Reise an den Anfang der Zeit

Werden Menschen bald den Mars kolonisieren? Sind wir ganz allein, oder gibt es Leben im All? Und wo ist der Anfang von allem? Thomas Zurbuchen, Pfarrerssohn aus Heiligenschwendi und Forschungsleiter der Nasa, nimmt uns mit auf eine Reise durch Raum und Zeit.

«Wir stehen an der Schwelle zu wirklich bahnbrechenden Ereignissen», sagt der hochgewachsene Mann mit einem Funkeln in den Augen. «Sie werden den Alltag für uns alle auf der Erde grundlegend verändern.» Die Begeisterung ist ihm ins Gesicht geschrieben. Und sie ist ansteckend.

Wir treffen Thomas Zurbuchen unter der Kuppel des Observatoriums auf dem Dach des Berner Gymnasiums Kirchenfeld. Der Astrophysiker ist auf Kurzvisite zurück in seiner Heimat. Aufgewachsen als Pfarrerssohn im Bauerndorf Heiligenschwendi im Berner Oberland, greift er in Amerika buchstäblich nach den Sternen. Seit 2016 leitet er die Forschungsmissionen der US-amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa. Als Wissenschaftsdirektor ist er für rund 10 000 Wissenschaftler zuständig und verfügt über ein Budget von jährlich sechs Milliarden Dollar.

Kurz vor Weihnachten hat ihn eine Stiftung an der Universität Bern, seiner Alma Mater, mit dem prestigeträchtigen Heinrich-Grenacher-Preis auszeichnet. In seiner Dankesrede konfrontierte er seine Kollegen mit einer simplen Frage: «Wie können wir unsere hochkomplexe Wissenschaft in Worte fassen, die auch ein Mensch versteht, der am Morgen neben dir im Zug sitzt?»

Die Weltwoche hat den schweizerisch-amerikanischen Doppelbürger gebeten, für ihre Leser genau dies zu tun. Wie ein Jules Verne der Moderne nimmt er uns mit auf eine Reise durch Raum und Zeit, entlang den Planeten und in entfernte Galaxien. «2021 werden wir Gigantisches erleben», sagt Zurbuchen. «Wir werden den Ursprung des Universums zum ersten Mal mit eigenen Augen sehen.»

 

Bevor man eine Reise beginnt, ist es gut, zu wissen, wie die eigene Adresse lautet. Wir stehen auf dem Dach des Gymnasiums Kirchenfeld in Bern auf dem Planeten Erde. Herr Zurbuchen, können Sie unser Zuhause im Universum genau lokalisieren?

Hätten Sie diese Frage vor 500 Jahren gestellt, wäre die Antwort sehr einfach gewesen: «Wir sind im Zentrum des Universums.» Damals dachten wir, alles drehe sich um uns. Was seither geschah, kann man als eine Serie von grossen Abwertungen bezeichnen. Heute lautet die Antwort: «Wir befinden uns irgendwo im Universum, in einer durchschnittlichen Galaxie, auf einem sehr durchschnittlichen Arm dieser Galaxie, mit einem durchschnittlichen Stern und einem durchschnittlichen Nachbarplaneten.» Aus Sicht eines Ausserirdischen gibt es überhaupt nichts Ungewöhnliches an unserem Ort festzustellen. Das einzige wirklich Besondere ist, dass es uns gibt.

Sie stammen aus Heiligenschwendi oberhalb des Thunersees. Erinnern Sie sich an den Moment, als Sie als Kind erstmals bewusst in den Himmel geschaut haben?

Ich erinnere mich, dass ich ziemlich viel Zeit auf unserem Hausdach zugebracht habe. Ich lag auf dem Rücken und schaute in die Sterne. Ich verspürte dann immer eine Art Schauer, eine Ahnung, dass der Himmel und die Sterne wichtig sind. Heute weiss ich natürlich viel mehr über die Sterne. Ich weiss, dass einige dieser Sterne in Wirklichkeit keine Sterne, sondern Galaxien sind, einige sind Gaswolken, Geburtsorte von neuen Sternen. Aber als Kind drehte sich alles um die Schönheit und die Wichtigkeit des Nachthimmels.

Vor fünfzig Jahren, am 21. Dezember 1968, startete die erste Mission zur Umrundung des Mondes. Das Unternehmen war ein sehr riskantes Duell mit der Sowjetunion. Würden Sie als Forschungsleiter der Nasa heute dieses Risiko eingehen?

