Schweizmüde Manager

In Bern geben Wirtschaftsführer den Ton an, denen die Schweiz egal ist.

Vor Sessionsbeginn habe ich mich in Literatur zum 19. Jahrhundert in der Schweiz gestürzt, das Heldenzeitalter des Liberalismus, Alfred Escher, Gotthardbahn, Kreditanstalt, Versöhnung mit den Verlierern des Sonderbundskriegs, Selbstbehauptung der jungen, bahnbrechenden Demokratie gegen die arroganten, sich dauernd einmischenden Monarchen und Potentaten des europäischen Umlands.

Damals war die Schweiz, anders als angeblich heute, noch nicht von Freunden umzingelt, sondern von morschen, feindseligen Königreichen, die den neugeborenen, dynamischen Bundesstaat zu Recht als Bedrohung ihrer herrenreiterlichen Allüren und Staatsordnungen empfanden.

Die Provokation Schweiz bestand darin, dass hier eine Nation, die eigentlich gar keine Nation im Sinne einer halbwegs homogenen Abstammungsgemeinschaft war, sondern ein bunter Verbund von unterschiedlichen Konfessionen, Sprachgruppen und Mentalitäten, auf der Grundlage eines freiheitlichen demokratischen Rechtsstaats die Selbstregierung ausrief.

Die Schweiz regiert sich selbst.

Das war die Kampfparole der Liberalen, das bei allen Meinungsverschiedenheiten verbindende Grundprinzip der Politik. Diese Schweizer waren nicht bereit, nach der Pfeife der anderen zu tanzen, sondern sie sahen die Notwendigkeit und kämpften auch dafür, ihre Selbstregierung zu festigen, wirtschaftlich zu untermauern und notfalls militärisch gegen aussen zu verteidigen.

Es war eine gefährliche Zeit. Die heutigen EU-Kommissare um den lustigen Jean-Claude Juncker sind Chorknaben, verglichen mit den schwerbewaffneten Napoleons, den FriedrichWilhelms, Metternichs und Bismarcks, die der Schweiz schon damals dynamisch ihre Rechtsvorstellungen aufnötigen und befehlen wollten. Es hätte Millionen von Gründen gegeben, sich in die ausgestreckten Greifarme der auswärtigen Konkurrenz fallen zu lassen, sich unter das fürsorgliche Joch dieser europäischen Aristokraten-Oligarchie zu werfen.

Die Schweizer aber wehrten sich, sie sagten nein.

Nicht nur die Bürgerinnen und Bürger, die zunächst noch eher wenig zu sagen hatten, sondern vor allem die Eliten, die Unternehmer, Manager gab es noch kaum, die Politiker, die Bundesbarone von Bern, dieser grossartig selbstbewusste Parlamentarier-Adel, der zunächst so noch gar nichts wissen wollte von direkter Demokratie, von Initiativen und Referenden, von einer drohenden «Pöbelherrschaft», wie die Stars des frühen Bundesstaats zu Unrecht fürchteten. Eines aber war ihnen immer klar: Die Schweiz ist unabhängig, oder sie ist nicht mehr die Schweiz.

Die angstschlotternden Politiker und Wirtschaftsbürokraten, die heute in Panik verfallen, sobald die EU mit Sanktionen droht, die sie dann doch nicht umsetzt, reden sich ein, man könne die Zeiten nicht vergleichen, die Schweiz sei doch inzwischen viel verwundbarer als damals. Solche Sätze sind in Bern tatsächlich zu hören. Sie dokumentieren die durchschlagende geschichtliche Ahnungslosigkeit der Leute, die mit solchen Aussagen hantieren, die sich damit irgendwie beruhigen, ihre Geducktheit gegenüber dem Ausland vor sich selbst und anderen rechtfertigen wollen. Indem sie die Leistungen und Herausforderungen ihrer Vorfahren kleinreden, vernichtigen.

Die Wahrheit ist: Die Schweiz zu Zeiten Eschers war unendlich gefährdeter, über weite Strecken ein Armenhaus, rückständig, konfessionell gespalten, universitätsmässig vormodern, frisch verwundet nach einem Bürgerkrieg, institutionell noch keineswegs gefestigt mit gilet jaunes-artigen Aufständen auf dem Land und darüber hinaus militärisch und diplomatisch bedroht von Mächten, die nicht mit der teilweisen Beschneidung studentischer Austauschprogramme drohten oder mit der vorläufigen Nichtanerkennung einer Börsenäquivalenz, was immer das ist, sondern mit Kanonen, Truppeneinmarsch und Besetzung.

