Professoren erster Klasse

Die kantonale Aufsicht hat gravierende Mängel bei den Finanzen der Universität St. Gallen festgestellt. Führungsgremien wollten die Missstände an der HSG unter dem Deckel halten.

Kürzlich machte das St. Galler Tagblatt Details aus einem Geheimbericht der kantonalen Finanzkontrolle publik. Gegenstand ihrer Untersuchung: das Finanzgebaren sämtlicher Institute der Universität St. Gallen (HSG) im Jahr 2017. Die Vorfälle, welche der Bericht aufdeckt, sind teilweise frappant. So schreibt das universitätsweit geltende Spesenreglement den HSG-Angestellten vor, Economy Class zu fliegen. Trotzdem haben Mitarbeiter des Instituts für Customer Insight auf Interkontinentalflügen, für die ein Ticket schnell fünfstellige Beträge kostet, First Class gebucht. Die genauen Flugstrecken und Summen sind dem Tagblatt ebenso wenig zu entnehmen wie die Namen der First-Class-Professoren. Wie Eingeweihte gegenüber der Weltwoche bestätigen, ist der Personenkreis der drei Institutsdirektoren betroffen. Diese machen auf Anfrage keine weiteren Angaben zu den fraglichen Flügen und begründen auch nicht, wer von ihnen warum erste Klasse fliege – als wären sie nicht kantonale Angestellte, sondern CEOs von milliardenschweren Grossunternehmen.

Ein zweiter Fall betrifft Professorin Heike Bruch, Direktorin am Institut für Personalmanagement. Ihre HSG-Einrichtung vergab im Jahr 2017 Coaching-Aufträge für 117 000 Franken an die Firma Energy Factory, deren Gründerin und Verwaltungsratspräsidentin Institutschefin Bruch selber ist. Dass hier Interessenkonflikte bestehen können, liegt auf der Hand. Bruch sagt, ihr Institut finanziere grosse Teile der Forschung durch Weiterbildungsprogramme für Praktiker, wie etwa Führungskräfteseminare. Diese Weiterbildungsprogramme würden «ausschliesslich mit externen Dozenten, Trainern und Coaches» durchgeführt – «auf Honorar-Basis, unter anderem durch speziell ausgebildete Coaches der Energy Factory».

Weiter listet das Tagblatt kleinere Verfehlungen auf: Seminare auf Mallorca oder über 500 Franken teure Übernachtungen in Fünfsternehäusern. Und ausgerechnet im Institut für Accounting und Controlling, von Haus aus für die Lehre des über jeden Zweifel erhabenen Finanzgebarens zuständig, unterschreibt der Direktor seine eigenen Kreditkartenspesen gemeinsam mit der ihm untergebenen Sekretärin. Für seine Veröffentlichung hat das Tagblatt eine Auswahl von elf Instituten getroffen – laut Insidern soll die Finanzkontrolle bei ihren Stichproben aber in so gut wie jedem der dreissig Institute Missstände aufgedeckt haben. Viele davon betreffen die zu wenig saubere Trennung zwischen den privaten Interessen der Institutsdirektoren und den öffentlichen Interessen der Universität.

Noch am 17. Januar tat die Universität St. Gallen so, als gebe es in ihren Mauern nur einen vereinzelten Spesenskandal betreffend Professor Peter Sester. Der Wirtschaftsjurist hatte in den Jahren 2017 und 2018 rund 120 000 Franken an zweifelhaften Spesen bezogen. Rektor Thomas Bieger flötete in einem Zeitungsinterview, wegen des Falls sei «nochmals extra genau hingeschaut» worden. Seines Wissens gebe es «bei anderen Instituten keinen weiteren besonderen Handlungsbedarf». Da kannte der Rektor längst die Befunde des vom 13. November datierten Schlussberichts der Finanzkontrolle.

Für alles ein Kässeli

Offenbar beteiligte sich sogar Biegers oberster Chef, Regierungsrat Stefan Kölliker (SVP), am Zudecken der Missstände. In einem am 24. November im Tagblatt erschienenen Interview gab er sich als Aufklärer. Bereits 2011 habe er eine Überprüfung der Spesen an der HSG verlangt. «Das ist Führungsverantwortung, aber damit exponiert man sich eben auch.» Die Überprüfung damals «habe keine wesentlichen Mängel ergeben». Über den neuen Bericht schwieg sich Kölliker aus, obwohl er zumindest über die neue Untersuchung Bescheid wusste oder gar deren Schlussbericht kannte. Er sei erst «am 6.12.2018 anlässlich des ordentlichen Jahresgesprächs mit dem Leiter der Finanzkontrolle» über den Bericht informiert worden, sagt er der Weltwoche. Mitte November wurde das sensible Dokument an das Sekretariat des Universitätsrates geschickt, den Stefan Kölliker präsidiert.

Hätte sich nicht der Tagblatt-Informant ein Herz gefasst, dann wären die Details wohl nie ans Licht gekommen. Bei normalem Gang der Dinge hätte sich die Finanzkommission des Kantonsrats über den Bericht gebeugt, es bei einer Ermahnung an die HSG-Gremien und bei ein paar nebulösen Andeutungen gegenüber der Öffentlichkeit belassen: Es habe ein kleines Problem gegeben, das sei aber mittlerweile gelöst.

Unter dem Druck der Öffentlichkeit versprach die HSG letzten Freitag, dass die Finanzen sämtlicher Institute nochmals komplett auf durchleuchtet werden. Mit der Prüfung wird jeweils der eigene «geschäftsleitende Ausschuss» des Instituts betraut – eine Art Verwaltungsrat, in welchem neben Honoratioren aus Politik, anderen Universitäten und wenigen Praktikern vielfach vor allem HSG-Professoren aus anderen Instituten sitzen. Man darf einen schonungsvollen Umgang untereinander und mit sich selbst erwarten.

In naher Zukunft gedenkt die HSG – Jahresumsatz: 240 Millionen Franken –, sich erstmals eine interne Finanzrevision zu geben. Weiter will man «einen grundlegenden Kulturwandel einleiten, den wir für die weitere Entwicklung der HSG für essenziell halten», so das Rektorat. Die bisherige Kultur brachte ein ehemaliger Verwaltungsdirektor der Uni St. Gallen mit seinem geflügelten Wort auf den Punkt: «An der HSG haben wir noch immer für alles ein Kässeli gefunden.»

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Von Amy Holmes
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Kommentare

Hans Georg Lips

11.03.2019|14:01 Uhr

Diebe, Diebe, nichts als Diebe wo man heute beim Staat hinschaut.

Hans Baiker

08.03.2019|19:15 Uhr

Die HSG betreibt weiche Wissenschaften. Die Kernfrage muss sein: Wo ist der Gegenwert für die vielen Millionen an Steuergeldern, die diese Institution verschlingt. Bringt der neue Campus für 240 Mio. einen adäquaten Nutzen. Oder ist die HSG ein Selbstläufer, der sich dann selbst finanzieren sollte.

Markus Dancer

07.03.2019|13:00 Uhr

Alles leere Versprechen! Einziges Mittel den Missbrauch in den Griff zu kriegen sind staatliche Mittel zu entziehen, doch der Geldgeber ist selber bis auf die Knochen korrupt!

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