Warum ich mit Ja stimme

Siebenunddreissig Jahre lang habe ich für die SRG gearbeitet, meist im Stab des Generaldirektors. Seither hat sich vieles verändert. Es ist Zeit für einen Umbruch.

Wenn ich bei der Abstimmung in drei Wochen an der Urne ein Ja einlege, ­habe ich durchaus das Gefühl, ein Verräter zu sein: Ich arbeitete von 1967 bis 2004 für die SRG, und zwar immer in der gleichen Funk­tion: als Leiter der Publikumsforschung. In der meisten Zeit durfte ich auch Mitglied des Stabes des Generaldirektors der SRG sein, und 1996 habe ich die Wahl zu diesem Amt knapp verpasst («Wobei sich Verwaltungs­jurist ­Walpen 1996 zum Erstaunen vieler Beob­achter unter anderem gegen den freisinnigen SRG-­Medienforscher Matthias Steinmann durchsetzte»; Zitat in der NZZ vom 26. Januar 2018).

Ich darf von mir mit einigem Recht behaupten, dass ich die internen Strukturen und das Publikum der Radio- und Fernsehgesellschaft bis zum Zeitpunkt meines Abganges etwas kenne. Ebenfalls habe ich persönlich der SRG viel zu verdanken, auch die Freiheit für eine parallele Karriere an der Universität (und als Telecontrol- und Radiocontrol-Unternehmer).

Warum also trotzdem ein Ja?

Zunehmendes Unbehagen

In der Zeit des Generaldirektors Armin Walpen konnte ich mitverfolgen, wie die SRG mit System einen beschleunigten Expansionskurs einleitete. Die Gebühren erhöhten sich zwar nicht erheblich, aber durch die Ausweitung des Publikums liess sich das gut alimentieren. In meinem seinerzeitigen Konzept zur Führung der SRG (1996) wollte ich die Werbung nach 20 Uhr abschaffen.

Wenn man heute mit etwas Distanz den sogenannten Service public SRG besieht, so unterscheidet er sich bezüglich Häufigkeit und Intensität der Werbung kaum mehr von den Werbesendern in Deutschland. Das löste bei mir ein zunehmendes Unbehagen aus. Beim näheren Blick auf die zusätzlichen Programme gewinnt man ebenfalls den Eindruck, dass sich nicht alles mit Service public rechtfertigen lässt. Weniger wäre hier eindeutig mehr.

Die staatspolitischen Argumente, die Information der Minderheiten usw., anerkenne ich alle absolut. Aber hierfür braucht es nicht ein mittlerweile derart aufgeblasenes elektronisches Mediensystem aus einer Hand. Bekanntes Beispiel: Dank ihrer finanziellen Quellen konnte die SRG mehr als hundert Leute an das Filmfestival in Locarno delegieren, was aber nur einem geringen ­Publikumsinteresse entspricht (meiner Ansicht nach die Spitze vieler Eisberge). Die meisten Argumente bezüglich einer notwendigen Reform der SRG sind zwar bekannt, wie jene der Gegner ja auch.

Der strategische Fehler lag eindeutig in der Politik, insbesondere bei Bundesrätin Doris Leuthard, die nicht erkannte, dass dem knappen Ergebnis vor drei Jahren bei der Wandlung der Geräte- zu einer Haushaltssteuer eine ernsthafte Service-public-Diskussion mit ­einem konkreten Gegenvorschlag zur «No Billag»-Initiative hätte folgen müssen. Dass dem Volk kein Gegenvorschlag unterbreitet wird, ist fatal und vor allem kurzsichtig. Nun stehen wir also vor einer Schwarz-­Gold-Situation, und ein Mittelweg ist danach nur durch ein erhebliches Einlenken der politischen Kräfte möglich, aber zurzeit leider wenig wahrscheinlich.

Die «No Billag»-Initiative wird meiner Auffassung nach zu Recht abgelehnt, und zwar nach dem Motto: «Viele Jäger sind des Hasen Tod», und natürlich auch, weil die Initiatoren über wenig politisches Geschick und ein kleines politisches Netzwerk verfügen.

Umso wichtiger scheint mir, dass mit ­einem taktischen Ja der Anteil der Nein-Stimmen so hoch wird, dass doch ein Druck entsteht, eine grundsätzliche Reform der SRG anzustreben. Dass sich die SRG von sich aus reformiert, kann nicht erwartet werden. ­Wegen der Gesamtarbeitsverträge, vielerlei verfestigter Strukturen und der nicht gerade harten Turn­around-Führung ist dies nicht realistisch.

Mehr Service-public-­Wettbewerb

Das einzige Rezept heisst: der SRG erheblich weniger Geld zur Verfügung zu stellen. Über den Daumen gepeilt mindestens einen Drittel oder gar die Hälfte weniger, wobei man dafür den Privaten zur Stärkung ihres Service public durchaus mehr Mittel zukommen lassen sollte. Dadurch entsteht vermehrt Service-public-­Wettbewerb im elektronischen Bereich im Inland. Für mich wünschenswert.

Abgesehen davon – aber für mein Ja nicht von grosser Bedeutung – ist es eine Tatsache, dass, wenn eine politische Tendenz in den Informationssendungen, Dokumentationen und vor allem Kommentaren erkennbar ist, sie meist links angesiedelt ist, was verständlich ist bei der internen Atmosphäre in einzelnen Bereichen. Das liesse sich aber durch entsprechende Führung korrigieren, wohingegen die Überdimensionierung des Systems eine Zwangsreduktion der finanziellen Mittel erfordert.

 

Matthias Steinmann war Professor für Medien-wissenschaft an der Universität Bern und Leiter der ­Publikumsforschung bei der SRG. Mit seinen Firmen war er viele Jahre lang europäischer Marktführer für ­Systeme zur Messung von TV-Quoten.

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Kommentare

Bruno Mair

04.03.2018|12:18 Uhr

Wenn Looser den Looserweg erklären wollen, werden diese eines besseren belehrt! Ein klares NEIN ist das Resultat!

Bruno Mair

01.03.2018|10:56 Uhr

Rainer, am Sonntag ist Zahltag!

Rainer Selk

28.02.2018|10:15 Uhr

Bruno, was soll diese dümmliche Frage, ob einer Steuern bezahlt oder nicht? Beantworten Sie doch mal meine mehrfach früher gestellte Frage, ob Sie als Messemarketingmann Aufträge von der SRG bekommen und deshalb für die 'werben'? Übrigens, Bruno, ich bezahle Steuern und Sie? Tz, tz, tz.

Bruno Mair

26.02.2018|11:23 Uhr

@Drachir. Demnach zahlen Sie keine Steuern?

Norbert Arnold-Baumann

25.02.2018|12:43 Uhr

Ich werde aus Überzeugung Ja zu No Billag stimmen. Ich bezahle doch nicht freiwillig für die linke Hochburg SRG und für gescheiterte CVP Politiker/innen welche sich bei der SRG bereichern Zwangsabgaben. Da kann Candinas noch lange seine Lügen verbreiten. Auch wenn es ein Nein gibt, werde ich keine Billag mehr bezahlen. Die meisten Parlamentarier/innen haben das Ja bei der Masseneinwanderung auch nicht akzeptiert, weshalb sollte ich ein Sieg der linken akzeptieren?

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