Lasst die Kids mit dem Unfug in Ruhe

Kinder veranstalten in ihren Indianerkostümen keine Parade durch ein amerikanisches Ureinwohnerdorf. Kulturelle Sensibilisierung angesichts von Kostümierung ist Unsinn.

Kevin-Noah, du darfst dich an der Fasnacht nicht als Indianer verkleiden. Das ist respektlos. Du stiehlst damit eine alte Kultur, weil wir früher diese Menschen ausgero . . . ähm, unterdrückt haben, also jetzt nicht wir, aber andere Leute. Vielleicht gehst du besser als Gartenzwerg. Und du, Marie, lass das Dornröschen-Kostüm im Schrank, das sind Stereotype, etwas ganz Schlimmes. Es gibt so viele tolle Kostüme, warum verkleidest du dich nicht als Erdnussriegel?»

Seinen fünf- oder siebenjährigen Kids zu erklären, was Stereotype sind und warum der Sohn am Umzug nicht Winnetou sein darf, wo er ihn doch gestern am Fernsehen gesehen hat, dürfte nicht einfach sein. Laut der Hamburger Morgenpost haben zwei Kitas den Eltern jüngst empfohlen, von Indianerkostümen abzusehen, da man im Kita-Alltag auf eine «kultursensible und vorurteilsbewusste Erziehung» achte. Angeführt werden Gründe wie Kolonialisierung und Vernichtung der damaligen Urbevölkerung. Auch findet man es problematisch, wenn sich Mädchen als Prinzessinnen und Buben als Piraten verkleiden; damit würden Stereotype bedient. Mädchen als Piratinnen und Buben als Meerjungmänner seien hingegen super.

Das ist wirklich grossartig, denn wie wir alle wissen, war es längst der Traum aller Jungs, einmal als Meerjungfrau Fasnacht zu feiern. Endlich werden sie nicht mehr zurückgehalten und können sich ausdrücken, wie sie wollen. Und auch den Mädels ist es endlich gestattet, statt ins Prinzessinnenkostüm in den allseits beliebten Unisex-Erdnussriegel zu schlüpfen – und so maximale Gender-Fluidität und Inklusion zu demonstrieren. (Obwohl, ganz optimal ist das Erdnussriegel-Kostüm ja nicht; Leute mit Nussintoleranz könnten sich verulkt fühlen.)

Dass sich gewisse Kreise an Indianerkostümen stören, ist ja nichts Neues. Der Fachbegriff dafür ist «kulturelle Aneignung»: Weisse Menschen sollten nicht Symbole, Kleidungsstücke oder Handlungen übernehmen von anderen ethnischen Gruppen – weil sie damit den Minderheiten ihre kulturelle Identität und auch das Ansehen rauben, das diese dafür verdienen.

Es liegen unzählige Beispiele vor, wo unbedachte Bleichgesichter Entrüstung ausgelöst haben, weil sie das falsche Teil vorführten: Model Karlie Kloss eine indianische Federhaube bei einer Victoria’s-Secret-Show. Chris Hemsworth ein Indianerkostüm an einer Mottoparty. Ein Mädchen ein Qipao-Kleid an einer Schulfeier. Es gibt Forderungen, dass Weisse keine Dreadlocks oder Kreolen-Ohrringe tragen sollen. «Kreolen sind meine Kultur, nicht dein Trend», schreibt eine Autorin bei Vice. Aktivisten in Portland, Oregon, erstellten laut der New York Times sogar eine Liste von weissen Restaurantbesitzern, die sich mit ihrer Küche fremde Kulturen aneignen. Es benötigt eine geistige Anstrengung, um in solch rudimentären Gedankengängen etwas mehr als den erbitterten Schrei nach Aufmerksamkeit zu erkennen.

