Eine Woche Zermatt für 500 Franken

Das Eidgenössische Zollamt verfügt über eine kuriose Spezialkasse. Mitarbeiter profitieren von günstigen Darlehen und preiswerten Ferienwohnungen in Schweizer Top-Ferienorten.

Die Mitarbeiter des Bundes gehören zur oberen Preisklasse der Schweizer Bürokratie. Die Staatsangestellten in Kantonen und Gemeinden verdienen in der Regel weniger – egal, ob sie nun als Pförtner oder Chefbeamte ihren Dienst tun. Obendrein profitieren die Mitarbeiter des Bundes von einer Reihe Privilegien, zum Beispiel von einem grosszügigen Vaterschaftsurlaub oder von Rabatten für die Kinderkrippe und das Halbtax-Abonnement. Wie sich jetzt herausstellt, vermietet die Eidgenössische Zollverwaltung (EZV) seit Jahrzehnten sogar eigene Ferienwohnungen zu Tiefstpreisen an Mitarbeiter.

Das Kerngeschäft der EZV ist die Abwicklung der Warendeklaration an der Grenze. Doch nebenbei verwaltet das Amt – genauer: die dafür zuständige Wohlfahrtskasse des Zollpersonals (Woka) – 52 Ferienwohnungen. 30 dieser Wohnungen sind direkt im Besitz der Woka, 22 Wohnungen führt das Bundesamt für Bauten und Logistik in seinem Immobilienportfolio «Zoll» – das geht aus einem Dokument hervor, welches Finanzminister Ueli Maurer (SVP) dem Bundesrat kürzlich präsentierte. Darauf gestützt, entschied die Regierung den Verkauf sämtlicher Woka-Ferienwohnungen, weil diese offenbar finanziell nicht selbsttragend seien.

Bisher sei jedoch noch keine Ferienwohnung zum Verkauf angeboten worden, wie der stellvertretende Kommunikationschef der Eidgenössischen Zollverwaltung, David Marquis, gegenüber der Weltwoche auf Anfrage zu verstehen gibt. Die Zollmitarbeiter können also weiterhin billig Ferien machen.

Die Gewerkschaft des Zollpersonals, Garanto, verteidigt denn auch mit Vehemenz die Pfründen ihrer Mitglieder. Und deren Schutzpatronin, die St. Galler SP-Nationalrätin und Gewerkschafterin Barbara Gysi, hat ausserdem vergangenen September im Parlament interveniert. Sie bezeichnet den geplanten Verkauf der Ferienwohnungen in einem Vorstoss als «fragwürdig». Der Unterhalt koste die Bundeskasse keinen Franken, die Ferienwohnungen würden vom Personal geschätzt, so die SP-Politikerin.

Letzteres kann man verstehen, denn im Angebot der Wohlfahrtskasse finden sich Wohnungen an den exklusivsten Standorten in der Schweiz, das geht aus einer bisher geheim gehaltenen Liste hervor, welche der Weltwoche vorliegt. So besitzt die Woka Feriendomizile in Zermatt, Verbier, Champéry, Adelboden, Grindelwald, Leukerbad, Engelberg, Montana, Pontresina, Samedan, San Bernardino, Valbella, Villars, Engelberg und so weiter. Das Angebot wird laut Belegungsplan der Woka für die Jahre 2016 und 2017 auch rege genutzt. Und zwar nicht bloss die Wohnungen in den Topdestinationen wie Zermatt oder Grindelwald, sondern auch jene in kleineren Ferienstationen wie Saas-Almagell.

Eine Woche Almagell in der Woka-eigenen Vier-Bett-Ferienwohnung kostet für die Mitarbeiter der Zollverwaltung bloss 350 Franken. In Zermatt, wo die Woka drei Wohnungen verwaltet, kostet der Aufenthalt in einer Wohnung mit zwei Betten 500 Franken, die Sechs-Bett-Wohnung in Verbier 550 Franken pro Woche. Ein Vergleich zeigt, dass die Woka ihre Ferienwohnungen im Schnitt um mindesten 30 Prozent unter dem Marktpreis vermietet.

 

Spezialkässeli für Zahnarztrechnungen

Doch wie kommt die Zollverwaltung zu diesen Ferienwohnungen? Am Anfang stand ein Spezialkässeli, das der Bundesrat 1925 für das Zollpersonal einzuführen beschloss, die sogenannte Wohlfahrtskasse des Zollpersonals eben. Diese Einrichtung wurde damals wie heute folgendermassen gerechtfertigt: «Die EZV ist auf absolut loyales Personal angewiesen. Mit der Woka wird das Korruptionsrisiko vermindert», sagt EZV-Sprecher Marquis. Eine merkwürdige Argumentation. Heisst das, die Zollbeamten würden ohne subventionierte Ferien korrupte Handlungen begehen?

