Eschers Erbe, von Beamten verjubelt

Der Bund präsentiert in Zürich und Lugano die «Meisterwerke der Gottfried-Keller-Stiftung». Über die Verwaltung des Stiftungsvermögens erfährt man praktisch nichts. Kein Wunder: Um ein Meisterwerk handelt es sich nicht.

Das Geleitwort im Ausstellungskatalog erzählt eine Geschichte von Verantwortung und Weitsicht: «Die Gottfried-Keller-Stiftung, eine Kunstsammlung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, prägt seit fast 130 Jahren die Schweizer Kunst- und Museumslandschaften mit», schreibt Alain Berset, im Bundesrat zuständig für die Kulturpolitik. «Das Erbe der Lydia Welti-Escher, die 1890 die Stiftung gegründet hat, ist bis heute die Grundlage dafür, dass Werke von kulturhistorischer Bedeutung aufgekauft und Schweizer Museen zur Verfügung gestellt werden können.» Berset würdigt diesen «wichtigen Beitrag zur Erhaltung und Vermittlung unseres kulturellen Erbes», und einmal auf den hohen Ton eingestimmt, lässt er eine kurze Meditation über die politische Bedeutung dieses Besitzes folgen: «Unser Kulturerbe ist mehr als nur unser kollektiver Erinnerungsschatz. Es ist das kulturelle Fundament, auf dem wir unsere Zukunft gestalten.»

Das Landesmuseum in Zürich und das Kunstmuseum der italienischen Schweiz in Lugano zeigen in diesem Frühling die «Meisterwerke der Gottfried-Keller-Stiftung». Während die Ausstellung in Zürich schon zu besichtigen ist, wird sie in Lugano an diesem Wochenende eröffnet. Die Inventarliste der Stiftung umfasst 275 Seiten und verzeichnet rund 6500 Positionen. Es gibt kaum eine wichtigere Sammlung schweizerischer Kunst, und erstmals seit 1965 sind ihre bedeutendsten Exponate wieder an ein, zwei Orten zusammengeführt. Normalerweise verteilen sich die Werke auf Museen und öffentliche Institutionen im ganzen Land, weil Lydia Welti-Escher, die Stifterin, bestrebt war, dem «vorherrschenden Kirchturmgeist entgegenzuarbeiten». Die Kunst, die mit ihrem Geld gekauft werden würde, sollte schweizweit zu sehen sein, und der Bund, dem sie die Stiftung zueignete, hielt sich an diesen Wunsch. Dass er das Geschenk ganz in ihrem Sinn verwaltete, lässt sich trotzdem nicht behaupten.

Künstlerische Neigungen

Lydia Welti-Escher war die Tochter von Alfred Escher, dem Unternehmer und Politiker, der im 19. Jahrhundert die Schweiz prägte wie vielleicht keine andere Persönlichkeit. Am 20. Februar jährte sich sein Geburtstag zum 200. Mal, und die vielen Artikel, die zu diesem Anlass erschienen, erzählten kaum je, was mit seinem Besitz nach seinem Tod geschehen war, dafür umso mehr, woher sein Reichtum gekommen sein soll. Da zwei Onkel von Escher auf Kuba eine Plantage mit Sklaven bewirtschaftet hatten, wurde wiederholt erörtert, ob und wie sehr das Vermögen der Familie auf Sklavenarbeit gründe. Heinrich Escher, der Vater von Alfred, hatte seinen Brüdern einst ein Darlehen gewährt, und nachdem diese gestorben waren, liess er die Plantage mitsamt Sklaven verkaufen, ohne allerdings einen Gewinn zu machen, wie Joseph Jung, der Biograf von Alfred Escher, mit Verweis auf Steuerbücher festhält. Dass Heinrich Escher eine moralische Schuld treffe und die Erfolge von dessen Sohn nicht zuletzt auf Geld aus der Sklaverei beruhten, wie manche Historiker sagen, weist Jung zurück.

