Schlangengrube ETH

Die Eidgenössische Technische Hochschule ist schwer angeschlagen. Die Entlassung einer Professorin gerät zum Flächenbrand. Unter einer schwachen Führung haben sich Faustrecht und Anarchie ausgebreitet. Bundesrat Parmelin muss eingreifen.

Am 24. Juli 1961 wurde ETH-Professor Kurt Leibbrand auf dem Flughafen Frankfurt verhaftet. Der renommierte Verkehrsplaner war beschuldigt, im August 1944 als Kompaniechef der Wehrmacht in Südfrankreich die Erschiessung von 28 angeblich rebellierenden italienischen Hilfssoldaten befohlen zu haben. Die ahnungslosen vorgeblichen Meuterer wurden nachts auf eine kleine Waldwiese geschickt und dort von Maschinengewehren niedergestreckt. Das Gericht sprach Professor Leibbrand mangels Beweisen von Mord frei, einer Anklage wegen Totschlags entging er nur wegen Verjährung. Von der ETH wurde Leibbrand zwar beurlaubt, aber nicht entlassen – wie überhaupt 164 Jahre lang nie ein ETH-Professor entlassen worden ist. Bis zum März 2019. Bis zum Fall der Astrophysikerin Marcella Carollo, der Mobbing gegen Doktoranden vorgehalten wurde. In ihrem Fall beantragt der ETH-Präsident die Entlassung.

Der Vergleich des Verschuldens zwischen Leibbrand und Carollo ist grotesk. Während der Schwerverbrecher seinen Lehrstuhl freiwillig verliess, soll eine mutmasslich unbescholtene Astrophysikerin aus der ETH weggejagt werden. Silvan Aeschlimann, Dennis Bühler und Dominik Osswald vom Online-Magazin Republik haben in vorbildlich sorgfältiger Recherche – Chapeau, Kollegen! – aufgezeigt, wie es zum skandalösen Antrag auf Entlassung einer italienischen ETH-Professorin kam. Seither herrscht ziemlich eisiges Schweigen in den Medien. Nach Lektüre der verschiedenen Artikel in der Republik bin ich überzeugt: Hier wurde eine fordernde Wissenschaftlerin durch überforderte Doktoranden gemobbt. Diesen Sachverhalt haben die Doktoranden nachträglich zynisch ins Gegenteil verkehrt. In zwölf teilweise anonymen «Testimonials» haben sie sich über ihre Professorin beschwert, nicht ohne sich vorher gegenseitig abzusprechen.

Gnadenlose Intrigen

Die Angeschwärzte aber durfte die konkreten Vorwürfe nie einsehen; nicht einmal die Namen der Verfasser der «Testimonials» wurden ihr offengelegt. Die bestehende Doktoratsverordnung, die Auseinandersetzungen eingehend regelt, wurde systematisch missachtet. Hier lieferten Vorgesetzte und Kollegen eine Ausländerin ans Messer, die möglicherweise nicht sehr vertraut mit den hiesigen Verwaltungsabläufen der Bildungsbürokratie war. Und ja, hier dürfte auch eine der wenigen Frauen im ETH-Lehrkörper einem gnadenlosen Machtkampf innerhalb eines Departements geopfert worden sein.

Wer genau die seit längerem schwelende Affäre dem Journalisten René Donzé zusteckte, wird wohl im Dunkeln bleiben. Jedenfalls ritt die NZZ am Sonntag am 22. Oktober 2017 eine vorverurteilende Attacke gegen Marcella Carollo («Professorin mobbt Studenten»). Wegen ihres Fehlverhaltens habe man das Institut für Astronomie aufgelöst. Wenig später verbreiten sich die Anschuldigungen im Netz weltweit.

Auch Kevin Schawinski, der im Institut eine zeitlich befristete Assistenzprofessur bekleidet hat und gerne dauerhaft einen Lehrstuhl erobert hätte, wandte sich sofort gegen seine Mentorin Carollo. Alle seine gegen sie geäusserten Vorwürfe konnte die Angeprangerte indessen souverän als Falschaussagen entkräften. Auch Vater Roger Schawinski goss in seinem Radio 1 zusätzlich Öl ins Feuer und brüstete sich mit Insiderkenntnissen. In der Weltwoche antwortete Carollo auf die Frage, ob Kevin Schawinski ein Drahtzieher gegen sie gewesen sei: «Ich finde, es sollte eine Untersuchung geben – auch über seine Rolle.»

Die Vorgänge um die Entlassung Carollos haben die Züge einer vatikanischen Palast-Intrige mit rivalisierenden Kardinälen und einem Grossinquisitor, der unter dem Titel Ombudsmann eine fragwürdige Rolle spielte. Dieser Ombudsmann war bis zu seiner Entlassung Wilfred van Gunsteren. Er hätte eigentlich die Aufgabe gehabt, alle Seiten sorgfältig anzuhören und dann eine neutrale, ausgewogene Beurteilung der Konflikte vorzulegen. Doch der Mann entpuppte sich als reichlich einseitig Brandbeschleuniger, der sich auf die Seite der klagenden Doktoranden schlug. Zur Seite stand ihm Prorektor Antonio Togni, der vorverurteilend eine internationale Solidaritätsadresse gegen die Professorin unterschrieb, anstatt den Vorgang vorbehaltlos aufklären zu helfen und gemäss Doktoratsverordnung zu schlichten.

