Auf den Spuren der «Secret Sauce»

Zwischen San Francisco und San José wohnen ungefähr gleich viele Menschen wie in der Schweiz. Als Vulkan für die technologische Innovation spielt das Silicon Valley in einer anderen Liga. Warum eigentlich? Was können wir in der Schweiz daraus lernen?

Wenn Sie in San Francisco nach Ihrer secret sauce gefragt werden, will Ihr Gegenüber nicht Ihr Geheimrezept für die Familiensalatsauce in Erfahrung bringen. Vielmehr geht es um die Mischung aus Zutaten, die es einem Unternehmen erlauben, am Markt erfolgreich zu sein. Jungunternehmer auf Geldsuche hören die Frage «What’s your secret sauce?» fast täglich. Von Business Angels, Venture Capitalists (VCs), möglichen Geschäftspartnern . . .

Wie jedes erfolgreiche Start-up hat auch das Silicon Valley als Standort ganz bestimmte Eigenschaften. Es gibt gute Gründe, warum Google in einer Garage in Mountain View entstanden ist und nicht in Zürich Oerlikon. Seit ich für die Swisscom in Kalifornien bin, versuche ich zu verstehen: Was macht den hiesigen Nährboden so einzigartig fruchtbar für unternehmerische Erfolgsgeschichten?

Natürlich gibt es viele Aspekte. Der vergleichsweise grosse Pool an hervorragenden Computerspezialisten, Softwareingenieuren und Datenwissenschaftlern direkt von den beiden Spitzenuniversitäten Stanford und Berkeley. Dann die finanzielle Infrastruktur, welche gute Ideen mit smartem Geld zusammenbringt. Und schliesslich allerhand Netzwerkeffekte, welche die Bildung von Clustern erlauben und vorantreiben.

Vieles davon haben wir in der Schweiz auch. Technologische Spitzenleistungen und eine breite Basis an Fachspezialisten, nicht zuletzt aufgrund unseres sehr guten Bildungssystems. Zudem haben wir uns in den letzten Jahren mit verschiedenen Initiativen wie etwa Digital Switzerland vernetzt und organisiert. Verschiedene Branchen arbeiten zusammen, und die Politik hilft, wo es sinnvoll ist. Aber die Schweizer Qualitäten werden vor allem in die erstklassige Anwendung von Technologien übersetzt und kaum in die Schaffung disruptiver neuer Unternehmen im Weltmassstab. Warum?

Der zentrale Grund für die Vorreiterrolle des Silicon Valley ist meines Erachtens die einzigartige unternehmerische Kultur, die sich in den letzten Jahrzehnten hier etabliert hat. Pläne haben gross und ambitioniert zu sein, was durch das riesige Volumen des US-Markts begünstigt wird. Alles dreht sich darum, die Welt zu verbessern, indem man Probleme löst. Das könnte ein Teil der Erklärung sein: In der Schweiz haben wir – zum Glück – sehr wenige Probleme, zu deren Lösung wir voranstürmen müssen.

Eine erste Lektion in Silicon-Valley-Kultur bekam ich kurz nach meiner Ankunft am Demo-Day eines Accelerators. Dort stellte sich ein Start-up vor, das Lösungen für Second Screening entwickelt. «Toll», dachte ich, «Swisscom ist Marktführer bei TV-Anschlüssen in der Schweiz!» Ich ging auf den CEO zu und erklärte ihm, wer wir sind und was wir machen. Schon nach einer halben Minute sagte er: «Wir sind nicht interessiert.» Die Schweiz sei zu klein und zu weit weg. Ich war perplex über die Abfuhr, begriff ich mich doch als potenziellen Kunden mit einem börsenkotierten Milliardenkonzern im Rücken.

Erst mit der Zeit verstand ich: Die radikale Fokussierung ist ein Bestandteil der SiliconValley-Kultur. Im Silicon Valley lernt man, konsequent und schnell nein zu sagen. Man tut sich damit gegenseitig einen Gefallen, denn auch das Gegenüber kann dann sofort nach anderen, mehr Erfolg versprechenden Optionen Ausschau halten.

