Politik

Warum Rechte toleranter sind als Linke. Und warum man daran nicht leiden sollte.

Kürzlich lief ich am Rande einer Skipiste einem alten Bekannten über den Weg. Wir kamen sehr gut aus früher, doch inzwischen verkörpere ich für ihn wohl den typischen Vertreter der ausländerfeindlichen Hinterwäldlerrechten, deren Ziel aus seiner Sicht darin besteht, die Schweiz in einer Gletscherspalte einzubunkern.

Früher waren wir regelrecht befreundet. Politik spielte keine Rolle, wenn, dann gab es nur Gemeinsamkeiten. Ich hielt ihn für rechter als mich. Damals arbeitete ich beim Tages-Anzeiger, er im Marketing für einen Grosskonzern. Seine Tiraden gegen meinen Arbeitgeber, die ich sachlich meistens teilte, veranlassten mich fast schon, solidarisch hinter die eigenen Chefs zu stehen.

Während die Sonne gnadenlos brannte und den Pulverschnee um uns herum zum Funkeln brachte, öffneten sich Gräben zwischen uns. Ich ahnte, dass es keinen Sinn haben würde, in eine politische Diskussion einzusteigen über Trump, Orbán, Klimawandel oder Rahmenvertrag. Doch irgendwie zog es uns hinein in einen nicht mehr enden wollenden, zähklebrigen Austausch von unversöhnlichen Positionen.

Meine Argumente zerschellten am Hartbeton seiner Meinungen. Keinen Millimeter konnte ich ihn aus seinem Mentalreduit schneidender Ablehnung herauslocken. Ich nehme an, es erging ihm ähnlich, denn wir beiden sahen uns im Besitz kugelsicherer Wahrheiten, die nicht etwa das Resultat plumper Vorurteile, sondern die Frucht intensiven, langwährenden Denkens sind. Kein Mensch gibt leichterdings und gerne zu, dass er sich irrt.

Es war für mich faszinierend, zu beobachten, wie mein alter Freund sich geradezu versteifte, um mir auf keinen Fall recht geben zu müssen. Seine Kommentare wurden immer spitzer und schnippischer. Ich hatte den Eindruck, dass er sich auch körperlich verhärtet, in Abwehrstellung zusammenballt. Am extremsten äusserte er sich gegen die Reizfigur Trump. Seine Aussagen sind nicht druckfähig, aber erstaunlich war die grosse innere Aufregung, die in seinen Tiraden zum Ausdruck kam.

Merkwürdig: Solche Szenen erlebe ich oft. Und ich weiss, das mag für den Leser arrogant klingen, aber ich habe das Gefühl, dass ich weniger emotional auf Widerspruch reagiere als die Leute, die sich an mir und meinen Positionen abarbeiten. Ich kann mich beim besten Willen nicht ereifern, wenn einer zum Beispiel sagt, die Schweiz solle der EU beitreten oder Trump sei ein Vollidiot. Man muss einfach dagegenhalten. Ich ärgere mich nur, wenn mir im Moment nicht die besten Argumente einfallen.

Und um gleich noch einen draufzusetzen: Ich bin überzeugt, dass die Konservativen, die Rechten oder wie man sie nennen will, toleranter sind als die Linken und die sogenannt Liberalen. Sie haben generell weniger Probleme mit Widerspruch und anderen Meinungen. Das zeigt sich banal auch daran, dass man sie immer auf kontradiktorischen Podien antrifft. Gesprächsverweigerung kommt von ihrer Seite selten bis nie, während Linke, aber auch Liberale intensive Debatten darüber führen, gerade aktuell in Deutschland, ob man mit Rechten überhaupt reden sollte.

Warum ist das so? Die Rechten sind sicher nicht die besseren Menschen als die Linken, aber sie haben ein anderes Weltbild. Die Linken sind der Meinung, dass sie für die höchsten Werte kämpfen: Gleichheit, Gleichberechtigung, Gerechtigkeit. Sie tendieren dazu, sich ihren Gegnern moralisch überlegen zu fühlen. Da ist es zum selbstgerechten Moralismus nur ein kleiner Schritt, zur arroganten Überheblichkeit. Kein Zufall, dass Linke ihren Gegnern oft unredliche Motive unterstellen. Wer sich mit dem Guten im Bunde wähnt, für den muss Widerspruch denkautomatisch des Bösen sein.

Etwas anders liegt der Fall bei den Liberalen. Sie grenzen sich von einer SVP ebenfalls ab, auch sie setzen sich aufs hohe Ross, wollen die Bauernpartei zurück in die Ställe treiben, aber ihre offene bis unterschwellige Feindseligkeit hat eine andere, eine verzweifeltere Note als bei den Linken. Für viele Freisinnige, hauptsächlich an der Spitze der Partei, ist die Ablehnung der SVP zu einer Art Identitätsfrage geworden, fast zu einem religiösen Bekenntnis. Man ist dagegen, um sich selbst zu sein. Ich bin gegen die SVP, also bin ich. Die Ablehnung des bürgerlichen Gegners droht an die Stelle eigener Programminhalte zu treten.

