Psychotherapie aus Erstfeld

Mit der Kür von Heidi Z’graggen zur Bundesratskandidatin ist CVP-Präsident Gerhard Pfister ein Coup gelungen. Die Urner Pragmatikerin könnte in der Regierung für Entkrampfung sorgen.

Manchmal sagt ein gelöschter Tweet mehr als tausend Worte. Für eine Kapitulation der Walliser Bundesratsfavoritin Viola Amherd sei es «viel zu früh», zwitscherte CVP-Präsident Gerhard Pfister am letzten Freitag um 18 Uhr vergnügt, kurz nach der überraschenden Zweitnomination von Heidi Z’graggen. Und weiter: «Aber ein Dämpfer für VA». Er habe sich vertippt, versicherte Pfister später, er habe «kein Dämpfer» schreiben wollen. Doch warum, so fragt man sich, stellte er dann nicht einfach eine korrigierte Version seines verunglückten Tweets ins Netz?

Ob freudscher Vertipper oder echte Freude – dass Pfister auf dem rechten Flügel der CVP politisiert und die christlich-soziale Walliserin Amherd auf dem linken, das ist ein offenes Geheimnis in Bern. Heidi Z’graggen lässt sich auf der ideologischen Links-rechts-Skala zwar schwer verorten. Beim Test von Smartvote unterscheiden sich die beiden Frauen nur in Nuancen. Amherd positioniert sich in der Sozial- und Aussenpolitik ein Spürchen weiter links, Z’graggen dafür in Umwelt- und Wirtschaftsfragen. Unter dem Strich ist es ein Nullsummenspiel. Doch die Spinnennetze sagen nichts über den Stallgeruch und den Charakter der Kandidatinnen. Und in diesem feinstofflichen Bereich wird Z’graggen innerhalb der CVP klar dem Pfister-Lager zugerechnet.

Vermeintliches Handicap als Vorteil

Insofern war die Nomination von Z’graggen nicht nur ein Überraschungscoup, mit dem die CVP den Freisinnigen die Show gestohlen hat. Es war auch ein geschickter Schachzug des rechten Lagers, der Viola Amherd elegant aus der Pole-Position zurückpfiff. Es stehen nun auf gleicher Höhe zwei Karrierefrauen zur Wahl, die auf den ersten Blick fast identisch sind. Beide stammen aus den Bergen, beide sind unverheiratet, beide gehören etwa der gleichen Altersgruppe an, beide sind solide in ihrer Partei verankert. Die Geschlechterfrage fällt damit weg, die Herkunft ist von untergeordneter Bedeutung. Es gibt keine Ausreden mehr: Die Persönlichkeit der Kandidatinnen steht im Vordergrund. In diesem Punkt gibt es allerdings markante Differenzen. Es zeichnet sich eine Richtungswahl ab.

Viola Amherd, von Haus aus Anwältin, langjährige Präsidentin der Stadtgemeinde Brig-Glis, politisiert seit 2005 im Nationalrat. Sie ist in Bern bestens vernetzt, dank TV-Auftritten ist ihr Gesicht schweizweit bekannt. Z’graggen dagegen, seit 2004 Justizdirektorin im Kanton Uri, kennt man ausserhalb ihrer Stammlande kaum. Zwar mischt sie seit Jahren bei verschiedenen interkantonalen Konferenzen, bei der Eidgenössischen Natur- und Heimatschutzkommission sowie in der Parteileitung auch auf nationaler Ebene mit. Doch die Arbeit im Backoffice wurde von den Bundesparlamentariern kaum wahrgenommen. Just dieses vermeintliche Handicap könnte sich indes als Plus erweisen: Z’graggen mag wenige Freunde in Bern haben – aber eben auch keine Feinde.

Und hier dürfte der Grund des freudigen Verschreibers von Gerhard Pfister zu suchen sein. Es geht weder um persönliche noch ideologische Animositäten, die Erklärung liegt eher in psychotherapeutischen Sphären. Der CVP-Präsident versucht seit Jahren, die chronischen Feindseligkeiten zwischen den Christdemokraten und der SVP zu überwinden. Seit der Abwahl der Bundesräte Ruth Metzler (2003) und Christoph Blocher (2007) ist die Chemie zwischen den Parteien vergiftet, die sich beide dem bürgerlichen Lager zurechnen. Keinem brachte der Zank Glück, die Ratslinke profitierte als lachende Dritte. Die SVP legte zwar auf Kosten der CVP stetig an Wähleranteil zu, doch politisch scheiterten ihre Anliegen meistens. Heidi Z’graggen bietet sich nun als Friedenstaube an.