Alfred Escher, so viel ist unbestritten, kam reich zur Welt und starb reich. Sein Vater hinterliess ihm eine Million Franken; er selbst vermachte seiner Tochter, als er 1882 verschied, fünf Millionen. Das wären heute, um die Inflation bereinigt, rund 73 Millionen Franken. Kaum hatte Lydia Escher das Erbe angetreten, heiratete sie Friedrich Emil Welti, den Sohn von Emil Welti, seinerzeit der mächtigste Bundesrat. Das junge Ehepaar, sie war 24, er 25, lebte im «Belvoir», einem Anwesen in Enge bei Zürich, und während er sich seiner Karriere widmete – «Welti war der erste vollberufliche Verwaltungsrat der Schweizer Wirtschaftsgeschichte», wie Jung es formuliert –, folgte sie ihren künstlerischen Neigungen. Ein bekanntes Bild zeigt Lydia Welti-Escher in weissem Kleid vor weissem Hintergrund, gemalt von Karl Stauffer. Es ziert nun das Cover des Ausstellungskatalogs, der die «Meisterwerke der Gottfried-Keller-Stiftung» versammelt.

Karl Stauffer war ein Schulfreund von Friedrich Emil Welti und verkehrte regelmässig im «Belvoir». Die Eheleute hatten sich wenig zu sagen, und Lydia Welti-Escher verbrachte gerne Zeit mit dem Maler, der «dieselben Interessen pflegte, dieselben Gefühle teilte und dieselben Dinge studiert hatte», wie sie einmal bemerkte. Die Geschichte ist oft erzählt worden: Lydia Welti-Escher und Karl Stauffer brannten nach Rom durch, wo die italienische Polizei sie auf Wunsch von Bundesrat Welti aufgriff. Die beiden sollten sich nicht wiedersehen. Sie kam ins Irrenhaus, er ins Gefängnis, und wieder in Freiheit, löste Lydia Welti-Escher ihre Ehe mit Friedrich Emil Welti und zog in die Anonymität nach Genf, während Karl Stauffer in Florenz aus dem Leben schied. Seine einstige Geliebte erholte sich davon nicht mehr. Ein Jahr später setzte sie sich vor einen geöffneten Gashahn und starb 33-jährig. Ihr Vermögen hatte sie zuvor in die Gottfried-Keller-Stiftung eingebracht, benannt nach dem Schriftsteller, der ein Freund der Familie gewesen war. Es war ihr letztes Lebensziel gewesen.

Willen der Stifterin ignoriert

Die Gottfried-Keller-Stiftung hat den Zweck, die «Erträgnisse der Schenkung» zur «Anschaffung bedeutender Werke der bildenden Kunst» zu verwenden. Fünf Mitglieder, ernannt vom Bundesrat, entscheiden über die Ankäufe, wobei es wiederum dem Bundesrat obliegt, «den Ort und das Institut zu bezeichnen, wo die Kunstwerke aufzustellen sind». Das Vermögen, das Lydia Welti-Escher dem Bund abtrat, betrug etwa fünf Millionen Franken, nachdem sie Friedrich Emil Welti noch rund 1,2 Millionen hatte überlassen müssen. Der erste Kauf, den die neue Stiftung tätigte, waren sechs Glasgemälde, die Carl Brun, der Präsident der Stiftung, im Geschäftsbericht von 1891 als «glänzende Acquisition» bezeichnete. Er konnte aber nicht nur von «dem schönen Anfang» berichten, sondern musste auch den Tod von Lydia Welti-Escher vermelden: «Die Stiftung in ihrem Geiste zu verwalten, wird unsere Aufgabe und Sorge sein», schrieb er, ohne diesen Anspruch einlösen zu können.

Brun war mit seinen vier Kollegen zuständig für die Ankäufe, die mit den Vermögenserträgen der Stiftung zu bezahlen waren, nicht aber für die Vermögensverwaltung. Darum kümmerte sich das Eidgenössische Finanzdepartement, und wie es dabei vorging, hat Joseph Jung in zwei Büchern detailliert nachgezeichnet. Die Bundesbeamten setzten sich über den Willen der Stifterin hinweg, indem sie sich dafür entschieden, das Vermögen stark umzuschichten. Die Aktienquote von anfangs über sechzig Prozent wurde sukzessive auf null reduziert, wobei die Verkäufe zu denkbar schlechten Zeitpunkten erfolgten. Die Maggi-Titel beispielsweise – Aktien und Genussscheine mit einem Nominalwert von 380 000 Franken – trat der Bund für 55 000 Franken ab, obschon die Schweizerische Kreditanstalt in ihren Büchern nur eine Wertberichtigung von zwanzig Prozent auf diese Position vorgenommen hatte. Ein Jahr später zahlte Maggi zum ersten Mal eine Dividende.