Natürlich: Das sind Verallgemeinerungen, Vereinfachungen. Es gibt viele Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Selbstverständlich gibt es auch intolerante Rechte, aber ich glaube, der Befund ist nicht falsch, dass die Linken und die sich liberal nennenden Parteien heute, nicht nur in der Schweiz, ein grösseres Problem mit der Konkurrenz von rechts haben, eben intoleranter sind als umgekehrt. Bei den Linken kommt, aufgrund ihrer angemassten Hochmoral, noch ein besonders aggressiver Zug zum Tragen.

Wie sollten sich Konservative, wie sollten sich Rechte in diesem aufgeheizten Klima verhalten? Sie müssen damit leben. Cool bleiben. Es hat keinen Sinn, sich zu beklagen. Weinerlichkeit ist fehl am Platz. Es gehört dazu, dass alle mit den Mitteln kämpfen, die ihnen am geeignetsten scheinen. Es ist auch eine Form von Anerkennung, respektive gegnerischer Verzweiflung, wenn man nur noch moralisch, also persönlich angegriffen wird und nicht mehr inhaltlich-sachlich. Es fehlen offenbar die besseren Argumente.

Ein letzter Punkt: Wer in die Politik einsteigt, kann es nicht allen recht machen. Politik ist immer Konflikt, ist immer Auseinandersetzung, ist immer Streit, ist immer eine Zumutung für alle, die es anders sehen. Früher dachte ich, es muss doch gelingen, auch meine alten Freunde politisch zu bekehren. Heute weiss ich es besser. Politik ist das Resultat der urmenschlichen Situation, dass sich fast niemals alle einig werden können, nur relative Mehrheiten. Und das ist auch gut so.

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Kommentare

Michael Wäckerlin

10.04.2019|22:44 Uhr

Welche Erfolge konnten Rechte, Konservative und echte Liberale in den letzten 50 Jahren verbuchen? Welchen Eindruck machen rationale Argumente und Fakten auf die utopische Persönlichkeit? Ist nicht der tolerante, sachlich diskutierende Bürgerliche der gemachte Verlierer, welcher die schrillen Angriffe auf seine Freiheit, seinen Lebensstil und sein Eigentum zu erdulden (tolerare) hat und im besten Fall etwas verzögern kann? Die Moral und Hypermoral sind die potentesten Waffen der Metapolitik, und sog. «Bürgerliche» überlassen sie kampflos ihren schlimmsten Feinden.

Rainer Selk

24.03.2019|10:52 Uhr

@Pellegrini. Wer einen CO2 gefüllten Fussball auf 'dicke Backe' verschiesst + 'strahlende Zukunft' nachlegt, hat den Nagel mitgeliefert. Ein 'Angriff' trifft nur noch die luftleere linksgrüne Gritli-Hülle. Der Weltbrandkarren 'con gaz' steckt im schwedischen Braunzöpfeschlamm. Das Spielchen ist vorbei! Das checken sogar ca. 25 jährige 'Saich' Selbstbekenner Erzähler. Motto: Denn sie wissen vor '94 nicht, von was sie reden, und noch weniger, was sie tun. Der oberste hessische Linke 'dankt' ab + übernimmt einen EURO 200000 Job. Was tut die SP hier? Die zerstreiten sich 'noch'! Lach!

Pina Pellegrini

23.03.2019|21:01 Uhr

Politik ist wie Fussball. Wer den Ball spielt, wird angegriffen.

Hans Baiker

23.03.2019|15:53 Uhr

Die CH ist ein reiches Land. Sie kann sich linke Allüren eher leisten. Meint auch Bodenmann in dieser Ausgabe. Der Freisinn erkauft sich mit seinem notorischen Nachgeben nach Linksdie nötige Ruhe im Geschäftsleben. Falls die InstA in Kraft tritt, wird sich auch hier alles ändern. So nebenbei: Die Witwe von Chavez gibt in den USA ein Vermögen von 4,5 Mrd. Dollar an. So kann man im soz. Paradies als Putzfrau reich werden. Wovon alle Linken dieser Welt träumen.

Hans Georg Lips

22.03.2019|17:52 Uhr

Niall Ferguson erklärt es absolut klar und unwiderruflich in der NZZ. Nur der Titel des Artikels lässt zu wünschen übrig: "Damit war der moralische Sieg der Sozialisten über die Liberalen und Konservativen besiegelt ..." Richtig wäre "So meinen die Sozialisten sie hätten über die Liberalen und Konservativen moralisch gesiegt." Sie meinen es immer noch und sind dabei nur falsch gewickelt. Sozialisten sind doch überall (Ausnahme Schweiz) am Verschwinden oder direkt am Verrecken wie in Venezuela, Kuba ...

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