Bis 2007 floss ein Drittel jener Bussgelder bis 500 Franken, die der Zoll Schmugglern im Schnellverfahren aufbrummte, in diese Kasse. Daraus gewährt die Woka dann den Zollbeamten Darlehen, zum Beispiel für hohe Zahnarztrechnungen, oder sie half anderen aus finanziellen Notsituationen heraus. Das alles ist gesetzlich sauber geregelt. Und irgendwann hatte diese Spezialkasse so viel Geld angehäuft, dass die Woka einen Teil davon in Ferienwohnungen für das Personal investierte.

Seit 2007 werden die finanziellen Leistungen (Darlehen usw.) neu durch einen Bundesbeitrag bezahlt. Die Ferienwohnungen werden seither aus Mieteinnahmen, Vermögen und Spenden finanziert. Vor einem Jahr stiess der neue Chef der Oberzolldirektion, Christian Bock, eine Revision der entsprechenden Verordnung an, die am 1. Januar 2018 in Kraft trat. Darin wurde präzisiert, dass die Ferienwohnungen finanziell selbsttragend sein müssten. Die neue Verordnung war noch kein Jahr in Kraft, als es letzten September plötzlich hiess, die Wohnungen könnten nicht kostendeckend betrieben werden. EZV-Sprecher Marquis sagt dazu: «Eine vertiefende Analyse der finanziellen Aufwendungen – insbesondere der Personal- und IT-Kosten – hat ergeben, dass ein selbsttragender Betrieb mittelfristig nicht möglich ist.» Und so beschloss der Bundesrat den Verkauf dieser Ferienwohnungen. Aber noch ist keine Immobilie verkauft. Und die Wohlfahrtskasse der Zollverwaltung wird es auch in Zukunft geben, sie wird dann aber nur noch finanzielle Leistungen anbieten – ob das nötig ist, ist eine andere Frage. Die Mitarbeiter des Zollamtes nagen nicht gerade am Hungertuch.

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Alex Baur, Redaktor

Kommentare

Hans Georg Lips

23.12.2018|08:38 Uhr

Klarer Fall von Nepotismus und Privilegienstadel.Nichts als staatliche Korruption. Typisch Saustall Schweiz...……...

Hans Baiker

21.12.2018|21:28 Uhr

Ein, Entschuldigung, kleinkarrierter Juso-Artikel, der wieder einmal den Neid bewirtschaftet. Die Akteure sind von Furcht getrieben für das linke Milieu das Gleichheitsprinzip nicht zu beachten. Die aufgeblasene Investitionsrechung dürfen wir leider nur vermuten.

Markus Spycher

21.12.2018|21:07 Uhr

Etwas CH-Wirtschaftsgeschichte: In den boomenden 1960er-Jahren hinkten die Löhne der Beamten jenen der Privatwirtschaft hinten nach. Aspiranten auf Staatsstellen wurden belächelt! Um die besten Mitarbeiter zu kriegen, mussten Arbeitgeber etwas bieten. Wichtiger als günstige Ferienwohnungen waren für haushälterisch denkende Schweizer u.a. eine gut ausgebaute Altersvorsorge. Dreht der Wind in der Wirtsch., melden sich die Neidhammeln: Interessanterweise meist nur Männer, Frauen politisieren diesbezügl. lockerer (dafür mit mehr Kaffee und Tee). OK, dort gedeiht Neid auf einem anderen Gebiet.

Alfred Adler

21.12.2018|08:26 Uhr

Von einem pubertärer Praktikanten recherchiert? Weder kosten diese Wohnungen den Steuerzahler Geld, noch sind diese Listen geheim. Im Gegenteil! Das sollte ein Beispiel sein wie ein Betrieb zu seinen Mitarbeitern schaut! Viele Betriebe in der Privatwirtschaft geben Ihren Angestellten Boni, Aktien, Essensbons, Rabatte etc. Bei der Wohlfahrtskasse profitieren hauptsächlich die die tiefsten Lohnklassen. Beamte übrigens gibt es schon länger nicht mehr. Allgemein zeigt sich aber wie Seniorenwoche und die SVP vor allem gegen das Volk, Büetzer/innen und Arbeitnehmer/innen und Frauen politisiert.

René Sauvain

20.12.2018|17:33 Uhr

Korruption ist doch an der Tagesordnung, dazu kommen ja noch die "Gratisreisli" und sich in preisgünstige Sozialwohnungen einnisten! Eine Nennung solcher Schmarotzer ist in Zukunft absolut notwendig mit Nennung der Parteizugehörigkeit!!!

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