Es ist schwer vorzustellen, aber ich würde sagen: «Ja.» Das Risiko war es wert, aus politischen Gründen. Bis zu jenem Zeitpunkt waren die Nasa und die USA in jedem Rennen immer Zweite. Die Sowjets waren die Ersten im Weltraum, sie liessen das erste Objekt um die Erde kreisen, sie hatten die ersten Menschen, die erste Frau im Weltraum. Das war extrem frustrierend. Und es gab Anzeichen, dass die Sowjets versuchen würden, als Erste zum Mond zu fliegen. Die Amerikaner entschlossen sich also, trotz grossen Schwierigkeiten diese Wette einzugehen.

Die Nasa warnte die Ehefrau des Apollo-8-Kommandanten Frank Borman diskret, die Chance, dass ihr Mann überlebe, liege bei 50 Prozent.

Bei den Testflügen hatte es gravierende Probleme gegeben. Ich erinnere daran, dass alle drei Astronauten von Apollo 1 bei einem Test ums Leben kamen. Um mit Apollo 8 Erfolg zu haben, mussten die Ingenieure der Nasa eine Rakete bauen, die während der Umkreisung des Mondes einen Neustart machen konnte, sonst würden die Astronauten sterben. Während des Testflugs funktionierte er nicht. Die Umrundung des Mondes war ausgerechnet auf Weihnachten angesetzt. Sollte die Mission scheitern, würde die ganze Welt zuschauen, wie die Amerikaner am wichtigsten Festtag ihre Leute umbringen.

Apollo 8 war ein Erfolg. Und kurz darauf, im Juli 1969, spazierten die ersten Menschen auf dem Mond herum.

Apollo 11 ist die Mission, die bis heute in aller Munde ist. Doch Apollo 8 war in vieler Hinsicht wichtiger als Apollo 11. Es war wie bei einem Autorennen. Man geht das Risiko ein, den führenden Wagen zu attackieren. In dem Moment, da man ihn überholt, beginnt man zu gewinnen. Mit Apollo 8 überholten die Amerikaner die Sowjets. Von da weg zogen sie einfach davon.

Nun haben wir erfahren, dass Sie wieder Menschen auf den Mond bringen wollen.

Ja.

Aber das haben wir ja bereits gemacht. Warum noch einmal?

Als wir zum ersten Mal hingingen, geschah dies aus Nationalstolz. Astronauten steckten die Flagge ein, setzten ihre Fussabdrücke in den Mondstaub, dann verreisten sie wieder. Heute haben wir ein ganz anderes Ziel: Wir gehen nicht zurück zum Mond, wir gehen vorwärts auf den Mond. In den letzten fünfzig Jahren haben wir gelernt, im Weltraum zu leben. Wir gehen auf den Mond, nicht bloss um dort zu bleiben, als Endstation, sondern als Zwischenstopp auf dem Weg zum Mars. Wir wollen den Raum vergrössern, in dem wir leben und arbeiten können. Als Erstes wollen wir eine Kommandokapsel in der Nähe des Mondes installieren. Das Ziel ist es, in dieser kleinen Weltraumstation für längere Zeit zu leben. Das ist ein unabdingbarer Schritt, wenn wir weiter zum Mars reisen wollen.

Vor wenigen Wochen sassen Sie in einem Kontrollraum in Kalifornien. Hochkonzentriert beobachteten Sie, wie Ihre Nasa-Spezialisten das Roboterraumschiff «Insight» auf dem Mars aufsetzten. Warum war diese Landung so wichtig?

Mars und Erde sind Zwillinge. Vor drei Milliarden Jahren waren sie sich viel ähnlicher als heute. Vor drei Milliarden Jahren hatte der Mars wie die Erde Ozeane. Obwohl seine Ozeane bloss 150 Meter tief waren, war ein grosser Teil der Marsoberfläche mit Wasser bedeckt. Der Mars hatte auch eine Atmosphäre. Möglicherweise gab es auf dem Mars sogar Anfänge von Leben, wie auf der Erde vor drei Milliarden Jahren. Aber dann geschah etwas, was unser Verständnis übertrifft, etwas, was dazu führte, dass unsere beiden Planeten heute sehr unterschiedlich sind.

Dieses Rätsel versuchen Sie mit «Insight» zu entschlüsseln?