Ja, aus der Perspektive von Minderheiten wie Ureinwohnern ist die Entrüstung teilweise nachvollziehbar, wenn ihre traditionellen Symbole zweckentfremdet werden. Respektlos wäre es etwa, wenn ein Grossunternehmen die Götterstatue eines indigenen Volkes als stylishen Lampenschirm verkaufen würde. Nur richten sich die Empfehlungen wie jene der Kita in erster Linie an Privatpersonen. Grundsätzlich gibt es zwei Sichtweisen: Man kann es als Aneignung sehen oder als Hommage an die Kultur, als Teilen und Sich-inspirieren-Lassen. Kaum jemand möchte mit dem Indianerkostüm die kulturelle Identität der Urvölker herabwürdigen. «Tragt indisch inspirierte Accessoires, ich sehe es als kulturelle Wertschätzung und nicht als Aneignung», rät Neetu Chandak, eine Amerikanerin mit indischen Wurzeln, im amerikanischen Studentenmagazin The College Fix. Das helfe, «ein Bewusstsein zu schaffen für ihre Kultur, und erzeuge ein Gefühl der Einheit».

Empörung über die Kita-Empfehlung ist unnötig, es geht ja nicht um ein Verbot. Auch hat niemand etwas dagegen, wenn seinen Kindern dort beigebracht wird, was Toleranz heisst und Rücksicht nehmen. Uneins ist man sich mit dem gewählten Weg: Kinder wegen ihrer Kostüme sensibilisieren? Warum? Tragen sie etwa eine Erbschuld an der Ausrottung der American Natives im 17. und 18. Jahrhundert? Und warum sind Stereotype nur schlecht? Natürlich soll sich ein Junge als Meerjungfrau verkleiden dürfen – nur gehen die meisten halt lieber als Pirat, auch wenn es die Gender-Sensiblen gerne andersrum hätten.

Vorurteile werden nicht zementiert durch Kostüme. Kids haben Spass am Verkleiden. Damit Imperialismus und Kolonialismus zu verbinden und die Fantasie der Kinder und die Wahl der Outfits deshalb im Namen der kulturellen Sensibilität zu begrenzen, zeugt von einem Totalverlust an Verhältnismässigkeit. Vor allem aber ignorieren die selbsternannten Weltverbesserer, dass es der Mehrheit der Minderheiten völlig egal ist, wie Leute sich an der Fasnacht verkleiden.

Und so wird man den Eindruck nicht los, dass es ihnen gar nicht ums Wohl von Ureinwohnern geht. Sie wollen einfach ihre erdrückenden Werte allen anderen aufzwingen. Mit einer Ideologie, die in die biologischen Geschlechterunterschiede eingreift, sich nach einer Gender-fluiden Gesellschaft sehnt und einer Welt ohne Stereotype. Von mir aus – sollen sie glauben, was sie wollen. Aber lasst doch wenigstens die Kinder in Ruhe.

Tamara Wernli, Video-Bloggerin, lebt bei Basel.

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Von Matthias Matussek
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Kommentare

Rainer Selk

19.03.2019|16:39 Uhr

@Spycher. Einverstanden, mit einer Ergänzung. In den hiesigen Breiten wurde das 'Rassenproblem' bei solchen Spielchen kaum betrachtet, ebenso wenig, wenn wir 'Ritterlis' spielten. Echt, jetzt! Lach!

Markus Spycher

16.03.2019|09:59 Uhr

"Weisse Menschen sollten nicht Symbole, Kleidungsstücke oder Handlungen übernehmen von anderen ethnischen Gruppen – weil sie damit den Minderheiten ihre kulturelle Identität und auch das Ansehen rauben, das diese dafür verdienen." - Oh je, oh je. Mein Bild von Indianern wurde entscheidend von einem Sträfling namens Karl May und dessen edlem Apachen-Häuptling Winnetou geprägt. Bei (maskierten) Bandenkämpfen unter Erstklässlern zwischen 'Indianern' und 'Cowboys' war es für unsereiner deshalb Ehrensache, zu den Rothäuten zu gehören und nicht zu den Yankee-Bauern. Die Prägung wirkt bis heute.

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