Trump in Davos

Tauwetter und eine Kapelle aus der Zeit Napoleons.

Tauwetter herrscht. Eine politische Klima­erwärmung findet statt. Oder ist es nur ein Zwischenhoch? US-Präsident Donald Trump entwaffnet seine Kritiker am World Economic Forum (WEF) in Davos. Fast widerwillig, ­zähneknirschend nehmen sie es zur Kenntnis: Der Mann ist besser als sein Image.

Seine Rede löst noch etwas aufgesetzten Dünkel aus. Einige WEF-Teilnehmer stören sich am optimistischen Verkäuferton. Für ­viele Schweizer Journalisten ist es ungewohnt, einen Politiker zu sehen, der sich nicht dauernd für sein Land entschuldigt.

Tatsächlich trifft zu, was ein bekannter CNN-­Moderator einer Zeitung diktiert: «Trump kam, sah und siegte.» Einmal mehr bestätigt sich der Grundsatz: Je schlechter die Medien über einen schreiben, desto einfacher ist es für ihn, die Erwartungen zu übertreffen.

Die Stimmung dreht. Oder ist das übertrieben? Noch vor wenigen Monaten waren zehn von zehn Trump-Artikeln in Zeitungen wie der New York Times oder der Washington Post negativ. Jetzt schleichen sich auf einmal anerkennende, schmeichelhafte Berichte ein.

Aber nicht nur dies. Trump hat seine Sache glänzend gemacht. Er bringt eine hochkarätige Belegschaft mit. Leute, die sich mit ihm unterhalten, sind beeindruckt von seinem Charme, seiner Offenheit und der guten Vorbereitung. «Fan­tastic reception», twittert der Präsident zurück.

Seine Rede ist erfrischend, weil sie so anders ist. Hier schwafelt kein Politiker. Ein Unternehmer und «Cheerleader», ein charismatisches Zuversichtstalent verkauft sein Angebot im besten Licht. «Amerika zuerst heisst nicht ­Amerika allein.» Es stimmt. Der Applaus danach ist enden wollend. Die Leute ertappen sich bei der eigenen Verblüffung. Viele staunen, wie falsch ihre Vorurteile gewesen sind.

Vielleicht ist Davos ein Wendepunkt in dieser Präsidentschaft. Jedenfalls ist bei einigen die Bereitschaft da, es so zu sehen. An einem Tresen stehen zwei Schweizer Diplomaten, die das Heu nun wirklich nicht auf der gleichen Bühne wie diese Amerikaner haben. Missbilligend werden auch sie sich einig: «Das hier ist ein ­neuer Trump.»

Ist er das? Wohl kaum. Trump hat sich mit seinen 71 Jahren nicht verändert. Aber seine ­Kritiker realisieren allmählich, wie weit ihre Vorstellungen von der Wirklichkeit entfernt gewesen sind. Trump, der Weltenverschlinger, die Supernova, der Mann, der auf dem Spiegel-­Titel der Freiheitsstatue den Kopf absäbelt, entpuppt sich als Mensch. Ausserdem, dämmert es einigen, ist er vielleicht gar kein so schlechter Präsident.

Soll man sich darüber aufregen, dass ihm ­einige WEF-Teilnehmer und Journalisten wie Teenie-Mädchen vor dem Popkonzert am Rockzipfel hängen? Wieso denn? Es ist nur bild­hafter Ausdruck der Tatsache, dass Macht und Showbusiness elektrisieren. Und wenn sich ­beides in einer Person vereinigt wie bei Trump, haben wir eben eine Kettenreaktion.

Es war der grosse Coup des WEF-Gründers Klaus Schwab. Seine Risiken waren enorm. Drei Szenarien waren möglich.

Erstens: Trump nützt die Bühne, um gegen die Chinesen zu holzen. Vor einem Jahr war Präsident Xi der grosse Star am WEF. Würde Trump jetzt seinerseits markieren? Die kurz vor Davos beschlossenen Zollsperren gegen Peking lassen Schlimmes befürchten. Eine Brüskierung der Chinesen schadet dem WEF massiv. Vierzig Jahre Beziehungsarbeit im ­Eimer. Schwab schläft unruhig.

Zweitens: Das Trump-kritische WEF-Publikum pfeift den Präsidenten aus. Es gibt Buhrufe, Proteste, Aufruhr im Saal. Der Präsident zieht verärgert von dannen. Es gibt eine Staats­affäre. Die Schweiz als Schandfleck auf der Landkarte des amerikanischen Regierungschefs: Auch diese Variante ist bis ganz zuletzt wahrscheinlich.

Zum Glück allerdings für Schwab und die Schweiz läuft es nach dem dritten und erfreulichsten Drehbuch ab: Trotz gelegentlichem Raunen und Murren im Saal ist Trumps Auftritt ein Erfolg, Anlass für eine Neujustierung der Visiere. Selbst der naserümpfende CNN-Star­interviewer Fareed Zakaria streckt die Waffen: «Seine Davoser Rede verdient Anerkennung.»

Dass alles so rund läuft, ist auch der Improvisationskunst des Veranstalters zuzuschreiben. Klaus Schwab hat mitbekommen, dass einige NGOs und Frauenrechtlerinnen bei der Trump-­Rede eine Protestaktion in der Kongresshalle abziehen wollen. Ein kollektiver Aufstand ist geplant. Man will dem ungeliebten Gast demonstrativ den Rücken kehren.