Wir gehen davon aus, dass die Erklärung für das, was vor drei Milliarden Jahren geschah, unter der Oberfläche des Mars liegt. «Insight» ist der erste Robotergeologe auf der Marsoberfläche. Wir haben noch nie das Innere des Planeten gesehen. Wir sind überzeugt, dass vieles von der Geschichte des Mars, aber auch von der Geschichte der Erde in diesem Planeten versteckt ist.

Für uns Menschen, die wir uns gerne an der frischen Luft frei bewegen, ist die Vorstellung, dort oben zu leben, ziemlich beklemmend. Wie stellen Sie sich menschliches Leben auf dem Mars vor?

Erst einmal sehe ich den Mars nicht als Ersatz für die Erde. Eine sehr gute und treffende Weise, sich Leben auf dem Mars vorzustellen, ist der Vergleich mit einem Basislager an einem sehr hohen Berg. Nicht jeder zieht samt Kindern nach Tibet oder wo immer die berühmten Basislager sind. Aber einige von uns tun es – Forscher, ein paar Leute mit grosser Erfahrung. Manchmal ist es von grossem Nutzen, genau dies zu tun.

Wie könnte langfristiges Leben auf dem Mars jenseits der Basislager aussehen?

Es gibt einige Leute, die glauben, dass wir den Planeten Mars in einen erdähnlichen, bewohnbaren Himmelskörper umformen können. Man nennt dies Terraforming. Das könnte eine gute Idee sein. Wie realistisch sie ist, weiss ich nicht. Die ersten Menschen auf dem Mars werden eine sehr harsche Umgebung vorfinden. Ihre erste Aufgabe wird es sein, herauszufinden, wie man Leben auf dem Mars aufrechterhalten kann. Wenn man irgendetwas Lebendiges – Pflanzen, Bakterien – ungeschützt auf der Marsoberfläche aussetzt, ist es innert Minuten tot, wegen des ultravioletten Lichts und der Strahlung, die auf den Planeten niederbrennt. Es gibt keinen Filter. Die Atmosphäre misst bloss 5 Prozent derjenigen der Erde. Und die Temperaturschwankungen sind grauenhaft. Es ist schrecklich schwierig, dort zu leben. Aber wissen Sie, es ist auch schwierig, auf hohe Gipfel zu steigen. Wir tun es trotzdem, weil wir Menschen sind. Wir sind Entdecker.

Die Universität Bern, wo Sie in Astrophysik promoviert haben, ist essenziell beteiligt an der Mars-Erkundung. Welchen Stellenwert hat Bern in der Weltraumforschung?

Die Universität Bern ist eine der wichtigsten Forschungsinstitutionen und eine der relevantesten Lehrinstitutionen für Weltraumforschung in der ganzen Welt. So einfach ist das! Das Berner Experiment auf dem Mond während der Apollo-11-Mission vor fünfzig Jahren machte den Anfang. Das Experiment war sehr simpel: Eine Folie wurde dem Solarwind auf der Mondoberfläche ausgesetzt. Seither hat Bern seine Führerschaft nie aufgegeben.

Was ist der Schlüssel für diesen Erfolg?

Die Leute. Die Leute hier sind strapazierbar. Sie leisten harte Arbeit. Viele sprechen über die Errungenschaften der Professoren. Ich denke, sie sind wichtig, aber nicht am wichtigsten. Gute Ingenieure und gute Techniker mit ihren Teams sind entscheidend. Wenn man in Bern etwas baut, funktioniert es. Nicht viele Leute schaffen das so gut wie die Berner Gruppe. Talent und das stabile Forschungsumfeld sind also der Schlüssel für den Berner Erfolg.

Folgen wir auf unserer Reise durch das Sonnensystem der Spur von Voyager. Als die beiden Raumsonden 1977 auf den Weg geschickt wurden, war ihre Technologie im Vergleich zu heute auf Steinzeitniveau. Doch vierzig Jahre nach ihrem Start sind sie immer noch unterwegs.

