«Wir haben einiges gewagt»

Martin Scholl, langjähriger Chef der Zürcher Kantonalbank, ist für den Rahmenvertrag mit der EU. Er erklärt, wie die Bank internationale Regulierung und Staatsgarantie unter einen Hut bringt und warum das Jubiläum zum 150-jährigen Bestehen der ZKB auffallen soll.

Die Zürcher Kantonalbank (ZKB) ist die viertgrösste Bank der Schweiz und verfügt im Unterschied zu den drei grossen Konkurrenten UBS, Credit Suisse und Raiffeisen über eine offizielle Staatsgarantie. Die Besonderheiten der schweizerischen Kantonalbanken könnten bei Annahme des Rahmenvertrages in Konflikt geraten mit EU-Regeln. Martin Scholl, seit 2007 Chef der ZKB, spricht über Staatsgarantie, Nachhaltigkeit und Mitarbeiterbeurteilung.

 

Herr Scholl, Kantonalbanken würden mit ihren speziellen Regelungen wohl schlecht zum EU-Binnenmarkt passen. Welche Folgen hätte der Rahmenvertrag Schweiz - EU für die Zürcher Kantonalbank?

Wenn ich das heute vorliegende Rahmenabkommen anschaue, wäre die ZKB davon nicht direkt betroffen. Es liefe weiter wie bisher.

Wie schätzen Sie als Bürger den Vertrag ein?

Für mich als Bürger überwiegen die Vorteile des Vertragsentwurfs. Denn sollte der Zugang der Schweizer Industrie zu den EU-Märkten erschwert werden, wäre das bedrohlich für die Wirtschaft. Die Debatte über die Unionsbürgerrichtlinie ist zwar nur aufgeschoben, doch der Vertrag brächte uns da nicht in eine andere Position als heute. Sollten irgendwann sektorielle Marktzugangsabkommen zur Debatte stehen, beispielsweise für Finanzdienstleistungen, dann käme das Thema Beihilfen wohl wieder auf den Tisch. Dann müsste man dies genau anschauen.

Also die Frage, ob Schweizer Kantonalbanken weiterhin darauf zählen dürfen, dass der Staat im Notfall für ihre Risiken garantiert?

Ja, die Staatsgarantie ist ein zentrales Thema, und auf eine Debatte darüber sind wir gut vorbereitet.

Um diese Besonderheit zu verteidigen?

Nein, aber wir dürfen uns nicht darauf verlassen, dass die Staatsgarantie auf alle Zeit Bestand hat. Es kann sein, dass die Bürgerinnen und Bürger des Kantons Zürich sie irgendwann aufheben möchten. Oder in Verhandlungen mit der EU könnte sie plötzlich Teil eines Tauschgeschäfts sein. Deshalb gilt für uns schon lange: Wir müssen die Bank so vorbereiten und ausstatten, dass sie ab Tag eins nach Wegfall der Staatsgarantie ohne irgendwelche Abstriche weiter voll funktioniert. Und genau diesen Status haben wir heute erreicht. Wir sind also gelassen.

Für Ihr Geschäft ist die Garantie aber ein Pluspunkt.

Die Staatsgarantie darf bei uns nie ein Verkaufsargument sein. Die ZKB ist derart solide aufgestellt, dass sie von den Ratingagenturen mit der Bonitätsnote «aa–» bewertet wird, wenn man die Kantonshaftung herausrechnet. Aus eigener Kraft erreichen wir also eine Benotung, die weltweit nur drei Banken ausweisen. Bei Einbezug der Staatsgarantie kommen wir sogar auf ein AAA-Rating.

Dann macht der Staat im Rücken doch einen Unterschied aus.

Man muss das Gesamtpaket sehen. Die Staatsgarantie ist eng mit dem Leistungsauftrag gekoppelt.

Worin besteht dieser Auftrag des Kantons?

Erstens versorgen wir die Bevölkerung mit Finanzdienstleistungen, zweitens unterstützen wir den Kanton beim Erfüllen seiner volkswirtschaftlichen Aufgaben, und drittens setzen wir uns für Nachhaltigkeit ein, etwa indem wir unsere Produktpalette so gestalten, dass die Kunden nachhaltig investieren können.

Das machen andere Banken ebenfalls.

Was bei uns zum Leistungsauftrag zählt, kann nie hundertprozentig scharf vom anderen Geschäft isoliert werden. Aber es gibt Phasen, in denen der Auftrag sehr wichtig wird, wie in der Finanzkrise 2008, da vergaben praktisch nur noch die Kantonalbanken Kredite an Firmen. Klar ist auch, dass die Bank nicht überleben würde, wenn sie nur den Leistungsauftrag erfüllen würde.

Nächstes Jahr beim Jubiläum wollen Sie dem Kanton eine spezielle Gegenleistung bieten, was aber nicht alle begeistert.

