Die Unantastbare

Karin Keller-Sutter und die neue Heiligenverehrung.

Noch nie gab es eine unangefochtenere Kandidatin, eine so breit abgestützte, ja vorabgefeierte Bundesrätin, einen Superstar auf Vorrat. Sie ist nicht nur unbestritten, sie ist unantastbar. Wehe dem, der sich der vorauseilenden Heiligsprechung widersetzt.

Karin Keller-Sutter ist ein Phänomen der Unangreifbarkeit. In keinem anderen Land wäre so eine Politikerin möglich. In keiner anderen Partei als der FDP wäre so eine Magistratin denkbar. Sie wird gestützt und getragen vom weitläufigen freisinnigen Netz, von den Teppichetagen, den Managern, den Verbänden.

Sie ist eine Lichtgestalt. Eine Frau, die sich immer ins richtige Licht rückt. Sie offenbart keine Kanten, keine Ecken, sie verhält sich vorbildlich, stets zuvorkommend, sie wirkt verbindlich, womöglich ohne es zu sein. Sie war schon die beste Bundesrätin, lange bevor sie überhaupt in den Bundesrat gewählt worden ist.

Sie kommt mit allen gut aus. Es gibt keine Gegner, geschweige denn Feinde. Sie galt, vor Urzeiten, als «rechte Hardlinerin», weil sie für ein konsequentes Asylrecht stand. Inzwischen redet sie nicht mehr davon. Ihr Image hat sie, mittlerweile auch ein Liebling der Linken, glattgebügelt, korrigiert. Das Thema Ausländer ist ihr zu heiss geworden. Es könnte unnötige Hindernisse produzieren auf dem steilen Weg nach oben.

Das Bundeshaus ist ein empfindlicher Resonanzkasten. Das Bundeshaus vergisst nicht. Kleinste Verletzungen, längst vernarbte Irritationen brechen bei Bundesratswahlen auf, stoppen manchen Gipfelsturm nur Millimeter vor dem Ziel. Die Karriere von Karin Keller-Sutter ist eine beeindruckende Willensleistung, was die Vermeidung aufstiegsmindernder Irritationen angeht.

Normalerweise besteht Politik darin, konkrete Probleme zu lösen auf der Grundlage berechenbarer Überzeugungen. Das schafft Gegensätze, manchmal Fronten.

Keller-Sutter, die Wendige, die gelernte Dolmetscherin, meistert eine andere Methode. Sie übersetzt, interpretiert, moderiert, massiert, knetet die Argumente und Positionen der anderen, um sich dann als Vermittlerin über die Parteien zu stellen. In den Schützengräben unten sieht man die Makellose nie.

Es gibt Kritiker. Aber die wollen nicht zitiert werden, weil auch sie fasziniert sind von diesem Gesamtkunstwerk der wohltemperierten Zielstrebigkeit. Sie bewundern das Geschmeidige, die perfekte Erscheinung, das stets fleckenfreie Bild, das die St. Gallerin bietet. Sie ist perfekt, zu perfekt, für manche eine Spur zu distanziert, zu kühl, zu eisig. Eine Politikerin, die sich darauf versteht, sich ihre Umgebung, die Welt, die schmutzige Wirklichkeit vom Leib zu halten.

Karin Keller-Sutter wandelt, sie schwebt über dem politischen Geschehen. Die Perfekte hält sich ausserhalb der Kämpfe, schlägt keine grossen Pflöcke ein, dafür beherrscht sie die Kunst des Obenbleibens, die auch eine Kunst des Wartens, des Geduldigseins, der Selbstkontrolle ist.

Eine Laufbahn wie ihre ist nur möglich, wenn man oben anfängt, im Establishment, im Rotary Club der Schweizer Politik, bei der Freisinnig-Demokratischen Partei, die wie Karin Keller-Sutter eher als hartumrissene Inhalte eine gewisse Selbstverständlichkeit des Regierens repräsentiert.

Politik ist hier nicht Streit um eine Sache, sondern Habitus, Allüre, Stil, ein Auftreten, das auch von der voraussetzungslosen Bejahung durch mächtigere Kreise zehrt.

Rein äusserlich betrachtet, ist Keller-Sutter das weibliche Ebenbild des gefallenen Genfer FDP-Staatsrats Pierre Maudet vor dessen Fall. Maudet war der perfekte Strahlemann, der Geschniegelte, der wie aus dem Ei Gepellte, hocheloquent, grossartiges Aussehen, ein Charismatiker in eigener Sache, brillanter Bundesratsschauspieler auf den Showbühnen der Politik auch er, in letzter Minute erst verhindert durch die Stimmen der SVP, die Maudets Rivalen Ignazio Cassis nach oben hob.