Niemand hätte gewettet, dass sie so lange unterwegs sein würden. Es war in jeder Hinsicht eine riskante Mission. Sie wurde lanciert, um Jupiter und Saturn zu untersuchen. Die Nasa-Forscher sagten sich: «Wir machen zwei Planeten, und wenn wir Glück haben, fliegen wir weiter zu Uranus und Neptun.» Denn alle 175 Jahre ist die Konstellation so, dass sie sich alle auf einer Linie befinden. Man kann also einen nach dem anderen in einem Zug anpeilen. Doch es gab das Risiko, dass Voyager es erst gar nicht bis zu Jupiter schaffen würde, weil die Strahlungsumgebung dort so schrecklich ist. Also bauten sie zwei Voyager-Sonden. Beide reisten immer weiter, und bald tauften die Forscher das Unternehmen in «interstellare Mission» um.

Obwohl sich Voyager 1 und 2 bereits im interstellaren Raum bewegen, senden sie immer noch Signale auf die Erde.

Voyager ist ebenso relevant für die Forschung, wie es das Apollo-Programm war. Es ist eine Demonstration, wozu Wissenschaft fähig ist. Es gab damals kaum relevante Erfahrungen. Viele dieser Forscher waren Dreissigjährige, die etwas Cooles geschaffen haben, etwas für die Ewigkeit. Die Bilder von Neptun und Uranus in jedem Schulbuch der ganzen Welt stammen von Voyager. Voyager hat die Art verändert, wie wir unser eigenes Sonnensystem, wie wir unsere eigene Welt betrachten.

Wie sehen die Erde und die anderen Planeten aus Sicht von Voyager am Rand unseres Sonnensystems aus?

Das ist eine interessante Frage. Ich habe mein Team tatsächlich gefragt: «Können wir Voyager umdrehen und ein letztes Bild unseres Planetensystems aufnehmen?» Täten wir das, wäre die Sonne immer noch der hellste Stern. Obwohl die Voyager seit meiner Kindheit unterwegs sind, haben sie, im übertragenen Sinn, kaum den Bahnhof in Richtung Paris verlassen. Sie haben nicht einmal ein Prozent des Weges zum nächsten Stern zurückgelegt. Wir sind also immer noch sehr, sehr, sehr nahe an unserem eigenen Stern.

Wie heisst der Stern, der sich am nächsten bei unserem Sonnensystem befindet? Alpha Centauri?

Proxima Centauri. Er ist ein paar hunderttausend Mal die Entfernung Sonne–Erde entfernt.

Als ich zur Vorbereitung für unser Treffen bis in die frühen Morgenstunden tief in den Weltraum eintauchte, ergriff mich ein schauriges Gefühl der Einsamkeit. Fühlen Sie sich manchmal einsam bei Ihrer Arbeit?

Einsamkeit ist etwas, worüber die Leute nicht gerne sprechen. Als eine Führungsperson fühlt man sich von Zeit zu Zeit einsam. So ist es nun einmal. Der einfache Grund dafür ist: Wenn mir ein Fehler unterläuft, werde ich in der Kritik stehen – nicht mein Team. Ich fühle mich nicht einsam in einem seelischen oder psychologischen Sinn, weil ich eine Familie und gute Freunde habe. Aber Führungsleute und Erfinder arbeiten jenseits der Gebiete, in welchen die meisten Menschen ihr Leben verbringen. Dort fühlt man sich zeitweise allein, aber man lernt diese Einsamkeit auch schätzen. In den frühen Morgenstunden, in Abgeschiedenheit, hat man manchmal die besten Ideen. Der Einsamkeit wohnt also auch eine Kraft inne, sie ist nicht einfach nur furchteinflössend. Viele religiöse Erfahrungen stehen in einem Bezug zur Abgeschiedenheit, denn wenn man allein ist, eröffnen sich neue Räume.

In der Kapsel von Voyager 1 wurden zwei goldene Schallplatten deponiert. Sie enthalten Grüsse in Dutzenden von Sprachen, Geräusche von Tieren und Leben auf der Erde. Gibt es den Hauch einer Chance, dass diese Kapselpost von anderen Lebewesen gefunden wird?

Ja, sie ist klein . . . Aber einen Hauch einer Chance gibt es.

Also gibt es Hoffnung auf anderes Leben im Weltraum?

Absolut.

Welche Belege dafür haben Sie?