Obwohl oder gerade weil sie viel mehr zu verlieren hatten, nämlich ihren Staat und ihre Würde, vielleicht sogar ihr Leben, zeigten diese wackeren Ur-Freisinnigen um Escher dem lauernden Ausland die Zähne. All ihre Bahnbauten, ihre Bankgründungen, ihre Versicherungen und Staudämme, die sie in Rekordzeit aus dem Boden und den Bergen stampften, dienten vor allem einem Ziel: Es ging darum, die Lebensgrundlagen des jungen, so umstrittenen und angefeindeten Staatspflänzchens zu sichern, dieses fragile Gebilde möglichst rasch sturmfest zu machen gegen die internationale Politik, gegen die Zudringlichkeiten fremder Machteinflüsse. Wer sich ernsthaft einbildet, heute hätte es die Schweiz schwerer, lebt in der Filterblase eines Wohlstands, der dank dem vergessenen Mut dieser Pioniere überhaupt erst zustande kam.

Der grösste Unterschied zu heute liegt darin, dass ein Escher zwar bis fast zum Schluss ausgezeichnet rechnen konnte, aber niemals mit dem Taschenrechner Aussenpolitik betrieb. Inzwischen wird Bern von Leuten bevölkert, die unsere Staatssäulen an die EU verhökern wie Altglas auf dem Flohmarkt. Die Loyalität geht nicht zum Land, sie geht zum eigenen Portemonnaie. Der geistige Horizont endet bei den nächsten Quartalszahlen: Wie viele Pillen mehr verkauft unsere Pharmaindustrie in Europa, wenn wir die Schweiz fremden Richtern unterstellen? Wie viele Geschirrspüler zusätzlich dürfen wir gnädigerweise in den EU-Binnenmarkt liefern, wenn wir unseren verfassungsmässigen Gesetzgeber, Volk und Stände, durch europäische Funktionäre ersetzen?

Das sind die Fragen, die gegenwärtig in Bern hitzig und in vollem Ernst diskutiert werden. Die Schweiz ist zu einer Demokratie des Taschenrechners geworden, zu einem Staat mit Preisschild. Die Bundesverfassung gilt nur noch unter dem Vorbehalt mutmasslicher Umsatzeinbussen einer Exportindustrie, die offenbar ihre eigenen Rekordzahlen nicht mehr verkraftet. Es sieht so aus, als ob in der Schweizer Politik und Wirtschaft mittlerweile Leute den Ton angeben, die von der Schweiz keine Ahnung haben und denen die Schweiz egal ist.

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Kommentare

Rainer Selk

14.03.2019|09:45 Uhr

Hartmann. Das sog. 'Friedensprojekt EU' hat es nicht geschafft, mit den GBs ein valables Austrittsabkommen zu schliessen. Den genauen Inhalt der 600 EU-Seiten kennt niemand. Die Rosinenarroganz in Brüssel ist NUR für sich sich selbst da, nicht für die Menschen. Eine Reform der EU ist wegen deren 'Rosinen im Kopf' somit unmöglich. Erste Schockdämmerung ist aber in Brüssel sichtbar, denn die Folgen der 'EU-Drohungen' werden zu einem Wirtschaftsbedrohungsrückschlag. Bezahlen muss das nicht die 'Rosinenkommission', sondern jene, die ihren Job verlieren, Hartmann. 'Picken' Sie links verklärt weiter.

Michael Hartmann

13.03.2019|13:44 Uhr

'No Deal' ist auch das beste Ergebnis für die EU. Alles andere wäre nur Anschauungsbeispiel für andere EU-Länder, mit Drohgebärden für sich Rosinen zu picken.

Jean Ackermann

12.03.2019|21:14 Uhr

England hat zu diesem Faustvertrag nein gesagt! Ich hoffe in der Schweiz kapieren inzwischen gewisse Leute auch, was es heisst sich aus den Fängen eines "Empire of evil"-Vertrag (nenn ihn auch Rahmenvertag) zu befreien. Live-Anschaung gibt es genug. Das Beste für England. No deal! Dann kann man vieleicht wieder mit der EU reden. Vorher bestimmt nicht.

Hans Georg Lips

11.03.2019|13:52 Uhr

Es ist zu beachten, dass die fremden Fötzel, die nun die meisten Multis hier managen nur zweite oder dritte Wahl sind. Wären sie erste Wahl, so hätten sie wohl einen Job in ihrem Herkunftsland erhascht. Haben sie nicht.Das gilt für alle Professionen, seien es Professoren an den besten Hochschulen, oder CEOs.Und bei uns bezahlt man am besten WELTWEIT!

Rainer Selk

09.03.2019|18:26 Uhr

EU, das ist nicht Freiwilligkeit, sondern Abkassieren für einen sog. Marktzutritt. Im Umkehrverhältnis heisst das, es werden keine noch so guten Produkte hineingelassen, es sei denn, die zahlen einen EU-'Schottermauth'. Die EU-Kommission hat sich anmassend + ideologisiert verselbstständigt. Wer nicht pariert, ist Populist, wird in die Schandecke gestellt. Das hat seit ca. 2002 nichts mehr mit Augenhöhe unter Partnern zu tun. EU + NATO vorgeschoben nach Russland: das ist der Militär. Wahnsinn dieses bigott scheinheilig totalitären EU-Konstrukts. Hartmanns 'Feind-Fluchtburg'. Fialalala.

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