Amherd ist in diesem toxischen Ambiente herangewachsen, sie ist ein Teil davon. Die Outsiderin Z’graggen dagegen tritt unbelastet an. Wählbar ist sie für alle Lager, auch für die SVP. Ihre langjährige Partnerschaft mit Bruno Dobler – vormaliger Linienpilot und Zürcher SVP-Kantonsrat, in grauer Vorzeit sogar Mitglied der Autopartei, heute Bankrat der Zürcher Kantonalbank – mag sinnbildlich für diese «gelebte Konkordanz» (Z’graggen über Z’graggen) stehen. Trotzdem ist die Urnerin nicht als Windfahne bekannt. In ihrer Heimat gilt sie als eine diskrete, aber gradlinige Macherin, die mit beiden Füssen auf dem Boden steht.

Heidi Z’graggen wurde 1966 in Silenen geboren, einem 2000-Seelen-Dorf an der Gotthardstrecke zwischen Erstfeld und Wassen. Bis heute lebt sie im etwas abseits gelegenen elterlichen «Heimetli». Ihre Eltern stammten beide aus bergbäuerlichen Verhältnissen. Die «Ludis» – so nannte man die Familie in Anlehnung an einen Urahnen namens Ludwig – gelten im Dorf als einfache, gschaffige Leute. Heidis Vater brachte die Familie als Arbeiter bei Bally über die Runden. Er trichterte seinen beiden Kindern von klein auf ein: Bildung ist die Voraussetzung für ein freies Leben. Beide nahmen sich den väterlichen Rat zu Herzen und schafften es bis zur Doktorwürde – Heidi als Politologin, ihr Bruder Ludwig als Meteorologe, dessen urchiger Dialekt den Hörern von Radio SRF vertraut ist.

Heidi Z’graggen erwarb 1987 das Lehrerpatent und unterrichtete hernach an der Primarschule in Silenen. Berufsbegleitend absolvierte sie ihr Universitätsstudium in Bern und in Genf. Ihre Dissertation widmete sie der «Professionalisierung der Parlamente im historischen und internationalen Vergleich». Ein besonderes Augenmerk richtete sie dabei auf das amerikanische System. Und sie lässt im Telefongespräch – eigentlich hat sie gar keine Zeit, aber sie lässt sich dann doch zu einem längeren Diskurs hinreissen – keine Zweifel daran aufkommen, dass ihre Sympathien beim citizen legislator, beim Milizpolitiker liegen.

Als Justizdirektorin – zwischendurch auch als Frau Landammann, wie die Regierungschefin im Kanton Uri heisst – ist Z’graggen allerdings selber seit 2004 Berufspolitikerin. Weil die Raumplanung in die Zuständigkeit des Justizdepartements fiel, bekam sie, kurz nach ihrer Amtsinauguration, ein Dossier zugeteilt, das für den Kanton Uri wie auch für Z’graggens Laufbahn existenziell werden sollte: das Sawiris-Projekt in Andermatt.

Nach dem Rückzug der Armee aus dem Urserntal und dem Bau der neuen Gotthard-Tunnel lag Andermatt plötzlich fernab der Welt. Dank persönlichen Verbindungen des damaligen Regierungsrates Josef Dittli (FDP) nach Ägypten kam der Kontakt zum Investor Samih Sawiris zustande. Das Gesamtprojekt mit einem halben Dutzend Hotels, 500 Apartments, Kongresszentrum und Golfplatz umfasst eine Fläche von 1,4 Millionen Quadratmetern und Investitionen in Milliardenhöhe. Die Region Gemsstock-Oberalp sollte zum grössten Skigebiet der Innerschweiz werden.

Dass ein solches Megaprojekt heute überhaupt noch umgesetzt werden kann, grenzt an ein Wunder. Z’graggen war daran massgeblich beteiligt. Hinter den Kulissen weibelte sie beim damaligen Justizminister Christoph Blocher für eine Regelung bezüglich der Lex Friedrich. Es gelang ihr, die Bevölkerung mit dem ägyptischen Investor zusammenzubringen. Mit knallharten Umweltauflagen nahm sie den Natur- und Landschaftsschützern den Wind aus den Segeln, bevor es zu jahrelangen Prozessen kam.