Ich habe nicht gesagt, ich wisse, dass es anderes Leben gibt. Als Wissenschaftler kennen wir einige Kriterien, die erfüllt sein müssen, damit Leben entsteht. Wir kennen gewisse Umgebungen, in welchen physikalische und chemische Systeme beginnen. Sauerstoff zum Beispiel, der Teil des Wassers ist. Sauerstoff für sich allein ist eine sehr aggressive Chemikalie; sie kann viele Dinge zerstören. Sie bringt zum Beispiel Eisen zum Rosten. Es gibt viel Sauerstoff im Universum. Wasser ist also wirklich hilfreich, weil es eine schreckliche Chemikalie bindet und sie nützlich macht. Wasser ist auch deshalb nützlich, weil es Chemikalien ermöglicht, sich zu bewegen und einander zu finden. Wasser ist also ein wichtiger Bestandteil für die Entstehung von Leben.

Welche anderen Bausteine ausser Wasser hat man entdeckt?

Wir müssen komplexe Chemikalien bilden, damit sich Leben entfaltet. Nun, die Berner Forschungsgruppe, von der wir gesprochen haben, hat Glycin in Kometen gefunden. Glycin ist die kleinste aller Aminosäuren, und es wird von Kometen gebildet. Kometen enthalten einige der ältesten Materialien im Sonnensystem. Das ist erstaunlich. Wie schafft die Natur das? Wir gehen davon aus, dass chemische Verwicklungen und Leben miteinander in Zusammenhang stehen. So bilden wir eine Brücke. Wissenschaft dreht sich nicht bloss um alles, was man beweisen kann. Sie beinhaltet auch Dinge, die Sinn machen, aber noch nicht bewiesen werden können.

Welches sind die drei wichtigsten Erkenntnisse, die Sie in Ihrer Forschungskarriere gewonnen haben?

Es gib ein afrikanisches Sprichwort: «Wenn ihr schnell gehen wollt, geht alleine. Wenn ihr weit gehen wollt, geht zusammen.» Wenn du also in der Forschung viel erreichen willst, dann lerne, in Teams zu arbeiten. Teams mit einer Vielfalt von Mitgliedern sind besonders stark. Wenn du das einmal gelernt hast, werden sich viele Türen öffnen. Wissenschaft ist ein Teamsport. Das ist die erste Erkenntnis. Zweitens: Unterschätze nie, was du tun kannst. Menschen überschätzen normalerweise, was sie innerhalb eines Jahres tun können. Aber sie unterschätzen fast komplett, was sie in zwanzig Jahren zu erreichen in der Lage sind. Benutze also deine Ambitionen, um nach vorne zu drängen. Und lass dich vom Realismus nicht zu sehr zurückbinden. Die dritte Lektion lautet: Seid offen für Überraschungen. Darum geht es in der Wissenschaft: offen zu sein für Überraschungen.

Blicken wir in die Zukunft. Die Nasa hat grosse Projekte in Vorbereitung. Was begeistert Sie am meisten?

Wir stehen an der Schwelle zu wirklich bahnbrechenden Ereignissen. Das begeistert mich am meisten. Wenn alles läuft wie geplant, nehmen wir 2021 das neue Weltraumteleskop in Betrieb, das James-Webb-Teleskop, den Nachfolger von Hubble. Sein Spiegel ist dreimal grösser als der von allen bisherigen Teleskopen. Wir werden den Anfang der Zeit sehen – den Ursprung des Universums.

Das wird eine unglaubliche Offenbarung!

Oh, es wird gewaltig. Vorausgesetzt, alles funktioniert wie geplant (klopft auf den Holztisch). Und es stehen weitere bahnbrechende Entwicklungen an. Wir stehen an der Schwelle zur Verbesserung der Wetterprognosen. Wir werden das Ausmass von Katastrophen besser abschätzen können in einer Weise, die Leben rettet. Auch im Privatsektor stehen bahnbrechende Ereignisse an. In fünf Jahren werden wir überall Internet haben – Internet aus dem Himmel. In Afrika braucht man dann keine Telefon- und Datenlinien mehr zu bauen. Das wird die Art, wie wir auf der Welt kommunizieren, grundsätzlich und überall verändern.

Damit haben Sie bereits meine nächste Frage beantwortet: warum Ihre Projekte wichtig sind für unsere Kinder und für die gesamte Menschheit.

Nun, Weltraumforschung ist sehr nützlich. Aber noch wichtiger ist: Sie lehrt uns etwas über die Natur. Deshalb steigen wir auf Berge. Nicht bloss, um fit zu bleiben, sondern weil wir dort Natur erfahren. Ich hoffe, Sie, Ihre Kinder und Freunde werden alle erkennen, dass es etwas Wichtigeres gibt als unsere kleinen Leben.