Van Gunsteren schürte gegen Carollo, aber er stellte sich auch gegen den damaligen ETH-Präsidenten Lino Guzzella. Die Dinge spitzten sich zu, als van Gunsteren von Guzzella die Entlassung Carollos forderte, doch der Präsident weigerte sich. Daraufhin ging van Gunsteren zum übergeordneten ETH-Rat, der bei Guzzella eine Administrativuntersuchung gegen die Professorin anordnete. Diese Untersuchung führte der Rechtsanwalt Markus Rüssli, der sich anscheinend als fähig erachtete, die Arbeit einer Astrophysikerin mit ihren Doktoranden zu beurteilen. Sein Gutachten gipfelte analog zu van Gunsteren in einer Entlassungsempfehlung, obschon – und hier bewegt sich die ETH auf dünnem Eis – der angefeindeten Professorin das vorgeschriebene rechtliche Gehör gar nicht oder zumindest nicht hinreichend gewährt wurde.

Führungsmängel, Korruption

Doch es wird noch abgründiger. Guzzella liess schliesslich Grossinquisitor van Gunsteren vor die Tür stellen aufgrund von dessen «trüber Rolle», wie sich ein mit der Sache vertrauter Insider ausdrückt. Nachdem die Schulleitung beschlossen hatte, Rüsslis Empfehlung zu folgen, musste der ETH-Präsident, zweifelnd, eine sechsköpfige Entlassungskommission gegen Carollo einsetzen. Diese Kommission beendete ihre Arbeit unter Guzzellas regulärem Nachfolger Joël Mesot. Das Gremium kam, wie seinerzeit Guzzella, zum Schluss, die Gründe reichten für eine Entlassung Carollos bei weitem nicht aus. Es schlug eine mildere Variante vor, doch der neue Präsident und seine Schulleitung beharrten auf der Entlassung.

Warum? Darüber rätseln Beobachter. Kritiker sprechen von einem politischen Entscheid ohne einleuchtende Begründung. Die ETH-Leitung gab als neuen Grund an, die Betreuung von Doktoranden sei für Professoren unverzichtbar, deshalb müsse Carollo gehen. Tatsache aber ist, dass es an der ETH zahlreiche Professoren gibt, die keine Doktoranden betreuen und trotzdem ungehindert ihren Job machen. Der zweite neue Grund war die angebliche «Uneinsichtigkeit» Carollos. Als «Uneinsichtigkeit» wurde gewertet, dass sie sich gegen die unbewiesenen Vorwürfe gewehrt hatte. Die Argumente scherbeln. Und ob die Vorwürfe der Doktoranden gegen Carollo berechtigt oder nur Frustäusserungen von Leistungsschwächeren waren, wurde im ganzen Verfahren gar nie seriös untersucht.

Im Nachgang zur Intrige legte Physikprofessorin Ursula Keller in der Republik nach. Sie wirft der ETH Führungsmängel, Sexismus, ja sogar Korruption vor. Auf dem Prüfstand stehen mehr als eine einzelne Dozentin, das mittlerweile geschlossene Institut für Astronomie oder das Physikdepartement. Es geht mittlerweile um die Glaubwürdigkeit der gesamten Institution ETH, des Flaggschiffs des schweizerischen Bildungs- und Forschungsplatzes, einer der weltweiten Top-Ten-Bildungsstätten. Keine einzige Hochschule auf dem europäischen Festland rangiert vor der ETH.

Zum Erfolg verdammt

Jenseits der handelnden Personen zeigt sich, dass bei den enorm gewachsenen Strukturen die Führung, die Governance, nicht Schritt hält. Der Fall Carollo scheint lediglich Symptom des Versagens eines Systems zu sein. Professoren können nicht exzellente Forscher, geniale Lehrer und hocheffiziente Manager sein. Auch deshalb ist eine klare Führung nötig, die Mobbing und Balkanisierung verhindert. Die ETH-Spitze erinnert in diesem Fall etwas an sowjetische Zeiten: Die Oberen wissen alles, die Untergebenen wissen so gut wie nichts, nicht einmal über die sie betreffenden Vorwürfe. Die grossen und kleinen Machthaber innerhalb der Hierarchie bewegen sich schon fast im rechtsfreien Raum, sind sie doch als Angestellte des Bundes rechtlich geschützt und können so weitgehend gesichert agieren. Es geht in Richtung Faustrecht und Anarchie.

