Beobachtungen zum Innenleben von Tesla

Elon Musk wird in Europa häufig skeptisch betrachtet. Diese Wahrnehmung ist von Missverständnissen geprägt. Ausgehend vom Elektroauto, hat der Tesla-Gründer eine Revolution in Gang gebracht, welche auch für die Zukunft der Schweiz massgeblich sein wird.

Niemals gegen Elon Musk wetten! Diese Weisheit gibt Tech-Investor Peter Thiel häufig zum Besten, wenn er auf seinen früheren Geschäftspartner angesprochen wird. Liest man aber die Zeitungen, vor allem in Deutschland, kommt man oft in Versuchung, gegen Elon Musk zu wetten. Der Tesla-Gründer habe «seine Geldgeber getäuscht und den Kapitalismus verraten», meinte die FAZ, als Musk Ende August ins Visier der amerikanischen Börsenaufsicht SEC geriet. Der Artikel war mit «Abgesang» betitelt. Die Süddeutsche bezeichnete Musk auch schon als «Hochstapler».

In der Schweiz ist der Umgang mit dem Tesla-Gründer etwas freundlicher. Schlagzeilen macht aber auch hier vor allem die Person Elon Musk. Wenn er beispielsweise via Twitter damit liebäugelt, die Firma von der Börse zu nehmen, oder sich während eines Live-Interviews einen Joint anzündet.

Bei allem Verständnis für das mediale Interesse, das solche Aktionen auslösen: Dabei geht leicht die Innovationskraft vergessen, die Tesla an so vielen Stellen auszeichnet. Trotz des immer wieder fragwürdigen Verhaltens von Elon Musk ist die Firma ein Paradebeispiel für Innovation. Nach zahlreichen Kontakten mit dem Unternehmen und seinen Mitarbeitern beginne ich zu verstehen, was das Einzigartige, Bahnbrechende und Revolutionäre dieser Unternehmens ausmacht. Die wichtigsten Alleinstellungsmerkmale:

1 – Radikal anders und besser. Ein Grossteil der Missverständnisse um Tesla kommt daher, dass viele Leute das Unternehmen mit der traditionellen Autoindustrie vergleichen. Aber im Kontakt mit Leuten aus der Firma wird schnell klar: Tesla ist grösser gedacht als ein Autohersteller. Es geht darum, Dinge von Grund auf anders und besser zu machen. Für ihre Produktion hatte Tesla etwa am anderen Ende der USA eine Metallpresse gekauft. Musk wollte die Maschine in spätestens sechs Monaten einsetzen. Unmöglich, sagten die Ingenieure des Verkäufers. Um das Maschinenungetüm am ursprünglichen Standort abzubauen, ins Tesla-Werk nach Fremont zu transportieren und dort wieder aufzubauen, benötige man ein ganzes Jahr.

Darauf setzte Elon Musk kurzerhand eine Task-Force mit eigenen Tesla-Ingenieuren ein, die nach zwei Wochen einen Weg herausfanden, um den Transport in der gewünschten Frist zu bewältigen. Ein zweites Beispiel, das die technologische Innovationskultur in dieser Firma veranschaulicht: Bei der Produktion des Model 3 entwickelte sich das Lackieren zum Nadelöhr. Anstatt eine zweite Lackierstrasse aufzubauen, kam Musk auf die Idee, die Autos nicht vertikal, sondern horizontal zu lackieren, um das Tempo zu verdoppeln.

2 – Software als DNA. Die meisten Ingenieure arbeiten denn auch nicht an der «Hardware» wie etwa der Karosserie, sondern an der Software. Dabei wird die Softwareabteilung geführt wie jene bei Facebook oder Google, mit einem grossen Fokus auf das Tempo. Während traditionelle Autohersteller einen Schwerpunkt setzen bei der Pflege des geistigen Eigentums mit Patenten, will Tesla vor allem schnell sein und an allen Fronten technologisch führend. Die Absicherung «nach hinten» ist in einem solchen Geschäftsmodell nicht so relevant wie der Sturm nach vorne. Fälschlicherweise wird Tesla häufig auf ihre Batterie reduziert, aber das ist nur ein – unbestritten wichtiges – technologisches Alleinstellungsmerkmal. Bahnbrechende Erfindungen gelingen den Tesla-Software-Ingenieuren immer wieder auch beim Verfolgen ihres Ziels, Autos intelligenter zu machen und sie miteinander sowie mit ihrer Umwelt zu vernetzen. Bei smart cars, connected cars und smart cities ist Tesla ähnlich innovativ wie bei der Batterietechnik.