Bundesratswahlen sind ein Symptom für die Lage des Landes. Der Schweiz geht es vordergründig hervorragend, beneidenswert. Die grossen Konflikte werden verdrängt. An Geld mangelt es nicht. Die Harmonie an der Oberfläche soll sich im Gremium spiegeln. Deshalb ist es nicht so schlimm, wenn man auch der neuen Bundesrätin Keller-Sutter nachsagt, sie reagiere etwas überempfindlich auf Konflikte und Kritik. In konfliktarmen Zeiten leistet sich die Schweiz eben einen Bundesrat, der die Nicht-Auseinandersetzung zelebriert.

Je grösser die Bewunderung, desto ungefährlicher die Person: Das ist die alte machtskeptische Formel in der Schweizer Politik. Die ungeteilte Sympathie, die Honigwolke der Zustimmung, auf der Karin Keller-Sutter ihrem neuen Amt entgegenschwebt, wird nur jenen gewährt, von denen keine sichtbaren Risiken ausgehen. Das ist keine Kritik, das ist vernünftig in einem Land, das nicht die Politiker-, sondern die Volkssouveränität hochhält. Man muss es einfach wissen. Karin Keller-Sutter muss es wissen, damit sie keinen Rausch bekommt vom Jubel, der sie seit Monaten umtost.

Bei den Männern darf man von Leichtmatrosen oder Schönwetterkapitänen reden. Bei Frauen würden solche Begriffe als unhöflich empfunden. Darin liegt ein Risiko. Gremien, in denen Frauen die Mehrheit oder fast die Mehrheit haben, wie gegenwärtig der Bundesrat, werden von den Medien gnädiger behandelt. Frauen stehen länger unter Denkmalschutz. Das kann ihnen zum Verhängnis werden. Heiligenverehrung gab es auch bei Elisabeth Kopp, der allerersten Bundesrätin. Nach dem ersten Missgriff liess man die zuvor Gefeierte eiskalt fallen.

Da haben es Männer für einmal leichter. Wer härter kritisiert wird, wer im Dauerfeuer der Medien bestehen muss, bleibt bodenständiger und merkt früher, wenn er einen Fehler macht.

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Von Katharina Fontana

Kommentare

Michael Hartmann

07.12.2018|10:22 Uhr

da hat der köppel zu lange mit dem tockenburger gezwitschert. Die niederlage in sankt gallen nicht verdaut, der skandal im östlichen bezirk mit der bekannten ausländer-familie hat dannzumal nicht gegriffen. wie schon gesagt, es reduziert sich nicht alles auf die ausländerfrage. politik hat wichtigere offene fragen als kriegsflüchtlinge.

Hans Georg Lips

07.12.2018|08:37 Uhr

Ihre offensichtliche Nähe zu Kumpel Rechsteiner und ihr Verhalten bei der Wahl von Toni Brunner (typische FDP Ambivalenz) sowie ihr ungesetzliches Einschreiten in Asylfällen, wo sie ordentliche Entscheide "overruled" hat, weisen darauf hin, dass sie zu flexibel ist und keinesfalls eine Freundin von vernünftigen SVP Anliegen. Hütet Euch vor ihr kann ich nur sagen.

Ingeborg Sperdin

06.12.2018|19:17 Uhr

Allgemein, Frauen in der Politik haben in den letzten Jahren nicht gerade mit Taten zum Wohle des Volkes glänzen können. Diese "verdeckte" Frauenquote geht mir auf den Geist.Soll doch bitte derjenige Politiker (M/W) sein und werden, der mit beiden Füssen auf der Erdesteht und als Mensch identisch rüber kommt.

René Sauvain

06.12.2018|17:19 Uhr

Ein Glückstag für die FDP da scheinbar in ihren Reihen kein Mann fähig ist! Geben wirbeiden eine Chance in der Hoffnung, dass die Dame aus dem Wallis einigermassen Schritthalten kann....oder hat die CVP einmal mehr in der Trickkiste gewühlt um bei einem möglichen frühzeitigen Rücktritt die entstandene Lücke mit Darbellay zu schliessen!

Philippe Bonhôte

06.12.2018|12:34 Uhr

Herr Köppel hat Politikerinnen oder an der Macht befindliche Frauen nie gemocht, und das sagt er oft. Er hasst Frauen, die klüger sind als er. Die bürgerliche Elite, die Herr Köppel vertritt, mag ebenso, wie die SVP, die Präsenz von Frauen auf dieser Machtebene nicht. Es ist klar. Für uns ist die Wahl von zwei Frauen in den Bundesrat grundsätzlich schon ein Grund, auf unserem Schreibtisch zu tanzen.... !!

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