Der Durchbruch

Seit mehr als hundert Jahren gehen Wissenschaftler der Frage nach, wie unser Immunsystem für den Kampf gegen Krebs mobilisiert werden kann. Das galt bislang als unmöglich. Inzwischen liegen bahnbrechende Erkenntnisse vor. Können wir Krebs heilen?

Als ich begann, mein Buch «The Breakthrough» zu schreiben, ahnte ich nicht, dass es vier Jahre dauern würde. Ebenso wenig ahnte ich, dass meine Gesprächspartner vier Jahre später für ihre Forschungen den Nobelpreis für Medizin erhalten würden. Aber ich wusste, dass es ein wichtiges, wenngleich nicht ganz einfaches Thema war. Wie konnte man diese komplexe Geschichte verständlich erzählen, dieses Aufeinandertreffen von zwei hochkomplexen und nicht restlos erforschten biologischen Systemen, diesen Stoff, mit dem bislang nur einige wenige Mediziner auf der ganzen Welt vertraut waren?

Doch ich hatte Glück. Die Geschichte handelt von faszinierenden, inspirierenden und oft amüsanten Menschen. Ich stiess auf eine spannende Detektivgeschichte. Und natürlich begegnete ich etlichen Helden und einem ganz besonders üblen Schurken.

Dieser Schurke ist natürlich der Krebs – eine lebendige Krankheit, die sich verändert und mutiert und nicht zu packen ist. Die üblichen Krebsmedikamente sind das alles nicht. Sie können nicht mutieren, sich nicht entwickeln. Der Krebs tanzt, aber die Krebsmedikamente stehen einfach da. Folglich würde kein Medikament, kein Gift und keine andere medizinische «Lösung» die hunderterlei Mutationen, die wir in ihrer Gesamtheit als Krebs bezeichnen, «heilen». Wir können sie eine Zeitlang vielleicht vergiften, aber wenn auch nur eine einzige Krebszelle überlebt, wird der Krebs irgendwann in mutierter Form zurückkehren. Er tanzt uns davon. Das war uns bis vor kurzem nicht klar.

Pulverdampf und Gefechtslärm

Doch neue Entdeckungen haben all das verändert. Endlich haben wir tanzen gelernt.

Nunmehr gibt es neue, mutierende Lösungen für unser Mutationsproblem. Diese werden als Immuntherapie bezeichnet. Diese neuartigen Krebstherapien nutzen unser natürliches Abwehrsystem, jene 500 Millionen Jahre alte biologische Technologie, das sogenannte Immunsystem. Dieses System ist komplex und sehr anpassungsfähig. Es tanzt. Es kann Körperinvasoren erkennen, sich ihnen anpassen und sie abtöten. Und nun haben wir herausgefunden, wie dieses System im Kampf gegen Krebs eingesetzt werden kann.

Und genau das ist der Durchbruch.

Krebs ist verwirrend und schwierig. Weil er ganz anders ist als andere Krankheiten. Wir alle merken, wenn wir erkältet sind oder eine Grippe haben. Das ist offensichtlich, denn es gibt bestimmte Symptome. Man spürt, dass der Körper etwas abwehren will – einen Eindringling, einen Krankheitserreger im Blut. Der Körper verwandelt sich in ein Schlachtfeld, die Symptome sind Pulverdampf und Gefechtslärm.

Aber Krebs ist anders. Krebs ist nicht offensichtlich, jedenfalls nicht sofort. Es gibt kein Fieber, nicht einmal ein Schniefen. Dass man Krebs hat, zeigt sich gewöhnlich nur anhand eines Tests. Krebs ist eine der tödlichsten Erkrankungen, und doch scheint sich unser Körper dagegen nicht zur Wehr zu setzen. Warum?

Vor vier Jahren begann ich, dieser Frage nachzugehen und zu versuchen, die Antwort in einer Erzählung darzulegen, die auch Nichtwissenschaftler wie ich würden verstehen können. Mein Motiv war nicht nur, dass dies der vielleicht bedeutsamste medizinische Durchbruch unserer Zeit ist, eine faszinierende Geschichte, die den meisten Menschen praktisch unbekannt ist. Die Sache hatte auch einen persönlichen Aspekt. Fast jeder ist in der einen oder anderen Weise von dieser Krankheit betroffen – bei mir sind es Familienangehörige und Freunde. Und fast 40 Prozent von uns werden irgendwann in ihrem Leben eine Krebsdiagnose erhalten.

