Köpfe, die Sie kennen sollten

Der bekannteste helvetische Name im Silicon Valley gehört sicher Google-Mann Urs Hölzle. Aber auch weniger prominente Schweizer bewegen vieles in der Hightech-Metropole. Bericht aus der Begegnungszone zweier Kulturen.

Diese Ausgabe der Weltwoche widmet sich den Persönlichkeiten, die im vergangenen Jahr etwas bewegt haben. Auch im «Brief aus dem Silicon Valley» geht es daher für einmal nicht um ein technisches Thema, sondern um die Menschen, welche die digitale Revolution vorantreiben. Genauer: um die Schweizer, die im Silicon Valley ihren Fussabdruck hinterlassen.

Die meisten Leser können vermutlich mit dem Namen Urs Hölzle etwas anfangen. 1999 fing er als Google-Mitarbeiter Nummer 8 bereits kurz nach der Gründung des Konzerns durch Studenten der Stanford University an, wo er selber auch promoviert hatte, bevor er Professor an der University of California, Santa Barbara, wurde. Seit langem gehört er als Technikchef zum Topmanagement des Milliardenkonzerns und ist für die gigantische technische Datacenter-Infrastruktur verantwortlich. Dass Google heute in Zürich mehrere tausend Mitarbeiter hat, wird intern auch mit der Fürsprache von Urs Hölzle erklärt, der die jeweiligen Vorteile der Schweiz und des Silicon Valley kennt.

Relativ bekannt aus Presse und Fernsehen ist sodann – zumindest dem Namen nach – eine ansehnliche Gruppe weiterer Schweizerinnen und Schweizer. Zu ihnen zähle ich Alain Chuard, der durch den erfolgreichen Aufbau einer Firma für Social-Media-Marketing und deren späteren Verkauf zu einer grösseren Bekanntheit gelangt ist: 2012 veräusserte er Wildfire für 450 Millionen US-Dollar an Google. Nach dem Verkauf verpflichtete er sich noch für einige Jahre als Chief Product Officer (CPO). Zurzeit sucht er neue Ideen. Über Sascha Zahnd, den globalen Einkaufschef von Tesla, habe ich in der letzten Kolumne bereits kurz berichtet. Als direct report von Elon Musk gehört er zu den einflussreichsten Managern des Technologiekonzerns. Weiter würde ich zu dieser Kategorie den Logitech-Verwaltungsratspräsidenten Daniel Borel hinzurechnen, Airbnb-Forschungschefin Anita Roth sowie Karin Schwab, stellvertretende Head Legal bei Ebay.

Dann gibt es aber auch etliche Schweizer im Silicon Valley, die in ihrem Ursprungsland zwar kaum bekannt sind, die aber dennoch eine sehr grosse Wirkung haben. Auf eine Auswahl von ihnen möchte ich den Schwerpunkt dieser kleinen Vorstellungsrunde legen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit – schliesslich kann es zwischen San Francisco und San José jeden Moment passieren, dass einem plötzlich ein höchst interessanter Landsmann oder eine ebensolche Landsmännin über den Weg läuft!

 

Der Unternehmer: Teo Borschberg hat unmittelbar nach seinem Studium an der Ecole hôtelière de Lausanne seine erste Firma gegründet. In Schanghai zog er mit Good Media einen der ersten Anbieter für Toilettenwerbung auf und erschloss damit ein Millionen-Business. Nach dem erfolgreichen Verkauf im Jahr 2015 übersiedelte er ins Silicon Valley, wo er als sogenannter Entrepreneur in Residence beim Stanford Research Institute der Stanford-Universität in Menlo Park verpflichtet wurde. Vergangenes Jahr gründete Borschberg die Firma OTO Systems mit Büros in San Francisco und Zürich. Dieses Artificial-Intelligence-Unternehmen entwickelt Lösungen, mit denen man bei akustischer Spracherkennung den emotionalen Zustand des Sprechenden feststellen kann, was beispielsweise für Callcenter wertvoll ist.