Fokussierung bedeutet: Bündelung der Kräfte. Man macht nicht von allem ein bisschen, sondern lenkt seine ganzen Ressourcen dorthin, wo man es für lohnend hält. Im Rahmen von «Mobile first» hat Google vor zehn Jahren das Smartphone ins Zentrum gestellt. Mit bahnbrechendem Erfolg. Und vor zwei Jahren hat die Firma entschieden, neu auf Artificial Intelligence (AI) als wichtigste Zukunftstechnologie zu setzen. In anderen Ländern und Firmen hätte man vielleicht eine separate AI-Abteilung gegründet. Nicht so bei Google: Mit «AI first» lautet die kompromisslose Order, dass jedes neue Produkt des Konzerns mit AI-Technologie entwickelt werden muss. Die Konsequenz in der Besetzung neuer Themenfelder, selbst bei Grosskonzernen, erreicht im Silicon Valley einen viel höheren Grad als in der Schweiz.

Diese Fokussierung betrifft auch die zeitliche Dimension: Relevant ist vor allem das Hier und Jetzt. Die Terminkalender selbst höherer Manager sind bemerkenswert leer. Das gibt Raum zum Agieren und ermöglicht jederzeit die Improvisation und die Reaktion auf Neues. Wenn ich eine Idee habe und einen Termin mit einem Geschäftsleitungsmitglied eines Tech-Unternehmens will, dann findet das Treffen normalerweise spätestens in der folgenden Woche statt. In der Schweiz sind die Agenden selbst bei Firmen mittlerer Grösse dagegen auf viele Wochen ausgebucht. Eine E-Mail im Silicon Valley nicht am gleichen Tag zu beantworten, gilt als unanständig.

Das alles gibt Tech-Firmen im Silicon Valley eine einzigartige Wendigkeit und Geschwindigkeit. Die in traditionellen Branchen übliche Strategie, geistiges Eigentum über Patente aufzubauen, steht hier nicht mehr im Vordergrund. In der Digitalwirtschaft ist vielmehr die Zeitdauer von der Idee bis zum Markteintritt entscheidend. Als Tech-Firma muss man davon ausgehen, dass zehn andere Unternehmen an der gleichen Problemlösung arbeiten. Neben Facebook gab es unzählige weitere Ansätze für soziale Netzwerke. Dasselbe gilt für Taxi-Apps wie Uber. Was den Gewinner auszeichnet, ist häufig, dass er zuerst am Markt war und diesen dann rasch zu besetzen vermochte. In Kalifornien ist es keine Seltenheit, dass Start-ups bereits nach sechs Monaten ihre ersten Kunden haben. In Europa dagegen zieht sich diese Zeitspanne öfters über zwei Jahre hin.

Nicht selten habe ich beobachtet, dass sich Schweizer Start-ups trotz einer eigentlich überlegenen Technologie nicht durchsetzen konnten, weil sie sich nicht schnell genug im globalen Markt etabliert haben. In der Schweiz feilt man lange an der dann perfekten Technologie, was den kalifornischen Konkurrenten einen Vorsprung gibt, um mit einer vielleicht erst zu 80 Prozent ausgereiften Technologie ein Produkt zu machen und dieses kompromisslos global zu vermarkten.

Die Leute brennen für das, was sie tun

Dass europäische Start-ups ein langsameres Tempo an den Tag legen, hängt auch mit der Risikokultur zusammen. Ich habe mit VCs gesprochen, die nur dann in ein Unternehmen investieren, wenn der Gründer vorher bereits zweimal auf die Nase gefallen ist. In der Schweiz dagegen leben wir immer noch eine Fehlerkultur, bei der ein ausbleibender Erfolg als Versagen gilt. Im Silicon Valley geht man vielmehr davon aus, dass die Gründer aus ihren Erfahrungen etwas gelernt haben, was ihnen im nächsten Anlauf zugutekommt.