Sie sind in einem Pfarrhaus aufgewachsen. Haben Sie während Ihrer Erkundungen im Weltraum je die Präsenz Gottes erfahren?

Das Gefühl, das ich eben beschrieben habe, setzen viele in Verbindung mit Religion. Es gibt Leute, die noch bessere Wissenschaftler sind als ich, die von ihrem persönlichen Gott in Bezug auf diese Naturerfahrung sprechen. Auch Atheisten machen diese Naturerfahrung. Sie können diese Erfahrung, dass es Wichtigeres gibt als unsere kleinen Leben, als göttliche Erfahrung bezeichnen. Ich habe kein Problem damit. Für mich persönlich hat es auch damit zu tun, aber einfach weniger konkret. Vielleicht ist es der Wissenschaftler in mir, der denkt, dass wir jedes Detail immer korrekt benennen müssen.

Sie haben soeben angekündigt, dass wir bald den Ursprung des Universums sehen werden. Da drängt sich die Frage aller Fragen auf: Wer hat das alles geschaffen?

Ich weiss es nicht. Als Wissenschaftler muss das meine Antwort sein. Sie fragen, was ganz am Anfang, vor dem Urknall, war. Das Problem, das ich damit habe: Ich weiss gar nicht erst, wie ich mir das vorstellen soll. Als Wissenschaftler habe ich kein Problem zu sagen: «Dies gehört in den Kübel mit den Dingen, die ich nicht weiss.» Dieser Kübel ist übrigens riesig! Die meisten Dinge im Universum sind in diesem Kübel. Wir wissen nicht sehr viel. Die gute Nachricht lautet: Wir können immer noch sehr viel lernen. Das finde ich sehr beruhigend.

 

Mehr zum Thema: Mit der Nasa auf zur Sonne und warum der Saturn seine Ringe verliert – nachzulesen in der Originalversion dieses Interviews (auf Englisch) auf www.weltwoche.ch/International

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Kommentare

Peter Wolff

06.01.2019|01:13 Uhr

„Hätten Sie diese Frage (nach unserem Ort im Weltall) vor 500 Jahren gestellt, wäre die Antwort sehr einfach gewesen: «Wir sind im Zentrum des Universums.»“: Diese Antwort ist – kosmisch betrachtet – auch heute noch richtig, auch wenn sich das All nicht um uns dreht, sondern sich unsere Erde im All um sich selbst dreht. Vermeintlich neu ist, dass das Weltall für jeden – ganz egal, wo er sich befindet! – so aussieht, als befände er sich im Zentrum; das „wusste“ aber schon der Kardinal Nikolaus von Kues und der lebte von 1401 bis 1464; für ihn hatte das All weder einen Rand noch eine Mitte.

Peter Wolff

06.01.2019|01:00 Uhr

«2021 werden wir Gigantisches erleben», sagt Zurbuchen. «Wir werden den Ursprung des Universums zum ersten Mal mit eigenen Augen sehen.»: Na ja, vielleicht, aber eher nicht, da es einen solchen kaum gibt. Die Vorstellung, dass sich das All wie ein aufgehender Kuchen ausdehne, ist um nichts abwegiger, als dass sich das All (täglich) um uns herum drehe. Aber auf die Bilder des James-Webb-Teleskops warte auch ich gespannt; das ist - wenn es so funktionieren wird wie geplant - ein ganz tolles Instrument; es könnte helfen die grundlegenden kosmischen Fragen zu beantworten.

Werni Eisen

05.01.2019|01:51 Uhr

Meine Hochachtung an Herrn Urs Gehriger, ein ausgezeichneter Journalist. Seine Interviews sind grossartig, weil er immer die interessantesten Leute ausliest und ihnen die richtigen Fragen stellt. Danke Weltwoche!

Thomas Rietsch

04.01.2019|16:21 Uhr

Gutes Thema und Interview, danke. Auch alle Achtung was Thomas Zurbuchen in den USA erreicht hat.Die "zukünftigen Technologien", welche er häppchenweise erwähnt, sind natürlich schon lange verfügbar, so wie noch viele viele Andere mehr. Der nicht-Elite, sprich den Völkern auf unserer Erde, werden diese technischen Errungenschaften aber nur langsam und Schritt für Schritt freigegeben, sozusagen wenn sozial verträglich.

Markus Dancer

04.01.2019|05:12 Uhr

Super Interview! Merci!

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