Ja, die Bank wird 150-jährig, und wir freuen uns darauf. Man kann das natürlich feiern wie viele andere Jubiläen, mit weissen Tischen, Essen und Reden, und ein Jahr später ist alles vergessen. Unser Anspruch ist es, der Bevölkerung etwas Spezielles zu bieten. Dazu gehört ein Erlebnis-Garten, in dem auch unsere Geschichte zentrales Thema sein wird. Darüber hinaus möchten wir mit der Seilbahn über den Zürichsee ein Projekt mit grosser Ausstrahlung realisieren. Auch die Jubiläumsdividende an Kanton und Gemeinden von 150 Millionen Franken darf man nicht vergessen. Wir wollen, dass man weiss, wer 150-jährig wird, jede und jeder im Kanton. Das dient der Markenstärkung.

Eine Alternative wäre, das Gewerbe etwas günstiger zu unterstützen.

Da kämen komplizierte Fragen auf. Soll man sich an die Kunden oder an die Bevölkerung wenden? Sind Kreditnehmer gleichzustellen mit Hypothekarkunden? Und wie steht es mit Unternehmern, die ohne Kredit erfolgreich sind, oder was ist mit der Vermögensverwaltung? Wir möchten, dass alle im Kanton an unserem Jubiläum teilhaben. Die Bank gehört zwar dem Kanton, aber sie ist professionell, nach ökonomischen Grundsätzen zu führen, und über die Verwendung des Gewinns wird am Schluss entschieden. Wir wollen keine halbprofessionelle Arbeit mit Nachsicht bei Krediten, ein paar Zugeständnissen da und einem Geschenk dort.

Die Geschichte der ZKB beginnt ja eigentlich in der Aufbruchszeit im Kanton Zürich, als Alfred Escher die Industrie-, Bank-, Versicherungsunternehmen gründete. War die ZKB die Antwort auf Eschers Kreditanstalt?

Die Gründung der Kantonalbank wurde initiiert durch Textilunternehmer, weil diese keine Kredite erhielten für ihre Industrie, die damals einmal mehr vor einer Umstrukturierung stand. Die Kreditanstalt wie auch der Zürcher Regierungsrat hatten eine Unterstützung abgelehnt. So wurde eine Bank für Gewerbe und Landwirtschaft gegründet. Das zweimalige Nein aus dem Escher-Lager war also eine Art Geburtshilfe für die ZKB.

Im Gegensatz zur heutigen Credit Suisse ist die Kantonalbank näher bei ihrer ursprünglichen Aufgabe geblieben. Warum?

Wichtig ist, dass bei uns über all die Generationen hinweg die Wurzeln der Bank nie vergessen gingen, nämlich die Unterstützung auch der kleinen Unternehmen. Das wurde immer weitergegeben. Wäre irgendwann eine ganze Führungsequipe von aussen eingewechselt worden, wäre es wohl schwierig geworden, diese Geschichte weiterzuschreiben.

War die ZKB je ernsthaft in Gefahr?

Im ersten Betriebsjahr schrieb sie Verlust. Eine harte Phase kam dann viel später mit der Immobilienkrise Anfang der 1990er Jahre, aber wir waren nicht in Existenzgefahr. Relativ gut kamen wir durch die Finanzkrise, 2008 erzielten wir rund 500 Millionen Franken Gewinn.

Wenn der Staat im Notfall Ihre Risiken übernimmt und wenn alle Bürger Eigentümer der Bank sind, hat das Management viel Freiheit. Fehlt da nicht die Disziplinierung?

Das Gegenteil ist der Fall. Die Tatsache, dass wir allen gehören, diszipliniert uns enorm, alle schauen dann nämlich auf uns, weil wir ihre Bank sind. Ich selber wohne mit meiner Familie im Kanton Zürich. Würde dieser Bank etwas Schlimmes passieren, wäre ich als Einwohner persönlich betroffen, oder ich müsste auswandern. Das habe ich nicht vor.

Die ZKB hat eine Eigenkapitalrendite von 7 Prozent, finden Sie das genug?

In einer Zeit, in der der risikolose Zinssatz bei null liegt, sind 7 Prozent erst einmal sehr gut. Zudem steht die Eigenkapitalrendite in Relation zu unserer äusserst starken Kapitalisierung. Mehr Eigenkapital bedeutet automatisch weniger Rendite, aber eben auch weniger Risiken. Wir könnten in die Falle tappen und unser Eigenkapital kleiner machen, um die Rendite zu verdoppeln. Das tun wir nicht.

Warum hat die ZKB keine moderne Rechnung mit Spartenergebnissen, die genau zeigt, welcher Teil wie rentabel arbeitet?

Wir sind eine Bank, ein Unternehmen, eine Marke. Wir zeigen keine Spartenrechnung, weil unsere Leistung als Universalbank in Kombination von allen Teilen zusammen erbracht wird. Wollten einzelne Bereiche der Bank sich in speziell günstigem Licht zeigen, dann würde viel Energie fehlgeleitet.