Von der Schweiz aus betrachtet, hat man häufig den Eindruck, die Arbeitsplätze in der kalifornischen Hightech-Welt seien Wohlfühloasen mit Kindergärten auf dem Firmencampus und Töggelikasten. Natürlich schaut hier jede Firma, wie sie an die besten Talente kommt und diese auch halten kann. Aber im Zentrum der Arbeitsbeziehung stehen solche Aspekte nie. Die meisten Büros im Silicon Valley sind bemerkenswert unglamourös. Es herrscht im Gegenteil eine sehr fordernde Leistungskultur. Die Leute brennen für das, was sie tun, und zeigen höchsten Einsatz. Rund die Hälfte der Arbeitnehmer hier sind Ausländer, grösstenteils aus China und Indien. Für sie wird im Silicon Valley der amerikanische Traum Realität.

 


 

Fünf Fragen

Sollte sich die Schweizer Wirtschaft stärker am Silicon Valley orientieren?

Die Schweiz hat ihre eigene «Secret Sauce». Unsere Kultur legt viel Wert auf Perfektion, Beständigkeit und Bedachtsamkeit. Wir haben eine erstklassige Forschung, ein hervorragendes Bildungssystem mit einer weltweit einzigartig hochstehenden Berufsbildung. Diese Qualitäten sind in vielen Branchen höchst erfolgreich. Sie müssen nun noch deutlich stärker dazu genutzt werden, uns in der Digitalwirtschaft besser zu positionieren.

Wo liegen die wichtigsten Unterschiede?

Im Silicon Valley spürt man viel stärker den Problemdruck. Globale Probleme sind, nicht zuletzt durch die vielen Zuwanderer, viel akuter im Bewusstsein. Auch im Alltag gibt es viel mehr Schwierigkeiten als in der Schweiz – Stichwort Mobilität. Zentral ist auch die Fehlerkultur. In der Schweiz getrauen sich viele Leute kaum etwas, weil sie Angst davor haben, einen Fehler zu machen.

Aus welchem Grund hinken viele Schweizer Firmen bei der Digitalisierung hinterher?

Schweizer Firmen müssen noch viel stärker lernen, sich als digitale Technologieunternehmen zu verstehen.

Von Pharma- bis Finanzindustrie: Die Digitalisierung ist in aller Munde.

Häufig ist man der Meinung, dass man die Innovation an eine spezielle Abteilung oder einen «Innovation Manager» übertragen kann. Allenfalls kauft man sogar eine Garageneinrichtung, um das richtige Silicon-Valley-Feeling zu bieten. Wir müssen aufpassen, dass Innovation nicht zu sehr unter dem Aspekt der Coolness betrachtet wird.

Was macht Google und Co. sonst noch erfolgreich?

Sie richten sich hundertprozentig auf den Kundennutzen aus. Bei Amazon muss jeder Mitarbeiter, der ein neues Produkt vorschlägt, zuerst eine Pressemeldung darüber verfassen. Das zwingt dazu, kompromisslos auf die Konsumenten zu fokussieren.

 

Simon Zwahlen Head Business Development & Innovation bei Swisscom in Palo Alto, Kalifornien.

Die Fragen stellte Florian Schwab.


 

Glossar

– Accelerator: Beratungsunternehmen, welches Start-ups dabei hilft, ihr Wachstum zu beschleunigen. Hauptsächlich durch Vermittlung von Know-how, Kapital oder Kontakten.

– Artificial Intelligence: Künstliche Intelligenz. Steht für lernfähige Maschinen, die auf ihre Umgebung reagieren.

– Business Angel: Privatperson, die aus Freude an unternehmerischer Tätigkeit jungen Unternehmen Geld zur Verfügung stellt.

– Demo-Day: Eine Art Roadshow, an der Start-ups sich in kurzen Präsentationen den Investoren vorstellen.

– Second Screening: Verbindung des Smartphone-Bildschirms mit dem Fernsehbildschirm, um zusätzliche Informationen abzurufen.

– Venture Capitalist: Zu Deutsch Risikokapitalgeber. Investor, der in noch nicht etablierte Firmen und Geschäftsmodelle investiert.

 


Die Swisscom verfolgt weltweit das Geschehen in der digitalen Welt. Ihr Netzwerk reicht von Schanghai bis ins Silicon Valley. Einer ihrer führenden Spezialisten ist Simon Zwahlen. Aus erster Hand berichtet er monatlich für die Weltwoche über die neuesten Trends und faszinierendsten Entwicklungen.

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