Der gemeinste Witz überhaupt

Die Fasnacht taugt für Humorlose etwa so gut wie eine Fahrt durch den Bobkanal ohne Untersatz.

Kennen Sie den Witz: «Wo sehen Frauen am besten aus? Auf alten Fotos.» Oder diesen: «Schliesse deine Frau und deinen Hund in den Kofferraum ein. Warte fünfzehn Minuten und mach den Kofferraum wieder auf. Wer freut sich?» Der Brüller. Ich liebe Witze, Comedy, auch Schnitzelbänke an der Fasnacht, und Frauenwitze finde ich besonders lustig. Manche haben die Veranlagung, bei mir vor lauter Lachen Ganzkörpertourette auszulösen. Gerade jetzt zur Fasnachtszeit erhitzen sich die Gemüter aufgrund politischer Unkorrektheit ja wieder gerne: Wie 20 Minuten berichtet, hat sich schon eine anonyme Gruppe über Fasnächtler beschwert, die über LGBTQ-Anhänger ulkten.

In Deutschland sind die Witz-Beleidigten einen Schritt weiter. Statt Inkognito-Kritik gibt’s dort Face-to-Face-Beschwerde an Ort und Stelle. Neulich machte der Komiker Bernd Stelter («7 Tage, 7 Köpfe») in einer Karnevalsshow einen mässig lustigen Witz über Doppelnamen. Doppelnamen! Der Witz hatte Auswirkungen auf das mässig stabile Nervenkostüm einer Dame im Publikum. Sie echauffierte sich derart, dass sie auf die Bühne sprang und Stelter anfuhr: «Männernamen sind immer toll – und Frauennamen sind immer scheisse. Und Doppelnamen sind Doppelscheisse.» Die Frau musste daraufhin den Saal verlassen; seither findet in Medien und sozialen Medien eine angestrengte Debatte über Doppelnamen und Humor statt. Persönlich bin ich ja für Dreifach-Namen; der dritte ist der, mit dem man sich identifiziert.

Die Empörung der Zuschauerin über die Ungerechtigkeit stiess auf grosse Zustimmung bei den üblichen Verbündeten aus dem kultivierten Milieu der Humorlosen. Man griff jetzt Stelter für seinen Witz an, wetterte gleich noch über den schlechten Humor beim Karneval ganz allgemein. Melanie Amann, Leiterin Hauptstadtbüro des Spiegels, twitterte: «Karneval hin oder her: Als Tochter einer Frau mit Doppelnamen habe ich die Häme satt, die über meine Mutter und Frauen wie Annegret Kramp-Karrenbauer ausgegossen wird – oft von Männern, die nie ihre Namen für die Ehe aufgegeben hätten. Hut ab vor dem Mut dieser Frau.»

Einer, der immer wieder für seine derben Witze angegriffen wird, ist der britische Comedian Ricky Gervais. Er schreibt bei Twitter: «Nur weil jemand beleidigt ist, heisst das nicht, dass er im Recht ist.» Und: «Die Frage, ob man über ein Thema keine Witze machen darf, ist nicht weniger lächerlich als jene, ob man über ein Thema nicht sprechen darf.» Beleidigung sehe er als Kollateralschaden von Redefreiheit. «Ich hasse den Gedanken, dass die Meinung einer Person abgeändert oder sogar zum Schweigen gebracht wird, weil jemand sie irgendwo vielleicht nicht hören will. Ausserhalb von Gesetz brechen oder jemandem physischen Schaden zufügen ist ‹Gefühle verletzen› fast unmöglich objektiv zu messen.» Wenn niemand je verletzt werden sollte, dürfte man gar keine Witze mehr machen.

 

Dass man Leute feiert, die wegen eines Witzes gekränkt sind, ist – auch im Zeitalter von Empörungskultur – eine neue Dimension. Hätte eine Zuschauerin bei einer Fasnachtsshow im Jahr 2000 wegen eines unliebsamen Witzes die Bühne gestürmt, wäre sich die Restwelt einig gewesen: «Was ist denn mit der los, spinnt die? Ist ja nur ein Witz.» Im Jahr 2019 benebelt die emotionsgeladene Empfindlichkeit bei vielen den Geist, wenn sie rufen: «Schlechter Witz! Schlechter Comedian! Mutige Frau! Applaus!» Ich habe einen Moment lang überlegt, ob ich lachen oder weinen soll. Aus der Pro-Witz-Gruppe meinte immerhin der deutsche Comedian Shahak Shapira bei Twitter: «Du bist kein Held, wenn du eine Comedy-Show besuchst und dann entscheidest, von einem Witz beleidigt zu sein, der nichts mit dir zu tun hat. Beleidigt sein ist keine Heldentat, und wir sollten aufhören, beleidigte Leute zu feiern, als wären sie mutig oder selbstlos.»

 

Gruppe eins macht es einem wirklich nicht leicht, sie nicht als die selbstmitleidigen Zeitgenossen zu sehen, die sie nun mal sind und die in übertriebener Selbstverliebtheit alles auf sich beziehen. Witze über Doppelnamen sollten jetzt als Beispiel für Alltagssexismus dienen? Warum? Weil Frauen heute keine andere Wahl haben, als den Namen des Mannes anzunehmen? Weil uns #MeToo gelehrt hat, dass, wenn wir unter etwas so Schrecklichem wie einem Gag leiden, es dann auch tatsächlich schrecklich ist, egal, wie es gemeint war? Gemäss der Logik wäre dann übrigens auch jener ein Sexist, der mich nach meinem Alter fragt. Mir egal, wie es gemeint ist. Was zählt, ist, wie es bei mir ankommt.

Der Skandal wurde von den Medien einige Tage verlängert, indem sie wie etwa Focus online eine Umfrage starteten: «Muss sich Bernd Stelter für seinen Doppelnamen-Witz entschuldigen?» Dass 86 Prozent mit Nein antworteten, liegt wahrscheinlich daran, dass nur frauenhassende Drecksäcke abgestimmt haben.

Persönlich beantworte ich die Frage mit Ja. Ja, Comedians sollten sich bei Menschen entschuldigen, die sich durch ihre Witze gekränkt fühlen. Sie sollten die Witze im Vorfeld mit Feministen- und Randgruppenverbänden besprechen. Das Ministerium für Wahrheit in den Kreativprozess miteinbeziehen. Den Zuschauern während der Show einen Sorgenbeauftragten zur Seite stellen. Und gratis Kleenex an alle verteilen.

Eine schöne Fasnacht Ihnen allen!

 

Tamara Wernli, Video-Bloggerin, lebt bei Basel.

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Kommentare

Kuno Frei

09.03.2019|17:30 Uhr

Peng ... auf den Punkt! Mehr ist dazu nicht zu sagen. Soo guet!

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