Reine Arithmetik

Nicht alles war eitel Sonnenschein in Z’graggens Amtszeit. Eine Reorganisation der Gemeinden nach dem Glarner Vorbild scheiterte in Uri am Nein der Bevölkerung. Z’graggen, die das Vorhaben vorangetrieben hatte, habe sich als «faire Abstimmungskämpferin und Verliererin» gezeigt, attestieren ihr damalige Gegner. Eine Bewährungsprobe war auch der vermeintliche Urner Justizskandal um den Mordfall Ignaz Walker, den die «Rundschau» von SRF zwischen 2015 und 2017 inszenierte.

An sich ging es um einen Straffall, den die TV-Macher aber mit den branchenüblichen Tricks auf die politische Bühne zu hieven versuchten. Z’graggen zeigte Nerven. Gegen aussen verwies sie auf die Gewaltentrennung. Zugleich nahm sie die angeschossene Staatsanwaltschaft aus dem Schussfeld, indem sie ausserkantonale Instanzen mit einer sauberen Abklärung der vermeintlichen Missstände beauftragte. Der herbeigedichtete Justizskandal wurde damit zum «Rundschau»-Skandal.

Am 5. Dezember wird die Bundesversammlung wählen. Heidi Z’graggen gibt grosszügig Interviews, doch grosse Worte sind von ihr nicht zu erwarten. Sie nutzt die Zeit, um in Bern das zu tun, was sie am besten kann: Sie weibelt hinter den Kulissen. Die Konkordanz-Politikerin wird sich dabei auf das bürgerliche Lager konzentrieren. Die Ratslinke wird geschlossen für Amherd stimmen. Das hat nichts mit Ideologie zu tun, es ist reine Arithmetik. Sie wird alles versuchen, um einen bürgerlichen Burgfrieden zu verhindern.

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Kommentare

Hans Baiker

25.11.2018|21:34 Uhr

Welche Partei hat schon valable Kandidaten. Eine bedächtige Urnerin tut dem linksdralligen BR nur gut. Letztendlich wird ohnehin der Mainstream durch dierote Brille wie seit der Blocherwahl beurteilen. Bei der zunehmenden Volksverdummung wird betreutes Lesen und Fernsehen zu einem Muss.

Rainer Selk

25.11.2018|07:49 Uhr

@Inge Vetsch. BR Leuthart war 'schleichendes Mittelmass', war weder dossierfest, noch führungsfähig. Die Skandale um die Post, Swisscom, SRG/Billag usw. zeigen das. BR LH entpuppte sich als Energie Show Girl, was und noch sehr als teuer wird und vor allem wilkürlich. Eine walliser Charakterschwache , nein danke. Und eine Urner -pardon- 'hinter den Kulissen' wohlmögl. verschlagene Landpommeranze, nein danke. Es fehlt besonders der CVP an Persönlichkeiten. Die Partei sollte ihren Anspruch auf einen BR Sitz im Landesinteresse aufgeben.

Inge Vetsch

24.11.2018|11:29 Uhr

Bedenklich, dass die Ratslinke geschlossen für Amherd stimmen wird/muss/soll. Ich wünsche Heidi Zgraggen den Wahlerfolg. Wieso soll sie denn kein Format haben und als BR nichts taugen, Rainer Selk und Ursi Zweifel??

Rainer Selk

23.11.2018|14:30 Uhr

@Zweifel. Nein, sind Sie nicht. Jene Kandidatin aus dem Wallis zeigt bedenkliche Charaktermerkmale und jene aus Uri hat kein 'Format', erscheint etwas undurchsichtig tölpelhaft.Vielleicht überlegt sich jemand einen 'Geheimplan' à la SP und kantet endlich die CVP aus dem Bundesrat. BR Leuthart hat genug Schaden angerichtet, dessen Auswirkungen im Anrollen sind. Die CVP hat keine valablen Kandidaten, auch nicht in der Person von Herrn Pfister.

Ursi Zweifel

22.11.2018|17:42 Uhr

Bin ich die Einzige, die denkt, dass die Dame als BR nichts taugen wird????

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