaffte das feudale Leibeigenschaftssystem vollständig ab. Damit wurde ein neues Kapitel in der Geschichte des Landes aufgeschlagen. Zwischen 1959 und 2019, also innerhalb von sechzig Jahren, erlebte Tibet einen gewaltigen Wandel. Vor allem das Jahr 1965 brachte eine Zäsur, indem das System der regional-ethnischen Autonomie eingeführt wurde, so dass die Tibeter endlich die echten Herrscher ihres Landes sein durften. Seitdem regeln sie selbständig ihr Leben in Bezug auf lokale und ethnische Angelegenheiten. Unter der speziellen Fürsorge der Zentralregierung und mit der Unterstützung des ganzen Landes arbeitet das tibetische Volk derart hart und fleissig, dass sich die Wirtschaft rasant entwickelt.

Infolgedessen verbessert sich die Versorgung der Gesellschaft ständig, das Wohlstandsniveau der Bevölkerung steigt kontinuierlich. So ist das Bruttoinlandprodukt (BIP) Tibets in den vergangenen sechzig Jahren um mehr als das Tausendfache gestiegen. Im Jahr 2018 lag das regionale BIP bei über 140 Milliarden RMB-Yuan (umgerechnet etwa 21 Milliarden US-Dollar), was im Vergleich zum Vorjahr einer Zunahme von etwa 10 Prozent entspricht. Die Zuwachsrate des allgemeinen Einkommens steht landesweit an der Spitze: Das verfügbare Pro-Kopf-Einkommen der ländlichen Bevölkerung stieg um etwa 13 Prozent, dasjenige der Stadtbewohner um mehr als 10 Prozent. In den städtischen Gebieten wurden 54 000 neue Arbeitsplätze geschaffen, und die Arbeitslosenquote liegt jetzt bei 4,6 Prozent. Zudem ist das Sozialversicherungssystem im Laufe der Zeit immer umfassender geworden.

Diese ganze Entwicklung fand vor dem Hintergrund eines zügigen Bevölkerungswachstums statt. In den vergangenen sechzig Jahren ist die Einwohnerzahl in Tibet von einer Million in den fünfziger Jahren auf 3,3 Millionen Personen angewachsen. Die Tibeter machen immer noch einen Anteil von 90 Prozent der Bevölkerung aus, die demografische Struktur hat sich also in dieser Zeit nicht wesentlich verändert. Die durchschnittliche Lebenserwartung hingegen schon, diese stieg von 35,5 auf 68 Jahre. Und dank eines umfassenden Bildungssystems konnte die Analphabetenquote bei Jugendlichen und Erwachsenen fast auf null reduziert werden. Heute dauert die Grundausbildung fünfzehn Jahre, sie beginnt bei der vorschulischen Bildung und reicht bis zum Gymnasium. Dabei werden die Kosten für das Essen, die Unterkunft und die Schulbeiträge vom Staat übernommen. Daneben ist auch das neue Modell der ländlich-kooperativen medizinischen Versorgung fast flächendeckend im ganzen Land eingerichtet worden, auch registrierte Mönche und Nonnen sind heute krankenversichert. Die Ausstattung mit Infrastruktur für Transport, Stromversorgung und Kommunikation erreicht Tag für Tag ein höheres Niveau.

Parallel dazu steht die traditionelle Kultur des tibetischen Volkes unter speziellem Schutz, und die Bewohner geniessen die Religionsfreiheit in vollem Umfang. In den letzten Jahrzehnten haben die Zentralregierung und die lokalen Behörden rund 33 Millionen US-Dollar in den Schutz des immateriellen Kulturerbes Tibets investiert. Heutzutage gibt es insgesamt mehr als 1700 Stätten für religiöse Aktivitäten, etwa 46 000 Menschen leben als registrierte Mönche und Nonnen. Jedes Jahr organisieren Geistliche und Laien religiöse sowie traditionelle Feierlichkeiten wie das Saskatchewan-Festival, und mehr als eine Million Laiengeschwister pilgern nach Lhasa, um Buddha und die Heiligen zu verehren. Ebenfalls werden die tibetische Schrift sowie der traditionelle Lebensstil geschützt und fortgeführt. Das (Er-)Lernen, die Verwendung und die ständige Entwicklung der tibetischen Sprache stehen unter gesetzlichem Schutz, und das Tibetische als Schrift einer Minderheitssprache wird international anerkannt und standardisiert.