Der Verkauf des Grundbesitzes – namentlich des «Belvoir» sowie eines Areals am Bleicherweg, beide in der Gemeinde Enge gelegen – geriet sogar zum «Gegenstand undurchsichtiger Machenschaften», wie Jung schreibt. Er kann zeigen, wie der Bund, angeführt von Walter Hauser, dem Bundesrat aus dem zürcherischen Wädenswil, das «Belvoir» unter Marktpreis an Enge und Zürich veräusserte, um den Wünschen lokaler Honoratioren zu entsprechen. Oder wie Jung es formuliert: «Das Escher-Vermögen wurde geopfert, damit die Stadt Zürich ihre geplanten Bauprojekte realisieren konnte.» (Enge ging 1893 in Zürich auf.) Wie der Bund das «Belvoir» hergab, bezeichnet Jung als «Skandal», und ähnlich kritisch beurteilt er den Verkauf des Areals am Bleicherweg. Die beiden Transaktionen dürften die Gottfried-Keller-Stiftung um mehrere hunderttausend Franken geschädigt haben. Da fiel es fast nicht mehr ins Gewicht, dass eine Nachsteuerforderung von 40 000 Franken, zu bezahlen von Friedrich Emil Welti, über die Stiftung beglichen wurde.

Eine Milliarde Franken verloren

Das Vermögen investierten die Beamten in einheimische Obligationen, die wenig rentierten und teils schlecht gedeckt waren. Die Gottfried-Keller-Stiftung sei zu einem «Güselkübel aller möglichen schweizerischen Staatspapiere» geworden, schrieb Hans Meyer-Rahn, ihr langjähriger Sekretär, schon 1915 in einem Brief an Carl Brun. Da Obligationen, anders als Aktien und Immobilien, nicht inflationsgeschützt sind, hätten zudem Rückstellungen gemacht werden müssen, um die Teuerung auszugleichen. Die Beamten verzichteten darauf, und das Ergebnis war verheerend: Wäre die Grundausrichtung des Portfolios unangetastet geblieben, beliefe sich sein Wert heute auf etwa eine Milliarde Franken, wie Jung mit Spezialisten errechnet hat. Kalkuliert man mit einem Vermögensertrag von drei Prozent, könnte die Gottfried-Keller-Stiftung jährlich dreissig Millionen Franken für Kunstkäufe aufwenden. Tatsächlich beträgt das Stiftungsvermögen rund viereinhalb Millionen Franken, und die Erträge werden mit null ausgewiesen.

Beat Stutzer, ehemaliger Präsident der Gottfried-Keller-Stiftung, schrieb im Geschäftsbericht von 2001 bis 2004, es sei der Stiftung «aus eigener Kraft nicht einmal mehr möglich, den reglementarischen Aufgaben gebührlich nachzukommen», weil das Stiftungskapital «wegen Misswirtschaft auf skandalöse Weise» zu einem «unbedeutenden Fundus verkommen ist». Trotzdem bezeichnet Franz Zelger, der amtierende Präsident, die Stiftung «nach wie vor als ein ideales Modell für eine vom Bund getragene Förderung und Unterstützung der Schweizer Museen». Der Stadtrat von Zürich beschäftigt sich unterdessen mit der Frage, ob am «Belvoir» eine Tafel an die Sklaven der Onkel von Alfred Escher erinnern soll. Wie die Stadt zum Anwesen kam, ist dagegen kein Thema, was nicht weiter überrascht. Schon im Landesmuseum, wo auch die Geschichte der Gottfried-Keller-Stiftung nachgezeichnet wird, wie es im Ausstellungsbeschrieb heisst, fehlt jeder sichtbare Hinweis, wie Beamte das Vermögen von Alfred Escher verscherbelten. Letztlich ist das aber nur konsequent: Um ein Meisterwerk handelt es sich dabei nämlich bestimmt nicht.

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Kommentare

Hans Georg Lips

26.03.2019|08:23 Uhr

Ich bin überzeugt, die machen das immer noch so. Es gibt so viele Stiftungen, wo Behörden ihre klebrigen Finger drin haben. Denn früher vertrauten noch viele Stifter dem Staat, dummerweise. Der Staat ist und bleibt der grösste der Diebe. Das beweist er uns jeden Tag.

Jürg Brechbühl

21.03.2019|09:15 Uhr

Man könnte meinen, die Beamtenschaft sei vor 115 Jahren noch unfähiger gewesen als heute. Bis anhin dachte ich, das sei überhaupt nicht möglich. Das ist wohl der einzige Trost an dieser ungemein deprimierenden Geschichte.

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