 

Der Venture-Capitalist: Philipp Stauffer gehört zu den Schweizer Veteranen im Silicon Valley. Er ist hier seit Jahrzehnten in der Venture-Capital-Szene aktiv. Die Spezialität seines Unternehmens Fyrfly Venture Partners sind early stage-Investments. Dabei handelt es sich sozusagen um die Königsklasse des Risikokapitals, da noch schwer abzuschätzen ist, ob das Geschäftsmodell tragfähig ist. Nach dem Studium an der Zürcher Fachhochschule absolvierte Stauffer einen MBA an der Wharton Business School. Zu seinen Investments gehört seit 2013 Philz Coffee, ein Pionier der sogenannten dritten Welle im Kaffeemarkt, die für die Rückkehr des Qualitätsbewusstseins steht. Ebenfalls investiert ist Stauffer bei Beekeeper, dem derzeit vieldiskutierten Start-up mit Standorten im Silicon Valley und in der Schweiz.

 

Der Präsident: Philipp Barmettler ist in seinem Hauptberuf für Sales- und Marketing-Partnerschaften bei Facebook zuständig. Im Nebenamt präsidiert Barmettler die Filiale der Schweizerisch-Amerikanischen Handelskammer (Amcham) in San Francisco. Kein Wunder, kennt er sehr viele Schweizer im Silicon Valley. Er nimmt immer gerne den Telefonhörer in die Hand, um sie miteinander zu verbinden. Nach ersten Erfahrungen in Industriefirmen wie Sika oder Siemens wechselte er 2003 zu McKinsey. Drei Jahre später schickte ihn das Beratungsunternehmen nach Stamford, Connecticut. Von der Beratung wechselte er auf die aktive Seite und war zunächst erfolgreich für Hewlett Packard als Vice President Go-to-Market Strategy tätig, wo er unter anderem die Unternehmensaufteilung in HP Inc. und Hewlett Packard Enterprise bewerkstelligte.

 

Das Urgestein: Herman Gyr ist ein eigentlicher Geheimtipp. 1976 wanderte er für sein Doktorat in die USA aus und gründete zehn Jahre später sein Beratungsunternehmen. Gyr schaltet und waltet eher im Hintergrund. Mit seiner Enterprise Development Group hilft er Firmen dabei, innovativ zu werden oder zu bleiben. Unter anderem beriet er den früheren Swisscom-CEO Carsten Schloter. Zu seinen Kunden gehören Firmen wie Apple, die Fluggesellschaft Delta oder auch die Schweizerische Post. Gyr ist der Erfinder des «Innovation Blueprint», eines Modells, um Unternehmensführer und andere Anspruchsgruppen in die innovative Transformation eines Unternehmens einzubeziehen.

 

Die Vernetzerin: Gioia Deucher hat ein Büro in San Francisco, um dessen Location sie viele beneiden. Am Pier 17 gelegen, also sozusagen ins Meer hineingebaut, befinden sich die Räumlichkeiten von Swissnex San Francisco, wo Deucher als CEO wirkt. Ihre Organisation ist die erste Anlaufstelle für Schweizer Firmen, die etwas im Silicon Valley wollen – oder umgekehrt. Mit hervorragenden Kenntnissen über die Tech-Welt bringt ihre Organisation die Schweiz und die Bay Area einander näher. Sei es mit den vielseitigen öffentlichen Veranstaltungen von Swissnex oder mit der gezielten Verknüpfung von Unternehmen beider Seiten.

 

Der Essenzialist: Cédric Waldburger ist Head of Ecosystem Growth bei Dfinity, einem der ambitioniertesten Kryptografie-Unternehmen im Silicon Valley. Dfinity will einen Blockchain-Supercomputer entwickeln, der eine nächste Generation von Software und Services beherbergen wird. Strenggenommen kann man Waldburger trotzdem nicht dem Silicon Valley zurechnen, denn er ist ständig in Bewegung. Ermöglicht wird dies durch sein Lebensmotto, der radikalen Reduktion. Als sogenannter Essenzialist besitzt er lediglich 64 Gegenstände. In der Schweiz gehört Waldburger zu den Investoren in den Bio-Onlinemarkt Farmy und in den Lifestyle-Erotikanbieter Amorana.