3 – Der Stärkste steht allein. Es war nur eine kleine Nachricht in spezialisierten Fachpublikationen, aber sie zeigt exemplarisch, nach welchem Motto Tesla funktioniert: Anfang August kündigte das Unternehmen von Elon Musk an, die Zusammenarbeit mit dem Grafikprozessoren-Hersteller Nvidia aufzugeben. Seit 2012 hatte Nvidia Grafik-Chips und Software geliefert, die vor allem im Bereich des «Autopiloten» zum Einsatz kommen, also beim selbstfahrenden Auto. Der Grund war gewiss nicht, dass Nvidia eine schlechte Firma wäre. Im Gegenteil: Nvidia ist in diesem Bereich führend. Aber bei Tesla ist man offenbar zur Überzeugung gelangt, während der Zusammenarbeit so viel gelernt zu haben, dass man jetzt eigene – noch bessere – Lösungen entwickeln könne. Das Zauberwort lautet «vertikale Integration». Man fängt mit externen Partnern an und stösst irgendwann an Grenzen. Um diese zu sprengen, setzt man dann die während der Partnerschaft gewonnenen Kompetenzen ein. Das perfekt vertikal integrierte Unternehmen muss gar nichts mehr einkaufen. Amazon beispielsweise verfolgt dasselbe Ziel. Federführend in dieser Strategie ist bei Tesla der Schweizer Sascha Zahnd. Vor knapp drei Jahren holte Tesla-Chef Musk ihn persönlich als Leiter der globalen Supply-Chain in sein engstes Management-Team. Früher war Zahnd bei Ikea tätig, die ein Musterbeispiel für ein vertikal integriertes Unternehmen ist, sogar Holz selbst anbaut. Ein Teil des Tesla-Erfolgs ist damit auch «Swiss made».

4 – Silicon Valley in Reinkultur. Es gibt kein Unternehmen, bei dem die besten Eigenschaften des Silicon Valley besser zum Vorschein kommen. Die Mitarbeiter sind unglaublich stolz darauf, bei einer grossen Erfolgsgeschichte mitzumachen. Dies in einem Grad, wie man es sonst fast nur bei Apple und Facebook erlebt. Als Elon Musk im Juni 9 Prozent der Belegschaft entliess, waren die Betroffenen nicht etwa wütend. Viele von ihnen gaben in den sozialen Medien und auch vor dem Tesla-Sitz ihrer Dankbarkeit Ausdruck, dabei gewesen zu sein. Die Firma gewährt zudem jungen Mitarbeitern einen grossen Vertrauensvorschuss. Und in Sitzungen wird nicht nur geredet, sondern auch rasch entschieden. Auf Sitzungsprotokolle und «Powerpoint»-Schlachten verzichtet Tesla komplett. Die Logik dahinter: Es sitzen ja alle am Tisch und bekommen mit, was vereinbart wird und wer verantwortlich ist. Das macht das Unternehmen unglaublich schnell und effizient. Zum Silicon-Valley-Nimbus gehört auch, dass die Untersuchungen der Börsenaufsicht Elon Musks Ruf hier nicht wirklich geschadet haben, eher im Gegenteil.

 

Wir halten fest: Tesla wird immer wieder missverstanden. Es ist nicht in erster Linie ein Autobauer, sondern das Unternehmen wird wie eine Softwarefirma im Silicon Valley geführt und verhält sich ebenso. Ich bin sicher, die von Tesla angestossene Revolution steht erst am Anfang. Sie wird unser Leben, auch in der Schweiz, massgeblich verändern. Passend dazu hat das Unternehmen kürzlich erstmals seit zwei Jahren einen saftigen Gewinn eingefahren: 311,5 Millionen Dollar im dritten Quartal. Im selben Zeitraum hat Tesla in den USA erstmals mehr Autos verkauft als Mercedes. Und die Chancen stehen gut, dass Teslas Model 3 im nächsten Jahr den Toyota Camry als meistgekauftes Auto in den USA ablösen wird.

Wenig deutet darauf hin, dass sich Tesla auf Dauer damit zufriedengeben wird, gute Elektroautos zu bauen. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass die Elektromobilität im genialen Schachspiel des Elon Musk nur ein Sprung-brett für weitere Innovationen ist. Dabei kann ich mir sogar vorstellen, dass die Produktion der Autos mittelfristig eingestellt werden wird. Das mit den Autos gewonnene Know-how wäre auf mittlere Frist hervorragend verwertbar für umfassende Energiestrategien für Menschen, Gebäude und ganze Städte.

