Liebe auf den zweiten Blick

Der BMW 6er Gran Turismo ist eine seltsame Mischung. Aber gibt man ihm eine Chance, packt er sie.

Mit manchen Autos verhält es sich wie mit den Schulkameraden, die im Turnunterricht meistens als Letzte in die Mannschaft gewählt wurden. Sie entsprachen nicht dem gewünschten Profil, fügten sich nicht in den beliebten Durchschnitt. So ein Auto ist der BMW 6er Gran Turismo, den man auf den ersten Blick vielleicht nicht wählen würde. Aber wie die Mitschüler später vielleicht eine grosse Karriere gemacht haben, ist der GT einer, der einen sehr angenehm überraschen kann, wenn man ihm eine Chance gibt.

Erstaunlich handlich

Als BMW 2009 den GT, damals noch als 5er, lancierte, schrieb Spiegel online von einer «schweren Prüfung für die Kundschaft» und fragte sich, wer das Gefährt eigentlich kaufen solle. Journalisten sind nicht zwingend gute Prognostiker. Die seltsame Neuheit, eine Mischung aus Limousine, Coupé und SUV, wurde rund 150 000-mal bestellt.

Deshalb gibt es jetzt den neuen GT, der nun in der 6er-Reihe angesiedelt ist, aber auf der Plattform des 5ers aufgebaut wird und dabei den Radstand des 7ers erhalten hat. Das macht ihn zu einem höchst komfortablen Reisegefährt mit einem grosszügigen Platzangebot: Hinten sitzt man ausgezeichnet, und ganz hinten hat es überraschend viel Platz für Gepäck. Der Sechszylinder-Turbodiesel in meinem Testwagen verbrauchte über rund 2000 Kilometer nicht mehr als 7,6 Liter pro 100 km – vernünftig ist der grosse Wagen auch noch.

Ich gebe zu: Meine Zuneigung zum Gran Turismo wuchs erst mit der Zeit, Liebe auf den ersten Blick war es nicht. Aber nach den ersten zwei Dutzend Kilometern war klar, dass man als Fahrer leicht erhöht und angenehm sitzt, dass das über fünf Meter lange Auto trotz ­seiner Grösse ausgezeichnet fährt: Luftfederung, Hinterachslenkung, Wankstabilisierung, adaptive Dämpfung – die Ingenieure nutzen alle technischen Möglichkeiten, um das Auto viel handlicher wirken zu lassen, als es zu sein scheint.

Dazu kommt so ziemlich alles, was BMW zurzeit an Komfort- und Sicherheitssystemen zu bieten hat: Abstandsradar, Spurhalteas­sis­tenten, ferngesteuertes Parken, Beduftungs­anlage, brillantes Bowers-&-Wilkins-Sound­system bis zu Massage-Ledersitzen – vieles davon natürlich aufpreispflichtig. So wirkt der 6er GT luxuriös und bequem wie ein grosser 7ner, hat eine sehr eigenständige Linienführung, die technischen Möglichkeiten aus der 5er-Reihe und schliesslich die Übersicht und Grosszügigkeit eines SUV.

Es könnte der Verdacht aufkommen, dass BMW damit zu viel unter die elegante Dach­linie packen wollte. Die Wahrheit ist: Irgendwie haben sie es geschafft. Und dabei erst noch bewiesen, dass aus dem unbeliebten Klassenkameraden im Turnunterricht später einmal etwas Grosses werden kann.

 

BMW 630d xDrive Gran Turismo
Leistung: 265 PS/195 kW;
Hubraum: 2993 ccm
Höchstgeschwindigkeit: 240 km/h;
Preis: Fr. 86 100.– Testauto: Fr. 127 680.–

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