Man sieht: Die Schweiz spielt im Silicon Valley in einer höheren Gewichtsklasse, als man es aufgrund ihrer acht Millionen kleinen Bevölkerung vermuten würde. Es sind oftmals gerade typisch schweizerische Werte wie Bodenständigkeit, Qualitätsbewusstsein und Präzision, die zu Erfolgsgeschichten in der Hightech-Welt beitragen und die nach meiner Beobachtung in der San Francisco Bay sehr geschätzt werden. Von den Erfahrungen ihrer Landsleute im Silicon Valley profitiert umgekehrt auch die Schweiz: Die meisten der Genannten behalten eine Verbundenheit zu ihrem Ursprungsland und tragen so den Spirit des Silicon Valley in die Schweiz.

 


Fünf Fragen

Simon Zwahlen Head Fintech U. S. und Vizepräsident Business Development & Innovation bei Swisscom in Palo Alto, Kalifornien

 

Wie erleben Sie die «Schweizer Community» im Silicon Valley?

Als überaus aktiv. Viele erfolgreiche Persönlichkeiten aus der Tech-Welt pflegen ihre Schweizer Wurzeln. Es gibt etliche Schweizerklubs und viele Veranstaltungen, wo man sich treffen und vernetzen kann.

Warum entstehen in der Schweiz keine Firmen wie Google?

Im Silicon Valley hat man Erfahrungen darin, neue Geschäftsmodelle sehr rasch in die Breite zu tragen. Da fehlt es uns in der Schweiz manchmal ein bisschen an Ehrgeiz. Zudem wollen wir, dass technologisch alles perfekt ist, bevor wir an den Markt gehen – und werden dann leicht von einem Konkurrenten aus einem anderen Land überholt.

Was können wir sonst noch von unseren Expats in der Tech-Welt lernen?

Fehlerkultur! Im Silicon Valley gilt man erst etwas, wenn man unternehmerisch ein oder mehrere Male auf die Nase gefallen ist. Das bedeutet, dass man Erfahrungen gemacht hat, aus denen man lernen kann.

Kommt es auch vor, dass Sie als Schweizer im Valley für Ihre Expertise angegangen werden?

Ja, und das freut mich natürlich! (Lacht) In den Bereichen Mobile Security, Internet of Things und insbesondere auch Fintech wird unser Team oft für Referate eingeladen oder um Expertenmeinung gebeten. Denn gerade bei Fintech gilt die Schweiz als Spitze. Und hier mischt natürlich auch die Swisscom mit ihren Blockchain-Aktivitäten mit, so zum Beispiel mit der Blockchain-Plattform, die wir nun gemeinsam mit der Post bauen.

Welche Innovationen haben Sie für die Kunden von Swisscom ausgekundschaftet?

Wir werden im ersten Semester 2019 ein Produkt auf den Markt bringen, bei dem wir in diesem Rahmen welt-weit die Ersten sind. Die Technologie dafür haben wir im Silicon Valley entdeckt.

Florian Schwab

 


Glossar

Artificial Intelligence (AI): Künstliche Intelligenz gilt als Schlüsseltechnologie der Zukunft. Der Begriff steht für lernfähige Maschinen, die auf ihre Umgebung reagieren.

Blockchain: neuere Generation von Verschlüsselungstechnologie (Kryptografie), bei der einzelne Vorgänge oder Transaktionen gleichzeitig in einem Verbund von Computern bestätigt und gespeichert wer- den. Bekannteste Anwendung ist die Kryptowährung Bitcoin.

(Corporate) Venture-Capital: Unter Venture-Capital versteht man Investitionen in junge Unternehmen. Bei Corporate Venture-Capital stammt das benötigte Kapital aus den Mitteln eines Corporate, also eines etablierteren Unternehmens.

Direct report: direkt unterstellter Mitarbeiter. Als direct report rapportiert man direkt an eine bestimmte Person, beispielsweise den CEO.

Early stage: Unternehmen im Frühstadium. Dieses Stadium zeichnet sich durch ein hohes Risiko aus, weil das Geschäftsmodell noch nicht erprobt ist. Schätzungsweise 75 Prozent der im Silicon Valley gegründeten Unternehmen überstehen dieses Stadium nicht.

 


Die Swisscom verfolgt weltweit das Geschehen in der digitalen Welt. Ihr Netzwerk reicht von Schanghai bis ins Silicon Valley. Einer ihrer führenden Spezialisten ist Simon Zwahlen. Aus erster Hand berichtet er monatlich für die Weltwoche über die neuesten Trends und faszinierendsten Entwicklungen.

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