 


Fünf Fragen

Selbstfahrende Autos sind in aller Munde. Wie weit ist man im Silicon Valley?

Autohersteller wie Tesla entwickeln dies am lebenden Objekt. Sie setzen den Schwerpunkt auf weitere Verbesserungen beim teilautonomen Fahren, das bereits heute serienmässig zum Einsatz kommt. Bei einfacheren Strassenverhältnissen, beispielsweise auf der Autobahn, klappt das schon sehr gut.

Trotzdem muss der Fahrer immer wieder eingreifen.

Die richtig bahnbrechenden Fortschritte kommen nach meiner Beobachtung von Firmen, die von null auf starten – beispielsweise die Fahrdienste Uber und Lyft und die Alphabet-Tochter Waymo. Die sind schon relativ nahe am hundertprozentig selbstfahrenden Auto.

Wie arbeiten Sie mit Tesla zusammen?

Details darf ich keine verraten. Nur so viel: Wir stehen in Kontakt.

Warum interessiert sich Swisscom für Mobilität?

Die Zukunft liegt in der Vernetzung von Autos untereinander und mit Gebäuden oder ganzen Stadt-Infrastrukturen, sogenannten smart cities. Dazu machen wir uns sehr viele Gedanken, denn Vernetzung ist unsere Kernkompetenz.

Wo sehen Sie Ihre Rolle dabei?

Zum einen in der Bereitstellung von Basisinfrastruktur fürconnectivity.2015 haben wir als erster Schweizer Anbieter ein schweizweites Low Power Network (LPN) in Angriff genommen. Aber auch auf der Ebene einzelner Gerätesind wir aktiv. Mit der AMAG zusammen haben wir das Joint Venture autoSense gegründet. Dieses entwickelt Komponenten, mit denen man Autos früherer Generationen zum smart car nachrüsten kann. So erhält der Nutzer unmittelbar Zugang zu wertvollen Informationen rund um das Fahren und das Fahr-zeug. Verfügbar sind etwa ein Fahrten-buch, Ferndiagnose und Warnungen bei Motorproblemen. Geplant sind zudem weitere digitale Services rund ums Tanken und Parken sowie massgeschneiderte Pay-per-use-Fahrzeugver-sicherungen.

Florian Schwab

 

Simon Zwahlen: Vizepräsident Business Development & Innovation bei Swisscom in Palo Alto, Kalifornien.

 


Glossar

– Connectivity: Fähigkeit von Geräten und Sensoren, miteinander zu kommunizieren. Dies ist eine Grundvoraussetzung für das Internet of Things (IoT).

– Model 3: Mittelklassemodell von Tesla. Im Gegensatz zum Model S, welches im Luxussegment angesiedelt ist.

– LPN: Low Power Network von Swisscom. Ein Netz, um Sensoren zu vernetzen. LPN gehört – wie NB-IoT – zu den LPWAN-Technologien. Diese zeichnen sich durch deutlich tieferen Energieverbrauch als etwa die Mobilfunktechnologien 4G oder 5G aus.

– Smart car: softwaregesteuerte Autos mit vielseitigen «intelligenten» Funktionen. Dazu gehört die Verbindung zum Internet («connected car»), aber auch das (teil)autonome Fahren.

– Smart city: Vision der Stadtentwicklung, deren Ziel darin besteht, mit Kommunikationstechnologie die Infrastruktur der Stadt benutzerfreundlicher und effizienter zu machen, beispielsweise im Bereich Verkehr.

 

 

 

Die Swisscom verfolgt weltweit das Geschehen in der digitalen Welt. Ihr Netzwerk reicht von Schanghai bis ins Silicon Valley. Einer ihrer führenden Spezialisten ist Simon Zwahlen. Aus erster Hand berichtet er monatlich für die Weltwoche über die neuesten Trends und faszinierendsten Entwicklungen.

Kommentare

Pascal Frank

20.11.2018|19:12 Uhr

Ist es eine Publireportage? Nein, dann bitte mit Fakten arbeiten und serösen Journalismus betreiben und nicht Aussagen von "motivierten Mitarbeitern" glauben schenken und Marketing Aussagen. Innovation sieht anders aus als einen Akkumulator mit einem Elektromotor zu verbinden zu einem 2.9 Tonnen Gefährt.

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