Im Alltagsleben behält das Volk seine einzigartige Nahrungsauswahl und seine Essgewohnheiten bei, wobei Yakbutter, Tee, Momos/Shemos sowie Rind- und Lammfleisch als «die vier Schätze der tibetischen Küche» bekannt sind. Des Weiteren sind Chhaang, eine Art alkoholhaltiges Getränk aus Gerste, und vielfältige Milchprodukte beliebte Speisen bei den einheimischen Einwohnern. Mit dem aufblühenden Tourismus werden solche traditionellen Lebensmittel zu Souvenirs verarbeitet, die dann landesweit kommerzialisiert werden und bei Menschen aller Regionen grossen Anklang finden.

Persönlich habe ich Tibet auf einer Reise erlebt, und ich empfinde grosse Sympathie für dieses Gebiet. Im Jahr 2017 lud ich Herrn Johannes Matyassy, den damals amtierenden Botschafter und Abteilungschef des schweizerischen Aussendepartements (Abteilung Asien/Pazifik), zu einer Expedition nach Tibet ein. Es war eine unvergessliche und wunderbare Reise. Wir konnten die prächtige und spektakuläre Landschaft Tibets mit eigenen Augen bewundern und persönlich erleben, wie es um die Modernisierung sowie um die Integration verschiedener Völker steht. All das liess uns das wegen der Höhenlage entstandene körperliche Unbehagen vergessen. Wir haben zahlreiche Tempel besichtigt und dadurch den tibetischen Buddhismus besser kennengelernt. Auf grossen Strassen und in kleinen Gassen sahen wir, wie sich Mönche, Laien und Touristen nebeneinander durchschlängelten, wie auf einem Gemälde. Was für eine herrliche und florierende Szenerie.

Die Beurteilung ihrer Lebenssituation und Lebensqualität obliegt allein den Tibetern. Diejenigen Menschen, welche die grausame Ausbeutung durch das Leibeigenschaftssystem noch persönlich erlebt haben, schätzen sich glücklich, dass sie sich dieses Wohls erfreuen können. Neulich bin ich von der Geschichte eines alten Mannes namens Dunjiu aus Shannan (Lhokha), einem Bezirk im Süden Tibets, tief berührt worden. Seit 1971 hat der alte Herr zu jedem wichtigen Fest wie dem Nationalfeiertag oder dem tibetischen Neujahr eine neue handgenähte Nationalflagge ans Dach seiner Wohnung gehängt. Bereits mehr als hundert Exemplare hat er bisher angefertigt. In Tibet leben Zigtausende Menschen wie der alte Dunjiu, deren Liebe zum Vaterland tief verwurzelt und unerschütterlich ist.

Dieser Artikel ist dem sechzigsten Jahrestag der demokratischen Reform in Tibet sowie der Befreiung von Millionen von tibetischen Leibeigenen gewidmet. Der Vergangenheit zu gedenken, dient einer besser bedachten Vorgehensweise in der Zukunft. Unter dem Schutz des Vaterlandes wird sich Tibet schneller und besser entwickeln. Wir werden sehen, dass die auf dem schneebedeckten Plateau verbreiteten Fingersträucher (auf Tibetisch Gaisang Mêdog) überall in China prächtig gedeihen werden.

 

Botschafter Geng Wenbing ist seit Februar 2016 Vertreter der Volksrepublik China in der Schweiz.