Noch bis vor kurzem gab es drei Behandlungsmethoden bei Krebs – allesamt ausgesprochen unangenehm. Die älteste besteht darin, den Krebs einfach herauszuschneiden – eine seit Jahrtausenden praktizierte Methode. Die Entdeckung der Radioaktivität im Jahr 1896 führte zur Strahlentherapie. Und aus Forschungen der Abteilung für chemische Kriegsführung der US-Armee ging 1946 die Chemotherapie hervor, bei der Krebszellen «vergiftet» werden. In jüngster Zeit werden Medikamente auch zum «Aushungern» von Tumoren eingesetzt.

Heimlicher Händedruck

Mit diesen traditionellen Techniken des Herausschneidens, Verbrennens und Vergiftens kann etwa die Hälfte aller Krebserkrankungen geheilt werden. Das ist grossartig, für die andere Hälfte der Patienten aber kein Trost. 2018 wurden weltweit 9 055 027 Krebstote registriert.

Doch bei den meisten Krankheiten gelangen weder Messer noch Gift, noch Nuklearmedizin zum Einsatz. Überhaupt kommen wir bei den meisten Krankheiten ohne Medikamente aus. Der Körper erledigt den Job für uns, ohne dass wir etwas davon bemerken.

Die Rede ist natürlich vom Immunsystem, einem komplexen Ökosystem von Killern und Helfern, Spionen und Reportern, das alle Fremdkörper sehr gut erkennen und abstossen kann. Wir wissen auch, dass wir dieses System durch Impfstoffe stärken können, die unsere Immunsoldaten auf eine Krankheit vorbereiten, indem diesen tote oder geschwächte Exemplare präsentiert werden, an denen sie üben können.

Das Immunsystem funktioniert erstaunlich gut. Ausser eben bei Krebs. Nicht nur kann es ihn nicht besiegen, es erscheint überhaupt nicht zum Kampf. In der Geschichte der Medizin wurde dieses Nichterscheinen damit erklärt, dass wir selbst der Krebs sind und dass wir sterben, wenn unser Immunsystem uns angreift.

Krebs ist eine normale Körperzelle. Sie mutiert und reproduziert sich unkontrollierbar, wird aber, so die Annahme, vom Immunsystem nicht als Fremdkörper erkannt. Also erschien es sinnlos, das Immunsystem so weit zu stärken, dass es den Krebs bekämpfen kann. Für die Wissenschaft blieb nur: herausschneiden, vergiften und verbrennen. Viel Geld, Zeit und Talent wurden in die Suche nach besseren Giften gesteckt.

Die wenigen Forscher, die hartnäckig daran glaubten, dass das Immunsystem den Krebs erkennen und beseitigen könne, wurden von der Wissenschaft verlacht. Aber sie hatten guten Grund für ihre Annahme. Sie studierten historische Berichte von Patienten, bei denen es, oft nach einer anderen Infektion, auf wundersame Weise zu einer Spontanheilung gekommen war. Früher galten diese «Spontanremissionen» als Wunder, als Magie. Man hielt sie für das Ergebnis eines wiedererstarkten Immunsystems.

Man schaute zurück in das späte 19. Jahrhundert, als ein wagemutiger junger New Yorker Mediziner namens William Coley den Versuch unternommen hatte, diese «Spontanremissionen» mit Hilfe einer selbstangefertigten Mixtur toxischer Bakterien auszulösen.

Über hundert Jahre wurden Coleys Ideen verlacht und gerieten schliesslich in Vergessenheit. Doch ein paar Wissenschaftler arbeiteten weiter an diesem «Wunder». Dazu mussten sie die Frage beantworten: Wenn das Immunsystem Krebs erkennen und töten kann, warum passiert das nicht?

Die Arbeit war ziemlich hoffnungslos. Noch in den 1990ern war die Immuntherapie als anerkannter Bereich der medizinischen Forschung praktisch nicht vorhanden.

Der Durchbruch gelang einem Texaner namens Jim Allison. Die Entdeckung, die er gemeinsam mit dem japanischen Wissenschaftler Tasuku Honjo machte, wurde 2018 schliesslich mit dem Nobelpreis gewürdigt.