Nicht Egotrips, sondern Teamleistung?

So kann man es sagen. Unsere Stärke besteht in der übergreifenden Zusammenarbeit. Informatiker, Vertriebsleute und Business Engineers arbeiten zusammen, um Lösungen zu finden.

Sie sind seit 2007 Chef der ZKB, und im Leistungsauftrag stehen auch die Aufforderungen «Vorausdenken» und «Mut zeigen». Was können Sie da vorweisen?

Wir haben einiges gewagt. Die Akquisition des Asset-Managers Swisscanto hat uns erfolgreich auf eine neue Stufe der Vermögensverwaltung gebracht und damit unsere Abhängigkeit vom Zinsengeschäft deutlich reduziert. Das brauchte Voraussicht und Mut. Wichtiger Bestandteil unseres diversifizierten Geschäftsmodells ist auch der Handel, der uns als Bank und damit auch dem Kanton einiges bringt. Mut brauchte ebenfalls die Abschaffung der Mitarbeiterbeurteilungen, des aufwendigen formellen Qualifikationswesens.

Formulare ausfüllen ist passé?

Genau, und unsere Erfahrungen sind sehr gut. Vorher versuchten wir immer, mit Mitteln der Vergangenheit die Zukunft zu steuern. Nun ist klar, dass das ganze Qualifikationswesen nicht mehr zur heutigen Welt gehört. Unsere Leute können ihrer Arbeit nachgehen, während ihre Kolleginnen und Kollegen in anderen Banken grossen Aufwand betreiben und Noten verteilen müssen.

Wer waren Ihre wichtigsten Chefs und Vorbilder?

Mein erster wichtiger Chef war der, der mich beim Vorstellungsgespräch mit Leidenschaft und Begeisterung überzeugte, eine Banklehre zu machen. Spätere Chefs brachten mir das fundierte Handwerk bei und den Umgang mit anspruchsvollen Kunden, etwa nach dem Motto: Auch schwierige Menschen dürfen Kunden sein. Besonders wichtig war dann, dass ich gegen Ende der Immobilienkrise Mitte der 1990er Jahre als Mittdreissiger bereits viel Verantwortung übernehmen konnte beim Bereinigen dieser Geschäfte.

Hat der Chef der ZKB im Innersten eigentlich die Sehnsucht oder die Vorstellung, er könnte den Chefs einer CS oder einer UBS zeigen, was er wirklich kann?

Nein, keine Sekunde. Ich fahre jeden Morgen mit Freude ins Büro, weil ich schon bei der besten Bank arbeite.

Kommentare

Rainer Selk

11.03.2019|10:07 Uhr

@Kielholz. Herr Scholl besitzt auch nicht das Gespür, dass ihm befähigen würde, das temporäre ZH See Gondelbahnbpolsterklassen- + andere 'nice to have'Projekte fallen zu lassen! Es ist nämlich nicht Hr. Scholl's Kohle, über die er meint, jovial 'orgeln' zu können. Habe schon vor Jahren meine finanziellen Beziehungen zur ZKB abgebrochen. Das ist keine Bank mehr, dass ist eine behebige risikoreiche Bankbeamtenbehörde, deren 'Staatsgarantie' längst ein verstecktes Problem ist. Die ZKB ist politikgetrieben + das wird ihr zum Verhängnis werden. Unbedingt Finger weg von dem arroganten 'Laden'.

Rolf Kielholz

10.03.2019|17:06 Uhr

Herr Scholl: Nach dem Lesen dieses Interviews - insbesondere angesichts Ihrer Haltung zum EU-Rahmenabkommen - bin ich sehr froh, ausser der gezwungenermassen bei Ihrer Bank hinterlegten Mietergarantie keine weiteren Gelder mehr bei der ZKB zu wissen.Schlimm, dass Sie als ZKB-Leiter anscheinend keine genügenden intellektuellen Fähigkeiten besitzen. Komplexe staatspolitische Zusammenhänge zu erkennen, scheint tatsächlich nicht zu Ihrer Kernkompetenz zu gehören ...

Hans Baiker

08.03.2019|00:33 Uhr

Die ZKB mit Herr Scholl hat einiges gewagt. Nur das Wagnis,meine ich in aller Bescheidenheit und als gebeutelter Bank-Aktionär ist noch nicht ausgestanden. Die EU mit ihren Bankenkrisen kann und wird die CH mittels dem InstA mit reinziehen. Die Weiterentwicklung ist einseitig und völlig offen. Die ZKB wird in dieser Gemengenlage zu einer Kleinbank. Wie die CH zu einer kleinen Nummer gemacht wird. Der Finanzplatz Schweiz kann die City und eigentlich niemanden mehr konkurrenzieren. Herr SchollsOptimismus in Ehren, ich darf/muss mir Skepsis erlauben.

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