Mit einem kleinen Geniestreich fährt der Gründer dazwischen. Nur eine Woche vor ­Forumsbeginn wird ihm im Kanton Freiburg eine Ehrenbürgerschaft verliehen. Dabei entdeckt er eine prächtig aufspielende Landwehr-­Musik mit Uniformen aus der Zeit Napoleons um 1806.

Schwabs Überlegung: Wenn ich, erstmals in der Geschichte des Forums, die uniformierte Kapelle zum Einmarsch des streitbaren Präsidenten spielen lasse, gelingt es vielleicht, durch diese staatsbesuchsmässige Aura des Ernst­haften die rebellieren möchtenden Zuschauer abzuhalten. Genau so kommt es dann heraus.

Zyniker werfen ein, das alles sei ohnehin umsonst und das WEF nur eine gewaltige Verschwendung von Geist und Kapital. Sie liegen falsch. Politik ist auch Gefühl, ist Beziehungskunst. Klaus Schwab und seine Leute haben die Schweiz in Davos, wieder einmal, zur funkelnden Bühne für die Welt gemacht. Und die Welt kommt. Das ist Markenpflege auf höchstem ­Niveau.

Lob verdienen auch die Schweizer Bundesräte, allen voran Bundespräsident Alain Berset. Sein Auftritt ist selbstbewusst, verbindlich, keine Anbiederung, aber eben auch kein Moralismus. Die Amerikaner sind entzückt. Dem Druck seiner selbstgerechten Genossen, Trump mit dem erhobenen Zeigefinger zu begegnen, widersteht der SP-Bundesrat. Mutig. Chapeau!

Noch hat die Schweiz mit dem Forum keinen neuen Vertrag geschlossen. Wie man hört, stehen bereits die Kanadier Schlange. In Bundesbern wettern vor allem die Linken gegen die Sicherheitskosten von neun Millionen Franken. So kostenbewusst ist die SP sonst nie.

Aber die Kritiker zählen die falschen Erbsen. Solange der Bundesrat der EU 1,3 Milliarden Franken versprechen kann ohne Gegenleistung und, vor allem, ohne Widerspruch von links, ­erweist sich der Protest gegen die neun WEF-­Millionen als das, was er ist: pure Heuchelei. Klaus Schwab hat Grossartiges aufgebaut. Sein WEF ist Teil der Schweiz. Dabei sollte es bleiben.

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Kommentare

Hans Baiker

07.02.2018|12:48 Uhr

Hans Georg: Gratuliere, Sie bringen es klarsichtig analysiert und komprimiert auf denPunkt. Exakt hier liegen unsere Probleme.

Hans Georg Lips

05.02.2018|14:41 Uhr

Monique: Sie erzählen hier den gleichen Käse wie anderswo. Sie sind eine Nachschschwätzerin, mit Verlaub gesagt.

Hans Georg Lips

05.02.2018|14:38 Uhr

Jeder Trumpkritiker sollte vorerst die State of the Union lesen und in sich gehen.Wo ist einer unserer Laatschi, der mir in seiner Rede sagt, dass a) der Eigenmietwert verschwindet, b) die provisorische Bundessteuer beendet wird, c) alle 100'000 Asylanten ausgeschafft werden, d)sofort gründliche Grenzkontrollen wieder stattfinden, e) 1 Mio Ausländer ausgewiesen wird (damit wir Schweizer wieder ungetrübt atmen, Auto fahren oder Bahn fahren können), f) dass sich die Spitäler leeren von Ausländern, g) die 80% Ausländer in den Gefängnissen ihren Staaten zugeschickt werden? NIRGENDS.SIE BETRÜGEN UNS!

Rainer Selk

03.02.2018|11:00 Uhr

Monique. Ich habe den Eindruck, Sie verpassen gerade 'die Party'. Schauen Sie bitte in die USA + was da wirklich abgeht. Wird hier leider kaum berichtet. Nein, Trump ist dabei, den sozialistischen EU Schottershit ad absurdum zu führen. Die Sache dreht sich. Shut-down hatten wir bereits unter Friedensnobellpreisbomber Obama. Trump hat das 'Erbe' seiner Vorgänger angetreten. Prallel schwurbelt die OECD + EU von neuen noch höheren Steuern + noch mehr Regulation. DIE Party hat fertig! Wo sie spielt, werden wir sehen, jedenfalls nicht in EU Mitteleuropa. Die Schweiz hat mehr als Arbeit!

Monique Schweizer

02.02.2018|00:48 Uhr

Trump kam als raffiniert getarnter Bittsteller nach Davos, der es sogar noch geschafft hat - dank der Machtfülle seines Amtes - gestandene CEO's von Weltkonzernen wie kleine Schulbuben ihre Investitionen und Pläne in Amiland aufzählen zu lassen. Nicht zu vergessen Trump kommt gerade aus einem Land mit Minishutdown, 20.5 Bio Schulden, die Petrodollars fliessen auch nicht mehr wie früher, die Chinesen sind ebenfalls verärgert!.Die Märkte vertrauen dem US$ & US Treasuries immer weniger, was tiefe FX Notierungen & steigende Yields zeigen.Die Party spielt woanders...nicht in Trumpland!

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