Allison und Honjo fanden heraus, dass das Immunsystem Krebs erkennen und töten kann. Der Krebs bedient sich der Sicherheitsmechanismen, die in unseren Killerzellen, den sogenannten T-Zellen, eingebaut sind. Die beiden Wissenschaftler entdeckten zwei davon – tatsächlich könnte es Hunderte, ja Tausende geben. Die Sicherheitsmechanismen funktionieren wie Bremsen, die verhindern, dass T-Zellen gesunde Zellen schädigen. Sie sind gewissermassen ein heimlicher Händedruck, mit dem der Körper den Killerzellen signalisiert: «Ich bin einer von euch, greift mich nicht an.»

Der Krebs hatte gelernt, sich diese Sicherheitsmechanismen zunutze zu machen. Er gab T-Zellen den heimlichen Händedruck, mit dem er ihnen befahl, nicht anzugreifen.

Nachdem wir diesen Prozess verstanden haben, können wir aktiv werden. Wir können den heimlichen Händedruck blockieren und so dafür sorgen, dass die T-Zellen den Krebs angreifen – genau wie bei einer normalen Erkältung.

Der Penizillin-Moment

Dies ist der Penizillin-Moment in unserem Kampf gegen den Krebs. Immuntherapie, einst verlacht, gilt heute als vielversprechende Antwort. Fast alle Krebsforscher und fast alle Pharmaunternehmen auf der Welt beteiligen sich an der Jagd, ausgestattet mit Milliarden Dollar und einer wachsenden Armee von Wissenschaftlern und Experten aus allen Forschungsbereichen. Und das ist erst der Anfang. Die wenigen Medikamente, die bislang für eine Immuntherapie entwickelt wurden, haben die Chancen von Zehntausenden Patienten schon verbessert, und Tausende neuer Medikamente werden zurzeit entwickelt.

Die vorhandenen Therapien funktionieren nicht bei allen Patienten und nicht bei allen Krebsformen. Aber dort, wo Patienten darauf ansprechen (insbesondere bei Haut-, Lungen- und Nierenkrebs), bemessen sich die Resultate nicht nach gewonnenen Wochen oder Monaten, sondern nach langen Zeiträumen. Und einige Krebsformen können wir praktisch schon heilen, etwa Leukämie bei Kindern.

Die Arbeit ist nicht beendet, aber das Entscheidende ist: Wir sind auf dem einzigen Weg, der Heilung verspricht. Wir haben das Problem der mutierenden Zellen erkannt. Jetzt geht es darum, die Forschung noch intensiver fortzusetzen und den Kreis der Responder-Zellen zu erweitern. Genau das ist der Durchbruch.

Viele Patienten wissen noch immer nicht, dass es im Kampf gegen den Krebs ganz neue Chancen gibt. Selbst viele Ärzte, vor allem jene, die in ihrer Ausbildung gelernt haben, dass Immuntherapie nichts bringt, sind noch immer nicht imstande oder bereit, ihren Patienten solche Optionen vorzuschlagen. Der Durchbruch ist sinnlos, wenn wir keinen Gebrauch davon machen. Und um das zu erreichen, müssen wir darüber informieren. Für mich konnte es keinen besseren Grund geben, ein Buch zu schreiben.

 

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork

Charles Graeber ist Journalist und Buchautor. Er schreibt unter anderem für National Geographic, The New Yorker, Wired und Bloomberg Businessweek. Ein Bestseller war sein Buch «The Good Nurse» über den grössten Massenmörder Amerikas.

 

Charles Graeber: The Breakthrough. Immunotherapy and the Race to Cure Cancer. Twelve. 302 S., Fr. 21.90

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Kommentare

Hans Baiker

09.03.2019|20:10 Uhr

Solche Beiträge aus den USA sind stets langatmig. Kann man das nicht auch in 10 Sätzen sagen. Nun gilt es herauszufinden, wie die T-Zellen Krebszellen als Fressfeinde identifizieren. Es scheint mir völlig offen, ob und bis wann so etwas erkannt und dann auch noch steuerbar sein soll.

Jürg Brechbühl

06.03.2019|20:24 Uhr

Die erste Hälfte des Artikels ist schlechte Reklame für das Buch. Fast hätte ich vor lauter Langeweile den wesentlichen zweiten Teil übersehen. Und auch da ist mehr oberflächliches Geschwafel denn Sachinformation. Wie kann man in der Immuntherapie dafür sorgen, dass die T-Zellen nur Krebszellen angreifen, nicht aber körpereigene Zellen? Das wäre die entscheidende Frage hier, aber in dem ganzen Geschwafel wird sie nicht gestellt.

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