In dieser Ausgabe gibt es eine Weltpremiere. Am 1. Oktober 1949, also vor bald siebzig Jahren, wurde die Volksrepublik China gegründet. Die neutrale Schweiz gehörte, bereits im Januar 1950, zu den ersten Staaten, die das junge China diplomatisch anerkannten. Seither haben sich die Zeiten geändert. Das von Bürgerkrieg und Maos Kommunismus havarierte Land schickt sich an, in neue Umlaufbahnen abzuheben. Es gelang der Staatsführung in erstaunlich kurzer Zeit, rund 800 Millionen Menschen aus totaler Armut in einen relativen Wohlstand zu führen. Inzwischen gilt China wieder als mächtiger Staat, der vor allem im Westen sehr kritisch und, wie wir meinen, sehr einseitig gesehen wird. Meistens kommen in unseren Medien vor allem Regimekritiker und Dissidenten zu Wort. Der offizielle chinesische Standpunkt fehlt oft.
Aus diesem Grund haben wir entschieden – eben eine Weltpremiere –, einem offiziellen Repräsentanten der Volksrepublik eine Plattform zu bieten, um für unsere Leserinnen und Leser die andere, die chinesische Sicht darzulegen. Autor ist Botschafter Geng Wenbing, Vertreter der chinesischen Regierung in Bern. In zwölf monatlichen Kolumnen wird er wichtige -Themen in freier Auswahl aus seiner Sicht beleuchten. Wir glauben, dass gerade die neutrale, aussenpolitisch zurückhaltende Schweiz ideale publizistische Voraussetzungen liefert. Wir freuen uns sehr, dass Botschafter Geng Wenbing unser Angebot angenommen hat und zur Völkerverständigung beiträgt.

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Kommentare

Rudolf R. Blaser

10.04.2019|14:57 Uhr

Ich war zwar noch nie in Tibet, habe aber in den letzten 10 Jahren China regelmässig bereist + meine Frau wuchs in Peking auf. Nur wer selber in China war, kann ermessen, welche unglaublichen Sachen da aus dem Boden gestampft wurden. Zudem ist das Land ein Hort von Disziplin + Sicherheit. ABER DAS WIRD NATÜRLICH IN UNSERER LÜGENPRESSE NICHT BERICHTET! Schon wegen der CN-Küche, lohnt sich ein schneller einwöchiger Abstecher nach Peking, denn Flug + Restaurant sind fast gratis. Zum Glück gibt es China (+ auch Russland) sonst hätten wir schon lange eine Weltregierung mit ALLMACHTSFANTASIEN.

Arne Wellding

10.04.2019|14:02 Uhr

Wie nicht anders von dieser Art Autor zu erwarten, wurde uns bei Ihnen unter dem Titel „Autonomie & Wohlstand“ ein sehr einseitiger und schöngefärbter Blick auf die aktuelle Lage in Tibet serviert. Sehr wohl zu erwarten gewesen wäre in einem Medium mit journalistischem Anspruch eine sachliche Einordnung der Behauptungen. Davon bei Ihnen: Fehlanzeige. Unseren kompletten Leserbrief als Replik auf diese Verirrung finden Sie hier: https://www.tibet-initiative.de/chinesische-propaganda-in-der-weltwoche-ein-leserbrief/

Markus Dancer

09.04.2019|08:14 Uhr

Ich finde die sicher einseitige Darstellung durch einen chinesischen Diplomaten trotz aller Kritik interessant! Man kann davon lernen u. abschätzen was geschehen wird, wenn wir diesen Leuten in der CH mehr Macht zugestehen (Ausverkauf von Schlüsselindustrien an die Chinesen)! China spielt den Faktor MACHT und GRÖSSE sehr clever aus! Wie alles hat dies gute aber auch schlechte Seiten. Fakt ist, die Chinesen sind nirgends beliebt!

Hans Georg Lips

08.04.2019|19:27 Uhr

Ich wandere demnächst zum dritten Mal und definitiv aus, nach Tibet. Da gibt es alles, was es in der Schweiz nicht mehr gibt. Allein die Gratis Gesundheitsversorgung ist ein Vermögen wert. Wer kommt mit?

Sandra Ermel

07.04.2019|19:17 Uhr

Grüezi Weltwoche – betreiben Sie nun chinesische Propaganda?! Der Artikel von Geng Wenbing über Tibet strotzt von Schönfärberei und Unwahrheiten. Die Bewohnerinnen und Bewohner von Tibet leiden unter schwersten Menschenrechtsverletzungen. Angesichts der brutalen Realität in Tibet wirkt dieser Artikel wie blanker Hohn. Pressefreiheit ja, aber keine Propaganda eines totalitären Staates!

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