Die ETH muss sich an der weltweiten Spitze orientieren. Da gibt es keinen Platz für Mittelmass, Mauscheleien und Machtgerangel. Der Professorin Marcella Carollo wird merkwürdigerweise zum Vorwurf gemacht, sie habe zu hohe Anforderungen gestellt. Ist es nicht die Aufgabe der ETH, hohe Anforderungen zu stellen? Tatsache ist auch, dass die ETH gar keine wirklichen Regeln kennt, wie eine optimale Betreuung auszusehen hat. Ein «Compliance Guide» bietet kaum mehr als schwammiges Geschwurbel, ist jedenfalls weit entfernt von einem handhabbaren Regulativ. So kommt es wohl dazu, dass jene Dozenten, die tiefere Anforderungen stellen, weniger unter Druck geraten oder unter Mobbingverdacht fallen. Ob ihre Doktoranden dann aber in Industrie und Akademie marktfähig sind, darf bezweifelt werden.

Die ETH ist im harten Wettbewerb zum Erfolg verdammt. Das Lehrpersonal muss höchste Standards erfüllen. Hält die Führung mit? Da kommen Zweifel auf. Ist der Glarner Rechtsanwalt und ehemalige FDP-Ständerat Fritz Schiesser der richtige Mann als Präsident des ETH-Rats? Und wie steht es um Guzzella-Nachfolger Joël Mesot, der zuvor ebenfalls acht Jahre im ETH-Rat sass, ohne merkbare Akzente zu setzen? Die Führungsmannschaft macht nicht den Eindruck, dass sie ihren sicher nicht leicht zu steuernden Betrieb wirklich im Griff hätte. Trotzdem sitzen die Würdenträger fest im Sattel.

Bei ihrer Darstellung der ETH-Hierarchie im Fall Carollo hat die Republik zwei wichtige Protagonisten vergessen, nämlich Andreas P. Lerch, Leiter der ETH-Rechtsabteilung, und Rainer Borer, Chef der Kommunikation. Sie sollten eigentlich die Interessen der Institution ETH vertreten, wirken aber eher wie die Bodyguards einer schwachen, heillos überforderten Führung. Fehlleistungen und Versäumnisse unter dem Deckel zu halten, kann jedenfalls nicht ihre Aufgabe sein. In Fällen wie dem ETH-Skandal um Marcella Carollo bedarf es völliger Transparenz. Oberflächlicher Fassadenverputz nützt da nichts mehr.

Jetzt müssen externe, neutrale Personen ans Werk. Es geht nicht, dass sich die obersten ETH-Chefs wechselseitig untersuchen und decken oder eigene Agenden pflegen. Möglicherweise braucht es Rat und Hilfe von aussen. Fazit: Die Entlassung Marcella Carollos bringt niemandem etwas. Die Umstände werfen schwerwiegende Fragen über Strukturen und Qualität der ETH-Leitung auf. Deshalb ist bei der Oberaufsicht über die bundeseigene ETH jetzt die Politik gefordert: Bundesrat Guy Parmelin (SVP) und sein Staatssekretariat für Bildung müssen den Fall in die Hand nehmen und nötigenfalls durchgreifen. Auch die Geschäftsprüfungskommission des Parlaments sollte sich an die Arbeit machen. Es braucht eine lückenlose Untersuchung. Sonst kommt die Schlangengrube ETH nicht zur Ruhe.

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Kommentare

Rainer Selk

03.04.2019|09:42 Uhr

@Dancer. Man nennt das 'Mitbestimmung'. Das ist Führungsdekadenz pur. Schuld daran sind die UNI-Leitungen. Die Nachhaltigkeit von so gezüchteten akadämlichen Schwachköpfen hören + sehen wir täglich. Ergebnis: 1000 sende 'Studien', kaum eine etwas wert + danach wäre die CH seit 30 Jahren pleite, n'existe pas, abgefackelt. Hurra, wir leben noch, nur die UNI kosten weiter. Man könnte darauf verzichten. Schweden macht Göhren- + tunnelblickmässig vor: intellektuelles Strahlgequatsche in uriellaweiss in jugendlich braunem (mei, mei) Backzopf. Geistiger Schrott aus Kiruna -> überflüssig.

Hans Georg Lips

02.04.2019|14:00 Uhr

Wenn die WW da nur nicht falsch liegt. Bitte mehr Info über das teure ETH-Chaos.

Markus Dancer

31.03.2019|08:48 Uhr

... Anhang: Es geht natürlich nicht, wenn Studenten die Macht, die "Führung" und das Programm von Universitäten zu diktieren anfangen! Das ist ein Zeichen von schwacher Führung, schwacher Politik und noch schwächeren Dozenten!

Rainer Selk

29.03.2019|23:21 Uhr

@Meier. Das Anhören von Klagen von 'Leuten' ist das eine. Es wird anrüchig, wenn 'Beklagte' davon nichts wissen bzw. nicht zeitnah dazu 'gehört' werden. Kommt es gar bei 'Leuten' zu Gruppenbildung, wird es i. d. R. hinterhältig, dreckig + unfair. Spätestens dann muss sich der/die 'Beklagte' dokumentieren + externe Hilfe einholen. Ich spreche aus eigener solcher 'Drecks'-Erfahrung ... In Zürich hat dieses Dreckspiel 'System'!

Andrès Meier

29.03.2019|14:17 Uhr

Anklagen aus der Anonymität sind ein No-Go! Eine lückenlose Aufklärung des Falles ist nötig, wenn das Vertrauen wiederhergestellt werden soll!

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